Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Rock-Archiv

Hier finden Sie Beiträge zu Songs und ihren Interpreten aus 70 Jahren Rock- und Pop-Geschichte. Es wird immer mindestens zu einem Musik-Video, Live-Video oder einem Video von einer TV-Aufzeichnung bei den bekannten Video-Portalen wie DailyMotion, MyVideo, YouTube, etc. verlinkt (oder wenn das nicht zur Verfügung steht, zu einem „reinem“ Audio-Video). Manchmal gebe ich auch einen Ersatzlink an.

„Near You“ von Francis Craig – Der Nummer-eins-Hit aus dem Jahr 1947

There’s just one place for me, near you/ It’s like heaven to be, near you/ Times when we’re apart/ I can’t face my heart/ Say you’ll never stray/ More than just two lips away

Die Melodie eines Songs ist mir aus der Kindheit immer mal wieder in Erinnerung gekommen; ich konnte sie aber nie zuordnen. Nun hat es geklappt! In der amerikanischen Hitparade „The Billboard“ vom Oktober 1947 bin ich fündig geworden. Der Song „Near You“ von Francis Craig and his Orchester stand hier auf Platz 1 und war 1947 die meistverkaufte Platte in den USA. 17 Wochen hintereinander stand er auf dem ersten Platz und gehört seitdem zum Standard der US-Popmusik. Demnach dürfte er Ende der 40er/ Anfang der 50er Jahre auch in Deutschland im Radio zu hören gewesen sein. Und natürlich ist im Netz auch eine Audio-Datei zu finden.

Francis Craig: „Near You“

In dem Song geht es um nichts anderes, als den Rest des Lebens in unmittelbarer Nähe der Geliebten zu verbringen – und das in verschiedenen Variationen. Auf der A-Seite der Single war allerdings Craigs Erkennungsmelodie „Red Rose“ zu hören; die Radiostationen spielten aber auf Wunsch der jugendlichen Hörer hauptsächlich die B-Seite mit „Near You“. Im ersten Teil des Songs spielt Craig die Melodie auf dem Klavier, erst im Mittelteil singt der blinde Bob Lamm, der Trompeter der Band, das Stück „Near You“ und zum Schluss gibt es wieder das Klaviersolo von Craig aus dem ersten Teil.

Eigentlich sollte die Single Francis Craigs (*1900, †1966) Abschiedsgeschenk an die Fans werden, denn er spielte mit seiner Bigband 21 Jahre als Hausband in einem Hotel in Nashville. Die Auftritte wurden landesweit vom Radiosender NBC übertragen. Nach dem sagenhaften Erfolg ging Craigs Karriere noch weiter. Das verdiente Geld investierte er in das erste Schallplatten-Presswerk in Nashville. Neben dem Nummer-eins-Hit war dies die Grundlage für den Aufstieg von Nashville als Musikmetropole.

"The Billboard", 4. Oktober 1947, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

„The Billboard“, 4. Oktober 1947, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Das Billboard-Magazin ist das bedeutendste Fach- und Branchenblatt für Musik und Entertainment in den USA. Es ermittelt und veröffentlicht die offiziellen Verkaufscharts für Singles (The Billboard Hot 100) und Musik-Alben (The Billboard 200), sowie diverse andere Hitlisten. Die erste Hitparade erschien im Blatt 1936. Heute werden die Platzierungen in einem komplizierten Verfahren ermittelt, das CD-Verkäufe, bezahlte Downloads und Abspielungen im Radio und TV berücksichtigt.

Van Morrison mit „It’s All Over Now, Baby Blue“ zum 70. Geburtstag

You must leave, now take what you need/ You think will last/ But whatever you wish to keep/ You better grab it fast/ Yonder stands your orphan with his gun/ Crying like a fire in the Sun/ Look out baby, the saints are comin‘ through/ And it’s all over now, baby blue [Them; Original von Bob Dylan]

Der in Belfast geborene George Ivan Morrison, von allen Van Morrison genannt, wurde in dieser Woche siebzig Jahre alt. Vielleicht hat der ewige Grantler der Rockmusik an seinem Geburtstag, dem 31. August ausnahmsweise ein wenig gelächelt. Schließlich hat Queen Elisabeth II. den „größten lebenden weißen Bluessänger“ [FAZ] am 12. Juni 2015 in den Adelsstand erhoben. Eigentlich müsste man also das Prädikat „Sir“ vor seinen Namen stellen.

