Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

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Das bewegte Leben von Roy Orbison spiegelt sich in seinen Songs wieder. „Roys Songs handelten weniger von Träumen, seine Songs waren Träume“ [Tom Waits]

I close my eyes, Then I drift away | Into the magic night. I softly say | A silent prayer like dreamers do. | Then I fall asleep to dream My dreams of you. | In dreams I walk with you. In dreams I talk to you. | In dreams you’re mine. All of the time we’re together | In dreams, In dreams [Roy Orbison in „In Dreams]

„Ich hasse es zuzugeben, aber Sie können eine Rolle nur spielen, wenn sie irgendwo in Ihrer Psyche steckt. Die Leute realisieren nicht, wie groß das Unterbewusstsein ist. Es ist wie die Unendlichkeit.“ [Dean Stockwell]

Gleich drei Mal hörte ich in dieser Woche Songs von Roy Orbison in Darbietungen der darstellenden Künste:

Roy Orbison: "(Oh) Pretty Woman", 1964, Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler
Roy Orbison: „(Oh) Pretty Woman“, 1964
Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler

Einmal war Roy Orbisons Stimme im Kultfilm „Blue Velvet“ von David Lynch mit Isabella Rossellini und Dennis Hopper aus dem Jahr 1986 zu hören. Ben (Dean Stockwell) performed hier den Song „In Dreams“ im Playback, solange bis Frank Booth (Dennis Hopper) es vor Schmerz ob des melancholischen Liedes nicht mehr aushält und den Stecker des Kassetten-Recorders zieht.

Die unheimliche Lippensynchronisation von Ben lässt darauf schließen, dass nicht nur bei Frank Booth, sondern auch im Inneren des Zuhälters etwas im Verborgenen liegt. Nach dieser Performance klingt der Song nicht mehr wie vorher. Und im Hintergrund tritt Dorothy Vallens (Isabella Rossellini) in ihrem Morgenrock aus blauem Samt in das Zimmer…

Ein zweites Mal hörten wir In Dreams im Theater O-TonArt in der Kulmer Straße. Hier trat der in Frankfurt geborene Sänger Bastian Korff zusammen mit dem Berliner Pianisten Florian Ludewig unter dem Titel „Rock ’n‘ Roll & Remmidemmi“ auf. Neben den dargebrachten eigenen Kompositionen coverten die beiden Künstler verschiedenste Rock-Balladen von Roy Orbison („In Dreams“), über Dion and The Belmonts („A Teenager in Love), Elvis Presley, David Bowie bis zu Bonnie Tyler („Turn Around – Bright Eyes“).

Korff als Sprecher, Schauspieler, Sänger und Texter und Ludewig als Pianist und Komponist sind wahre Multitalente für sich, aber auf der Bühne waren sie als Team unschlagbar: spontan, witzig und so herrlich unperfekt wie man nur sein kann, wenn man die Perfektion beherrscht, bescherten sie dem begeisterten Publikum ein Feuerwerk an Ideen und Gefühlen. Einer der schönsten Theaterabende der letzten Zeit. Im September wollen sie wieder gemeinsam in Berlin im Theater O-TonArt auftreten. Wir freuen uns sehr!

Im Berliner Ensemble gab es in der von Leander Haußmann inszenierten Soldatenstudie Woyzeck nach Georg Büchner eine Szene, die Roy Orbisons „Blue Bayou“ enthielt. Und zwar in einer Szene in der Militär und Jahrmarkt zusammenfließen. Die Soldaten lassen sich von der Marktschreierin wie dressierte Pferde im Kreis herumführen. Unter den Klängen von „Blue Bayou“ besteigen sie bunte Ballontiere zu einer Karussellfahrt in perfekt inszenierter Slow Motion. So schön haben wir das im Theater noch nie gesehen.

