Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Rock-Archiv

Hier finden Sie Beiträge zu Songs und ihren Interpreten aus 70 Jahren Rock- und Pop-Geschichte. Es wird immer mindestens zu einem Musik-Video, Live-Video oder einem Video von einer TV-Aufzeichnung bei den bekannten Video-Portalen wie DailyMotion, MyVideo, YouTube, etc. verlinkt (oder wenn das nicht zur Verfügung steht, zu einem „reinem“ Audio-Video). Manchmal gebe ich auch einen Ersatzlink an.

Ein Kind der Zeit wartet auf die Querschläger

Child in Time – Einer der besten Songs der Rockgeschichte

Sweet child in time, you’ll see the line/ Line that’s drawn between good and bad/ See the blind man shooting at the world/ Bullets flying, ooh taking toll/ If you’ve been bad – Oh Lord I bet you have/ And you’ve not been hit oh by flying lead/ You’d better close your eyes, aahaouho bow your head/ Wait for the ricochet

"Deep Purple in Rock", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

„Deep Purple in Rock“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Einer der schönsten Songs der Rockgeschichte aus dem Jahr 1970 ist „Child in Time“ von Deep Purple mit Ritchie Blackmore, Ian Gillan und Jon Lord. Die Musiker verstehen es, mit der Kraft der Musik und dem Gesang die Zuhörer zu faszinieren. Der Sinn des Liedes ist allerdings schwer nachzuvollziehen: Es geht um die Grenze zwischen Gut und Böse, um den Baum der Erkenntnis und um Mord, bei dem selbst wegducken sinnlos ist, denn es folgen noch die Querschläger. Einige Erklärungsversuche hingegen versuchen sich an der „Erbsünde“ und das sie wohl nicht zu besiegen sei; gleichzeitig ist es aber auch ein Anti-Kriegs-Song. Wie auch immer: Musikalisch gesehen, ist es ein Meisterwerk.

Deep Purple: „Child in Time“  [Ersatzlink Audio-Video]

Das Stück beginnt mit einer leisen Einleitung auf der Hammond-Orgel. Nach und nach setzt der Gesang ein, zusammen mit dem Bass wird er immer lauter und zum Schluss des Intros gibt es eine Reihe von hilferufähnlichen Schreien, die in rein ekstatischen Schreien enden. Nach einem Drittel des Songs beginnt ein dreiminütiges Solo von Gitarre und Orgel, dabei wird das Tempo laufend gesteigert, bis es abrupt abbricht. Und es beginnt wieder mit der Orgel-Einleitung des Intros. Das Ganze über zehn Minuten!

Damit gehört „Child in Time“ zusammen mit Led Zeppelins „Stairway To Heaven“ und Black Sabbaths „Paranoid“ zu den bekanntesten Hardrock-Hymnen. „Die drei Bands gelten als Gründer des Genres und kommen oft im gleichen Satz vor. Von vergleichsweise härteren Tönen abgesehen, haben Deep Purple jedoch wenig mit den anderen zwei gemeinsam. Einerseits, weil ihre Musik eher in der Klassik als im Blues wurzelt, andererseits, weil die Orgel wesentlicher Bestandteil ihrer Stücke ist.“ [Laut.de].

Insbesondere wurde Deep Purple durch ihre perfekten Live-Auftritte bekannt. In diesem Zusammenhang ist das 1972er Album „Deep Purple – Live in Japan“ zu erwähnen: mit harten Klängen und bisher in der Rockmusik nicht üblichen Tonleitern. Die Verbindung von Rock und Klassik zeigte sich auch an ihrem Auftritt mit dem Royal Philharmonic Orchestra: Livealbum „Concerto for Group and Orchestra“, 1969 und dem Studioalbum „Deep Purple in Rock“, 1970. Alle drei LPs enthalten den zehnminütigen Song „Child in Time“. Einer meiner All-Time-Favoriten.

