Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

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Weiße Streifen auf weißem Untergrund

"Weiße Streifen auf weißem Untergrund"("Kunst" von Yasmina Reza im Berliner Ensemble), Foto © Friedhelm Denkeler 2018

“Weiße Streifen auf weißem Untergrund” (“Kunst” von Yasmina Reza im Berliner Ensemble)
Foto © Friedhelm Denkeler 2018

“Serge hat sich für eine beachtliche Summe ein Gemälde gekauft: weiße Streifen auf weißem Untergrund. An diesem Bild entzündet sich der Streit zwischen drei Freunden, in dessen Verlauf sich ihr Leben und ihre Beziehungen grundlegend ändern. Serge begeistert sich für das Gemälde, Marc bekämpft es auf das Heftigste und Yvan bezieht, da er es sich mit keinem der anderen verderben will, keine Stellung. Das Kunstwerk dient als Katalysator, mit dessen Hilfe Yasmina Reza auf psychologisch fein gezeichnete Weise die drei Männer, ihre Gefühle, ihre Befindlichkeit, ihre Freundschaft, ja ihr gesamtes bisheriges Dasein auf den Prüfstand stellt – eine wortgewandte Komödie über die Halbwertszeit von Freundschaften für ein furioses Schauspieler-Trio.” [Berliner Ensemble]

“Lachen schützt, entschärft, erleichtert, rettet. Sinn für Humor zu haben, in der erhabenen Bedeutung des Wortes, also nicht nur über Witze zu lachen, sondern über sich selbst lachen zu können, ohne Tabu, und jederzeit von Lachen geschüttelt zu werden – das ist eine beneidenswerte Gabe. Wer sie hat, ist vom Schicksal oder von den Göttern gesegnet. Das Lachen stellt das Vertrauen in uns selbst wieder her, es erhebt uns über die Situation. Das Drama von ‘Kunst’ ist ja nicht, dass sich Serge das weiße Bild kauft, sondern dass man mit ihm nicht mehr lachen kann. Wenn Sie mit einem Freund lachen können, dann können Sie alle möglichen Differenzen mit ihm haben. Sie können sogar schwarzweiß denken, bis zu einem gewissen Grad, wenn Sie über diese Differenzen lachen können, denn eine Freundschaft ist jenseits von Meinungen begründet. Wenn man nicht mehr lachen kann, gewinnt die Meinung die Oberhand, und es gibt nichts mehr jenseits von ihr.” [Yasmina Reza]

Zwei Opern live und im Film – Quadratur des Kreises

Berlin-Premiere des Operndoppels “The Bear/ La voix humaine”
von Axel Ranisch im Theater “KLICK-O-TonArt” in Berlin-Schöneberg

Heiko Pinkowski (Film) und Stefanie C. Braun (live), Berlin-Premiere "The Bear/ La voix humaine" von Axel Ranisch im Theater "KLICK-O-TonArt", Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Heiko Pinkowski (Film) und Stefanie C. Braun (live), Berlin-Premiere “The Bear/ La voix humaine”
von Axel Ranisch im Theater “KLICK-O-TonArt”, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Seit April 2018 hat das KLICK Kino ein neues Zuhause im Theater O-TonArt in der Kulmer Straße 20a in Schöneberg gefunden. Durch die Zusammenarbeit von Bernd Boßmann (Theater O-TonArt) und Christos Acrivulis (KLICK) ergeben sich völlig neue Perspektiven in Sachen Theater und Filmkunst. Und was würde da besser passen als die gestrige Berlin-Premiere des Operndoppels “The Bear/ La voix humaine” vom Berliner Regisseur Axel Ranisch. Ranisch hat die Doppeloper “The Bear/ La voix humaine” für die Bayerische Staatsoper entwickelt.