Die „schwarze“ Bühne ist vollkommen leer, das Bühnenbild stellen allein die dreißig Soldaten dar, die im stampfenden Rhythmus über die Bretter ziehen. Laufend werden exzessiv Songs eingespielt, wie Nancy Sinatras“ These Boots Are Made For Walking“ oder Melanies „Nickel Song“, denn bei Leander Haußmann gehört die Musik dazu. Wir erlebten einen großen Theatermoment. Hier habe ich die beiden Originale von Roy Orbison herausgesucht:

Roy Orbison: „In Dreams“ (1963) (Ersatzlink, nur Audio)
Roy Orbison: „Blue Bayou“ (Ersatzlink, nur Audio)

Roy Orbison merkte zu „In Dreams“ an: „Ich wachte morgens auf und der Traum war immer noch da und nach 20 Minuten hatte ich den Song fertig“. Der Song weist keine der üblichen Strophen mit einem Refrain auf, sondern ist eher als Mini-Epos in drei Minuten anzusehen. Seine unvergleichliche melancholische Stimme kommt hier besonders gut zur Geltung. Seine Songs handeln von der Seele und ihrem Schmerz und so entstehen oft komplette Dramen der Leidenschaften in Kurzform.

Roy Kelton Orbison (* 23. April 1936, Texas; † 6. Dezember 1988, Tennessee) hatte ein bewegtes und nicht immer einfaches Leben hinter sich. Seinen ersten Hit hatte Roy 1956, passend zur damaligen Rock ’n‘ Roll-Zeit, mit „Ooby Dooby“. Den Durchbruch erreichte er 1960 mit „Only The Lonely“. Warum trug Roy immer eine Sonnenbrille? Angeblich hatte der stark kurzsichtige Roy bei einem Konzert 1963 seine Brille vergessen und musste notgedrungen mit einer Sonnenbrille auftreten; von da an wurde sie zu seinem „Markenzeichen“.

Seinen größten Hit hatte er 1965 mit „Pretty Woman“. Eine schwierige Phase folgte in seinem Leben. Er wurde von privaten Schicksalsschlägen betroffen: Seine erste Frau starb bei einem Motorrad-Unfall und zwei seiner drei Söhne kamen bei dem Brand seines Landhauses ums Leben. Nach Pretty Woman blieben die großen Erfolge aus; eine Ausnahme bildet das nach seinem Tod erschienene „I Drove All Night“. 1987 wurde er in die „Rock and Roll Hall of Fame“ augenommen und 2010, also zwanzig Jahre nach seinem Tod, erhielt Orbison einen Stern auf dem „Hollywood Walk of Fame“.

Aus den 52 Songs, die sich zurzeit in meinem Rockarchiv befinden, habe ich meine Top-Ten von Roy Orbison zusammengestellt:

  1. „I Drove All Night“ (1992)
  2. „California Blue“ (1989)
  3. „It’s Over“ (1964)
  4. „In Dreams“ (1963)
  5. „Crawling Back“ (1966)
  6. „Blue Bayou“ (1963)
  7. „Only The Lonely“ (1960)
  8. „You Got It“ (1989)
  9. „Running Scared“ (1962)
  10. „(Oh) Pretty Woman“ (1965)

Es wurde Zeit, dass ich im „Journal“ einen meiner Lieblingssänger vorgestellt habe. „I Drove All Night“ steht, seit ich den Song kenne, unangefochten an der Spitze, aber auf eine einsame Insel würde ich alle zehn mitnehmen.

Ein weihnachtliches Märchen als Vorgeschichte zu den Berliner Diven

Es war einmal eine Druckerei in der Kulmer Straße 20a.  Im Märchen kommt spätestens jetzt die gute Fee, schwingt dreimal ihren Zauberstab und kurz darauf sind alle Wünsche in Erfüllung gegangen. Alternativ ließe sich auf die „Sieben Zwerge“ oder „Das tapfere Schneiderlein“ hoffen. Nein, es war alles ganz anders. Also ziemlich harte Arbeit.

Nach etlichen Jahren auf Tournee und Gastspielen an verschiedenen Bühnen, suchten die legendären O-TonPiraten eine feste Spielstätte und fanden sie, wie im Märchen, direkt vor ihrer eigenen Tür im Schöneberger Kiez. Nebenbei gesagt, glaube ich, dass eine gute Fee eventuell hier doch ihre Hände im Spiel gehabt hat, aber das bleibt unter uns. In Eigenregie und weil viele ihrer Freunde schon lange einmal Keller und Dachboden aufräumen wollten, zauberten sie das Theater O-TonArt hervor, das mit seinem Mobiliar nicht nur Charme und Patina verschiedener Epochen ausstrahlt, sondern seit nunmehr fünf Jahren Stammpublikum und Gäste verzaubert.