Tage wie diese …

Ich wart seit Wochen, auf diesen Tag/ und tanz vor Freude, über den Asphalt/ Als wär’s ein Rhythmus, als gäb’s ein Lied/ Das mich immer weiter, durch die Straßen zieht/ Komm dir entgegen, dich abzuholen, wie ausgemacht/ Zu der selben Uhrzeit, am selben Treffpunkt, wie letztes mal/ … / An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit [Campino/ Birgit Minichmayer]

Mit dem Song „Tage wie diese“ von den „Toten Hosen“ feierte die Deutsche Nationalmannschaft ihren Sieg im Finale gegen Argentinien bei der Fußballmeisterschaf in Brasilien in Rio de Janeiro mit dem Siegtreffer durch Mario Götze. Er war auch der beliebteste Song der Mannschaft während der Europameisterschaft 2012. Und heute auf der Fan-Meile wurde er während der Abschlussfeier natürlich auch gespielt.

"Harley Davidson-Treffen am Brandenburger Tor", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

„Harley Davidson-Treffen am Brandenburger Tor“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Der Song ist eine Single-Auskopplung aus dem Album „Ballast der Republik“ und wurde am 23. März 2012 veröffentlicht. Die Single enthält drei weitere Lieder und ist versehen mit einem Cover-Foto von Andreas Gursky unter dem Titel „May Day III“, das Gursky auf dem Techno-Umzug im Jahr 1998 in Berlin aufgenommen hat.

Die Toten Hosen: „Tage wie diese“

Die Single erreichte in Deutschland Platz 1 der Charts. In dem Musik-Video trifft sich eine Gruppe von Graffiti-Sprayern, unterbrochen von Szenen auf dem Studio, von Live-Auftritten der Gruppe und mit Fans von Fortuna Düsseldorf.

Wir waren immer eine Band, die in der Gegenwart lebt und nach vorne blickt. Letztendlich geht es auch darum, den Moment zu zelebrieren. So wie du mit einem Freund auf ein Konzert oder eine Party gehst und weißt, das ist ein Abend, ein Moment, der so vielleicht nicht mehr wieder kommt. Eine solche Situation beschreibt das Lied. [Campino]

Thank you for the music

Die Super-Gruppe, die niemals zurückkam – ABBA-Trilogie (3)

I’m hearing images, I’m seeing songs/ No poet has ever painted/ Voices call out to me, straight to my heart/ So strange yet we’re so well acquainted/ I let the music speak, with no restraints

ABBA "I Let The Music speak", Foto & Gafik © Friedhelm Denkeler 2014

ABBA „I Let The Music speak“, Foto & Gafik © Friedhelm Denkeler 2014

Sechs Jahre nach ihrem ersten Erfolg mit „Waterloo“ ging die Abbamania 1980/81 mit den Alben „Super Trouper“ und „The Visitors“ langsam zu Ende.

In einem der letzten Songs von ABBA „I Let The Music speak“ (1981) geben Björn und Benny die Richtung vor, in der sie zukünftig arbeiten wollen: die Welt der Musicals. Agnetha und Frida dagegen nehmen Solo-Alben auf.

ABBA: „I Let The Music speak“
(Ersatzlink)

Björn und Benny schrieben zusammen mit Tim Rice das weniger erfolgreiche Musical „Chess“. Berühmt wurde nur der Star des Musicals, Murray Head, mit dem Hit „On Night in Bangkok“ aus dem Jahr 1984. In Deutschland stand er zwei Wochen auf Platz 1 der Single-Charts.

1989 entwickelte die britische Autorin Catherine Johnson ein Musical mit 22 ABBA-Songs. Die Story hat aber nichts mit der Geschichte der Band zu tun. Premiere war 1999 in London und 2008 kam das Musical „Mamma Mia“ als Film mit Meryl Streep in der Hauptrolle und Pierce Brosnan in die Kinos. Der Film ist es wert, in einem eigenen Artikel behandelt zu werden.

Offiziell hat sich die Gruppe ABBA nie aufgelöst; sie macht nur eine Pause, die aber bis heute anhält. Zum Schluss dieser Trilogie kann man mit einem ihrer Songs von 1977 nur sagen „Thank you for the music„.