Obwohl sich seine von ihm 1964 gegründete Band „Them“ bereits zwei Jahre später wieder auflöste, ist für ihn noch lange nicht alles aus. Bis heute wandelt er auf Solopfaden und produziert weiter Alben. Dabei bringt er solch unterschiedliche Musikstile wie Jazz, Blues, Country, Folk und Gospel unter einen (Rock-) Hut. Aber das ist wieder eine eigene Geschichte wert.

Cover der LP "The World Of Them", 1972, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Cover der LP „The World Of Them“, 1972, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Die erste Hit-Single von „Them“ war „Baby Please Don’t Go“ mit mit Jimmy Page (!) als Session-Gitarrist (1964). Als B-Seite wurde übrigens „Gloria“ gewählt, das sich später zum Klassiker mauserte. Es folgten „Here Comes the Night“ (1965), „Mystic Eyes“ aus dem Album „The Angry Young Them“ (1965) und ein Jahr später die geniale Single „It’s All Over Now, Baby Blue“ aus dem letzten Album „Them Again“ mit Van Morrison als Sänger. Die Band löste sich leider 1966 wieder auf.

Ein Video habe ich im Web nicht gefunden, aber im folgenden Audio kann man sich ganz auf Vans herrliche Blues-Stimme konzentrieren.

Them: „It’s All Over Now, Baby Blue“ (1966)

Das Original stammt von Bob Dylan. Inzwischen gibt es unzählige Cover-Versionen, zum Beispiel von den Rolling Stones, Byrds, Falco oder Marianne Faithfull. Aber die Interpretation von Them ist und bleibt mein Favorit. Van Morrison hat mit seiner „herbstschönen, so rauen wie expressiven Bluessoulstimme, wie sie sonst kein zweiter Weißer“ [Der Tagesspiegel] daran sicherlich den größten Anteil. Zum Geburtstag wünscht man ja einiges; aber wenn jemand solch herrliche Stimme hat, dann hat er eigentlich bereits alles.

Good Morning, Vietnam mit Robin Williams
und The Rivieras mit California Sun

Well, I’m goin‘ out west out on the coast/ Where the California girls are really the most/ Where they walk and I’ll walk/ They twist and I’ll twist/ They shimmy and I’ll shimmy/ They fly and I’ll fly/ Well they’re out there a’havin‘ fun/ In that warm California sun

Vor fünfzig Jahren (1965) kam der AFN-Diskjockey der Air Force, Adrian Cronauer (*1938), von Kreta nach Saigon zum dortigen amerikanischen Soldatensender. Mit seinen lockeren Sprüchen sollte er mehr Schwung in die morgendlichen Sendungen bringen und die Moral der US-Truppen stärken. Seine Erlebnisse verarbeitete er in einem Film-Drehbuch, aus dem der Anti-Kriegs-Film „Good Morning, Vietnam“ (1987), von Barry Levinson entstand. Die Hauptrolle erhielt Robin Williams als Adrian Cronauer, der in dem Film mit überschäumender Komik agiert und gleichzeitig ernste Szenen mit Bravur meistert.

Der Film lief gestern Abend auf ARTE. Er steht auf einer Ebene mit den bekannten Filmen über den Vietnam-Krieg, wie Apocalypse Now, Platoon und Full Metal Jacket. Allerdings stellt er weniger das Kampfgeschehen in den Mittelpunkt, sondern die GIs und die damalige Zivilbevölkerung von Saigon. Vielleicht kann man von einer Komödie mit nachdenklich stimmenden Szenen sprechen. Der Film will nicht dokumentarisch wirken, aber wie Cronauer sagte, stimmen die Fakten an die 50%.

Foto © Friedhelm Denkeler 1975

Foto © Friedhelm Denkeler 1975

Ein wichtiger Teil des Films ist natürlich der Soundtrack – Cronauer brachte schließlich den Rock ’n‘ Roll nach Vietnam. Einige der authentischen Songs aus dem Jahr 1965 möchte ich aufzählen: Them „Baby Please Don’t Go“, The Beach Boys „Don’t Worry Baby“ und „I Get Around“, The Marvelettes „Danger, Heartbreak Dead Ahead“, James Brown „I Got You (I Feel Good)“, Wilson Pickett „In the Midnight Hour“ und The Searchers „Sugar and Spice“. Während die Ballade von Louis Armstrong „What a Wonderful World“ lief, waren im Film lautlos Bombenexplosionen und Kriegshandlungen zu sehen.