Auf der Bühne stehen bekannte und noch weniger bekannte Künstler; es gibt Eigenproduktionen, Gastspiele und bunte Abende und noch mehr Pläne für kommende Zeiten. Was dieses Theater aber besonders liebenswert macht, sind seine Gastgeber. Wo sonst wird man noch mit freundlichen Worten persönlich an seinen Platz geleitet? Alle Zauberwesen, die Sie dort abendlich sehen, sind ehrenamtlich tätig. Also doch wie im Märchen?

"Ein Pianeur, eine Dame und ein Herr" (Berliner Diven, Florian Ludewig, Sabine Schwarzlose, André Fischer v.l.n.r), Foto © Frank Wesner & Theater O-TonArt
„Ein Pianeur, eine Dame und ein Herr“ (Berliner Diven, Florian Ludewig, Sabine Schwarzlose, André Fischer v.l.n.r), Foto © Frank Wesner & Theater O-TonArt

Nicht ganz oder fast doch, denn auch im Märchen müssen die Helden gegen das Böse kämpfen und sei es auch nur, dass es in Form nicht bewilligter Förderanträge und anderer Widrigkeiten daher kommt. Wahre Helden besinnen sich auf ihre eigenen Kräfte und so geschah es auch in diesem Jahr als eine Produktion platzte. Aller guten Dinge sind drei und so nahmen „Eine Dame. Ein Herr. Ein Pianeur“ sich mutig der Sache an und stellten innerhalb kürzester Zeit die Berliner Diven so genial auf die Bühne, dass man wünscht, der Abend würde nie enden.

Die Brüder Grimm, die nur wenige Meter entfernt auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof ihre Ehrengräber haben, wären mächtig stolz auf diese heldenhaften Retter der darstellenden Kunst gewesen. Und weil bald Weihnachten ist und weil ohne Märchen, Träume und gute Feen das Leben ärmer wäre, soll noch einmal dezent auf die aktuelle Produktion hingewiesen werden. Und Helden sollen genannt werden: Sabine Schwarzlose, André Fischer und Florian Ludewig haben unter der Regie von Gregor Mönter die Diven zum Leben erweckt und dies so zauberhaft, wie es eigentlich nur im Märchen sein kann. Auf dass es heißen möge: „Und sie spielen vergnügt bis an ihr Ende!“

Am 13.12.2014 um 19.30 Uhr und 14.12.2014 um 15.00 Uhr im “Theater O-TonArt”, Kulmer Straße 20a, 10783 Berlin und wieder am 23., 24. Januar 2015 (je 19.30 Uhr) und 25. Januar 2015 (15 Uhr). Siehe auch: Acht Berliner Diven plus eine im Theater O-TonArt.

Website Theater O-TonArtBerliner Diven bei Facebook

Der Olymp hat seine neun Musen – Berlin hat seine Diven

"Berliner Diven", Foto & Grafik Theater O-TonArt
„Berliner Diven“, Foto & Grafik Theater O-TonArt

Die neun Musen des Olymp sind die Schutzgöttinen der Künste. Und ganz nahe bei den Göttinnen thronen die Diven. Und Diven hatten und haben in Berlin immer ihren festen Platz. Und nun stehen sie endlich wieder auf einer Bühne und dürfen sich feiern lassen. Und sie werden gefeiert.

Wenn vermeintliche Diven abspringen, dürfen echte Diven ihr wahres Gesicht zeigen. Was aus einer real geplatzten Produktion werden kann und wenn Künstler mit Können und Engagement die Sache selbst in die Hand nehmen, um eine angesetzte Premiere zu retten, zeigt sich im Schöneberger Theater O-TonArt.

Hier geben sich acht Diven unter der Regie von Gregor Mönter ein Stelldichein. In die Rollen und den Habitus von Fritzy Massary und Claire Waldoff, Zarah Leander und Marlene Dietrich, Marika Rökk und Evelyn Künneke, Hildegard Knef und Helga Hahnemann schlüpfen Sabine Schwarzlose und André Fischer.

