Journal

Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Das Gartendenkmal „Körnerpark“ in Neukölln

'Bank im Körnerpark' (Berlin-Neukölln), aus dem Portfolio 'Photographien', Foto © Friedhelm Denkeler 1978

‚Bank im Körnerpark‘ (Berlin-Neukölln), aus dem Portfolio ‚Photographien‚, Foto © Friedhelm Denkeler 1978

Nach den vielen „bewegten Bildern“ der letzten zehn Tage, möchte ich heute ein Photo veröffentlichen, das vor 33 Jahren im Februar 1978 im Körnerpark in Neukölln entstanden ist. Zu dieser Zeit wohnte ich ganz in der Nähe im Ilsenhof. Die Parkanlage wurde aus einer ehemaligen Kiesgrube (Besitzer Franz Körner) zwischen 1912 und 1916 im Stil des Neobarock gestaltet. Umgrenzt von zwei hohen Arkadenwänden, liegt sie ca. sieben Meter unter dem Niveau der angrenzenden Wohnstraßen Schierker- und Jonasstraße.

An den beiden anderen Seiten befinden sich die Orangerie (heute Kommunale Galerie Neukölln und Café) und ein Wasserfall mit Fontänen. In den 1960er Jahren verfiel die Anlage immer mehr. Von 1978 an wurde sie behutsam denkmalsgerecht rekonstruiert und ist heute eine nicht wiederzuerkennende, herrliche Gartenanlage geworden, die eine Oase in der dicht bebauten Neuköllner Stadtlandschaft bildet. Das Photo ist 1978 entstanden und stammt aus dem Portfolio „Photographien“. Weitere Bilder aus dieser Serie finden Sie auf meiner Website „Lichtbilder„.

Die Silbernen Bären und der Goldene Bär sind vergeben (Berlinale XVI und Schluss)

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Das war sie also, die 61. Berlinale. Die Preise sind vergeben und die Enttäuschung über die Filme im Wettbewerbsprogramm bleibt. Bisher glaubte ich, dass das große „B“ auf den Plakaten der Internationalen Filmfestspiele für „Berlin“ steht. Die Berlinale rühmt sich neben Cannes und Venedig das dritte „A-Festival“ zu sein. Wenn das so weitergeht, haben wir in Berlin nur noch ein „B“-Festival. Die Kriterien für die Auswahl der Filme waren nicht erkennbar. Kurz gesagt, der gesamte Wettbewerb war ziemlich dröge und schwerfällig.

Die Entscheidung, die drei wichtigsten Bären (Goldener Bär, Silberner Bär Beste Darstellerin und Bester Darsteller) einzig und allein an den iranischen Film “Jodaeiye Nader az Simin” zu vergeben, ist für mich nicht nachvollziehbar (siehe hier). Es dürfte eine politische Entscheidung gewesen sein, die manchen Kunstfreund grämen wird. Die größte Fehlentscheidung für mich war allerdings, den deutschen Film „Schlafkrankheit“ mit dem Silbernen Bären für die beste Regie auszuzeichnen. Der Film war zum Einschlafen (siehe hier) und drehte sich ausschließlich um sich selbst.

Das Mindeste wäre es gewesen, Miranda July für ihren künstlerischen Film „The Future“ auszuzeichnen. Ihre liebevolle Geschichte über ein Pärchen, das den Sinn des Lebens sucht, war der Jury wohl nicht ernst genug (siehe hier). Dafür erhält „The Turin Horse“ von Béla Tarr, Ungarn, den „Großen Preis der Jury (Silberner Bär)“. Diesen Film habe ich nicht gesehen, aber in den 146 Minuten (sic!) soll keine Handlung stattfinden. Im 45-sekundigen Trailer sieht man 30 Sekunden lang eine Lampe brennen mit anschließender Schwarzblende.

Der STERN urteilt: „Der Preis der Zukunft … geht leider an das Filmfest von Cannes. Die großen Namen unter den Regisseuren werden alle dort vertreten sein. Angeblich weil sie nicht eher fertig geworden sind – die Wahrheit ist aber natürlich das Klima und … Cannes: Terry Malick zeigt endlich seinen „Tree of Life“, Lars von Trier ‚Melancholia‘, Pedro Almodovar ‚The Skin I live in‘, David Cronenberg ‚The dangerous Method‘ und Steven Spielberg ‚War Horse‘.

Den Besuchern in Cannes wünsche ich ein lebhaftes und kontroverses Filmfest, dass Möglichkeiten und Perspektiven künstlerischer Gestaltung aufzeigt und nicht den permanenten Stillstand zelebriert.

Liam Neeson und Diane Krüger jagen durch das verschneite Berlin (Berlinale XV)

In „Unknown“ wird die Heimat des Goldenen Bären fast in
Schutt und Asche gelegt und die Berlinale endet höchst explosiv

"Unknown an der Friedrichstraße", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

"Unknown an der Friedrichstraße", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Letzten Winter brannte es im U-Bahn-Eingang Friedrichstraße und schwarzer Rauch stieg auf. An der Ecke Friedrich-/ Georgenstraße stand Liam Neeson wartend herum und kaute auf einem Zahnstocher. Das war mein erster Vorgeschmack auf den Verschwörungsthriller von Jaume Collet-Serra „Unknown“ mit den Stars Liam Neeson, Diane Krüger und Bruno Ganz in den Hauptrollen.

Die eigentliche Hauptrolle in diesem Film aber spielt die Stadt Berlin. Mehr Werbung kann man für eine Stadt nicht machen, alle Touristen-Attraktionen der Hauptstadt waren zu sehen: Brandenburger Tor, Pariser Platz, Hauptbahnhof, Berliner U-Bahnhöfe, Bülowstraße, Friedrichstraße, Kreuzberg, Friedrichshain und der Blick auf das herrlich verschneite Berlin aus der Luft. Sogar der Techno-Club Tresor hat eine „Gastrolle“.