Zum Ende des Films war noch einer meiner Lieblingssong aus dem Jahr 1964, „California Sun“ von den Rivieras, zu hören.

The Rivieras: „California Sun“ (Audio)

Die Band wurde Anfang der 1960er Jahre in Indiana (USA) gegründet. Ihr Song „California Sun“ war in den Staaten ein großer Erfolg und erreichte Platz 5 der US-Charts. In Deutschland kam er immerhin bis auf Platz 15 der Single-Charts. Mein erster Favorit der Gruppe war aber „Let’s Have a Party“, ebenfalls aus dem Jahr 1964. Von beiden Liedern gibt es diverse Cover-Versionen (Ramones, Beach Boys, Frankie Avalon, Shondells, etc.) Die Band trennte sich bereits 1966, von den Bandmitgliedern war nie wieder etwas zu hören.

Dion and the Belmonts mit Oooh..Oooh Wa-oooh..Ooooh. Bastian Korff & Florian Ludewig mit Rock ‘n’ Roll & Remmidemmi im Theater O-TonArt

Each time we have a quarrel / It almost breaks my heart / ‚Cause I’m so afraid / That we will have to part / Each night I ask the stars up above / Why must I be a teenager in love?

Dion and the Belmonts: "A Teenager in Love", 1959, Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler 2015

Dion and the Belmonts: „A Teenager in Love“, 1959,
Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler 2015

In den späten 1950er Jahren wurde die US-Amerikanische Doo-Wop- und R&B-Gruppe Dion and the Belmonts auch in Deutschland mit „I Wonder Why“ (1958) bekannt. Mein Lieblingssong aber ist der 1959 erschienene Hit „A Teenager in Love“.

Dion and the Belmonts: „A Teenager in Love“ (Audio mit Text),
TV-Aufzeichnung (Video).

Die TV-Aufzeichnung stammt aus der Saturday Night Beech-Nut Show vom 4. April 1959. Was macht eigentlich den Doo Wop-Stil aus? Vereinfacht gesagt, durch den verstärkten Gebrauch von sinnlosen-Silben, wie hier mit Oooh..Oooh Wa-oooh..Ooooh.Oooh oder wie Diddle-De-Dum. Aber der Begriff wurde erst später populär; damals lief diese Musik unter Rock ’n‘ Roll (meist weiße Mitglieder) oder Rhythm & Blues (eher schwarze Mitglieder).

Vorläufer war zum Beispiel die Musik der Comedian Harmonists. Viele spätere Soul-Stars begannen ihre Karriere als Mitglieder der Doo Wop-Gruppen, zum Beispiel Curtis Mayfield oder Wilson Pickett. Der Soundtrack des Films „American Graffiti“ (1973) besteht vielfach aus Doo Wop-Songs und der Moderator Barry Graves spielte in seiner Sendung „See You later Alligator“ (späte 1970er Jahre) im RIAS gerne Doo Wop. So wurde die Musik bei uns bekannter.

“A Teenager in Love“ gehört auch zum Repertoire des Duos Bastian Korff (Gesang) und Florian Ludewig (Klavier). Unter dem Titel “Rock ‘n’ Roll & Remmidemmi” steht das Duo aufgrund des großen Publikumserfolg am kommenden Freitag bereits zum dritten Mal in diesem Jahr im Theater O-TonArt in der Kulmer Straße auf der Bühne. Hoffentlich interpretieren sie auch wieder “A Teenager in Love“, denn ihre Version hat weitaus mehr Pep und Drive als das Original, eben echter Rock ‘n’ Roll. Und vielleicht gibt es auch wieder „In Dreams“ von Roy Orbison mit einer speziellen Widmung, aber lassen Sie sich überraschen und genießen den Abend.