Florian Ludewig begleitet den Abend am Flügel und dank seines ausgeglichenen Charakters und Charmes, eskaliert der Zickenkrieg am Abend nur ansatzweise. Sabine und André machen den Diven alle Ehre und zelebrieren sie samt ihrer Exzentrik und Empfindlichkeit mit einem echt Berliner Augenzwinkern und voller Esprit.

Denn eigentlich hat „sie“ absolut keine Lust mehr auf Diven und Angst, ihre Stimme damit zu ruinieren – keine Angst, „sie“ schafft den Abend spielend; „er“ hingegen fühlt sich gefordert, alles und noch mehr zu geben und wird als Moderator/in und Interpret/in der Diven größte/r Konkurrent/in.

Einen solch grandios unterhaltsamen Abend hat Berlin schon lange nicht mehr gesehen und weil neben der Unterhaltung auch die einzelnen Biografien beleuchtet werden, werden die „Berliner Diven“ von mir als Bildungsprogramm empfohlen. Das Geheimnis, der nicht im Programm erwähnten neunten Diva, müssen Sie selber erkunden. Der griechische Olymp ist jedenfalls ganz nahe und der Mythos lebt in der Stadt, die gerne auch Spree-Athen genannt wird, weiter. Kommen, Sehen, Staunen und bitte achten Sie auf die Kostüme!

Am 13.12.2014 um 19.30 Uhr und 14.12.2014 um 15.00 Uhr im „Theater O-TonArt“ und wieder am 23., 24. und 25. Januar 2015. Website Theater O-TonArtBerliner Diven bei Facebook

Das gibt’s doch gar nicht!

Aufgewachsen bin ich in Ost-Westfalen, aber in Bielefeld bin ich nie gewesen. Seit circa zehn Jahren kursiert das Gerücht, dass es Bielefeld gar nicht gibt. Hinzu kommt, dass die Autobahn-Abfahrten nach Bielefeld auf der „A2“ vor ein paar Jahren mit orangefarbenen Klebestreifen durchgestrichen wurden.

Seit dieser Zeit hält sich hartnäckig das Gerücht der „Bielefeld-Verschwörung“, die die Existenz der Stadt in Frage stellt. Außerdem wird Bielefeld als „Running Gag“ mindestens einmal in jeder Folge der Fernsehserie „Wilsberg“, die in Münster spielt, erwähnt oder der Name steht irgendwo geschrieben. Angeblich wohnt der zuständige ZDF-Redakteur in Bielefeld. Wer’s glaubt …

"Bielefeld – Nach dem Weinfest", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Bielefeld – Nach dem Weinfest“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Überzeugen wir uns von den Gegebenheiten einmal selbst. TomTom kennt Bielefeld, aber das kann bereits Teil der Verschwörung sein. Kennen Sie etwa jemanden aus Bielefeld? Na bitte! Dann die Überraschung: Im Hotel wurden wir bereits erwartet. Mit dem Auto ging es im Fahrstuhl (sic!) in die Tiefgarage und unser Zimmer hatte einen herrlichen Blick auf die Altstadt. Rund um die Nicolaikirche fand zudem ein Weinfest statt. Alle 328.316 Bielefelder schienen am Samstagabend hier vertreten zu sein. So „voll“ ist es nicht einmal in Berlin.

Am Sonntag besuchten wir die große Eröffnung der Ausstellung „Die Bielefelder Schule. Fotokunst im Kontext“, eine der besten Ausstellungen, die ich in der letzten Zeit gesehen habe (siehe „Bielefeld – Ein weites Feld für die Fotografie„). Der Beweis war erbracht: Bielefeld gibt es wirklich und zwar seit 800 Jahren. Es scheint also nichts dran zu sein – an der Bielefeld-Verschwörung. Oder? Die 800-Jahr-Feier der Stadt steht übrigens unter dem Motto „Das gibt’s doch gar nicht!“.