In den beiden Einaktern geht es um zwei Frauen, die sich in die falschen Männer verliebt haben oder so ähnlich. Wie das in Opern eben ist, versteht man ohne Kenntnis des Inhalts nicht unbedingt alles. Wenn dann die Protogonisten aus dem Film auch noch live im Zuschauerraum singen und agieren, wird die Verwirrung noch größer. Weil aber alles irgendwie zusammen gehört, wunderschön klingt und ein wahres Kunststück ist, werde ich mir die Oper morgen ein zweites Mal ansehen.

“Ich suche meinen Schatten!”

Die Geschichte vom Jungen, der nicht erwachsen werden will

Liebling, George … als ich vorhin hereinkam, sah ich ein Gesicht am Fenster

Ein Gesicht am Fenster? Ach was!

Das Gesicht … eines kleinen Jungen. Und – ich hab ihn nicht zum ersten Mal gesehen! Ich spürte einen Luftzug, drehte mich um und sah ihn mitten im Zimmer.

Im Zimmer?

Der Junge entwischte. Nur sein Schatten blieb am Fenster hängen.

Mary!

Er war nicht allein. Mit ihm kam eine kleine leuchtende Kugel, sie bewegte sich im Zimmer wie ein Lebewesen.

Sonderbar.

Georg, was hat das alles zu bedeuten?

Ja, – was?

[aus "Peter Pan"]

Berliner Ensemble: "Peter Pan" (Erstes Bild) von Robert Wilson, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Berliner Ensemble: “Peter Pan” (Erstes Bild) von Robert Wilson, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Seit der Premiere am 17. April 2013 spielte das Berliner Ensemble (BE) am 5. Juni 2017 zum 75. und zum letzten Mal “Peter Pan oder das Märchen vom Jungen, der nicht groß werden wollte”. Für die Regie, Bühne und das Lichtkonzept war Robert Wilson (*04.10.1941) und für Musik und Songtexte CocoRosie (Sierra und Bianca Casady) verantwortlich. Peter Pan wurde von Sabin Tambrea und Tinkerbell von Christoper Nell gespielt.

Damit geht auch die Ära Claus Peymann (*07.06.1937), seit 1999 Intendant des Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm, zu Ende. Das Stück wird unter der neuen Leitung von Oliver Reese nicht mehr im Repertoire des BE vorhanden sein. Zum Schluss gab es vom Publikum stehende Ovationen für das gesamte Ensemble, das wiederum das Publikum mit musikalischer Zugabe zum Mitsingen aufforderte. Am Ende standen alle und feierten sich gegenseitig mit der bekannten Träne im Knopfloch.

Der TAGESSPIEGEL schrieb anlässlich der Premiere: “Viel Autobiografisches, Unerfülltes steckt in der Story von Peter Pan. Und hier kommt Robert Wilson. Er bringt aus New York den frischen Sound von CocoRosie mit und stellt ein Stück auf die Bühne, das sich nur als original Wilson beschreiben lässt, mit all seinem Slapstick und Surrealismus, seiner Lichtkunst und den typischen schrillen Soundeffekten. Auch bei ihm berührt die Pan-Geschichte tieferen Grund.”

Robert Wilson hat am BE folgende Stücke inszeniert:

Berliner Ensemble: "Peter Pan" (nach dem Schlussapplaus; Die verlorenen Jungs), Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Berliner Ensemble: “Peter Pan” (nach dem Schlussapplaus; Die verlorenen Jungs),
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Wenn die Götter auf die Erde kommen …

Leander Haußmanns “Der gute Mensch von Sezuan” am Berliner Ensemble

Erst hieß es, das Stück “Der gute Mensch von Sezuan” von Bertolt Brecht dauert an die vier Stunden, aber ganz so “hart” war es dann doch nicht: “nur” dreieinhalb Stunden (mit Pause). Die nie langweilig werdenden Bühneninstallationen des bildenden Künstlers Via Levandowski wurden zu einer wahren Performance: Das gesamte Bühnengeschehen wurde stets von den drei “Erleuchteten Göttern” und den sich bewegenden (!) drei Peitschenlampen beobachtet. Waren diese Straßenlampen nicht schon im Film “Sonnenallee” zu sehen?