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die Stadtszenen haben hohen Wiedererkennungswert für Ortskundige: Ein Taxi stürzt von der Oberbaumbrücke in die Spree; in der Friedrichstraße findet unter den Arkaden vor dem Kaufhaus Dussmann eine wilde Autojagd statt und das Hotel Adlon am Pariser Platz wird halb in Schutt und Asche gelegt. Das Studio Babelsberg hat perfekte Arbeit geliefert und das Premierenpublikum quittierte die einzelnen Szenen mit begeistertem Applaus.

Leider muss ich aber sagen, dass die rasanten Actionszenen auch einige Ungereimtheiten des Drehbuches verdecken. Einen sehenswerten Auftritt legt Bruno Ganz als ehemaliger Stasi-Agent hin, der in einer Wohnung voller Devotionalien aus seiner Zeit beim Geheimdienst lebt. „Unknown“ sah ich Freitagabend als letzten von insgesamt 16 im Wettbewerb vorgestellten Filmen. Er lief außer Konkurrenz. Dieser Abschlussfilm war eine willkommene Abwechslung von den vielen lethargischen und überlangen Filmen mit Handlungen, die gegen Null tendierten.

Unter dem deutschen Verleihtitel „Unknown Identity“ läuft der Film am 3. März 2011 in den Kinos an (Trailer).

Dr. Martin Harris ist ins verregnete Berlin gekommen, um an einem Biotechnologie-Kongress teilzunehmen. Doch kaum ist er in Tegel ins Taxi gestiegen, wird der Wagen in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt. Der Taxifahrerin gelingt es, den bewusstlosen Harris vor dem Ertrinken zu retten, doch vor der eintreffenden Polizei flüchtet sie, denn Gina lebt illegal in Deutschland.

Als Dr. Harris aus dem Koma erwacht, liegt er, gründlich bandagiert, in einem Krankenhausbett. „Identität unbekannt“ steht auf einem Schild an dessen Fußende. Für Harris ist dies der Beginn eines Albtraums: Seine Frau Liz erkennt ihn nicht mehr, und ein anderer Mann hat Harris’ Platz eingenommen. Nicht nur als ihr Ehemann, sondern auch als angesehener Wissenschaftler, der auf dem Kongress einen wichtigen Vortrag halten soll. Als wäre das nicht genug, wird Harris darüber hinaus auch noch von einem Killer gejagt. Allmählich zweifelt er selbst an seinem Verstand. Was ist mit ihm passiert?

Um seine Frau und sein altes Leben zurückzugewinnen, macht er Gina ausfindig. Durch sie lernt Harris den ehemaligen Stasi-Agenten Jürgen kennen, der auf eine überraschende Mitteilung gestoßen ist: Dr. Harris „sei nicht der, der er zu sein glaube“. Doch bevor er mit Martin darüber sprechen kann, wird er Opfer eines Mordanschlags. Abermals sind Harris und Gina ganz auf sich allein gestellt im Kampf um seine Identität und gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner … (Quelle: Filmbeschreibung)

Blutfehde auf Albanisch oder: Ein Pferd namens Klinsmann (Berlinale XIV)

Die Frauen sind in „The Forgiveness Of Blood“
wieder einmal die vernünftigen Menschen

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die Handlung des albanischen Films „The Forgiveness Of Blood“ vom US-amerikanischen Regisseur Joshua Marston ist schnell erzählt: Es handelt sich um den Kampf der Moderne gegen die Rückständigkeit der Traditionen (siehe Filmbeschreibung). Leider hat Marston die Geschichte quälend lang auf 109 Minuten gestreckt. Diese überlangen Filme, in denen meistens nicht viel passiert, waren das „Marken“-Zeichen der diesjährigen Filme des Wettbewerbs. Marston soll nicht mit Woody Allen verglichen werden, aber Allen schafft es immer wieder, seine umfangreichen Geschichten unter 90 Minuten zu erzählen. Übrigens: Wieder einmal spielte, nach den Katzen und Flusspferden der vorangegangenen Filme, ein Tier eine „tragende Rolle“, in diesem Fall ein Pferd namens Klinsmann (sic!).

Ein Paradoxon: Während die Kinder über das Handy mit Facebook und selbstgedrehten Videos kommunizieren, sprechen ihre Väter noch die Sprache der Gewalt. Die Frauen sind, wie in den meisten der diesjährigen Berlinale-Filme, die aktiveren und realistischeren Menschen und meistern ihre Aufgaben so gut wie möglich. Für uns ist es erschreckend, dass Menschen heutzutage noch solchen Zwängen ausgeliefert sind. Deshalb sollte der Film eher in Albanien, als in West-Europa gezeigt werden. Wir können nur feststellen, wie gut es uns in einer aufgeschlossenen Welt geht.

Bei der Preisgala der „61. Internationalen Filmfestspiele Berlin“ erhielten am Samstagabend der US-Regisseur Joshua Marston und der gebürtige Albaner Andamion Murataj für ihren Film „The Forgiveness Of Blood“ den Silbernen Bären für das beste Drehbuch.

Nik ist 17 und besucht im Norden von Albanien die letzte Klasse einer Oberschule. Nik ist ein tatkräftiger junger Mann – wenn er den Schulabschluss in der Tasche hat, will er ein Internetcafé eröffnen. Seit kurzem hat er zum ersten Mal im Leben etwas mit einem Mädchen am Laufen – Nik hat sich in eine Klassenkameradin verliebt. Niks Schwester Rudina ist 15, aber auch sie hat schon sehr genaue Vorstellungen von der Zukunft – sie würde gern die Universität besuchen. Doch dann wird die Familie der beiden in einen Streit um Landbesitz verwickelt und ihr Vater des Mordes angeklagt. Auf einmal sind Nik und Rudina in eine Blutrache hineingezogen.