Theater O-TonArt in Schöneberg in Not – Ein Spendenaufruf

„Durchs Ehrenamt in die Insolvenz“, so fasst Theaterleiter Bernd Boßmann seine aktuelle Situation zusammen. Vor fünf Jahren gründet er das Theater O-TonArt in der Schöneberger Kulmer Straße 20a. Ohne jegliche Subventionen und mit Hilfe von zehn Ehrenamtlichen bringt Boßmann seitdem Shows, Solo-Abende und klassische Stücke auf die Bühne. Die auftretenden Künstler erhalten ihre Gage,  die Ehrenamtlichen machen ihrem Namen alle Ehre und das Publikum liebt die Bühne. Soweit so gut.

Eine kräftige Mieterhöhung seitens der Gewobag, Gema-Gebühren und Nachzahlungen an die Künstlersozialkasse bedrohen ganz akut diese noch einzig im Kiez verbliebene Spielstätte. Um sie zu retten, hat Theaterleiter Boßmann eine Pressemitteilung veröffentlicht und bittet mit einer guten Idee ganz dringend um Spenden engagierter Berliner und Idealisten. Wer mehr als 1 Euro für das Theater O-TonArt spendet, bekommt zum Dank und gegen Vorlage des Einzahlungsbelegs im nahe gelegenen Café finovo auf dem St. Matthäus-Kirchhof eine von ihm kreierte Berliner Brause, die Berlinade, geschenkt.

Bernd Boßmann habe ich 2013 als Finalisten beim Deutschen Engagementpreis vorgestellt. Seit acht Jahren ist er in Schöneberg sozial und kulturell engagiert. Urkunden hat er mittlerweile genügend; was er nun braucht ist Geld, um den Pfändungsbescheid vom Finanzamt abzuwenden. Wer mit mindestens 1 Euro dabei sein möchte, der notiert sich bitte die folgenden Kontaktdaten: Bernd Boßmann, Commerzbank 100 400 00, Konto-Nr. 273 3939 00, Stichwort Berlinade. Im Gegensatz zu den subventionierten Bühnen leistet sich das Theater O-TonArt übrigens keine Sommerpause, sondern bringt im August „Felix Krull“, „Allerdings Ringelnatz“ und „An Evening with Marlene D.“ auf die Bühne. Und wie heißt es so schön in der Dreigroschenoper: „Ist das nötige Geld vorhanden, ist das Ende meistens gut“. Wir wünschen es Bernd von Herzen.

"Oma Kläre's Kabinett der kuriosen Köstlichkeiten”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Oma Kläre’s Kabinett der kuriosen Köstlichkeiten”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Mein Foto ist gestern Abend im Theater O-TonArt bei „Oma Kläre’s Kabinett der kuriosen Köstlichkeiten“ entstanden. Oma Kläre (Bernd Boßmann) präsentierte illustre Überraschungsgäste, unter anderem Tima die Göttliche, Dieter Rita und Schmidtke der zerfallene Engel. Zukünftig will Oma Kläre immer am letzten Montag des Monats in „Berlins Hoftheater für königliche Unterhaltung“ einladen.

www.o-tonart.de | www.cafe-finovo.de | www.berlinade.com | www.rbb-online.de

Michael Schmidt *6. Oktober 1945, †24. Mai 2014

„Der Fotograf Michael Schmidt, einer der renommiertesten Fotokünstler Deutschlands, ist mit 68 Jahren gestorben. Wie sein Galerist Claes Nordenhake der Nachrichtenagentur dpa am Sonntag bestätigte, erlag Schmidt am Samstag in Berlin einer langen, schweren Krankheit.“ Berliner Zeitung, 26.05.2014

„Die traurige Nachricht folgte unmittelbar einer guten. Am Mittwoch erst hatte Michael Schmidt in London den Prix Pictet zuerkannt bekommen … begleitet von einer Ausstellung seiner Bilder im Victoria & Albert Museum. Jetzt ist Schmidt … im Alter von 68 Jahren in Berlin verstorben … Es steckte von Anfang an ein tiefer Humanismus in der Arbeit Schmidts, der sich nur durch Schroff- und Kargheit effektiv gegen jede Rührseligkeit zu wappnen verstand.“ Südeutsche.de, 26.05.2014