Siehe auch ABBA-Triologie (1): „Waterloo, finally facing my Waterloo

Siehe auch ABBA-Triologie (2): „Video Killed The Radio Star

Video Killed The Radio Star

The Winner Takes It All – Die ABBA-Trilogie (2)

 The gods may throw a dice/ Their minds as cold as ice/ And someone way down here/ Loses someone dear/ The winner takes it all/ The loser has to fall/ It’s simple and it’s plain/ Why should I complain

ABBA "The Winner Takes It All", Foto & Gafik © Friedhelm Denkeler 2014

ABBA „The Winner Takes It All“, Foto & Gafik © Friedhelm Denkeler 2014

Nach den Anfangserfolgen mit „Waterloo“, „SOS“ und „Mamma Mia“ und ihren Tourneen setzten bei Agnetha, Frida, Björn und Benny von der schwedischen Pop-Gruppe ABBA erste Ermüdungserscheinungen ein. Björn und Benny wollten neue Songs komponieren und Agnetha und Frida sich um ihre Familien kümmern; sie verspürten wenig Lust, weltweit auf Promotiontour zu gehen und Tourneen zu organisieren.

Aus dieser Not heraus kamen sie gemeinsam mit ihrem Manager Stikkan „Stig“ Anderson auf die geniale Idee, Musikvideos zu drehen. Damit konnten sie in allen Ländern der Welt Werbung machen, ohne persönlich anwesend zu sein.

Der schwedische Regisseur Lasse Hallström prägte mit seinen Musikvideos (damals noch Promo-Clips genannt) das Image der Gruppe. Die ersten beiden Videos „Waterloo“ und „Ring, Ring“ entstanden 1974 und das letzte „The Day Before You Came“ 1982 (von insgesamt 30 Clips). Herausgesucht habe ich aus dem Jahr 1980 das Video:

ABBA: „The Winner Takes It All“

Seit 1981 war der US-Musikkanal „MTV“ mit den Videoclips auf Sendung. Der erste Song, der gespielt wurde, war übrigens „Video Killed The Radio Star“ von den „Buggles“. Eine eigenständige Kunstform war somit geboren.

Der Kinofilm „Abba – The Movie“ über die Tournee in Australien vervollständigte ihren Erfolg. Hallström dichtete eine Rahmenhandlung hinzu: Ein Radioreporter versucht, den ganzen Film über verzweifelt ein Interview zu führen. Erst zum Schluss begegnet er der Gruppe überraschend im Fahrstuhl – doch sein Aufnahmegerät versagt.

Siehe auch ABBA-Trilogie (1): „Waterloo, finally facing my Waterloo

Siehe auch ABBA-Trilogie (3): „Thank you for the music

Waterloo, finally facing my Waterloo

Napoleon hatte sein Waterloo, aber für ABBA war es der Beginn einer Weltkarriere – Die ABBA-Trilogie (1)

Waterloo, I was defeated, you won the war/ Waterloo, promise to love you for ever more/ Waterloo, couldn’t escape if I wanted to/ Waterloo, knowing my fate is to be with you/ Waterloo, finally facing my Waterloo

ABBA "Waterloo", Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler

ABBA „Waterloo“, Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler

Zum 40. Jahrestag des Siegertitels „Waterloo“ der vier Schweden Anni-Frid („Frida“) Lyngstad, Agnetha Fältskog, Björn Ulvaeus und Benny Andersson, kurz ABBA genannt, beim „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ (heute heißt er schnöde „European Song Contest (ESC)“ im englischen Seebad Brighton wird es Zeit, dass in meinem Rockarchiv auch ein ABBA-Song vorgestellt wird:

ABBA: „Waterloo“

Außerdem habe ich den Original-Beitrag des Grand Prix vom 6. April 1974 herausgesucht.

Der 6. April 1974 in Brighton war der Beginn einer 40jährigen Pop-Geschichte mit unsterblichen Songs, wie „The Winner Takes It All“, „Dancing Queen“, „Knowing Me, Knowing You“, „SOS“, „Take A Chance On Me“ oder „The Day Before You Came“ mit insgesamt 380 Millionen verkauften Tonträgern.

Bei ihrem Auftritt in Brighton vor 500 Millionen Fernseh-Zuschauern wirkten sie gegenüber ihren eher biederen Konkurrenten in Anzug und Abendkleid mit ihrem farbigen, hippiemäßigen Outfit wie eine Gruppe von einem anderen Stern.

Das kann man von der diesjährigen Gewinnerin des ESC Conchita Wurst auch sagen, aber ob er/sie in die Pop-Geschichte eingehen wird, ist eine andere Frage.

