Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

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Wenn die Götter auf die Erde kommen …

Leander Haußmanns “Der gute Mensch von Sezuan” am Berliner Ensemble

Erst hieß es, das Stück “Der gute Mensch von Sezuan” von Bertolt Brecht dauert an die vier Stunden, aber ganz so “hart” war es dann doch nicht: “nur” dreieinhalb Stunden (mit Pause). Die nie langweilig werdenden Bühneninstallationen des bildenden Künstlers Via Levandowski wurden zu einer wahren Performance: Das gesamte Bühnengeschehen wurde stets von den drei “Erleuchteten Göttern” und den sich bewegenden (!) drei Peitschenlampen beobachtet. Waren diese Straßenlampen nicht schon im Film “Sonnenallee” zu sehen?

Worum geht es in dem Stück? Die drei höchsten Götter erscheinen auf der Erde und greifen, entgegen ihrer Bestimmung, in das Erdengeschehen ein. Sie suchen einen Menschen, der trotz der unmenschlichen, wirtschaftlichen Verhältnisse, moralisch einwandfrei ist. Wang, der Wasserverkäufer, erkennt die Götter und sucht für sie verzweifelt eine Unterkunft.

Nur die junge Prostituierte Shen Te gewährt ihnen Obdach. Für das Nachtquartier zahlen die Götter ihr ein fürstliches Honorar von Tausend Silberdollar. Shen Te kauft sich für das Geld einen Tabakladen. Sie bietet immer mehr Leuten Unterschlupf, die sie aber nur ausnutzen; zum Schluss hat sie nur noch Schulden. In ihrem “Zweiten Ich” schlüpft sie in die Rolle ihres bösen Vetters Shui Ta und vertreibt die Schmarotzer (Antonia Bill grandios in der Rolle der Shen Te und Shui Ta). Und es geht um vieles mehr.

Das Schluss-Bühnenbild zu "Der Gute Mensch von Sezuan" von Bertolt Brecht am Berliner Ensemble, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Das Schluss-Bühnenbild zu “Der Gute Mensch von Sezuan” von Bertolt Brecht am Berliner Ensemble
Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Im letzten Bild wird deutlich, dass die Götter ebenso wie die naive, ignorante Gesellschaft, eher wegschauen. Die Götter schweben auf einer rosa Wolke fort. Das Publikum muss sich selbst ein Bild machen. Aber durch die Aufspaltung der Hauptfigur deutet Brecht an, dass es unter dem Kapitalismus einen guten Menschen alleine nicht geben kann; er muss gleichzeitig eine schlechte Seite aufweisen, weil er sonst nicht lebensfähig ist.

“Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen. Den Vorhang zu und alle Fragen offen” [Brecht]

“Wir können es uns leider nicht verhehlen: Wir sind bankrott, wenn Sie uns nicht empfehlen!” [Brecht, Epilog an das Publikum]

Sympathy for the Devil

Aus der Serie “Gestern Abend im Theater”: Berliner Ensemble

Am Ende werden wir nicht wissen, wer Faust und wer Mephisto ist. Sie bilden eine Einheit. Nicht zwei Stimmen, sondern ein Stimme in mehreren Farben [Robert Wilson]

Faust und Mephisto sitzen nach der langen Reise durch Himmel und Hölle, am Ende des Vier-Stunden-Stückes Faust I und II, seelenruhig auf einer Bank. Faust fragt: “Wohin soll nun die Reise gehen?” und Mephisto antwortet: “Wohin es dir gefällt”. Also nicht vom Himmel durch die Welt zur Hölle? Oder umgekehrt? Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor. Und die Sympathie für den Teufel ist groß, auch durch das famose Spiel von Christopher Nell, den wir schon in Hamlet und Peter Pan am BE sehen konnten.