„Es gilt noch aufzuarbeiten, was Michael Schmidt für die künstlerische Fotografie in Deutschland geleistet hat. Nicht nur mit seiner singulären Bildsprache und seinen schonungslosen Vivisektionen des deutschen Bildgedächtnisses; auch in seinem Engagement für andere. Als die Fotografie noch um ihre Anerkennung als Kunstgattung rang, gründete er 1976 … in Kreuzberg die Werkstatt für Photographie und betrieb dort umfassende Diskurs- und Szenenbildung – mit Ausstellungen US-amerikanischer Klassiker wie Walker Evans oder Paul Strand und Seminaren internationaler Kollegen wie William Eggleston und John Gossage.“ DER TAGESSPIEGEL, 25.05.2014

"Michael Schmidt in einem Gartenlokal in Köln anlässlich der Ausstellung 'Michael Schmidt und Schüler' in der Galerie der DGPh am 2. August 1980", Foto © Friedhelm Denkeler 1980
„Michael Schmidt in einem Gartenlokal in Köln anlässlich der Ausstellung ‚Michael Schmidt und Schüler‘ in der Galerie der DGPh am 2. August 1980“, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

„Bekannt wurde Schmidt mit seinen kompromisslosen Porträts der Mauerstadt. Mit Bildern, über die das Magazin ‚New Yorker‘ schrieb, sie ließen im Vergleich selbst Thomas Struths Arbeiten ‚dekorativ‘ erscheinen. Mit der Serie ‚Waffenruhe‘, die 1988 im Museum of Modern Art gezeigt wurde, feierte Schmidt seinen internationalen Durchbruch. Von 1991 bis 1994 entstand ‚EIN-HEIT‘, eine radikale Collage aus Vorkriegszeit, Mauerzeit und Wendejahren; Honecker, Göring, Adenauer, RAF-Terroristen.“ monopol, 24.05.2014

„Als Fotograf war er Autodidakt, als Künstler autonom. Michael Schmidt hat Berlin abgebildet wie es war, den Beton und die Punks … Schmidts Fotografien sind zutiefst persönlich, politisch und poetisch. Ohne narrativ zu werden, öffnen sie den Blick für gesellschaftliche Umbrüche, für Lebensbedingungen in der Stadt und in der Provinz. Sie sind durch vielfache Bezüge in der Fotografie- und Kunstgeschichte verortet und gleichsam völlig eigenständig“ DIE WELT, 25.05.2014

„Im Alter von 20 Jahren begann er, sich das Fotografieren als Autodidakt beizubringen. Er selbst sah sich als neutralen Dokumentaristen. Bekannt wurde er vor allem durch seine umfangreichen Fotoserien, an denen er jeweils mehrere Jahre kontinuierlich arbeitete. 1975 gründete er die Werkstatt für Photographie an der VHS Kreuzberg, die zum bedeutendsten internationalen Forum für die Diskussion über Fotografie in West-Berlin avancierte. “  SPIEGEL ONLINE, 24.05.2014

„Für die zuletzt ausgezeichnete Serie „Lebensmittel“ hatte er fünf Jahre lang 26 Reisen durch Europa unternommen. In Lachsfarmen, Brotfabriken, Milchviehbetrieben, Schlachthöfen und Gemüsebetrieben nahm er auf, wie Lebensmittel industriell produziert werden … Die Fotoserie war im vergangenen Jahr auch im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen.“ Berliner Morgenpost, 25.05.2014

Siehe auch „Fragile – Lato Da Aprire

A butterfly heart flies right past you. Wedekinds „Lulu“konzertant als Rockkonzert im Berliner Ensemble

Kein anderer Musiker hat sich wie Lou in seiner goldenen Zeit in unsere Träume und Albträume geschlichen: Er war das dreiste Klanggenie, er war zornig und widerspenstig und wimmerte doch innerlich vor Verletzlichkeit [Rufus Wainwright über Lou Reed]

Robert Wilson (*1941) hat bisher am Berliner Ensemble (BE) vier Stücke inszeniert: “Die Dreigroschenoper” mit der Musik von Bertold Brecht/Kurt Weil (siehe hier), “Shakespeares Sonette”mit der Musik von Rufus Wainwright (siehe hier) Matthew/ Kästners “Peter Pan” mit der Musik und den Songs von CocoRosie und Wedekinds “Lulu” mit der Musik und den Songs von Lou Reed.