Nach ABBAs großartigem Sieg verkauften sich ihre Platten weltweit glänzend. In Schweden, aber auch in Deutschland, war die Skepsis groß; die Musik war vielen zu unpolitisch und kommerziell. Die berühmte Abbamania entwickelte sich erst in den nachfolgenden Jahren und begann mit den beiden Songs „SOS“ und „Mamma Mia“, zu denen Lasse Hallström Videos in Farbe drehte. Gleichzeitig war dies auch der Beginn der Videoclip-Kultur. ABBAs Durchbruch begann in Australien, nachdem der Fernsehsender ABC 1975 beide Clips in Farbe ausstrahlte.

Was dann folgte ist eine weitere Geschichte wert.

Siehe auch ABBA-Trilogie (2): “Video Killed The Radio Star

Siehe auch ABBA-Trilogie (3): “Thank you for the music

Eine Welt der Männer – bei Johanna Breede

„It’s a Man’s World“ von „Godfather of Soul“ James Brown

This is a man’s world/ This is a man’s world/ But it wouldn’t be nothing, nothing/ Without a woman or a girl/ You see man made the cars/ To take us over the road/ Man made the train/ To carry the heavy load [James Brown]

James Brown (1933-2006), der Meister des Soul und Funk, hat sie bereits 1966 in „It’s a Man’s World“ besungen – die Männerwelt. Die Männer haben die Autos, die Züge und die Schiffe erfunden und gebaut. „Nicht erwähnt hatte der ‚King of Soul‘ damals, dass es auch Männer waren, die die Fotografie erfanden; Männer, die aus Licht und Chemie apparative Bilder kreierten“ schreibt Johnanna Breede in der Einleitung zu ihrer aktuellen Ausstellung „Männer“.

"Geheimnisvolle Filmdose", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

"Geheimnisvolle Filmdose", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Zu sehen sind, nach der Schau „Frauen“ im Frühjahr 2013, jetzt Männer und Mythen, Heroen und Realitäten, von neunzehn Fotografen. Die „Männer“ sind von Sibylle Bergemann, Michael Birt, Heinz Hajek-Halke, Thomas Höpker, Hannes Kilian, Birgit Kleber, Robert Lebeck, Herbert List, Stefan Moses, Ossip, Ulrike Ottinger, Beat Presser, Sheila Rock, Michael Ruetz, Max Scheler, Gundula Schulze Eldowy, Liselotte Strelow, Karin Székessy, Herbert Tobias und Kurt Wyss porträtiert worden.

Prominente, Künstler, Politiker und Unbekannte geben sich in dieser hervorragend gehängten Ausstellung ein buntes Stelldichein und laden zum Verweilen und zur Kommunikation ein. Die Fotografien sind noch bis zum 15. März 2014 in der Galerie Johanna Breede PHOTOKUNST in der Fasanenstraße 69 zu sehen.

James Brown war ein Symbol für die Freiheit und den Erfolg von Millionen von schwarzen Amerikanern im Kampf für die bürgerlichen Rechte. Er gab ihnen Hoffnung und sie waren Stolz auf ihn. Der Gesang von Brown war eher als ein rhythmischer Sprechgesang, der Elemente des Rap vorwegnahm, anzusehen. Seine Musik übte großen Einfluss auf spätere Rockmusiker, wie Prince, Michael Jackson, Bob Marley, Booker T. & the M.G.’s, u.a., aus. Brown schloss seine zahlreichen Shows und Konzerte stets mit einer 20-Minuten-Version von „Sex Maschine“ ab; herausgesucht habe ich aber, passend zur Ausstellung, ein wunderschönes, neues Video, das von Saatchi & Saatchi gestaltet wurde, mit dem Original-Song

James Brown: „It’s a Man’s Man’s Man’s World“,

sowie eine Live-Version aus dem US-Amerikanischen Fernsehen aus dem Jahr 1966, eine Performance der beiden Legenden James Brown & Luciano Pavarotti und ein Auftritt von Christina Aguilera (mit dem kompletten Song-Text).

A Tribute To Lou Reed

A butterfly heart flies right past you.