Pausenvorhang "Faust I und II" (Goethe/ Wilson/ Grönemeyer), Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Pausenvorhang “Faust I und II” (Goethe/ Wilson/ Grönemeyer), Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Das dürfte Robert Wilsons vorläufiger Höhepunkt am Berliner Ensemble gewesen sein. Das grenzt schon an Größenwahn, den ganzen Faust in vier Stunden mit der Musik von Herbert Grönemeyer aufzuführen. Peter Stein brauchte für das Projekt Faust I und II im Jahr 2000 noch zwei Tage. Dafür brachte er aber auch alle 12 110 Verse des Dramas; bei Wilson wurden die einzelnen Szenen nur kurz angerissen, man versteht sie nicht immer, vielleicht ist das auch nicht nötig. Dafür sahen wir ein mitreißendes Musiktheater mit einer achtköpfigen Liveband, mit deutscher Rockmusik und ein wilsonsches Lichtspektakel sondergleichen. Ein Theaterfest für alle Sinne, das im frenetischen Schlussapplaus mündete. Schauspieler und Publikum waren überglücklich.

Why must I be a Teenager in Love?

Dion and the Belmonts mit Oooh..Oooh Wa-oooh..Ooooh. Bastian Korff & Florian Ludewig mit Rock ‘n’ Roll & Remmidemmi im Theater O-TonArt

Each time we have a quarrel / It almost breaks my heart / ‘Cause I’m so afraid / That we will have to part / Each night I ask the stars up above / Why must I be a teenager in love?

Dion and the Belmonts: "A Teenager in Love", 1959, Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler 2015

Dion and the Belmonts: “A Teenager in Love”, 1959,
Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler 2015

In den späten 1950er Jahren wurde die US-Amerikanische Doo-Wop- und R&B-Gruppe Dion and the Belmonts auch in Deutschland mit “I Wonder Why” (1958) bekannt. Mein Lieblingssong aber ist der 1959 erschienene Hit “A Teenager in Love”.

Dion and the Belmonts: “A Teenager in Love” (Audio mit Text),
TV-Aufzeichnung (Video).

Die TV-Aufzeichnung stammt aus der Saturday Night Beech-Nut Show vom 4. April 1959. Was macht eigentlich den Doo Wop-Stil aus? Vereinfacht gesagt, durch den verstärkten Gebrauch von sinnlosen-Silben, wie hier mit Oooh..Oooh Wa-oooh..Ooooh.Oooh oder wie Diddle-De-Dum. Aber der Begriff wurde erst später populär; damals lief diese Musik unter Rock ‘n’ Roll (meist weiße Mitglieder) oder Rhythm & Blues (eher schwarze Mitglieder).

Vorläufer war zum Beispiel die Musik der Comedian Harmonists. Viele spätere Soul-Stars begannen ihre Karriere als Mitglieder der Doo Wop-Gruppen, zum Beispiel Curtis Mayfield oder Wilson Pickett. Der Soundtrack des Films “American Graffiti” (1973) besteht vielfach aus Doo Wop-Songs und der Moderator Barry Graves spielte in seiner Sendung “See You later Alligator” (späte 1970er Jahre) im RIAS gerne Doo Wop. So wurde die Musik bei uns bekannter.

“A Teenager in Love” gehört auch zum Repertoire des Duos Bastian Korff (Gesang) und Florian Ludewig (Klavier). Unter dem Titel “Rock ‘n’ Roll & Remmidemmi” steht das Duo aufgrund des großen Publikumserfolg am kommenden Freitag bereits zum dritten Mal in diesem Jahr im Theater O-TonArt in der Kulmer Straße auf der Bühne. Hoffentlich interpretieren sie auch wieder “A Teenager in Love”, denn ihre Version hat weitaus mehr Pep und Drive als das Original, eben echter Rock ‘n’ Roll. Und vielleicht gibt es auch wieder “In Dreams” von Roy Orbison mit einer speziellen Widmung, aber lassen Sie sich überraschen und genießen den Abend.

“Korff als Sprecher, Schauspieler, Sänger und Texter und Ludewig als Pianist und Komponist sind wahre Multitalente für sich, aber auf der Bühne waren sie als Team unschlagbar: spontan, witzig und so herrlich unperfekt wie man nur sein kann, wenn man die Perfektion beherrscht, bescherten sie dem begeisterten Publikum ein Feuerwerk an Ideen und Gefühlen. Einer der schönsten Theaterabende der letzten Zeit.” (aus “In Dreams I Walk With You. In Dreams I Talk To You“)

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben …

Aus der Serie “Gestern Abend im Theater”: Berliner Ensemble

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Die Köchin der Frau Grubach, seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Das war noch niemals geschehen …

"Kafkas Prozeß im Berliner Ensemble", Foto © Friedhelm Denkeler 2015

“Kafkas Prozeß im Berliner Ensemble”, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

… Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinander gelehnt, die Entscheidung beobachteten. „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.