Die strengen Vorschriften des Kanun, eines jahrhundertealten Gewohnheitsrechts in Albanien, verbieten allen männlichen Familienmitgliedern, einschließlich des erst sieben Jahre alten Bruders, das Haus zu verlassen. Solange ihr Vater sich in den Bergen versteckt und Nik daran gehindert wird, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, ist die Familie ganz auf Rudina angewiesen, die deshalb die Schule verlässt und die Geschäfte ihres Vaters übernimmt. Während das Mädchen angesichts dieser neuen Verantwortung sichtlich aufblüht, löst die Isolation bei ihrem Bruder Zorn und Frustrationen aus. Irgendwie muss Nik der Blutrache ein Ende setzen – selbst wenn es ihn das Leben kostet … (Quelle: Filmbeschreibung)

Bereits am Freitagabend wurde der 80 Jahre alte Schauspieler Armin Mueller-Stahl mit dem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk geehrt. Ebenfalls für sein Lebenswerk erhielt er vor zwei Wochen bereits die Goldene Kamera.

Bernward Vespers letzte Reise (Berlinale XIII)

Andres Veiels erster Spielfilm „Wer wenn nicht wir“ –
Ein politisches Liebesdrama

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

In bisherigen RAF-Filmen spielte Bernward Vesper, geb. 1938, meistens keine Rolle. In Andres Veiels deutschem Wettbewerbsbeitrag „Wer wenn nicht wir“, einer Vorgeschichte des deutschen Terrorismus, hingegen spielt er die Hauptfigur (fantastisch: August Diehl), zusammen mit Gudrun Ensslin, geb. 1940, (ebenfalls fantastisch: Lena Lauzemis).

Woran Bernward Vesper gelitten hat, wird bereits in der Eingangsszene symbolisch verdeutlicht: Bernwards Katze frisst einen Jungvogel und sein Vater, der völkische Dichter Will Vesper, erschießt sie daraufhin und erklärt dem Jungen anschließend, dass die Katzen die Juden unter den Tieren seien und in deutschen Gärten nichts verloren hätten. Ähnliche Schlüsselszenen sehen wir von Gudrun Ensslin. Veiel zeigt eine Geschichte, in der Vesper sich selbst sucht und einen Roman schreibt, während Ensslin die Wahrheit sucht und in der Revolte zu Andreas Baader findet. Sowohl Roman als auch Revolte blieben, wie bekannt, Fragmente.

„Ich habe nicht darum gebeten, Europäer werden zu dürfen, geboren als Deutscher im Jahre 1938 in einer Klinik in Frankfurt an der Oder, als Kind von Mittelklasseeltern, die einem vertrottelten Traum vom Tausendjährigen Reich anhingen. Ich werde mir die Freiheit nehmen, die man mir vorenthalten hat, ich werde mich verwandeln, bis ich alle Stadien durchlaufen habe.“ (Bernward Vesper „Die Reise“ – Ein Romanfragment, März-Verlag 1977). Vesper brachte sich 1971 in Hamburg und Ensslin 1977 in Stammheim, um.

DIE ZEIT urteilt: „Veiel hat viel richtig gemacht mit seinem Film ‚Wer, wenn nicht wir‘. Er hat eine Randfigur der RAF ins Zentrum seiner Geschichte gerückt: den Ehemann von Gudrun Ensslin, den Schriftsteller und Verleger Bernward Vesper. Es ist eine kluge Wahl. An der Figur Vespers lässt sich die Zerrissenheit der Kriegskinder-Generation exemplarisch darstellen.“

Bei der Preisgala der 61. Internationalen Filmfestspiele Berlin erhielt Andres Veiel gestern Abend aus den Händen der Jury den Alfred-Bauer-Preis für seinen Film „Wer wenn nicht wir“. Der nach einem früheren Festivaldirektor benannte Preis wird für Werke vergeben, die neue Perspektiven der Filmkunst eröffnen.

Westdeutschland, frühe 60er Jahre. Noch ist das Land ruhig. Bernward Vesper beginnt sein Studium in Tübingen. Dort besucht er die Rhetorik­Seminare von Walter Jens. Bernward will schreiben und hackt nachts auf seine Schreibmaschine ein. Gleichzeitig verteidigt er seinen Vater, den von den Nazis gefeierten Blut-und-Boden-Dichter Will Vesper. Das Land, in dem Bernward lebt, erstickt an der Vergangenheit. Der Krieg ist gerade 15 Jahre vorbei, alte Nazis machen wieder Karriere, über Kriegsverbrechen wird nicht geredet, die Republik steht stramm.

Dann lernt Bernward Gudrun Ensslin und deren Freundin Dörte kennen. Kurz darauf leben die Freunde in einer ménage à trois, doch das Dreieck hält nicht lange. Gudrun und Bernward sind verwandte Seelen, es ist der Beginn einer extremen Liebesgeschichte: bedingungslos, maßlos, bis über die Schmerzgrenze hinaus. Gemeinsam brechen sie auf, um die Welt zu erobern. 1964 kommt das Paar in West-Berlin an. In der Mauerstadt werden sie Teil der linken Bohème.

Als die SPD einer großen Koalition mit der CDU zustimmt, wenden sich nicht nur Bernward und Gudrun der außerparlamentarischen Opposition zu. Gudrun und Bernward werden Teil eines Aufbruchs, der die ganze Welt erfasst hat: Befreiungsbewegungen, Studentenproteste und Black Panther in den USA, Drogen und Rock ’n’ Roll. Das Rad der Geschichte dreht sich, und für einen Moment scheint es, als könnte man auch seine Richtung ändern: Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt? Dann taucht mit Andreas Baader ein anderer Mann auf, konsequenter, radikaler und bedingungsloser als Bernward. Andreas, Gudrun und Bernward werden von Fliehkräften einer Geschichte erfasst, die sie nicht kontrollieren können … (Quelle: Filmbeschreibung)

„Wer wenn nicht wir“ läuft am 10. März 2011 in den Kinos an (Trailer)

Kommt Regen, kommt Sonnenschein (Berlinale XII)

Rettet eine Katze in „Saranghanda, Saranghaji Anneunda“
die Beziehung?

