Journal

Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Hauseingang in Olbrichs Welt

Josef Maria Olbrichs Architektur-Träume des Jugendstils
in der Kunstbibliothek am Kulturforum am Potsdamer Platz

Seine Welt zeige der Künstler, die niemals war, noch jemals sein wird. [Olbrich]

"Ausstellungsankündigung an der Kunstbibliothek", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

„Ausstellungsankündigung an der Kunstbibliothek“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Vor genau 100 Jahren hat eine Stiftungskommission den zeichnerischen Nachlass des Architekten, Designers und Landschaftsplaners Josef Maria Olbrich (1867 – 1908) erworben. Der Kommission gehörten der Künstler Max Liebermann und der Direktor der Staatlichen Museen Berlin Wilhelm von Bode an. In den Besitz der Berliner Kunstbibliothek gelangte somit die bedeutende Sammlung von 2500 Zeichnungen, wobei in der Ausstellung lediglich 200 zu sehen sind.

Die Ausstellung ist in die fünf Gruppen „Anfänge in Wien“, „Wiener Seccession“, „Mathildenhöfe in Darmstadt“, „Bauten in Berlin“ und „Kunsthandwerk“ eingeteilt, die auch gleichzeitig die einzelnen Stationen von Olbrichs Schaffensperiode aufzeigen. Bekannt wurde der Künstler vor allem durch sein Gebäude für die Wiener Seccession, seine Bauten für die Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe und seinen letzten Auftrag, das Warenhaus Leonhard Tietz in Düsseldorf.

Die einzelnen Blätter weisen eine einzigartige, farbenfrohe Schönheit wie in einem Bilderbuch auf, es fehlte nur noch, dass die Ausstellung mit „Es war einmal …“ begann. Auf dem Blatt, das die Eingangssituation von Olbrichs eigenem Haus auf der Mathildenhöhe in Darmstadt zeigt, steht der Satz „Hauseingang in meine Welt“. Das kann man auch für die gesamte Ausstellung so sehen. Sie ist nur noch heute und morgen zu sehen.

Brassaï – Geheime Kunst von Paris in anonymen Graffiti

Brassaïs „Auf der Straße“ und Dubuffets „Les murs“ in Berlin

"Selbst mit einem Graffiti-Photo von Georg Brassai 1", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Selbst mit einem Graffiti-Photo von Georg Brassai 1", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Bevor das Museum Berggruen im September 2011 für Renovierungsarbeiten seine Pforten schließt, um voraussichtlich im Juni 2012 mit dem neuen Erweiterungsbau wieder zu eröffnen, stehen sich die beiden Häuser der Dependancen der Neuen Nationalgalerie räumlich und inhaltlich nahe wie nie zuvor: Beide sind Prachtbauten von Stüler, beide beherbergen private Sammlungen der Klassischen Moderne und jetzt führt ein Photograph beide noch näher zusammen: Brassaï.

Im Gegensatz zu „Im Atelier“ im Museum Berggruen (siehe mein letzter Post Brassaï – Der Photograph mit den vielen Masken) sehen wir im Haus gegenüber in der Sammlung Scharf-Gerstenberg Brassaïs „Auf der Straße“, den zweiten Werkkomplex der Doppel-Ausstellung (bis zum 28. August 2011). Hier finden sich die eingeritzten Kritzeleien an Häuserwänden, die an archaische Höhlenmalereien erinnern. Für Brassaï zeigte sich in diesen Pariser Graffiti der Geist des Surrealismus.