[Anfang und Ende des postum 1925 erschienenen Romanfragments "Der Prozess" von Franz Kafka]

In Dreams I Walk With You. In Dreams I Talk To You

Das bewegte Leben von Roy Orbison spiegelt sich in seinen Songs wieder. “Roys Songs handelten weniger von Träumen, seine Songs waren Träume” [Tom Waits]

I close my eyes, Then I drift away | Into the magic night. I softly say | A silent prayer like dreamers do. | Then I fall asleep to dream My dreams of you. | In dreams I walk with you. In dreams I talk to you. | In dreams you’re mine. All of the time we’re together | In dreams, In dreams [Roy Orbison in "In Dreams]

“Ich hasse es zuzugeben, aber Sie können eine Rolle nur spielen, wenn sie irgendwo in Ihrer Psyche steckt. Die Leute realisieren nicht, wie groß das Unterbewusstsein ist. Es ist wie die Unendlichkeit.” [Dean Stockwell]

Gleich drei Mal hörte ich in dieser Woche Songs von Roy Orbison in Darbietungen der darstellenden Künste:

Roy Orbison: "(Oh) Pretty Woman", 1964, Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler

Roy Orbison: “(Oh) Pretty Woman”, 1964
Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler

Einmal war Roy Orbisons Stimme im Kultfilm “Blue Velvet” von David Lynch mit Isabella Rossellini und Dennis Hopper aus dem Jahr 1986 zu hören. Ben (Dean Stockwell) performed hier den Song “In Dreams” im Playback, solange bis Frank Booth (Dennis Hopper) es vor Schmerz ob des melancholischen Liedes nicht mehr aushält und den Stecker des Kassetten-Recorders zieht.

Die unheimliche Lippensynchronisation von Ben lässt darauf schließen, dass nicht nur bei Frank Booth, sondern auch im Inneren des Zuhälters etwas im Verborgenen liegt. Nach dieser Performance klingt der Song nicht mehr wie vorher. Und im Hintergrund tritt Dorothy Vallens (Isabella Rossellini) in ihrem Morgenrock aus blauem Samt in das Zimmer…

Ein zweites Mal hörten wir In Dreams im Theater O-TonArt in der Kulmer Straße. Hier trat der in Frankfurt geborene Sänger Bastian Korff zusammen mit dem Berliner Pianisten Florian Ludewig unter dem Titel “Rock ‘n’ Roll & Remmidemmi” auf. Neben den dargebrachten eigenen Kompositionen coverten die beiden Künstler verschiedenste Rock-Balladen von Roy Orbison (“In Dreams”), über Dion and The Belmonts (“A Teenager in Love), Elvis Presley, David Bowie bis zu Bonnie Tyler (“Turn Around – Bright Eyes”).

Korff als Sprecher, Schauspieler, Sänger und Texter und Ludewig als Pianist und Komponist sind wahre Multitalente für sich, aber auf der Bühne waren sie als Team unschlagbar: spontan, witzig und so herrlich unperfekt wie man nur sein kann, wenn man die Perfektion beherrscht, bescherten sie dem begeisterten Publikum ein Feuerwerk an Ideen und Gefühlen. Einer der schönsten Theaterabende der letzten Zeit. Im September wollen sie wieder gemeinsam in Berlin im Theater O-TonArt auftreten. Wir freuen uns sehr!

Im Berliner Ensemble gab es in der von Leander Haußmann inszenierten Soldatenstudie Woyzeck nach Georg Büchner eine Szene, die Roy Orbisons “Blue Bayou” enthielt. Und zwar in einer Szene in der Militär und Jahrmarkt zusammenfließen. Die Soldaten lassen sich von der Marktschreierin wie dressierte Pferde im Kreis herumführen. Unter den Klängen von “Blue Bayou” besteigen sie bunte Ballontiere zu einer Karussellfahrt in perfekt inszenierter Slow Motion. So schön haben wir das im Theater noch nie gesehen.