Worum geht es in dem Stück? Die drei höchsten Götter erscheinen auf der Erde und greifen, entgegen ihrer Bestimmung, in das Erdengeschehen ein. Sie suchen einen Menschen, der trotz der unmenschlichen, wirtschaftlichen Verhältnisse, moralisch einwandfrei ist. Wang, der Wasserverkäufer, erkennt die Götter und sucht für sie verzweifelt eine Unterkunft.

Nur die junge Prostituierte Shen Te gewährt ihnen Obdach. Für das Nachtquartier zahlen die Götter ihr ein fürstliches Honorar von Tausend Silberdollar. Shen Te kauft sich für das Geld einen Tabakladen. Sie bietet immer mehr Leuten Unterschlupf, die sie aber nur ausnutzen; zum Schluss hat sie nur noch Schulden. In ihrem “Zweiten Ich” schlüpft sie in die Rolle ihres bösen Vetters Shui Ta und vertreibt die Schmarotzer (Antonia Bill grandios in der Rolle der Shen Te und Shui Ta). Und es geht um vieles mehr.

Das Schluss-Bühnenbild zu "Der Gute Mensch von Sezuan" von Bertolt Brecht am Berliner Ensemble, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Das Schluss-Bühnenbild zu “Der Gute Mensch von Sezuan” von Bertolt Brecht am Berliner Ensemble
Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Im letzten Bild wird deutlich, dass die Götter ebenso wie die naive, ignorante Gesellschaft, eher wegschauen. Die Götter schweben auf einer rosa Wolke fort. Das Publikum muss sich selbst ein Bild machen. Aber durch die Aufspaltung der Hauptfigur deutet Brecht an, dass es unter dem Kapitalismus einen guten Menschen alleine nicht geben kann; er muss gleichzeitig eine schlechte Seite aufweisen, weil er sonst nicht lebensfähig ist.

“Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen. Den Vorhang zu und alle Fragen offen” [Brecht]

“Wir können es uns leider nicht verhehlen: Wir sind bankrott, wenn Sie uns nicht empfehlen!” [Brecht, Epilog an das Publikum]

Sympathy for the Devil

Aus der Serie “Gestern Abend im Theater”: Berliner Ensemble

Am Ende werden wir nicht wissen, wer Faust und wer Mephisto ist. Sie bilden eine Einheit. Nicht zwei Stimmen, sondern ein Stimme in mehreren Farben [Robert Wilson]

Faust und Mephisto sitzen nach der langen Reise durch Himmel und Hölle, am Ende des Vier-Stunden-Stückes Faust I und II, seelenruhig auf einer Bank. Faust fragt: “Wohin soll nun die Reise gehen?” und Mephisto antwortet: “Wohin es dir gefällt”. Also nicht vom Himmel durch die Welt zur Hölle? Oder umgekehrt? Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor. Und die Sympathie für den Teufel ist groß, auch durch das famose Spiel von Christopher Nell, den wir schon in Hamlet und Peter Pan am BE sehen konnten.

Pausenvorhang "Faust I und II" (Goethe/ Wilson/ Grönemeyer), Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Pausenvorhang “Faust I und II” (Goethe/ Wilson/ Grönemeyer), Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Das dürfte Robert Wilsons vorläufiger Höhepunkt am Berliner Ensemble gewesen sein. Das grenzt schon an Größenwahn, den ganzen Faust in vier Stunden mit der Musik von Herbert Grönemeyer aufzuführen. Peter Stein brauchte für das Projekt Faust I und II im Jahr 2000 noch zwei Tage. Dafür brachte er aber auch alle 12 110 Verse des Dramas; bei Wilson wurden die einzelnen Szenen nur kurz angerissen, man versteht sie nicht immer, vielleicht ist das auch nicht nötig. Dafür sahen wir ein mitreißendes Musiktheater mit einer achtköpfigen Liveband, mit deutscher Rockmusik und ein wilsonsches Lichtspektakel sondergleichen. Ein Theaterfest für alle Sinne, das im frenetischen Schlussapplaus mündete. Schauspieler und Publikum waren überglücklich.