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die diesjährige Berlinale könnte als Berlinale der Katzen in die Annalen eingehen. In Miranda Julys „The Future“ wird der Film aus der Sicht einer Katze erzählt, im deutschen Beitrag „Wer wenn nicht wir“ wird in der Anfangsszene eine Katze erschossen und im heute besprochenen koreanischen Film von Lee Yoon-ki „Saranghanda, Saranghaji Anneunda“ am achten Berlinaletag scheint eine junge Katze, die Beziehung retten zu können.

Bereits am Roten Teppich und später auch im Berlinale-Palast bereiten die jungen, insbesondere weiblichen Fans, dem koreanischen Star Lim Soo-jeong einen begeisternden Empfang und feiern natürlich auch seine Filmpartnerin Hym Bin.

Lee Yoon-ki hat einen sehr minimalistischen Film vorgelegt. Er beginnt mit einer zehn Minuten dauernden Autofahrt, bei der die Kamera in einer einzigen Einstellung fest montiert ist und den Dialog des Paares auf der Fahrt zum Flughafen aufzeichnet. Die restliche Zeit verbringen die Beiden in ihrem Haus im Dauerregen, bei der Diskussion um die bevorstehende Trennung, sowie beim Pasta kochen.

Wir hören keine Filmmusik, nur den prasselnden Regen. Nichts weiteres passiert in dem Film, wir hatten also Zeit, über das eigene Leben nachzudenken. Die ZEIT urteilt „Muss die Agonie von Filmhelden auch beim Zuschauer Agonie auslösen? Man sehnt sich nach barockem Überschwang, nach bigger than life, danach, dass es kracht.“ Übrigens, einmal schien die Sonne. Warum eigentlich? Den Stillstand zum Inhalt zu machen, trägt den Film gequälte 120 Minuten kaum. Die Ästhetik mag perfekt sein, aber dann doch lieber ein Bild betrachten.

Sie muss zu einem Geschäftstermin nach Tokio fliegen. Er fährt sie im Auto zum Flughafen. Auf der Fahrt sagt sie ihm, dass es vorbei ist. Sie wird ihn verlassen. Er scheint das zu akzeptieren. Kein Streit kommt auf, es gibt auch keine Nachfrage. Einige Zeit später. Ein schwerer Sturm zieht über die Stadt und das Paar verbringt in dem Haus, in dem es drei Jahre zusammengelebt hat, den letzten gemeinsamen Tag. Es sind Kleinigkeiten, die sie an das Leben erinnern, das sie einmal geführt haben. Aber keiner versucht die Zeit zurückzudrehen, beide scheinen sich mit der Situation abgefunden zu haben.

Als der Regen schlimmer wird, bemerken sie eine Katze auf ihrem Schuppen und holen sie zu sich ins Trockene. Doch sie läuft weg und versteckt sich irgendwo. Kurz darauf klingelt es an der Tür. Das Paar von nebenan sucht seine Katze. Der unerwartete Besuch lässt die Hilflosigkeit hervorbrechen, die das Paar lähmt, was auch die alten Gefühle wieder weckt, die es immer noch zu geben scheint. Das Telefon klingelt. Es ist der Mann, für den sie ihn verlassen will. Aber sie zögert mit ihrem Auszug, will noch eine Nacht im Haus verbringen. Denn die Brücke ist durch das Unwetter blockiert.

Überlegt sie es sich anders? Die Nachbarn gehen endlich nach Hause, die Katze ist immer noch nicht wiederaufgetaucht, und das Paar kocht die letzte gemeinsame Mahlzeit. Als er Zwiebeln schneidet, beginnen dem Mann die Augen zu tränen. Er geht ins Badezimmer, wäscht sich das Gesicht, doch er kann nicht aufhören zu weinen. Liegt das an den Zwiebeln? Als sie mit dem Kochen fast fertig sind, findet sie die verängstigte Katze. Sie beruhigt das Tier, oder sich selbst? „Alles wird gut.“ (Quelle: Filmbeschreibung)

Wie es Victor Kaufmann gelang, den Krieg zu überleben oder: Wer zuletzt lacht, lacht am besten (Berlinale XI)

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Der Österreicher Wolfgang Murnberger hat mit seinem Film „Mein bester Feind“ als Welturaufführung im Wettbewerb außer Konkurrenz eine solide Arbeit vorgestellt. Die Darsteller Moritz Bleibtreu, Uwe Bohm, Udo Samel, Georg Friedrich, Ursula Strauss und Susanne Lothar spielen professionell, der Film ist temporeich, die Szenen wechseln zwischen Ernst und schwarzem Humor, Drehbuch und Regie sind gut. Bis zum Schluss bleibt der Film mit seinen zahlreichen Wendungen um eine Michelangelo-Zeichnung spannend.

Murnberger: „Es war in diesem Film sehr schwierig, die Balance zu halten zwischen der Komödie und der Tragödie.“ Die beiden Hauptprotagonisten wechseln mit ihren Kleidern auch ihre Identitäten. Entstanden ist der Film nach der Romanvorlage von Paul Hengge „Wie es Victor Kaufmann gelang, Adolf Hitler doch noch zu überleben“. Ein heikles Thema an das sich der Österreicher herangetraut hat und ob Kleider wirklich immer Leute machen, bleibt eine andere Frage.

TAZ: „Murnberger inszeniert teilweise gewohnt komisch und ironisch. Hörbar erheitert er sein Publikum. Er arbeitet auch schön das spezifisch österreichische Kriechertum heraus (Smekal: „I hoabs net so leicht ghobt, auf die Buttrseiten zu wechseln wie a Frau“). Doch der wohlgenährte Bleibtreu wirkt in dem Nazi-Kostümfilm viel zu relaxt, um einen jüdischen Häftling nach fünfjährigen KZ-Aufenthalt darzustellen. Darüber täuscht auch ein an Tarantinos ‚Inglorious Basterds‘ geschulter Humor nicht hinweg.“

WELT: „In ‚Mein bester Feind‘ wird Moritz Bleibtreu durch einen Kleidertausch zum Nazi. Fest steht: Bleibtreu sollte keine Uniform mehr tragen … Es gibt immerhin einen schönen Moment, wenn Moritz Bleibtreu in SS-Uniform sich einmal selbst im Spiegel entdeckt. Und plötzlich Respekt vor sich selber hat. Das ist mal ein wirklich perfider Witz. Kleider machen Leute.“

Wien, 30er Jahre. Victor Kaufmann, der Sohn eines weltoffenen und wohlhabenden jüdischen Ehepaares, ist in der Kunstgalerie seines Vaters tätig. Seit Kindertagen ist er der nahezu unzertrennliche Freund von Rudi Smekal. Die attraktive und lebenslustige Lena ist mit Victor liiert, aber auch mit Rudi befreundet. In einem Moment des Übermuts zeigt Victor seinem Freund ein gutgehütetes Familiengeheimnis: Eine verschollen geglaubte Zeichnung von Michelangelo.