Wedekinds „Lulu“konzertant als Rockkonzert im Berliner Ensemble

Kein anderer Musiker hat sich wie Lou in seiner goldenen Zeit in unsere Träume und Albträume geschlichen: Er war das dreiste Klanggenie, er war zornig und widerspenstig und wimmerte doch innerlich vor Verletzlichkeit [Rufus Wainwright über Lou Reed]

Robert Wilson (*1941) hat bisher am Berliner Ensemble (BE) vier Stücke inszeniert: “Die Dreigroschenoper” mit der Musik von Bertold Brecht/Kurt Weil (siehe hier), “Shakespeares Sonette”mit der Musik von Rufus Wainwright (siehe hier) Matthew/ Kästners “Peter Pan” mit der Musik und den Songs von CocoRosie und Wedekinds “Lulu” mit der Musik und den Songs von Lou Reed.

"Lulu konzertant: A Tribute to Lou Reed", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

„Lulu konzertant: A Tribute to Lou Reed“
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Wedekinds “Lulu” habe ich noch nicht gesehen, aber am Sonnabend gab es im komplett ausverkauften BE zur Erinnerung an den am 27. Oktober 2013 im Alter von 71 Jahren in New York verstorbenen Lou Reed eine konzertante Aufführung. Schauspieler traten in ihren Kostümen aus Lulu auf; Robert Wilson persönlich stand auf der Bühne, gab eine Einführung und gedachte gemeinsamer Begegnungen und die Musiker lieferten ein feines Rockkonzert ab. Wir hörten und „sahen“ die Songs, die Reed für Lulu komponierte. Herausgesucht habe ich den schönsten Song „Iced Honey“, den Lou Reed mit der Band Metallica für das Doppel-Album „Lulu“ einspielte:

Lou Reed & Metallica: „Iced Honey“

Alle Songs des Albums können Sie hier hören und auch die entsprechenden Texte dazu finden. Die Geschichte von Lou Reed zu erzählen, der seit 2008 mit Laurie Anderson verheiratet war, bleibt einem weiteren Artikel vorbehalten; aber einige Stichwörter will ich nennen: Reed trat zusammen mit John Cale und zwei weiteren Musikern in der von Andy Warhol geförderten Band unter dem Namen „The Velvet Underground“ ab 1965 auf. Sie war kommerziell nicht erfolgreich, man kann sie aber als einflussreichste Underground-Band bezeichnen. Ihr erstes Album war „The Velvet Underground & Nico“ – das berühmte mit dem Bananencover. Ab den 1970er Jahren arbeitete Reed als Solist, besonders bekannt wurde der Song „Walk on the Wild Side“. 2011 arbeitete er mit der Band „Metallica“ zusammen.

No matter what you say, no matter what you do/ A butterfly heart flies right past you/ There’s nothing to say, nothing to do/ See if the ice will melt for you/ Iced honey [aus „Iced Honey“]

Am Ende ist die Bühne genauso leer wie am Anfang [Botho Strauss]

Nur Liebende bleiben am Leben oder: Tunnel der Liebe

Jim Jarmusch: „Only Lovers Left Alive“

Here I go/ Going down, down, down/ My mind is a blank/
My head is spinning around and around/
As I go deep into the funnel of love [Wanda Jackson – Funnel of Love]

Nur Menschen mit einer großen Liebe zu Musik und Büchern bleiben am Leben – so könnte man Jim Jarmuschs neuesten Film „Only Lovers Left Alive“ auch beschreiben, denn er lebt zu großen Teilen von der Musik und den Leidenschaften eines Rock-Nerds namens Adam (Tom Hiddleston) und seiner Bücher verschlingenden und überaus gebildeten Gattin Eve (Tilda Swinton). Haben wir nun einen vampiristischen Musikfilm oder einen musikalischen Vampirfilm für Bildungsbürger gesehen? Zunächst soll es um die Musik im Film gehen, die auch inhaltlich einen Schwerpunkt bildet. Mit den klassischen Vampir-Filmen und den neumodischen Teenie-Soaps desselben Themas hat Jarmuschs Film jedenfalls nichts gemein.