„Korff als Sprecher, Schauspieler, Sänger und Texter und Ludewig als Pianist und Komponist sind wahre Multitalente für sich, aber auf der Bühne waren sie als Team unschlagbar: spontan, witzig und so herrlich unperfekt wie man nur sein kann, wenn man die Perfektion beherrscht, bescherten sie dem begeisterten Publikum ein Feuerwerk an Ideen und Gefühlen. Einer der schönsten Theaterabende der letzten Zeit.“ (aus „In Dreams I Walk With You. In Dreams I Talk To You„)

„Blow Up – Antonionis Filmklassiker und die Fotografie“
bei C|O Berlin (nur noch bis 8. April 2015)

Antonionis Film endet, wie sonst Krimis anfangen, weil er diese Beunruhigung mitteilen möchte, weil hinter der Frage, ob auf den Photos nun ein Mord zu sehen war oder ob Thomas nur geträumt hat, die wichtigere Frage wartet, ob dies nicht vielleicht gleichgültig ist. Diese Frage wird von Antonioni beantwortet, denn nicht eine geheimnisvolle Mordgeschichte ist das Sujet seines Filmes, sondern Thomas und seine Arbeit [DIE ZEIT]

Wenn man 1968 vom Land in die Stadt kommt, gibt es erst mal einen großen Nachholbedarf an sehenswerten Filmen. Deshalb beginnt meine Auswahl der gesehenen Filme der ersten „Westberliner Jahre“ bereits 1966. Aus meinen Tagebuchnotizen 1968 bis 1972 habe ich 14 Filme herausgefiltert, die auch heute noch alle Bestand haben. Die Filme liefen damals nicht im „Kino im Märkischen Viertel“ (das gibt es schon lange nicht mehr; siehe mein Foto von 1968), sondern in den Berliner Programm-Kinos, wie Lupe 1 und 2, Filmkunst 66, Arsenal, Kant-Kino, Delphi, Kurbel, Filmbühne am Steinplatz, Schlüter-Kino, um nur einige rund um den Kurfürstendamm zu nennen. Das Schlüter-Kino von Bruno Dunst war eines der ältesten Programmkinos Deutschlands und musste 1996 leider schließen.

"Kino im Märkischen Viertel", Foto © Friedhelm Denkeler 1968

„Kino im Märkischen Viertel“, Foto © Friedhelm Denkeler 1968

  • „Blow Up“ von Michelangelo Antonioni (1966) mit David Hemmings, Vanessa Redgrave, Jane Birkin, Veruschka Gräfin von Lehndorff und der Musik von Herbie Hancock, The Yardbirds
  • „The Wild Angels“ von Roger Corman (1966) mit Peter Fonda, Nancy Sinatra, Bruce Dern und den Songs von Davie Allen and The Arrows
  • „Belle de Jour“ von Luis Buñuel (1967) mit Catharine Deneuve, Michel Piccoli
  • „Bonnie und Clyde“ von Arthur Penn (1967) mit Warren Beatty, Faye Dunaway, Gene Hackman
  • „Die Reifeprüfung“ von Mike Nichols (1968) mit Anne Bancroft, Dustin Hoffman, Katharine Ross mit dem von Simon & Garfunkel eingespielten Soundtrack.
  • „Rosemary’s Baby“ von Roman Polański (1968) mit Mia Farrow, John Cassavetes
  • „Easy Rider“ von Dennis Hopper (1969) mit Peter Fonda, Dennis Hopper, Jack Nicholson und der Musik von Steppenwolf, The Byrds, The Band, The Jimi Hendrix Experience, u.a.
  • „Spiel mir das Lied vom Tod“ von Sergio Leone (1969) mit Henry Fonda, Claudia Cardinale, Charles Bronson, Jason Robards und der Musik von Ennio Morricone
  • „Zabriskie Point“ von Michelangelo Antonioni (1970) mit der Musik von Pink Floyd, Patti Page, Grateful Dead, Rolling Stones, u.a.
  • „Decameron“ von Pier Paolo Pasolini (1970) mit Franco Citti, Ninetto Davoli und der Musik von Ennio Morricone
  • „The Last Picture Show“ von Peter Bogdanovich (1971) mit Jeff Bridges und der Musik von Hank Williams
  • „A Clockwork Orange“ von Stanley Kubrick (1971) mit Malcolm McDowell, Patrick Magee
  • „Aguirre, der Zorn Gottes“ von Werner Herzog (1972) mit Klaus Kinski
  • „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ von Luis Buñuel (1972) mit Fernando Rey, Delphine Seyrig, Stéphane Audran, Jean-Pierre Cassel, Bulle Ogier.
"Filmplakat Blow Up", Foto © Friedhelm Denkeler 2015

„Filmplakat Blow Up“, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Zum Film „Blow-Up“

Auf dem Höhepunkt der Swinging Sixties bewegt sich der Mode- und Sozialfotograf Thomas (David Hemmings) in London durch die Popkultur der 1960er Jahre. Er gerät auf seinen Streifzügen in ein Konzert der Yardbirds mit Jeff Beck und Jimmy Page, dem späteren Gründer von Led Zeppelin. Während die Band den Titel „Stroll On“ spielt, zertrümmert Jeff Beck seine Gitarre und wirft die Einzelteile in das tosende Publikum. Ausgerechnet Thomas, der mit der Trophäe nichts anfangen kann, ergattert sie und wirft sie später weg.