Umso größer ist der Schock, als herauskommt, dass Rudi schon vor langer Zeit der NSDAP beigetreten ist und nach dem Anschluss Österreichs jetzt auf eine Karriere bei den Nazis hofft. Die Kaufmanns haben den richtigen Moment zur Flucht versäumt und sitzen in Wien fest. Sie überschreiben ihr Vermögen an Lena, um es vor der Beschlagnahme zu schützen. Rudi hat mit seinem Wissen um das Michelangelo-Bild angegeben. Prompt folgt der Befehl aus Berlin, das Bild sicherzustellen. Um seine alten Freunde zu retten, schlägt Rudi einen Tausch Bild gegen Freiheit vor. Doch er hat seinen Einfluss überschätzt.

Kaum taucht das Bild auf, wird die Familie Kaufmann ins KZ geschickt. Rudi verlobt sich mit Lena. Jahre später wendet sich das deutsche Kriegsglück. Die Michelangelo-Zeichnung soll als Geschenk des Führers an den Duce die Waffenbrüderschaft mit Italien festigen. Doch das Bild erweist sich als gefälscht, und der echte Michelangelo muss her. Rudi bekommt den Befehl, Victor aus dem KZ zu holen und nach Berlin zum Verhör zu bringen. Doch das Flugzeug wird abgeschossen. Die Besatzung stirbt, nur die beiden Freunde überleben … (Quelle: Filmbeschreibung)

Den Trailer zum Film finden Sie hier.

Unsere große Verzweiflung (Berlinale X)

„Bizim Büyük Çaresizligimiz“ von Seyfi Teoman im Wettbewerb

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Den Titel des Wettbewerbsbeitrages „Our Grand Despair“ sollte man nicht wörtlich nehmen: Die beiden Protagonisten Ender und Çetin fühlen sich in ihrem heiteren Zusammenleben und beim gemeinsamen Bohnenschnippeln ganz wohl. Die, aufgrund eines Trauerfalls für eine befristete Zeit, hinzukommende junge Nihal stört erst ein bisschen das seit Studientagen gut eingespielte Team, aber kurz darauf verlieben sich beide Männer in sie. Es beginnt eine ménage à trois in Gedanken. Jeder leidet ein wenig, aber am Ende übersteht die jahrelange Männerfreundschaft auch die Abreise von Nihal.

Türkische Männer sind auch nicht mehr das, was sie dem Klischees nach einmal waren. Seyfi Teoman jedenfalls zeigt Ender und Çetin jenseits von allem Macho-Gehabe: Sie kochen gerne, verstehen die Frauen, schreiben sogar Gedichte und gehen gerne spazieren. Und zum Dank „betrügt“ Nihal die beiden Männer letztendlich auch noch mit einem unangenehmen, aber attraktiven Möchtegern-Dichter.

Seyfi Teoman kennt sicher die Filme von Eric Rohmer und so ist auch sein Film ein bisschen zu lang geraten. Aber es ist ein schöner und stiller Film mit leisem Humor und eine Ode auf das romantische Freundschaftsideal, das keine noch so schöne Frau zerstören kann. Eine Chance auf die Bären hat er wahrscheinlich nicht, dafür ist er nicht politisch genug.

Ender und Çetin – beide Ende 30 – sind seit ihrer gemeinsamen Schulzeit enge Freunde. Çetin war lange Jahre fort. Jetzt kommt er zurück nach Ankara und zieht bei Ender ein, genau wie es sich die Freunde in ihrer Jugend immer vorgestellt haben. Ihr bester Freund Fikret, der in Deutschland lebt und seinen Urlaub in der Türkei verbringt, wird hier in einen Verkehrsunfall verwickelt, bei dem seine Eltern ums Leben kommen, er selbst wird verletzt. Als er nach Deutschland zurück muss, bittet er Ender und Çetin, seine Schwester Nihal in ihre Männer-WG aufzunehmen, bis sie in voraussichtlich zwei Jahren ihr Studium abgeschlossen haben wird.

Nur widerwillig stimmen die beiden Freunde diesem Wunsch zu. Anfangs fühlen sie sich von der Anwesenheit der jungen Frau gestört – Nihal empfinden sie als Eindringling. Die wiederum ist durch den Verlust der Eltern schwer traumatisiert und verweigert jeglichen Kontakt mit den beiden Männern. Nach einer Weile jedoch entwickelt sich eine Vertrautheit zwischen den dreien; das alltägliche Zusammenleben in den gemeinsamen vier Wänden schweißt sie zusammen, und sie genießen es, Zeit miteinander zu verbringen.

Nihals Beziehung zu Ender, der als Übersetzer zu Hause arbeitet, ist eher intellektueller Natur, während sie mit Çetin, von Beruf Ingenieur, die alltäglicheren Unterhaltungen führt. Etwas später geschieht, was geschehen muss: Ender und Çetin, die sich liebevoll um Nihal kümmern, verlieben sich in die junge Frau, ohne von der Liebe des anderen zu wissen … (Quelle: Filmbeschreibung)

Miranda July hält in The Future die Zeit an (Berlinale IX)

Die Geschichte eines Paares in den Dreißigern,
erzählt aus der Sicht einer Katze

The Future, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

The Future, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

In das Leben von Sophie und Jason hält die Panik Einzug: „In fünf Jahren, da sind wir 40. Und 40, das ist fast 50. Was danach kommt, ist nur noch das Kleingeld im Leben“. Sie hatten noch so viel vor: Die Welt retten oder berühmt werden, stattdessen halten sie Kontakt zur Außenwelt nur über Youtube und Facebook und führen langweilige, selbstironische Gespräche.