Why must I be a Teenager in Love?

Dion and the Belmonts mit Oooh..Oooh Wa-oooh..Ooooh. Bastian Korff & Florian Ludewig mit Rock ‘n’ Roll & Remmidemmi im Theater O-TonArt

Each time we have a quarrel / It almost breaks my heart / ‘Cause I’m so afraid / That we will have to part / Each night I ask the stars up above / Why must I be a teenager in love?

Dion and the Belmonts: "A Teenager in Love", 1959, Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler 2015

Dion and the Belmonts: “A Teenager in Love”, 1959,
Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler 2015

In den späten 1950er Jahren wurde die US-Amerikanische Doo-Wop- und R&B-Gruppe Dion and the Belmonts auch in Deutschland mit “I Wonder Why” (1958) bekannt. Mein Lieblingssong aber ist der 1959 erschienene Hit “A Teenager in Love”.

Dion and the Belmonts: “A Teenager in Love” (Audio mit Text),
TV-Aufzeichnung (Video).

Die TV-Aufzeichnung stammt aus der Saturday Night Beech-Nut Show vom 4. April 1959. Was macht eigentlich den Doo Wop-Stil aus? Vereinfacht gesagt, durch den verstärkten Gebrauch von sinnlosen-Silben, wie hier mit Oooh..Oooh Wa-oooh..Ooooh.Oooh oder wie Diddle-De-Dum. Aber der Begriff wurde erst später populär; damals lief diese Musik unter Rock ‘n’ Roll (meist weiße Mitglieder) oder Rhythm & Blues (eher schwarze Mitglieder).

Vorläufer war zum Beispiel die Musik der Comedian Harmonists. Viele spätere Soul-Stars begannen ihre Karriere als Mitglieder der Doo Wop-Gruppen, zum Beispiel Curtis Mayfield oder Wilson Pickett. Der Soundtrack des Films “American Graffiti” (1973) besteht vielfach aus Doo Wop-Songs und der Moderator Barry Graves spielte in seiner Sendung “See You later Alligator” (späte 1970er Jahre) im RIAS gerne Doo Wop. So wurde die Musik bei uns bekannter.

“A Teenager in Love” gehört auch zum Repertoire des Duos Bastian Korff (Gesang) und Florian Ludewig (Klavier). Unter dem Titel “Rock ‘n’ Roll & Remmidemmi” steht das Duo aufgrund des großen Publikumserfolg am kommenden Freitag bereits zum dritten Mal in diesem Jahr im Theater O-TonArt in der Kulmer Straße auf der Bühne. Hoffentlich interpretieren sie auch wieder “A Teenager in Love”, denn ihre Version hat weitaus mehr Pep und Drive als das Original, eben echter Rock ‘n’ Roll. Und vielleicht gibt es auch wieder “In Dreams” von Roy Orbison mit einer speziellen Widmung, aber lassen Sie sich überraschen und genießen den Abend.

“Korff als Sprecher, Schauspieler, Sänger und Texter und Ludewig als Pianist und Komponist sind wahre Multitalente für sich, aber auf der Bühne waren sie als Team unschlagbar: spontan, witzig und so herrlich unperfekt wie man nur sein kann, wenn man die Perfektion beherrscht, bescherten sie dem begeisterten Publikum ein Feuerwerk an Ideen und Gefühlen. Einer der schönsten Theaterabende der letzten Zeit.” (aus “In Dreams I Walk With You. In Dreams I Talk To You“)

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben …

Aus der Serie “Gestern Abend im Theater”: Berliner Ensemble

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Die Köchin der Frau Grubach, seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Das war noch niemals geschehen …

"Kafkas Prozeß im Berliner Ensemble", Foto © Friedhelm Denkeler 2015

“Kafkas Prozeß im Berliner Ensemble”, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

… Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinander gelehnt, die Entscheidung beobachteten. „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.