The Yardbirds: „Stroll On“, Audio-Version

Ursprünglich hatte Antonioni The Who für diese Szene vorgesehen; die lehnten den kurzen Auftritt aber ab. So ließ er die Yardbirds einfach The Who imitieren, einschließlich der Zerstörung von Verstärkern und Gitarren.

Eigentlich besteht Blow Up aus einzelnen Episoden. Für eine Recherche verbringt der Protagonist eine Nacht im Obdachlosenasyl. Später zeigt er die Porträts einem Verleger. Die Fotos, die wir im Film sehen, sind aber in Wirklichkeit von Don McCullin aufgenommen worden. In der Ausstellung von C/O sind sie im Original zusehen.

Auch die bildende Kunst der 1960er Jahre in Großbritannien zeigt Antonioni in einer Episode. Thomas besucht seinen Nachbarn, den Maler Bill. Sie diskutieren über seine abstrakte Kunst. Das interessiert natürlich Thomas, denn seine (zu stark) vergrößerten Prints sind gleichermaßen abstrakt. Die Filmfigur Bill basiert auf dem britischen Künstler Ian Stephenson, dessen Gemälde die Ausstellung ebenfalls zeigt.

London war in den 1960er Jahren das Zentrum der Modefotografie mit drei bekannten Modefotografen, Black Trinity genannt, David Bailey (der als Vorbild für den Protagonisten dient), Terence Donovan und Brian Duffy. Diese nahmen ihre Models an ungewöhnlichen Orten außerhalb des Studios auf. Die dabei entstandene dynamische Bildsprache war hauptsächlich mit Kleinbildkameras zu realisieren und der Reportage-Fotografie entlehnt.

Natürlich sehen wir Thomas auch bei der Arbeit mit den Models, wie Veruschka von Lehndorff, Jill Kennington und Peggy Moffitt, in seinem Studio. Dabei verwandelt er die Fotosession mit Veruschka in einen quasi-sexuellen Akt. Der Standfotograf Arthur Evans hielt die in Blow Up mitwirkenden Models darüber hinaus in eigenständigen, ebenfalls in der Ausstellung zu sehenden, Modefotos fest.

Von den Studioaufnahmen und den Models ist Thomas gelangweilt, so zieht er, bewaffnet mit seiner NIKON F in der Abenddämmerung durch den Maryon Park und macht heimlich Aufnahmen von einem Liebespaar (Vanessa Reggrave). Beim Vergrößern der Fotos entdeckt er am Rand des Bildes einen Mann, der eine Pistole mit Schalldämpfer hält. Auf einem weiteren Foto, scheint er einen reglosen Mann zu sehen. Hat Thomas einen vermeintlichen Mord versehentlich aufgenommen? Also geht er mitten in der Nacht in den Park zurück und findet tatsächlich eine Leiche. Natürlich ist die Leiche am nächsten Morgen verschwunden. Er untersucht nun akribisch das entsprechende Foto und vergrößert es immer weiter bis die vermeintliche Leiche sich in der Körnung des Films auflöst. Ist das Verbrechen vielleicht pure Einbildung? Die Aufnahmen stammen in Wirklichkeit von McCullin und sind gleichfalls im Original zu sehen.

C/O stellt weitere unterschiedliche künstlerische Strömungen der 1960er Jahre in der Ausstellung vor und beleuchtet die Wechselwirkung von Film, Kunst und Gesellschaft mit Werken von David Bailey, Ron Galella, Terence Donovan, Richard Hamilton, John Hilliard, Hiroshi Sugimoto, Don McCullin, Cecil Beaton, Ian Stephenson, John Stezaker, Arthur Ewans, Alicja Kwade u.a.

Zum Ende des Films geht Antonioni noch einen Schritt weiter in Richtung Abstraktion: Er zeigt Pantomimen bei einem imaginären Tennisspiel, wobei Schläger und Ball, die Grundlagen des Spiels, gleich ganz abwesend sind. Mit einem realen Tennispiel hat die Filmzeit 24 Stunden vorher begonnen. Man kann Blow Up heute auf mehrere Arten rezipieren, einmal als Avantgarde, als Statement über die Wirkung von Bildern und deren Betrachtung und als Zeitdokument der 1960er Jahre. Kurz gesagt, ein inzwischen klassisches Meisterwerk.