In der Anfangsszene liegen sich beide auf dem Sofa gegenüber, beide den Laptop mit dem angebissenen Apfel auf den Knien. Jasons bewegt sich und Sophie fragt: „Kannst du mir ein Glas Wasser mitbringen?“ Jason: „Ich suche nur eine bequemere Sitzposition.“ Ihr Alltag ist zunächst weniger Handlung als assoziative Ideenabwicklung, in der groteske Situationskomik überwiegt bis die Langeweile in eine echte Krise übergeht. Jason hält die Zeit an, aber die Welt dreht sich unablässig weiter.

Miranda July, das US-amerikanische Multi-Talent, ist Schriftstellerin, Performance-Künstlerin und Filmemacherin (siehe auch Berlin-Woman). In dem Film „The Future“ führt sie Regie und spielt die Hauptrolle. Es ist bisher der fotografischeste Film, den ich auf der diesjährigen Berlinale gesehen habe. Die Kamera schwelgt in Bildern. Der künstlerische Film lässt sich nicht so einfach einem Genre zuordnen: Ist er eine Komödie, ein Beziehungsdrama, eine Fantasy-Story, eine Weltuntergang-Allegorie oder eine 90-minutige Performance?

Die Berliner Zeitung schreibt: „Auch Miranda Julys neue Hauptrolle lebt von jener kontrollierten Verspieltheit, die ihre Video- und Performance-Arbeiten auszeichnet. Ihre Kurzgeschichten weisen sie als liebevolle Sammlerin jener alltäglichen Absonderlichkeiten aus, mit denen Menschen glauben, ihre Gefühle auszudrücken.“

Einen ausführlichen Artikel über Miranda July und ihre Arbeit finden sie auf ZEIT online.

Sophie und Jason sind ein merkwürdiges Paar. Sie sind beide um die 30, sie leben in einer Einzimmerwohnung, arbeiten in Berufen, die sie hassen, und ihre Beziehung steckt in einer Sackgasse. Meistens sind die beiden sowieso online, was das Zusammenleben auch nicht einfacher macht. Ein gemeinsames Projekt, Verantwortung, das wäre in dieser Situation vielleicht hilfreich. Und so entschließen Sophie und Jason sich, eine verletzte Katze zu adoptieren, die noch gesund gepflegt werden muss. Paw Paw wird rund um die Uhr Betreuung brauchen. Genau das ist es, was die beiden immer stärker beunruhigt, je näher der Tag kommt, an dem sie Paw Paw abholen müssen.

Doch bevor es so weit ist, wollen Sophie und Jason endlich das tun, was sie schon immer machen wollten. Sie schmeißen ihre Jobs hin. Jason beschließt, Verantwortung für die Umwelt zu übernehmen. Er arbeitet als Werber für ein Naturschutzprojekt, das sich für Baumpatenschaften stark macht, und Sophie arbeitet an einer Choreografie, die sie schon lange beschäftigt. Während die Zeit wie im Flug vergeht, muss Sophie erkennen, dass sie mit ihrem Tanz kaum Fortschritte macht.

Einmal, als sie besonders enttäuscht ist, besucht Sophie die Katze, die sie bald zu sich holen wollen. Hier trifft sie Marshall, einen 55-jährigen Mann, mit dem sie eine Affäre beginnt. Er lebt in einem Vorortkosmos, in dem Sophie nicht sie selbst sein muss. Während Sophies Leben zwischen zwei vollkommen gegensätzlichen Realitäten zu pendeln beginnt, scheint Jasons Leben zu verharren, und im Tierheim wartet Paw Paw, die Katze. (Quelle: Filmbeschreibung)

„Nader und Simin, eine Trennung“ (Berlinale VIII)

Szenen einer Ehe – Ein iranischer Film über
vernunftbetonte Frauen und ehrverletzte Männer in Teheran

"Roter Teppich vor dem Berlinalepalast", Foto © Friedhelm Denkeler 2008

"Roter Teppich vor dem Berlinalepalast", Foto © Friedhelm Denkeler 2008

Es scheint eine ungeschriebene Regel im Berlinale-Palast zu geben, am Nachmittag die eher schwächeren Filme zu zeigen – jedenfalls bis zum sechsten Berlinale-Tag war es so.

Der 123 Minuten lange iranische Wettbewerbsfilm „Jodaeiye Nader az Simin“ von Asghar Farhadi um zwei im Streit liegende Familien, war gefühlte 43 Minuten zu lang. Es handelt sich um eine konservativ gefilmte Story ohne größere Höhepunkte, mit sich wiederholenden Szenen ähnlichen Inhalts und selbst die Schlussszene war vorhersehbar.

Die Berlinale ist dafür bekannt, dass Filme aus politischen Gründen mit Preisen bedacht werden. Das könnte sich dieses Jahr wieder bewahrheiten. Das Mitglied der aktuellen Jury, der Regisseur Jafar Panahi durfte aus dem Iran nicht anreisen, sondern sitzt dort inhaftiert im Gefängnis. Natürlich erhielt der iranische Wettbewerbsbeitrag daraufhin größte Aufmerksamkeit. Auch dem Publikum gefiel, dem Beifall nach zu urteilen, der Film sehr gut. Viele Kritiker sehen das ähnlich. Einige Beispiele habe ich herausgesucht:

FAZ: „Es geht nicht um Politik auf den ersten Blick, aber wir sehen, wie unterschiedlich die Frauen ihre Kopftücher, Schleier und Tschadors tragen, wie die Pflegerin, die nicht weiß, ob sie den alten Mann waschen darf, Rat sucht bei einer religiösen Hotline, wie die Mutter über Grenzen auch der Wahrheit hinweg zu vermitteln bereit ist, und wie die Tochter von Nader und Simin zu begreifen beginnt, was Schuld bedeutet. … Kaum vorstellbar, dass die Jury an diesem Film vorbeigeht.“

DEUTSCHE WELLE: „Jodaeiye Nader az Simin“ ist ein ungeheuer dicht und konzentriert inszeniertes Familiendrama auf engstem Raum. Die Charaktere sind glaubwürdig dargestellt, psychologisch fein gezeichnet, dazu in ihrer Komplexität differenziert und vielschichtig. Kein Handlungsstrang, kein Charakter ist eindimensional angelegt. Es gibt in dem Film kein Gut und kein Böse, kein Richtig und kein Falsch. Der Regisseur zeigt uns eindringlich, wie menschliches Zusammenleben funktioniert – oder auch nicht.“

DIE ZEIT: Der Film „ist ein mühsamer, ein anstrengender Film. Bisweilen ist es frustrierend, ihm zu folgen. Weil man schon ahnt, dass es keine einfache Lösung geben wird. Gerade deshalb ist er der Film auf der Berlinale, der bisher am glaubwürdigsten einen Ausschnitt des wahren Lebens abbildet.“

DIE WELT: „Wenn Asghar Farhadis Film am Samstagabend den Goldenen Bären entgegen nehmen wird …“

TAGESSPIEGEL: „Den Ausweg aus allen Finten, mehr oder weniger moralischen Notlügen und privaten Beichten bei aller öffentlicher Unbeugsamkeit suchen und finden dann die Frauen. … Am Ende ist es auch nicht die iranische Gerichtsbarkeit, vor der sich die heftig streitenden Parteien immer wieder von neuem ohne Anwalt versammeln und die das entscheidende Geständnis erzwingt, sondern ein Schwur auf den Koran. Ein dramaturgischer Coup für die einen, ein zwingendes moralisches Gebot für die andere Seite.“

Simin möchte mit ihrem Ehemann Nader und ihrer Tochter Termeh den Iran verlassen. Alle dafür notwendigen Schritte hat sie unternommen; alle entsprechenden Vereinbarungen wurden getroffen. Doch dann meldet ihr Mann Bedenken an: Er möchte seinen an Alzheimer erkrankten Vater nicht unbetreut zurücklassen – Nader sagt die Reise ab. Simin reicht daraufhin beim Familiengericht die Scheidung ein. Als ihre Klage abgewiesen wird, zieht sie aus der ehelichen Wohnung aus und kehrt zu ihren Eltern zurück. Die kleine Termeh entscheidet sich dafür, beim Vater zu bleiben, hofft aber sehr darauf, dass die Mutter bald wieder nach Hause kommt.

Für Nader ist es nicht einfach, mit den veränderten Lebensverhältnissen zurechtzukommen – schon allein aus zeitlichen Gründen. Für die Betreuung seines kranken Vaters engagiert er darum eine junge Frau. Razieh ist schwanger und übernimmt diesen Job, ohne ihren Ehemann davon in Kenntnis zu setzen. Als Nader eines Tages von der Arbeit nach Hause kommt, findet er seinen Vater allein in der Wohnung vor – darüber hinaus ist der alte hilflose Mann an einen Tisch gefesselt! Als Razieh eintrifft, führt dies zu tragischen Konsequenzen, die nicht nur Naders Leben erschüttern, sondern auch das Bild zerstören, das sich seine Tochter Termeh von ihrem Vater bislang gemacht hat… (Quelle: Filmbeschreibung)

„Coriolanus“ von und mit Ralph Fiennes (Berlinale VII)

Historische Tragödie um einen Politiker und Feldherrn als kritisches Abbild der gegenwärtigen globalisierten Welt

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Rom im 4. Jahrhundert v. Chr. oder die Welt im 21. Jahrhundert: Gibt es einen Unterschied? Ralph Fiennes zeigt im Wettbewerbsbeitrag „Coriolanus“, dass Politik und Kriegsführung, auch wenn Jahrhunderte dazwischen liegen, noch immer mit den gleichen Waffen und Worten geführt werden. Fiennes debütiert mit diesem Film als Regisseur und spielt gleichzeitig die Hauptrolle als Coriolanus. Volumnia, seine Mutter, wird von Vanessa Redgrave gespielt.

Das um 1607 entstandene Theaterstück von William Shakespeare siedelt Fiennes in zeitgenössischer Umgebung an. Die Original-Dialoge blieben dabei unverändert. Es geht heute wie damals um Krieg und Frieden, kriegerische Aktionen mit gepanzerten Fahrzeugen und Kriegsgeräten, um Demonstranten und martialische Sicherheitskräfte, politische Ränkespiele, Verhandlungen, Macht, Eitelkeit, Rache, Terrorakte, Unternehmen und ein wankelmütiges Volk.

Auf der Pressekonferenz zum Film wurde Ralph Fiennes von Journalisten aus aller Welt mit Beifall und Bravo-Rufen gefeiert. DIE ZEIT urteilt „das wirkt, als seien Bagdad und Kabul und in den Szenen mit den Massenprotesten auch schon Tunis und Kairo übereinander kopiert.“ Coriolanus, so schreibt die WELT, „soll Konsul werden. In der Galauniform aber, im Fernsehstudio, unterm Volk gehorcht ihm sein Körper nicht mehr, verweigert sich dem Kompromiss. Wie Fiennes das macht, wie er die Energie in Coriolanus da fehlgeleitet, ausgestellt, explodieren lässt, ist schon jetzt ein Höhepunkt der Berlinale.“

Rom. Das Volk ist in Aufruhr. Die Reichen horten Getreide, die Armen hungern, Rebellion liegt in der Luft. Eine der Hauptzielscheiben des Volkszorns ist Caius Martius. Der hochmütige General macht kein Hehl aus seiner Verachtung für die Plebejer. Als die Volsker sich vor der Stadt versammeln, spitzt sich die Lage zu. Sie werden von Tullus Aufidius angeführt. Der Intimfeind von Caius Martius ist als Feldherr gefürchtet. Bei der Stadt Corioles kommt es zur entscheidenden Schlacht, die das römische Heer dank des Mutes ihres Generals Caius Martius für sich entscheiden kann. Seine Tapferkeit trägt ihm den Namenszusatz „Coriolanus“ ein, er ist der, der die Stadt Corioles befreite.