"Adams Haus", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

„Adams Haus“, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Musik spielte in seinen Filmen immer schon eine große Rolle (John Lurie, Tom Waits, Iggy Pop). Diesmal hören wir einen wunderbaren Soundtrack, der herrlich stimmig auf Bilder und Handlung Bezug nimmt; eine wilde Mischung aus Country, Sixties Soul, Rock, Garage Punk und Paganinis Geigen. Die moderne Rockmusik, die Adam im Film spielt, stammt von Jarmuschs eigener Band „Sqürl“. Der Film beginnt aber mit einem Track aus dem Jahr 1960 von Wanda Jackson. Die Kamera kreist traumhaft über Adam und Eve, überblendet durch einen Plattenspieler, auf dem sich eine Single dreht:

Wanda Jackson: „Funnel Of Love“

Die Rockabilly- und Country-Sängerin Wanda Jackson (*1937, Oklahoma) war die erste Frau, die „wilde“ Musik in den 1960er Jahren machte (wenn nicht noch schlimmere Ausdrücke damals verwendet wurden) und sie ging mit Elvis Presley auf Tournee. Ihre rauhe Männerstimme kam bei den prüden US-Amerikanern nicht gut an; sie hatte ihre größten Erfolge im Ausland. In Deutschland war der Schlager „Santo Domingo“ (1965) ihr stärkster Triumph. Mein Lieblingssong von ihr aber ist „Let’s Have A Party“ (1958). Anfang der Sechziger war er auf jeder Party ein Muss. Kein Wunder, es war hochkarätiger Rock ’n’ Roll, denn begleitet wurde Jackson durch die Musiker von Gene Vincent.

Filmtrailer, www.wandajackson.com

„Etwas ist faul im Staate Dänemark!“

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage. Oder: The Death is not the End

Oh, the tree of life is growing/ Where the spirit never dies/
And the bright light of salvation shines/ In dark and empty skies [Bob Dylan]

Vor Beginn der Aufführung leuchtet auf dem noch geschlossenen Vorhang im Berliner Ensemble, wie von Zorros Säbel in den Stoff geschnitten, der helle Schriftzug „Hamlet“ auf. Wir sind also im richtigen Theater und freuen uns auf Leander Haußmanns Interpretation von William Shakespeares „Hamlet – Prinz von Dänemark“ und auf die Musik von „Apples in Space“.

Und wir sehen und hören für 3½ Stunden „richtiges“ Theater: Blitze zucken und der Donner grollt, Nebel wabert über die Bühne, Pistolenschüsse peitschen durch den Raum, Säbel rasseln, der alte König (oder ist es nur sein Geist?) tritt nackt auf, obwohl er ermordet wurde, ein „Zuschauer“ wird auf die Bühne gezerrt, Hamlet liegt mit seiner Ophelia nackt im Liebesbett, Theaterblut wird in Mengen vergossen und verspritzt (für die Zuschauer in den ersten Reihen liegen Decken bereit), Mord aus Rache, Selbstmord aus Liebeskummer, eine Theatertruppe tritt zwischendurch auf; also alles was das Theater hergibt hat Haußmann aufgefahren.

Die Geschichte von Hamlet, die ich hier sicherlich nicht erzählen muss, spielt auf dem Schloss Helsingör, das dank der Drehbühnentechnik mit einem aufgebauten Labyrinth aus unterschiedlich hohen Wänden von den Schauspielern viel an Bewegung verlangt. Einzig das Gitarren-Akkordeon-Duo „Apples in Space“ bringt die notwendige Ruhe in das Spiel. „Lange hat man die Schauspieler des Hauses nicht so stark gesehen. Am Berliner Ensemble wird Theater gespielt.“ [Der Tagesspiegel]. Der Rest ist Schweigen.

"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage", Foto © Friedhelm Denkeler 2003

„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“, Foto © Friedhelm Denkeler 2003

Am Ende der Aufführung leben alle ermordeten und verstorbenen Figuren wieder auf und springen munter auf der Bühne zur Musik von „Apples in Space“ mit dem Song „The Death is not the End“ herum. Das Duo, das zwischendurch auch im Engelskostüm auftritt, besteht aus Julie Mehlum und Philipp Haußmann (Leander Haußmanns Sohn). Bekannt wurden die beiden aus dem Film „Hai-Alarm Am Müggelsee“ (Sven Regener/ Leander Haußmann) mit ihrem Song „Vespa„. In Hamlet begleiten sie das Stück mit viel düsterer Rockmusik von „The Death is not the End“ bis „The Carneval is over“.