Der Tagesspiegel schreibt: „Drei Löcher in der Wand – Auge, Auge, Mund – mit angedeuteten Haaren, Gesichtskonturen oder nur die Silhouette eines Tieres, einer weiblichen Figur, besitzen eine geradezu archaische Kraft, der Höhlenmalerei verwandt. Der Art-brut-Maler Jean Dubuffet hatte dies erkannt. Einige seiner Bilder, die im Marstall zusammen mit der Graffiti-Serie zu sehen sind, scheinen direkt von den Aufnahmen inspiriert. Der Fotograf hatte im Stadtbild entdeckt, was sich die Surrealisten mühsam erst erarbeiten mussten.“

"Selbst mit einem Graffiti-Photo von Georg Brassai 2", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Selbst mit einem Graffiti-Photo von Georg Brassai 2", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Im Obergeschoss ist das lithografische Werk „Les murs“ von Jean Dubuffet aus dem Jahr 1945 zu sehen. Hier nimmt er explizit auf Brassaïs Graffiti-Photographien Bezug. Während die unbekannten Mauer-„Künstler“ bei Brassaï ihr Bild direkt in die Mauer und den Putz ritzten, wird bei Dubuffet der Lithostein selbst zur „Mauer“-Oberfläche. Für Brassaï waren die Graffiti von anonymen Kreativen Spiegel unbewusster Sehnsüchte und verdrängter Obsessionen, nichts weniger als „Bestandteile der Mythologie“.

Der Surrealismus meiner Bilder war nichts anderes als die durch die spezielle Sichtweise ins Fantastische gewendete Realität. Es ging mir nur darum, die Realität auszudrücken, denn nichts ist surrealer. Wenn sie uns nicht mehr in Erstaunen versetzt, dann nur darum, weil die Gewohnheit sie für uns banal gemacht hat. Brassaï.

Brassaï hat die Graffiti im Stadtbild entdeckt und über Jahre fotografiert. Er hat sie nie betitelt oder datiert. Die in der Ausstellung gezeigten Graffiti stammen aus den 1930er bis 1950er Jahren und sind originale Silbergelatine-Abzüge aus seinem Pariser Nachlass.

In der Ausstellung sehen wir die beiden Werkgruppen „Begegnungen mit Künstlern“ und „Graffiti“. Hierzu ist auch ein Katalog für 33 € erschienen. Einen sehr guten und preiswerten Gesamteindruck über Brassaïs gesamtes Werk erhält man für 9,90 € durch den bei Taschen 2008 erschienenen Bild-Band „Brassaï – Paris“.

Brassaï – Der Photograph mit den vielen Masken

In den Ateliers der Pariser Künstler der 1920er Jahre

"Spiegelung in Brassais 'Lydia Delectorskaya im Atelier von Henri Matisse in der Villa d'Alésia, Paris'", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Spiegelung in Brassais 'Lydia Delectorskaya im Atelier von Henri Matisse in der Villa d'Alésia, Paris'", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

In meinem letzten Post habe ich bereits einleitend über die Photo-Ausstellung „Brassaï – Im Atelier und auf der Straße“ berichtet. Heute möchte ich zunächst auf den Teil „Brassaï – Im Atelier“ im Museum Berggruen, am Charlottenburger Standort der Nationalgalerie, näher eingehen. Hier hat man die einmalige Gelegenheit Brassaïs Photographien von Künstler-Freunden wie Picasso, Matisse, Giacometti, Laurens und Braque, gemeinsam mit ihren Werken und Arbeitsplätzen zu sehen.

Die Kuratoren haben Brassaïs Photographien geschickt zwischen die Gemälde und Skulpturen der Sammlung Berggruen eingestreut und verteilt über alle drei Stockwerke gehängt. Neben den Portraits von Brassaï lassen sich so die Werke der Sammlung wieder neu entdecken. Wunderbar das Portrait von Matisse mit seinem Modell aus dem Jahr 1939 (siehe oberes Bild): Auf der einen Seite die posierende Nackte und auf der anderen Seite, wie ein Arzt (oder wie Siegmund Freud) im weißen Kittel, der schüchterne Künstler – und als Spiegelung der neuzeitliche Photograph. Oder das Photo, auf dem Georges Braque im Jahr 1949 eine Kuh beschwört (siehe unteres Bild). Im Museum Berggruen kehren Brassaïs Photos zu den Werken ihrer Künstler zurück.