Die “schwarze” Bühne ist vollkommen leer, das Bühnenbild stellen allein die dreißig Soldaten dar, die im stampfenden Rhythmus über die Bretter ziehen. Laufend werden exzessiv Songs eingespielt, wie Nancy Sinatras” These Boots Are Made For Walking” oder Melanies “Nickel Song”, denn bei Leander Haußmann gehört die Musik dazu. Wir erlebten einen großen Theatermoment. Hier habe ich die beiden Originale von Roy Orbison herausgesucht:

Roy Orbison: “In Dreams” (1963) (Ersatzlink, nur Audio)
Roy Orbison: “Blue Bayou” (Ersatzlink, nur Audio)

Roy Orbison merkte zu “In Dreams” an: “Ich wachte morgens auf und der Traum war immer noch da und nach 20 Minuten hatte ich den Song fertig”. Der Song weist keine der üblichen Strophen mit einem Refrain auf, sondern ist eher als Mini-Epos in drei Minuten anzusehen. Seine unvergleichliche melancholische Stimme kommt hier besonders gut zur Geltung. Seine Songs handeln von der Seele und ihrem Schmerz und so entstehen oft komplette Dramen der Leidenschaften in Kurzform.

Roy Kelton Orbison (* 23. April 1936, Texas; † 6. Dezember 1988, Tennessee) hatte ein bewegtes und nicht immer einfaches Leben hinter sich. Seinen ersten Hit hatte Roy 1956, passend zur damaligen Rock ‘n’ Roll-Zeit, mit “Ooby Dooby”. Den Durchbruch erreichte er 1960 mit “Only The Lonely”. Warum trug Roy immer eine Sonnenbrille? Angeblich hatte der stark kurzsichtige Roy bei einem Konzert 1963 seine Brille vergessen und musste notgedrungen mit einer Sonnenbrille auftreten; von da an wurde sie zu seinem “Markenzeichen”.

Seinen größten Hit hatte er 1965 mit “Pretty Woman”. Eine schwierige Phase folgte in seinem Leben. Er wurde von privaten Schicksalsschlägen betroffen: Seine erste Frau starb bei einem Motorrad-Unfall und zwei seiner drei Söhne kamen bei dem Brand seines Landhauses ums Leben. Nach Pretty Woman blieben die großen Erfolge aus; eine Ausnahme bildet das nach seinem Tod erschienene “I Drove All Night”. 1987 wurde er in die “Rock and Roll Hall of Fame” augenommen und 2010, also zwanzig Jahre nach seinem Tod, erhielt Orbison einen Stern auf dem “Hollywood Walk of Fame”.

Aus den 52 Songs, die sich zurzeit in meinem Rockarchiv befinden, habe ich meine Top-Ten von Roy Orbison zusammengestellt:

  1. “I Drove All Night” (1992)
  2. “California Blue” (1989)
  3. “It’s Over” (1964)
  4. “In Dreams” (1963)
  5. “Crawling Back” (1966)
  6. “Blue Bayou” (1963)
  7. “Only The Lonely” (1960)
  8. “You Got It” (1989)
  9. “Running Scared” (1962)
  10. “(Oh) Pretty Woman” (1965)

Es wurde Zeit, dass ich im “Journal” einen meiner Lieblingssänger vorgestellt habe. “I Drove All Night” steht, seit ich den Song kenne, unangefochten an der Spitze, aber auf eine einsame Insel würde ich alle zehn mitnehmen.

 

Eine Dame. Ein Herr. Ein Pianeur.

Ein weihnachtliches Märchen als Vorgeschichte zu den Berliner Diven

Es war einmal eine Druckerei in der Kulmer Straße 20a.  Im Märchen kommt spätestens jetzt die gute Fee, schwingt dreimal ihren Zauberstab und kurz darauf sind alle Wünsche in Erfüllung gegangen. Alternativ ließe sich auf die “Sieben Zwerge“ oder “Das tapfere Schneiderlein“ hoffen. Nein, es war alles ganz anders. Also ziemlich harte Arbeit.