Der Song von Bob Dylan „The Death is not the End“ erschien 1988 auf seinem Album „Down In the Groove“. Herausgesucht habe ich aber die, wie ich finde, bessere Version von Nick Cave & The Bad Seeds mit Kylie Minogue aus dem Jahr 2011 (vom Album „Murder Ballads“):

Nick Cave & The Bad Seeds: „The Death is not the End“

Die australischen Pop-Gruppe „The Seekers“ hatte 1965 mit dem Song „The Carnival Is Over“ einen Nummer-1-Hit in England. Auch diesen Song hat Nick Cave gecovert. Aber hier ist der Original-Song:

The Seekers: „The Carnival Is Over“

This will be our last goodbye/ Though the carnival is over/
I will love you till I die [The Seekers]

Men At Work! Nicht nur Down Under – auch in Berlin

I come from a land down under/ Where beer does flow and men chunder/
Can’t you hear can’t you hear the thunder/ You better run you better take cover

Die australische Band „Men At Work“ hatte 1982 ihre große Zeit mit dem Welthit „Down Under“. Er stand in England, Australien, den USA und in der Schweiz auf Platz 1 der Charts (in Deutschland kam er bis Platz 9). Der Name der Band fiel Sänger Colin Hay ein, als er sah, wie auf einer Baustelle nur einer von neun Bauarbeitern arbeitete. Dass es auch anders geht, zeigt mein Foto: Alle fassen bei den Bauarbeiten am S-Bahnhof Yorkstraße mit an.

Men At Work: „Down Under“  (Ersatzlink)

Down Under wurde von Men At Work 2000 bei der Abschlussfeier der Olympischen Spiele noch einmal aufgeführt – eigentlich hatte sich die Band bereits 1986 aufgelöst. Der Song-Titel ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für Australien und der Song eine ironische Liebeserklärung an Australien. Er wird inzwischen als „heimliche, australische Nationalhymne“ angesehen.

"Men at Work" (S-Bhf. Yorckstraße), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

„Men at Work“ (S-Bhf. Yorckstraße), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

„Der Song erzählt die Geschichte eines die Welt bereisenden australischen Rucksacktouristen, der allen von seiner Heimat berichtet, wo das Bier in Mengen fließt, Frauen heiß sind und Männer sie aufreißen und sich in der zweiten Strophe wegen des übermäßigen Bierkonsums übergeben … Ein Teil des Textes ist australischer Slang: Der Reisende fährt in einem überhitzten VW-Bus und raucht offensichtlich Marihuana.“ [Zitat Wikipedia]. Inhaltlich also weder politisch noch gendermäßig korrekt, aber ein Zeitdokument!

Patsy – Das Girl mit dem Perlenring

Ross McManus And The Joe Loss Blue Beats mit „Patsy Girl“

Hey Patsy girl/ I love the way you’re kissing me/
I like a nice girl/ She likes a bright pearl

Durch Zufall lese ich in der neuesten Ausgabe der „Rolling Stone“ in einem Leserbrief die Worte „Patsy Girl“. Das löst unmittelbar ein Déjà-vu-Erlebnis aus: Ist das nicht der Song, den ich den 1960er Jahren so sehr liebte? Im Netz habe ich ihn sofort gefunden:

Ross McManus: „Patsy Girl“.

Es ist ein von Ross McManus (*1927, †2011), dem Vater von Elvis Costello, geschriebener und selbst gesungener Song aus dem Jahr 1964, den er mit der Band „The Joe Loss Blue Beats“ aufnahm. Die Trompete blies er selber. Aber erst 1966 fand der Song den Weg von England nach Deutschland und Österreich. In der Deutschen Hitparade war er daraufhin 19 Wochen vertreten. Seine höchste Notierung lag auf Platz 15. Es blieb Ross McManus einziger Hit. 1970 nahm er noch ein Album mit Songs von Elvis Presley auf, sinnigerweise unter dem Titel „Elvis‘ Dad Sings Elvis“.