Caius Martius Coriolanus ist jetzt so populär, dass er in die Politik gehen könnte. Dazu wird er von seiner Mutter Volumnia gedrängt, und auch sein alter Mentor Menenius macht sich für seinen Aufstieg stark. Doch Coriolanus muss erst einmal gewählt werden, und der aufbrausende Militär ist kein geschmeidiger Redner, gewinnende Gesten sind seinem Wesen fremd. Als er, von politischen Gegnern gereizt, bei einem öffentlichen Auftritt die Plebejer beschimpft, ist es um seine politischen Chancen geschehen. Das Volk lehnt sich gegen ihn auf und kann nur mit der lebenslangen Verbannung des einstigen Kriegshelden aus der Stadt besänftigt werden. Coriolanus verlässt Rom und sinnt auf Rache. Will er Rom bezwingen, braucht er die militärische Unterstützung des Tullus Aufidius, seines Intimfeindes … (Quelle: Filmbeschreibung)

Berlinale kürte die Stars von morgen

Vor der Premiere des Films „Coriolanus“ wurden die „Shooting Stars 2011“, Nachwuchstalente aus europäischen Ländern, ausgezeichnet. Der deutsche Schauspieler Alexander Fehling, den wir zuletzt in der Hauptrolle des Kinofilms „Goethe!“ sehen konnten, war unter den Ausgezeichneten und erhielt die „Maria“ getaufte Trophäe, deren Namenspatronin die gleichnamige Figur aus Fritz Langs „Metropolis“ ist. Alle Statuen wurden von Ralph Fiennes persönlich übergeben und mit dem Zitat „Work Hard!“ von Patti Smith, die zur Freude des Publikums im Saal anwesend war, endete die Preisverleihung.

Tanz auf dem Vulkan ‘An einem Samstag’ (Berlinale VI)

Wie die Menschen in Tschernobyl erbarmungslos
ihrem Schicksal überlassen wurden zeigt „V Subbotu“

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Mit wackelnder Handkamera, extremen Nahaufnahmen und vielen Unschärfen nähert sich der Regisseur Alexander Mindadze mit seinem Wettbewerbsbeitrag „V Subbotu“ (An einem Samstag) jener Nacht, die der Explosion im Block Vier des Kernkraftwerkes in Tschernobyl folgte.

Einige Parteigenossen wissen um den Ernst der Lage, andere ahnen etwas und der unwissende Rest trinkt und feiert an diesem Samstag weiter, aber es ist bereits ‚fünf nach Zwölf‘. Mindadze versucht, das Gefühl, keine Alternativen zu haben, nicht fliehen zu können oder nicht zu wollen, einfach weiterzufeiern und auf dem Vulkan zu tanzen (im doppelten Sinne) in einen künstlerischen Film/ ein Kammerspiel umzusetzen.

Die TAZ schreibt dazu: „Dabei gibt sich Mindadze wenig Mühe, nachvollziehbar zu machen, warum Valerij, Vera und die wenigen anderen, die begreifen, was geschehen ist, in Hyperaktivität verfallen, ohne je ernsthaft nach einem Ausweg aus der Stadt zu suchen. Fast scheint es, als hätte das alte Klischee von der Irrationalität der russischen Seele eine Halbwertszeit von 25 Millionen Jahren.“

Im Wettbewerb um den Goldenen Bären wirkt der Film für mich deplaziert. In einer anderen, etwas experimentelleren Sektion hätte ich ihn lieber gesehen und werde den Film unter der Rubrik „Die Wege eines Films in den Wettbewerb der Berlinale sind unerfindlich“ abhaken. Trotz alledem, der Film zeigt eine wahre Geschichte: Erst 36 Stunden nach der Katastrophe wurde die Stadt evakuiert, viele Menschen starben oder erlitten schwerste Strahlungsschäden. Dieses Geschehen kann nicht oft genug in Erinnerung gerufen werden.

Samstag, 26. April 1986: Im Kernkraftwerk Tschernobyl ist ein Reaktorturm explodiert. Die Parteileitung wiegelt ab. Aber Valerij Kabysh, früher Schlagzeuger, inzwischen junger loyaler Parteifunktionär, beobachtet die Panik der Verantwortlichen und begreift, dass jede Sekunde zählt … Zusammen mit seiner Geliebten und seinen Musikerfreunden versucht Valerij, die Stadt zu verlassen. Aber das Leben lässt ihn nicht los. Es ist Samstag, die Menschen gehen spazieren, machen Einkäufe, feiern Hochzeiten; Kinder spielen im Freien.

In diesem sorglosen Trubel bleibt jeder Versuch zu entkommen ohne Erfolg. Die Katastrophe ist eine allgegenwärtige, aber unsichtbare Figur in dieser Geschichte. Als wären da Handschellen, die nicht zu öffnen sind. Ein verlorener Pass, ein gebrochener Schuhabsatz, ein verpasster Zug. Eine Hochzeit, auf der zu Ende gespielt werden muss. Dort singt Vera mit ihrer Band, die früher auch Valerijs Band war, und Valerij springt für den betrunkenen Drummer ein.

Lebensgefahr? Tödliche Strahlung? Selbst als Valerijs Band weiß, was wirklich vor sich geht, feiern sie – noch einen Wodka, noch eine Flasche Wein! Für sie bleibt nur, weiterzumachen und glücklich zu werden für den einen Moment … Es ist ein Samstag der Unschuld, und die Menschen sind erbarmungslos ihrem Schicksal überlassen … … (Quelle: Filmbeschreibung)

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