Brassaï war zunächst mit der Kunst, für die er eigens nach Paris gekommen war, nicht zufrieden. Er schrieb nach Hause: „Nun, die Kunst ist tot. […] Nicht nur in ihrer schöpferischen Kraft, sondern auch in den Augen und in den Seelen derjenigen, die sie wahrnehmen und brauchen.“

"Spiegelung in Brassais 'Georg Braque in Varenvelle', Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Spiegelung in Brassais 'Georg Braque in Varenvelle', Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die Kuratoren schreiben „Tatsächlich schien das Kunstleben Anfang der 1920er Jahre in der französischen Hauptstadt zu erlahmen. Die historischen Avantgarden hatten sich überlebt und der Surrealismus, dessen erstes Manifest 1924 erschien, steckte noch in seiner literarischen Anfangsphase. Umso attraktiver wurde für Brassaï das gesellschaftliche Leben – sei es in mondänen Kreisen, zu denen er über eine Freundin Zugang erhielt, sei es in Nachtclubs, Bordellen und auf der Straße.“

Aber bereits ein Jahr später konnte er seinen Eltern berichten „Meine Kunst ist vielleicht noch unsichtbar, aber sie existiert“. Und was ihm anfangs lediglich zum Broterwerb diente, geriet ihm zur Kunst. So wurde er zu einem Vorreiter der künstlerischen Photographie, er wurde „Das Auge von Paris“, wie ihn Henry Miller später nannte.

„Viele dieser Fotografien wurden in der surrealistischen Zeitschrift „Minotaure“ publiziert; sie wusste den künstlerischen Charakter vermeintlich rein dokumentarischer Aufnahmen besonders zu würdigen, entsprach es doch dem Credo des Chefredakteurs und Hauptes der surrealistischen Bewegung André Breton in besonderem Maße, das Surreale nicht außerhalb, sondern in der Realität selbst zu finden und darzustellen“, so die Pressemitteilung.

Ich habe hundert Gesichter, um mich zu verstecken, und jeder kennt eine andere Maske von mir. Brassaï

Einige Daten zu Brassaï

1899 in der ungarischen Stadt Brassó (heute Brasov, Rumänien) als Guyla Halász geboren; 1920  Berlin, studiert an der Kunstakademie in Charlottenburg, hat Kontakt zu László Moholy-Nagy, Wassily Kandinsky und Oskar Kokoschka; zieht 1924 nach Paris,  Lebensunterhalt mit journalistischen Arbeiten, illustriert mit Fotografien; nimmt 1929 das Pseudonym „Brassaï“ (dt. „aus Brassó“) an und beginnt, selbst zu fotografieren: Auf seinen Streifzügen durch Paris entsteht die berühmte Arbeit „Paris bei Nacht“ und erste Aufnahmen von Graffiti; fotografiert 1932 Alberto Giacometti, Pablo Picasso und deren Werke für die surrealistische Zeitschrift „Minotaure“; 1933 ergeben über die „Minotaure“ Kontakte zu André Breton, Salvador Dalí, Henri Laurens, Georges Braque, Henri Matisse, die er in ihren Ateliers fotografiert; ab 1937 arbeitet Brassaï für die amerikanische Zeitschrift Harper’s Bazaar; 1960er–1984: In Europa und den USA finden Ausstellungen zu Brassaïs Werk statt; 1984 stirbt Brassaï in Beaulieu-sur-Mer an der Côte d’Azur und wird auf dem Friedhof Montparnasse beerdigt.

Brassaï – Im Atelier und auf der Straße

„Das Auge von Paris“ in Berlin, im Museum Berggruen und in der Sammlung Scharf-Gerstenberg, bis zum 28.08.2011

"Still-Leben vor dem Museumscafé", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Still-Leben vor dem Museumscafé", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

In den Außenstandorten der Neuen Nationalgalerie in Berlin-Charlottenburg gibt es im Museum Berggruen (westlicher Stülerbau) und in der Sammlung Scharf-Gerstenberg (östlicher Stülerbau) eine interessante und informative Doppel-Ausstellung des ungarischen Photographen Brassaï zu sehen. Er gehört neben seinem Landsmann André Kertész und dem Franzosen Henri Cartier-Bresson zu den drei Großen der französischen Fotografie der 1930er Jahre.