Nach etlichen Jahren auf Tournee und Gastspielen an verschiedenen Bühnen, suchten die legendären O-TonPiraten eine feste Spielstätte und fanden sie, wie im Märchen, direkt vor ihrer eigenen Tür im Schöneberger Kiez. Nebenbei gesagt, glaube ich, dass eine gute Fee eventuell hier doch ihre Hände im Spiel gehabt hat, aber das bleibt unter uns. In Eigenregie und weil viele ihrer Freunde schon lange einmal Keller und Dachboden aufräumen wollten, zauberten sie das Theater O-TonArt hervor, das mit seinem Mobiliar nicht nur Charme und Patina verschiedener Epochen ausstrahlt, sondern seit nunmehr fünf Jahren Stammpublikum und Gäste verzaubert.

Auf der Bühne stehen bekannte und noch weniger bekannte Künstler; es gibt Eigenproduktionen, Gastspiele und bunte Abende und noch mehr Pläne für kommende Zeiten. Was dieses Theater aber besonders liebenswert macht, sind seine Gastgeber. Wo sonst wird man noch mit freundlichen Worten persönlich an seinen Platz geleitet? Alle Zauberwesen, die Sie dort abendlich sehen, sind ehrenamtlich tätig. Also doch wie im Märchen?

"Ein Pianeur, eine Dame und ein Herr" (Berliner Diven, Florian Ludewig, Sabine Schwarzlose, André Fischer v.l.n.r), Foto © Frank Wesner & Theater O-TonArt

“Ein Pianeur, eine Dame und ein Herr” (Berliner Diven, Florian Ludewig, Sabine Schwarzlose, André Fischer v.l.n.r), Foto © Frank Wesner & Theater O-TonArt

Nicht ganz oder fast doch, denn auch im Märchen müssen die Helden gegen das Böse kämpfen und sei es auch nur, dass es in Form nicht bewilligter Förderanträge und anderer Widrigkeiten daher kommt. Wahre Helden besinnen sich auf ihre eigenen Kräfte und so geschah es auch in diesem Jahr als eine Produktion platzte. Aller guten Dinge sind drei und so nahmen “Eine Dame. Ein Herr. Ein Pianeur“ sich mutig der Sache an und stellten innerhalb kürzester Zeit die Berliner Diven so genial auf die Bühne, dass man wünscht, der Abend würde nie enden.

Die Brüder Grimm, die nur wenige Meter entfernt auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof ihre Ehrengräber haben, wären mächtig stolz auf diese heldenhaften Retter der darstellenden Kunst gewesen. Und weil bald Weihnachten ist und weil ohne Märchen, Träume und gute Feen das Leben ärmer wäre, soll noch einmal dezent auf die aktuelle Produktion hingewiesen werden. Und Helden sollen genannt werden: Sabine Schwarzlose, André Fischer und Florian Ludewig haben unter der Regie von Gregor Mönter die Diven zum Leben erweckt und dies so zauberhaft, wie es eigentlich nur im Märchen sein kann. Auf dass es heißen möge: “Und sie spielen vergnügt bis an ihr Ende!”

Am 13.12.2014 um 19.30 Uhr und 14.12.2014 um 15.00 Uhr im “Theater O-TonArt”, Kulmer Straße 20a, 10783 Berlin und wieder am 23., 24. Januar 2015 (je 19.30 Uhr) und 25. Januar 2015 (15 Uhr). Siehe auch: Acht Berliner Diven plus eine im Theater O-TonArt.

Website Theater O-TonArtBerliner Diven bei Facebook

Acht Berliner Diven plus eine im Theater O-TonArt

Der Olymp hat seine neun Musen – Berlin hat seine Diven

"Berliner Diven", Foto & Grafik Theater O-TonArt

“Berliner Diven”, Foto & Grafik Theater O-TonArt

Die neun Musen des Olymp sind die Schutzgöttinen der Künste. Und ganz nahe bei den Göttinnen thronen die Diven. Und Diven hatten und haben in Berlin immer ihren festen Platz. Und nun stehen sie endlich wieder auf einer Bühne und dürfen sich feiern lassen. Und sie werden gefeiert.

Wenn vermeintliche Diven abspringen, dürfen echte Diven ihr wahres Gesicht zeigen. Was aus einer real geplatzten Produktion werden kann und wenn Künstler mit Können und Engagement die Sache selbst in die Hand nehmen, um eine angesetzte Premiere zu retten, zeigt sich im Schöneberger Theater O-TonArt.