[Anfang und Ende des postum 1925 erschienenen Romanfragments "Der Prozess" von Franz Kafka]

In Dreams I Walk With You. In Dreams I Talk To You

Das bewegte Leben von Roy Orbison spiegelt sich in seinen Songs wieder. “Roys Songs handelten weniger von Träumen, seine Songs waren Träume” [Tom Waits]

I close my eyes, Then I drift away | Into the magic night. I softly say | A silent prayer like dreamers do. | Then I fall asleep to dream My dreams of you. | In dreams I walk with you. In dreams I talk to you. | In dreams you’re mine. All of the time we’re together | In dreams, In dreams [Roy Orbison in "In Dreams]

“Ich hasse es zuzugeben, aber Sie können eine Rolle nur spielen, wenn sie irgendwo in Ihrer Psyche steckt. Die Leute realisieren nicht, wie groß das Unterbewusstsein ist. Es ist wie die Unendlichkeit.” [Dean Stockwell]

Gleich drei Mal hörte ich in dieser Woche Songs von Roy Orbison in Darbietungen der darstellenden Künste:

Roy Orbison: "(Oh) Pretty Woman", 1964, Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler

Roy Orbison: “(Oh) Pretty Woman”, 1964
Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler

Einmal war Roy Orbisons Stimme im Kultfilm “Blue Velvet” von David Lynch mit Isabella Rossellini und Dennis Hopper aus dem Jahr 1986 zu hören. Ben (Dean Stockwell) performed hier den Song “In Dreams” im Playback, solange bis Frank Booth (Dennis Hopper) es vor Schmerz ob des melancholischen Liedes nicht mehr aushält und den Stecker des Kassetten-Recorders zieht.

Die unheimliche Lippensynchronisation von Ben lässt darauf schließen, dass nicht nur bei Frank Booth, sondern auch im Inneren des Zuhälters etwas im Verborgenen liegt. Nach dieser Performance klingt der Song nicht mehr wie vorher. Und im Hintergrund tritt Dorothy Vallens (Isabella Rossellini) in ihrem Morgenrock aus blauem Samt in das Zimmer…

Ein zweites Mal hörten wir In Dreams im Theater O-TonArt in der Kulmer Straße. Hier trat der in Frankfurt geborene Sänger Bastian Korff zusammen mit dem Berliner Pianisten Florian Ludewig unter dem Titel “Rock ‘n’ Roll & Remmidemmi” auf. Neben den dargebrachten eigenen Kompositionen coverten die beiden Künstler verschiedenste Rock-Balladen von Roy Orbison (“In Dreams”), über Dion and The Belmonts (“A Teenager in Love), Elvis Presley, David Bowie bis zu Bonnie Tyler (“Turn Around – Bright Eyes”).

Korff als Sprecher, Schauspieler, Sänger und Texter und Ludewig als Pianist und Komponist sind wahre Multitalente für sich, aber auf der Bühne waren sie als Team unschlagbar: spontan, witzig und so herrlich unperfekt wie man nur sein kann, wenn man die Perfektion beherrscht, bescherten sie dem begeisterten Publikum ein Feuerwerk an Ideen und Gefühlen. Einer der schönsten Theaterabende der letzten Zeit. Im September wollen sie wieder gemeinsam in Berlin im Theater O-TonArt auftreten. Wir freuen uns sehr!