Das Besondere an dieser Ausstellung ist, dass man in beiden Häusern Brassaïs Photographien im Zusammenhang mit den Werken anderer zeitgenössischer Künstler sehen kann: Im Museum Berggruen werden Brassaïs im Atelier entstandene Fotografien neben den Werken seiner Künstlerfreunde Picasso, Matisse, Giacometti, Laurens und Braque ausgestellt und in der Sammlung Scharf-Gerstenberg sind Brassaïs auf der Straße entstandene Fotografien anonymer Kratzbilder (Graffiti), zusammen mit den Werken Jean Dubuffets zu sehen.

Brassaïs erste Künstlerportraits und Graffiti-Fotografien entstanden in den 1930er Jahren und gehören – neben seinen Aufnahmen von Paris bei Nacht, deren Veröffentlichung ihn 1932 schlagartig berühmt machte – zu seinen wichtigsten Werkkomplexen. Was ihm anfangs lediglich zum Broterwerb diente, geriet später zur Kunst. „Das Auge von Paris“, wie Henry Miller ihn später nannte, wurde zu einem bedeutenden Vorreiter der künstlerischen Fotografie.

In den beiden nächsten Beiträgen werde ich über die Ausstellung ausführlicher berichten.

www.neue-nationalgalerie.de

Die Sonne scheint nicht mehr für John Walker

Walker Brothers: The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore

"The Sun Ain't Gonna Shine Anymore", Foto © Friedhelm Denkeler 1977

„The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“, Foto © Friedhelm Denkeler 1977

Im letzten Monat starb im Alter von 67 Jahren John Walker, Gründungsmitglied und Frontmann der legendären „Walker Brothers“ in seinem Haus in Los Angeles. Die „Walker Brothers“ traten 1964 im „Hollywood A Go-Go“ in Los Angeles erstmals gemeinsam auf.

Es war jene Zeit, in der die Beatles die USA unsicher machten und sich das kalifornische Trio, Scott ‚Walker‘ Engel (voc, b), Gary ‚Walker‘ Leeds (dr, voc), John ‚Walker‘ Maus (voc, g) im Februar 1965 in die Gegenrichtung auf die Reise nach London begaben, wo sie Mitte der 1960er Jahre eine der beliebtesten Bands Englands wurden.

1966 wurden sie mit ihrem einzigen Welt-Hit und bis heute bekanntesten Song „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ auch in Deutschland berühmt. In England erreichten sie Platz 1. Nach drei Alben trennte sich die Band im Mai 1967 zugunsten von Solokarrieren.

1975 kamen die drei noch einmal zusammen und produzierten drei weitere Alben, aber an ihre früheren Erfolge konnten sie nicht mehr anknüpfen. Ihr größter Hit passt zu meinem heutigen Artikel (leider) sehr gut:

Walker Brothers: „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“.

Er ist als Klassiker in die Geschichte der Rockmusik eingegangen und wird es immer bleiben.

Gelbe Lilien und Lütjen Deile am Steinhuder Meer

"Sumpf-Schwertlilie am Steinhuder Meer", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Sumpf-Schwertlilie am Steinhuder Meer", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Auf einer Wanderung über die Lütjen Deile, ausgehend von Steinhude und immer am Steinhuder Meer entlang gen Westen, sind mir an den sumpfigen Rändern des Sees insbesondere die vielen gelben Sumpf-Schwertlilien (Iris pseudacorus) aufgefallen. Sie blühen von Ende Mai bis Juni und sind giftig. Vielleicht sind diese Aufnahmen der Beginn einer neuen Serie „Wilde Blumen“? Mal sehen, was ich in der nächsten Zeit noch so an „Wildem“ entdecke. Die Jahreszeit verspricht einiges.