Hier geben sich acht Diven unter der Regie von Gregor Mönter ein Stelldichein. In die Rollen und den Habitus von Fritzy Massary und Claire Waldoff, Zarah Leander und Marlene Dietrich, Marika Rökk und Evelyn Künneke, Hildegard Knef und Helga Hahnemann schlüpfen Sabine Schwarzlose und André Fischer.

Florian Ludewig begleitet den Abend am Flügel und dank seines ausgeglichenen Charakters und Charmes, eskaliert der Zickenkrieg am Abend nur ansatzweise. Sabine und André machen den Diven alle Ehre und zelebrieren sie samt ihrer Exzentrik und Empfindlichkeit mit einem echt Berliner Augenzwinkern und voller Esprit.

Denn eigentlich hat “sie” absolut keine Lust mehr auf Diven und Angst, ihre Stimme damit zu ruinieren – keine Angst, “sie” schafft den Abend spielend; “er” hingegen fühlt sich gefordert, alles und noch mehr zu geben und wird als Moderator/in und Interpret/in der Diven größte/r Konkurrent/in.

Einen solch grandios unterhaltsamen Abend hat Berlin schon lange nicht mehr gesehen und weil neben der Unterhaltung auch die einzelnen Biografien beleuchtet werden, werden die “Berliner Diven” von mir als Bildungsprogramm empfohlen. Das Geheimnis, der nicht im Programm erwähnten neunten Diva, müssen Sie selber erkunden. Der griechische Olymp ist jedenfalls ganz nahe und der Mythos lebt in der Stadt, die gerne auch Spree-Athen genannt wird, weiter. Kommen, Sehen, Staunen und bitte achten Sie auf die Kostüme!

Am 13.12.2014 um 19.30 Uhr und 14.12.2014 um 15.00 Uhr im “Theater O-TonArt” und wieder am 23., 24. und 25. Januar 2015. Website Theater O-TonArtBerliner Diven bei Facebook

Die Bielefeld-Verschwörung

Das gibt’s doch gar nicht!

Aufgewachsen bin ich in Ost-Westfalen, aber in Bielefeld bin ich nie gewesen. Seit circa zehn Jahren kursiert das Gerücht, dass es Bielefeld gar nicht gibt. Hinzu kommt, dass die Autobahn-Abfahrten nach Bielefeld auf der “A2″ vor ein paar Jahren mit orangefarbenen Klebestreifen durchgestrichen wurden.

Seit dieser Zeit hält sich hartnäckig das Gerücht der “Bielefeld-Verschwörung”, die die Existenz der Stadt in Frage stellt. Außerdem wird Bielefeld als “Running Gag” mindestens einmal in jeder Folge der Fernsehserie “Wilsberg”, die in Münster spielt, erwähnt oder der Name steht irgendwo geschrieben. Angeblich wohnt der zuständige ZDF-Redakteur in Bielefeld. Wer’s glaubt …

"Bielefeld – Nach dem Weinfest", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Bielefeld – Nach dem Weinfest”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Überzeugen wir uns von den Gegebenheiten einmal selbst. TomTom kennt Bielefeld, aber das kann bereits Teil der Verschwörung sein. Kennen Sie etwa jemanden aus Bielefeld? Na bitte! Dann die Überraschung: Im Hotel wurden wir bereits erwartet. Mit dem Auto ging es im Fahrstuhl (sic!) in die Tiefgarage und unser Zimmer hatte einen herrlichen Blick auf die Altstadt. Rund um die Nicolaikirche fand zudem ein Weinfest statt. Alle 328.316 Bielefelder schienen am Samstagabend hier vertreten zu sein. So “voll” ist es nicht einmal in Berlin.

Am Sonntag besuchten wir die große Eröffnung der Ausstellung “Die Bielefelder Schule. Fotokunst im Kontext”, eine der besten Ausstellungen, die ich in der letzten Zeit gesehen habe (siehe “Bielefeld – Ein weites Feld für die Fotografie“). Der Beweis war erbracht: Bielefeld gibt es wirklich und zwar seit 800 Jahren. Es scheint also nichts dran zu sein – an der Bielefeld-Verschwörung. Oder? Die 800-Jahr-Feier der Stadt steht übrigens unter dem Motto “Das gibt’s doch gar nicht!”.