"Lulu konzertant: A Tribute to Lou Reed", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Lulu konzertant: A Tribute to Lou Reed“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Wedekinds “Lulu” habe ich noch nicht gesehen, aber am Sonnabend gab es im komplett ausverkauften BE zur Erinnerung an den am 27. Oktober 2013 im Alter von 71 Jahren in New York verstorbenen Lou Reed eine konzertante Aufführung. Schauspieler traten in ihren Kostümen aus Lulu auf; Robert Wilson persönlich stand auf der Bühne, gab eine Einführung und gedachte gemeinsamer Begegnungen und die Musiker lieferten ein feines Rockkonzert ab. Wir hörten und „sahen“ die Songs, die Reed für Lulu komponierte. Herausgesucht habe ich den schönsten Song „Iced Honey“, den Lou Reed mit der Band Metallica für das Doppel-Album „Lulu“ einspielte:

Lou Reed & Metallica: „Iced Honey“

Alle Songs des Albums können Sie hier hören und auch die entsprechenden Texte dazu finden. Die Geschichte von Lou Reed zu erzählen, der seit 2008 mit Laurie Anderson verheiratet war, bleibt einem weiteren Artikel vorbehalten; aber einige Stichwörter will ich nennen: Reed trat zusammen mit John Cale und zwei weiteren Musikern in der von Andy Warhol geförderten Band unter dem Namen „The Velvet Underground“ ab 1965 auf. Sie war kommerziell nicht erfolgreich, man kann sie aber als einflussreichste Underground-Band bezeichnen. Ihr erstes Album war „The Velvet Underground & Nico“ – das berühmte mit dem Bananencover. Ab den 1970er Jahren arbeitete Reed als Solist, besonders bekannt wurde der Song „Walk on the Wild Side“. 2011 arbeitete er mit der Band „Metallica“ zusammen.

No matter what you say, no matter what you do/ A butterfly heart flies right past you/ There’s nothing to say, nothing to do/ See if the ice will melt for you/ Iced honey [aus „Iced Honey“]

Am Ende ist die Bühne genauso leer wie am Anfang [Botho Strauss]

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage. Oder: The Death is not the End

Oh, the tree of life is growing/ Where the spirit never dies/
And the bright light of salvation shines/ In dark and empty skies [Bob Dylan]

Vor Beginn der Aufführung leuchtet auf dem noch geschlossenen Vorhang im Berliner Ensemble, wie von Zorros Säbel in den Stoff geschnitten, der helle Schriftzug „Hamlet“ auf. Wir sind also im richtigen Theater und freuen uns auf Leander Haußmanns Interpretation von William Shakespeares „Hamlet – Prinz von Dänemark“ und auf die Musik von „Apples in Space“.

Und wir sehen und hören für 3½ Stunden „richtiges“ Theater: Blitze zucken und der Donner grollt, Nebel wabert über die Bühne, Pistolenschüsse peitschen durch den Raum, Säbel rasseln, der alte König (oder ist es nur sein Geist?) tritt nackt auf, obwohl er ermordet wurde, ein „Zuschauer“ wird auf die Bühne gezerrt, Hamlet liegt mit seiner Ophelia nackt im Liebesbett, Theaterblut wird in Mengen vergossen und verspritzt (für die Zuschauer in den ersten Reihen liegen Decken bereit), Mord aus Rache, Selbstmord aus Liebeskummer, eine Theatertruppe tritt zwischendurch auf; also alles was das Theater hergibt hat Haußmann aufgefahren.

Die Geschichte von Hamlet, die ich hier sicherlich nicht erzählen muss, spielt auf dem Schloss Helsingör, das dank der Drehbühnentechnik mit einem aufgebauten Labyrinth aus unterschiedlich hohen Wänden von den Schauspielern viel an Bewegung verlangt. Einzig das Gitarren-Akkordeon-Duo „Apples in Space“ bringt die notwendige Ruhe in das Spiel. „Lange hat man die Schauspieler des Hauses nicht so stark gesehen. Am Berliner Ensemble wird Theater gespielt.“ [Der Tagesspiegel]. Der Rest ist Schweigen.