Übrigens, das plattdeutsche „Lütjen Deile“, der Beginn unserer Wanderung, steht für „Kleine Teile“. Hiermit sind die kleinen Flurstücke gemeint, die am Meer liegen und ursprünglich Steinhuder Bauern gehörten. Anfangs waren sie mit kleinen Sommerhäuschen bebaut, später wurde durch Zusammenlegung mehrerer Parzellen auch der Bau größerer Häuser möglich. Klein und putzig sind aber alle Flure und Häuser geblieben.

Undine im Steinhuder Meer

"Undine im Steinhuder Meer", © Friedhelm Denkeler 2011

"Undine im Steinhuder Meer", © Friedhelm Denkeler 2011

Es soll als sicher gelten, dass die Geschichte des jungfräulichen Wassergeistes Undine  am Steinhuder Meer ihren Ursprung hat. Der Verfasser der Erzählung „Undine“, Friedrich de la Motte Fouqué, war 1796 als Offizier in Bückeburg stationiert. Der Künstler der modernen Meerjungfrau „Undine“ (auch Undene, lat. unda = Welle, oder auch französisch Ondine = Nixe) des Steinhuders Meeres in Form einer Edelstahlskulptur aus dem Jahr 1994 ist  Hans Jürgen Zimmermann. Nach dem Entwurf des Künstlers zu einem Bühnenbild der Ballettfassung von „Undine“ in der Staatsoper von Hannover entstand die Skulptur.

Horizonte am Steinhuder Meer

"Am Steinhuder Meer mit Blick auf die Insel Wilhelmstein", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

"Am Steinhuder Meer mit Blick auf die Insel Wilhelmstein", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Der große Nachteil einer Großstadt wie Berlin ist, dass man so gut wie nie den Horizont sieht. Also, ein paar Tage auf dem Land verbringen, zum Beispiel in Steinhude am Steinhuder Meer. Mit 29 Quadrat-Kilometern Fläche ist dieses „Meer“ der größte Binnensee Nordwest-Deutschlands. Er wird vorwiegend aus Grundwasser gespeist und ist das Zentrum des Naturparks Steinhuder Meer. Der See befindet sich in der Großlandschaft der Hannoverschen Moorgeest, östlich angrenzend liegt das Tote Moor (siehe Lage hier). Der See bildete sich in einem Becken gegen Ende der letzten Eiszeit vor etwa 14.000 Jahren.

www.naturpark-steinhuder-meer.de

BERLIN, Blicke

Ein Fotopreis schreibt subjektive Stadtgeschichte 1990 bis 2010

"Stillleben an der Elbe bei Schnackenburg", Foto © Friedhelm Denkeler 1980

"Stillleben an der Elbe bei Schnackenburg", Foto © Friedhelm Denkeler 1980

Die heutige Eröffnung der Fotoausstellung im HAUS am KLEISTPARK  kann  ich leider nicht wahrnehmen, weil ich nicht in Berlin bin. Schade, denn die Hälfte der beteiligten Fotografen aus der alten West-Berliner Szene kenne ich gut und hätte gerne gesehen, womit sie sich aktuell beschäftigen.

Der Titel der Ausstellung „BERLIN, Blicke“  wurde in Anlehnung an den Buchtitel von Rolf Dieter Brinkmann „Rom, Blicke“ gewählt. Mit diesem posthum 1979 bei Rowohlt erschienenen Collageband aus Tagebuchtexten und Fotos wurde die Diskussion über Stadtfotografie Anfang der 1980er Jahre nachhaltig angeregt. Eine Ausstellungs-Besprechung werde ich nachreichen, heute  muss der Einladungstext reichen:

„Es gibt Fotos, die sich in das Gedächtnis einschreiben – gerade weil sie nicht versuchen, etwas zu repräsentieren. Sie zeigen das Lebensgefühl einer bestimmten Zeit in Bildern von Stadträumen, Menschen, Architekturen und Dingen. Solche Fotos sind in dieser Ausstellung und einem begleitenden Fotobuch versammelt. Sie eröffnen den Besuchern neue Blicke auf Berlin und bieten ihnen die Chance, subjektive, poetische, kritische und fremdartige Wahrnehmungen zu machen.