Im Berliner Ensemble gab es in der von Leander Haußmann inszenierten Soldatenstudie Woyzeck nach Georg Büchner eine Szene, die Roy Orbisons “Blue Bayou” enthielt. Und zwar in einer Szene in der Militär und Jahrmarkt zusammenfließen. Die Soldaten lassen sich von der Marktschreierin wie dressierte Pferde im Kreis herumführen. Unter den Klängen von “Blue Bayou” besteigen sie bunte Ballontiere zu einer Karussellfahrt in perfekt inszenierter Slow Motion. So schön haben wir das im Theater noch nie gesehen.

Die “schwarze” Bühne ist vollkommen leer, das Bühnenbild stellen allein die dreißig Soldaten dar, die im stampfenden Rhythmus über die Bretter ziehen. Laufend werden exzessiv Songs eingespielt, wie Nancy Sinatras” These Boots Are Made For Walking” oder Melanies “Nickel Song”, denn bei Leander Haußmann gehört die Musik dazu. Wir erlebten einen großen Theatermoment. Hier habe ich die beiden Originale von Roy Orbison herausgesucht:

Roy Orbison: “In Dreams” (1963) (Ersatzlink, nur Audio)
Roy Orbison: “Blue Bayou” (Ersatzlink, nur Audio)

Roy Orbison merkte zu “In Dreams” an: “Ich wachte morgens auf und der Traum war immer noch da und nach 20 Minuten hatte ich den Song fertig”. Der Song weist keine der üblichen Strophen mit einem Refrain auf, sondern ist eher als Mini-Epos in drei Minuten anzusehen. Seine unvergleichliche melancholische Stimme kommt hier besonders gut zur Geltung. Seine Songs handeln von der Seele und ihrem Schmerz und so entstehen oft komplette Dramen der Leidenschaften in Kurzform.

Roy Kelton Orbison (* 23. April 1936, Texas; † 6. Dezember 1988, Tennessee) hatte ein bewegtes und nicht immer einfaches Leben hinter sich. Seinen ersten Hit hatte Roy 1956, passend zur damaligen Rock ‘n’ Roll-Zeit, mit “Ooby Dooby”. Den Durchbruch erreichte er 1960 mit “Only The Lonely”. Warum trug Roy immer eine Sonnenbrille? Angeblich hatte der stark kurzsichtige Roy bei einem Konzert 1963 seine Brille vergessen und musste notgedrungen mit einer Sonnenbrille auftreten; von da an wurde sie zu seinem “Markenzeichen”.

Seinen größten Hit hatte er 1965 mit “Pretty Woman”. Eine schwierige Phase folgte in seinem Leben. Er wurde von privaten Schicksalsschlägen betroffen: Seine erste Frau starb bei einem Motorrad-Unfall und zwei seiner drei Söhne kamen bei dem Brand seines Landhauses ums Leben. Nach Pretty Woman blieben die großen Erfolge aus; eine Ausnahme bildet das nach seinem Tod erschienene “I Drove All Night”. 1987 wurde er in die “Rock and Roll Hall of Fame” augenommen und 2010, also zwanzig Jahre nach seinem Tod, erhielt Orbison einen Stern auf dem “Hollywood Walk of Fame”.

Aus den 52 Songs, die sich zurzeit in meinem Rockarchiv befinden, habe ich meine Top-Ten von Roy Orbison zusammengestellt:

  1. “I Drove All Night” (1992)
  2. “California Blue” (1989)
  3. “It’s Over” (1964)
  4. “In Dreams” (1963)
  5. “Crawling Back” (1966)
  6. “Blue Bayou” (1963)
  7. “Only The Lonely” (1960)
  8. “You Got It” (1989)
  9. “Running Scared” (1962)
  10. “(Oh) Pretty Woman” (1965)

Es wurde Zeit, dass ich im “Journal” einen meiner Lieblingssänger vorgestellt habe. “I Drove All Night” steht, seit ich den Song kenne, unangefochten an der Spitze, aber auf eine einsame Insel würde ich alle zehn mitnehmen.

 

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