"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage", Foto © Friedhelm Denkeler 2003
„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“, Foto © Friedhelm Denkeler 2003

Am Ende der Aufführung leben alle ermordeten und verstorbenen Figuren wieder auf und springen munter auf der Bühne zur Musik von „Apples in Space“ mit dem Song „The Death is not the End“ herum. Das Duo, das zwischendurch auch im Engelskostüm auftritt, besteht aus Julie Mehlum und Philipp Haußmann (Leander Haußmanns Sohn). Bekannt wurden die beiden aus dem Film „Hai-Alarm Am Müggelsee“ (Sven Regener/ Leander Haußmann) mit ihrem Song „Vespa„. In Hamlet begleiten sie das Stück mit viel düsterer Rockmusik von „The Death is not the End“ bis „The Carneval is over“.

Der Song von Bob Dylan „The Death is not the End“ erschien 1988 auf seinem Album „Down In the Groove“. Herausgesucht habe ich aber die, wie ich finde, bessere Version von Nick Cave & The Bad Seeds mit Kylie Minogue aus dem Jahr 2011 (vom Album „Murder Ballads“):

Nick Cave & The Bad Seeds: „The Death is not the End“

Die australischen Pop-Gruppe „The Seekers“ hatte 1965 mit dem Song „The Carnival Is Over“ einen Nummer-1-Hit in England. Auch diesen Song hat Nick Cave gecovert. Aber hier ist der Original-Song:

The Seekers: „The Carnival Is Over“

This will be our last goodbye/ Though the carnival is over/
I will love you till I die [The Seekers]

Guten Tag, Guten Tag, sind Touristen heute da?
Steht Ihr Bus gleich vor der Tür oder kam’ Se mittem Rad?
Denn Touristen fahrn gern mit dem Fahrrad durch die Stadt,
dabei wissen die doch gar nicht,  wie man Fahrrad fährt.
[aus: Thilo Bock: „Sei laut, sei im Weg, sei nicht von hier!“]

"Thilo Bock", Foto © Friedhelm Denkeler 2013
„Thilo Bock“, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Letzte Woche konnten wir den Ur-Berliner Autor Thilo Bock bei einer Lesung in der Agentur „Komet“ erleben: Politisch inkorrekt, aber immer mit einem Augenzwinkern und herrlich erfrischend.

2009 erschien sein erster Roman „Die geladene Knarre von Andreas Baader – Historischer Gegenwarts-Roman“, 2011 „Senatsreserve: Ein Provinzroman“ und „Dichter als Goethe: Heiligenlegenden und Geschichten aus Spaß“ erschien 2013.

Weil Thilo sowieso alles besser ausdrücken kann, zitiere ich aus dem Klappentext der „Senatsreserve“: „Thilo Bock, 1973 in Berlin geboren, verbrachte seine lange Jugend im Außenbezirk Reinickendorf. Das Märkische Viertel besuchte er nur stundenweise.

Inzwischen lebt er zentraler. Regelmäßig liest, singt und trinkt er vor Publikum. So bei seiner monatlichen Randveranstaltung Dichter als Goethe. Im Wedding ist er weltberühmt. Er leitet eine Schreibwerkstatt und ex-perimentiert mit Nahrungsmitteln“.

Fein nuanciert setzt Thilo Bock seine Pointen und es folgt eine auf die andere. Geistreich und mit scharfsinnigem Witz und nicht ohne schauspielerische Ambitionen verführt er sein Publikum.

Dieses lag ihm längst zu Füßen als er sich vor den Füßen desselben niederließ und auf einem Harmonium, einem traditionellen indischen Musikinstrument (siehe Foto) seine Sangeskunst zum Besten gab. Wir lauschten der dramatischen Darbietung „Nacktmulle kennen keinen Schmerz“ mit großer Andacht. Am Ende konnten keine Bücher mehr erworben werden, Thilo hatte zu wenig mitgebracht. Wer aber eines mit nach Hause nehmen durfte, den wird seine persönliche Widmung noch lange erfreuen. Sabine dankt herzlich!

Für heute habe ich den folgenden Song bei YouTube herausgesucht:

Thilo Bock: „Sei laut, sei im Weg, sei nicht von hier!“

www.thilo-bock.de