Gezeigt werden Foto-Serien von Preisträgerinnen und Preisträgern eines Fotopreises in Schöneberg und Tempelhof, der seit 20 Jahren ausgeschrieben wird. Dieser in Berlins Bezirken einmalige Preis eröffnet eine sehr subjektive Sicht auf 20 Jahre Bezirks-Geschichte und spiegelt zugleich 20 Jahre Stadtfotografie in Berlin wider. Eine Fachjury – zusammengesetzt aus Experten von Fach- und Hochschulen, Kunstvereinen, Museen sowie aus Fotohistorikern und Journalisten – hat auf zwei Dinge geachtet: Erstens, dass in den prämierten Fotoserien etwas Allgemeines über das urbane Leben am Beispiel von Schöneberger und Tempelhofer Motiven zum Ausdruck kommt und zweitens, dass das Niveau der Arbeiten eigensinnig ist und zugleich auch die aktuellen Debatten zur Fotoästhetik und über das gewandelte Selbstverständnis der Fotografen als Künstler aufnimmt.

Die Themen haben die Foto-Künstlerinnen und -Künstler selbst gewählt und über längere Zeit als Projekte realisiert. Auf diese Weise ist eine Sammlung zusammengekommen, deren Spektrum von der klassischen Autoren- und Architekturfotografie bis zur konzeptuellen Fotografie reicht.“

Die beteiligten Fotografinnen und Fotografen sind: Karine Azoubib, Peter Bajer, Ute und Bernd Eickemeyer, Ludovic Fery, Fred Hüning, André Kirchner, Wolf Klein, Hans-Peter Klie, Natalie Kriwy, Karl-Ludwig Lange, Thomas Leuner, Winfried Mateyka, Michael Nager, Ildar Nazyrov, Jens Oliver Neumann, Lothar M. Peter, Nelly Rau-Häring, Florian Rexroth, Wolfgang Ritter, Orit Siman-Tov, Arnd Weider, Janina Wick.

www.hausamkleistpark-berlin.de

Da kam ein Kater und fraß das Zicklein

El Lissitzky und Frank Stella mit Chad Gadya in der Neuen Nationalgalerie

Chad Gadya (Ein Zicklein)

Der Vater kauft ein Zicklein für zwei Pfennig.

Da kam ein Kater und fraß das Zicklein,

da kam der Hund und fraß den Kater,

da kam der Stock und schlug den Hund,

da kam das Feuer und verbrannte den Stock,

da kam das Wasser und löschte das Feuer,

da kam der Ochse und trank das Wasser,

da kam der Metzger und schlachtete den Ochsen,

da kam der Todesengel und tötete den Metzger,

und zuletzt kam Gott und tötete den Todesengel.

Ausschnitt aus "El Lissitzky: Da kam der Hund und fraß den Kater, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Ausschnitt aus „El Lissitzky: Da kam der Hund und fraß den Kater, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Als Zusatzpräsentation zu Frank Stellas „The Michael Kohlhaas Curtain“ im Obergeschoss der Neuen Nationalgalerie (siehe mein gestriger Artikel) befindet sich im Untergeschoss die Ausstellung: El Lissitzky / Frank Stella: Chad Gadya.

Es handelt sich um zwei druckgrafische Folgen aus dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, die beide das Kinderlied „Chad Gadya (Ein Zicklein)“ als Grundlage haben. Dieser erste Raum, der momentan von den beiden Künstlern bespielt wird, dient gleichzeitig als Einstieg in die Sammlungspräsentation „Moderne Zeiten“.