„Patsy Girl“ ist eine große Reminiszenz an die Jugendzeit vor 47 Jahren. Den Song haben wir „Bei Pedro“ in der Musikbox immer wieder gewählt – bis wir Ärger bekamen. Auch in den Discotheken in Bohmte und Diepholz wurde er immer wieder gespielt. Ein toller Song und auch nach so vielen Jahren noch hörenswert. Zu dieser Zeit gefielen mir die offiziellen Hitparaden im Radio überhaupt nicht; so stellte ich Woche für Woche meine eigene Hitparade auf. Leider sind diese persönlichen Charts aus der Zeit nicht mehr vorhanden; Ross McManus hatte ich im Sommer 1966 bestimmt mehrmals auf den ersten Platz gesetzt.

"Telefunken Magnetophon 300", Foto © Friedhelm Denkeler 1966

„Telefunken Magnetophon 300“, Foto © Friedhelm Denkeler 1966

Aufgenommen habe ich die Songs damals mit einem Tonbandgerät der Marke „Telefunken Magnetophon 300“, einem Halbspurgerät. Es war eines der ersten portablen Tonbandgeräte, die Stromversorgung erfolgte über einen Akku oder über fünf Monobatterien, die Bandlaufgeschwindigkeit betrug 9,5 cm/s und mit einer speziellen Halterung konnte ich das Gerät auch im Auto betreiben.

Eine Theaterphantasie von Robert Wilson

„Shakespeares Sonette“ mit der Musik von Rufus Wainwright im Berliner Ensemble

Tag ist wie Nacht mir, kann ich dich nicht sehn,
Doch Nacht wird Tag, lässt Traum dein Bild erstehen [Sonett 43]

Robert Wilson (*1941) hat bisher am „Berliner Ensemble“ vier Stücke inszeniert: „Die Dreigroschenoper“ mit der Musik von Bertold Brecht/Kurt Weil (siehe hier), Matthew/ Kästners „Peter Pan“ (siehe hier) mit der Musik und den Songs von CocoRosie (Bericht folgt), Wedekinds „Lulu“ (bisher nicht gesehen) mit der Musik und den Songs von Lou Reed und jetzt „Shakespeares Sonette“ mit der Musik von Rufus Wainwright. Bei allen Aufführungen war Wilson ebenfalls verantwortlich für die Bühnenausstattung und die einmaligen, für ihn typischen, magischen Lichtkonzepte.

Liebe – Hass, Sehnsucht – Überdruss, Leidenschaft – Langeweile, Männlichkeit – Weiblichkeit, Gesicht – Maske, Bewegung – Stillstand, Jugend – Alter, Leben – Tod sind die Themen in Shakespeares Gedichten. Diese Assoziationen erweckt Wilson mit Hilfe der Musik von Wainwright in 25 Sonetten (von 154) zum Leben – und das ist das Leben. Zwei schöne Szenen möchte ich hier darstellen, eine vor der Pause und eine danach:

Ein Liebender (oder eine Liebende, Frauenrollen werden von Männern gespielt und umgekehrt) auf einem Riesenfahrrad kann nicht zu seiner Angebeteten auf einem winzigen Kinderfahrrad herunterkommen. Beide radeln ständig aneinander vorbei. Das andere Szenenbild zeigt drei gewaltige Tankstellen mit Zählwerken und mit den drei singenden Tankwarten wird die Musik entprechend der Geschwindigkeit der Zählwerke rockiger und lauter. Hier hat sich dann Rufus Wainwright stärker durchgesetzt. Letztendlich deutet sich auch der Auszug aus dem Paradies an: Mit dem Baum der Erkenntnis, einem Apfel und einer Schlange.

"Kochtopf im Hamburger Bahnhof", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

„Kochtopf im Hamburger Bahnhof“, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Rufus Wainwright (*1973) ist ein kanadisch-US-amerikanischer Singer-Songwriter und Komponist und veröffentliche 1998 unter dem Titel „Rufus Wainwright“ sein erstes Album. Ich habe die Single „Hallelujah“ herausgesucht. Das Original ist von Leonard Cohen:

Rufus Wainwright: „Hallelujah“

Weitere sechs Alben sind inzwischen erschienen. Neben kleineren Filmrollen komponierte er 2006 die Oper „Prima Donna“ und 2009 die Musik für die „Shakespeares Sonette“. Er hat mehrere Auszeichnungen und Nominierungen erhalten.

Your faith was strong but you needed proof/ You saw her bathing on the roof/ Her beauty and the moonlight overthrew you [aus „Hallelujah“]

Monatsarchiv