Ausschnitt aus "Frank Stella: Da kam der Hund und fraß den Kater", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Ausschnitt aus „Frank Stella: Da kam der Hund und fraß den Kater“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

1919 schuf Lissitzky ein Heft mit Illustrationen zu dem jüdischen Kinderlied: „Chad Gadya“. Jedes Blatt illustriert einen Vers des Liedes (siehe oben), in dem eine Folge von Zerstörungen ihren unaufhaltsamen Verlauf nimmt. Jede vernichtende Tat verursacht die nächste Verheerung. Irgendwie erinnert das auch an die Geschichte von Michael Kohlhaas.

Im Mai 1981 sah Frank Stella bei einem Besuch im Tel Aviv diese Blätter. Sie inspirierten ihn zu einer eigenen druckgrafischen Serie „Nach Lissitzkys Chad Gadya „, an der er bis 1984 arbeitete. Für Stella markieren diese Grafiken einen Wendepunkt hin zum ausdrucksvollen Gestus und der barocken Vielfalt, von denen seine späteren Arbeiten gekennzeichnet sind.

Der Michael Kohlhaas-Vorhang des Frank Stella

Wenn ein Künstler und ein Ingenieur gemeinsam Kunst produzieren …

"Stellas Michael Kohlhaas-Panorama", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Stellas Michael Kohlhaas-Panorama", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Der amerikanische Maler Frank Stella und der spanische Ingenieur Santiago Calatrava haben gemeinsam ein Kunstwerk geschaffen, das die Neue Nationalgalerie in Berlin, ein bisschen übersteigert vielleicht, als Weltpremiere vorstellt: „The Michael Kohlhaas Curtain“. Wie man auf meinem Photo sieht, hat das Werk im Obergeschoss einen hervorragenden Platz gefunden.

Im Zentrum der Halle steht das kraftvolle, leuchtende Monumentalbild von Frank Stella aus dem Jahr 2008. Als Malgrund diente ihm eine 40 Meter lange Lastwagenplane. Stella ist seit dem Studium mit der deutschen Kultur vertraut, deshalb wählte er als Grundlage für das Bild Heinrich von Kleists Geschichte des „Michael Kohlhaas“. Stella malt rein abstrakt, deshalb muss man schon sehr viel Phantasie besitzen, um eine Geschichte zu erkennen.

Santiago Calatrava hat für das Wandbild eine feingliedrige Architektur aus Stahl entworfen, die das Bild zu einem ringförmigen Panorama in luftiger Höhe werden lässt. Man kann es von beiden Seiten betrachten, also auch aus dem inneren Ring heraus. Michael Kohlhaas, der Rebell griff zur Selbstjustiz und ging daran zu Grunde − in Stella/Calatravas Werk gibt es, bedingt durch das Rund-Panorama, aber weder Anfang noch Ende.

Die Kuratoren schreiben: „Grelle Plastikfarben, dynamische Muster und Strukturen durchbrechen die rigide Strenge des Mies van der Rohe-Baus. Kunst, Literatur und Architektur verbinden sich zu einer energetisch ausstrahlenden Installation, die jenseits aller Kategorien steht.“

Berühmt wurde Frank Stella mit den „Shaped Paintings“ − ausgeschnittenen malerischen Formen, mit denen er in den Raum vorstößt. Fast immer sind die Arbeiten literarisch oder philosophisch begründet. Calatrava nimmt stets eine Form, oft eine tierische oder organische, zum Ausgangspunkt seiner Arbeit. Er schafft gleichfalls als Architekt filigrane Brücken und Bogenbauten, so z.B. in Berlin die Kronprinzenbrücke im Regierungsviertel.

Die Ausstellung ist noch bis zum 14. August 2011 in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Den zweiten Teil der Ausstellung, Frank Stellas Mappenwerk aus den 1980er Jahren „Illustrations after El Lissitzky’s Had Gadya“, das gemeinsam mit den Vorbildern, den Lithografien von El Lissitzky im Untergeschoss der Neuen  Nationalgalerie präsentiert wird, werde ich übermorgen vorstellen.

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