In Inszenierung, Fotografie und Darstellung hervorragender Film von Antonioni, der die Faszination des Bildes als Abbild tatsächlicher oder vermeintlicher Wirklichkeit und die Möglichkeiten der Manipulation aufzuzeigen versucht und zugleich ein Porträt der Beat Generation zeichnet [Lexikon des internationalen Films]

Well, she comes from Tallahassee | She got a hi-fi chassis | Maybe looks a little sassy | But to me, she’s real classy | Yeah, my Tallahassee Lassie | Down in F-L-A
[Freddy Cannon in Tallahassee Lassie]

Freddy Cannon: "Tallahassee Lassie", 1959, Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler 2015

Freddy Cannon: „Tallahassee Lassie“, 1959,
Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler 2015

Als letzten Song stellte ich im Rock-Archiv Roy Orbisons “In Dreams” aus dem Jahr 1963 vor (In Dreams I Walk With You. In Dreams I Talk To You). Seinen ersten Hit hatte er 1956, passend zur damaligen Rock ‘n’ Roll-Zeit, mit “Ooby Dooby”.

Heute war ich auf der Suche nach einem ungewöhnlichen Rock ’n‘ Roll-Song aus den 1950er Jahren. Und ich wurde fündig.

Dieses Mal kommt zuerst der Song in einem Video aus dem Jahr 1959 aus dem US-amerikanischen Fernsehen. Bereits bei den ersten Takten rastet der Moderator voller Begeisterung aus – und dann kommt Freddy Cannon auf die Bühne …

Freddy Cannon: „Tallahassee Lassie“  (Ersatzlink, Audio)

… und rockt los, was das Zeug hält. Wenn man jemandem erklären möchte, was Rock ’n‘ Roll ist, dann sollte man ihm diesen Song vorspielen.

Und weil es so schön ist, kommt noch ein weiteres Video mit dem Song aus der berühmten Musik-Tanz-Schau „American Bandstand“ aus Philadelphia vom 12. Dezember 1964.

Tallahassee ist übrigens die Hauptstadt des US-Bundesstaats Florida (FLA). Wusste ich bisher auch nicht.

Freddy Cannon (Frederico Anthony Picariello, *1940) war mir völlig unbekannt, das hat sich seit heute geändert. Er kommt aus einem musikalischen Haus; sein Vater spielte Trompete und die Mutter war Songwriterin und schrieb für Freddy den Song „Rock and Roll Baby“. Ein Demo-Tape stellte er dem Musikproduzenten Bob Crewe vor, der dann den Song zu „Tallahassee Lassie“ umschrieb.

Ebenfalls hörenswert ist auch ein Song aus dem Jahr 1962: Palisades Park.

Das bewegte Leben von Roy Orbison spiegelt sich in seinen Songs wieder. „Roys Songs handelten weniger von Träumen, seine Songs waren Träume“ [Tom Waits]

I close my eyes, Then I drift away | Into the magic night. I softly say | A silent prayer like dreamers do. | Then I fall asleep to dream My dreams of you. | In dreams I walk with you. In dreams I talk to you. | In dreams you’re mine. All of the time we’re together | In dreams, In dreams [Roy Orbison in „In Dreams]

„Ich hasse es zuzugeben, aber Sie können eine Rolle nur spielen, wenn sie irgendwo in Ihrer Psyche steckt. Die Leute realisieren nicht, wie groß das Unterbewusstsein ist. Es ist wie die Unendlichkeit.“ [Dean Stockwell]

Gleich drei Mal hörte ich in dieser Woche Songs von Roy Orbison in Darbietungen der darstellenden Künste:

Roy Orbison: "(Oh) Pretty Woman", 1964, Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler

Roy Orbison: „(Oh) Pretty Woman“, 1964
Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler

Einmal war Roy Orbisons Stimme im Kultfilm „Blue Velvet“ von David Lynch mit Isabella Rossellini und Dennis Hopper aus dem Jahr 1986 zu hören. Ben (Dean Stockwell) performed hier den Song „In Dreams“ im Playback, solange bis Frank Booth (Dennis Hopper) es vor Schmerz ob des melancholischen Liedes nicht mehr aushält und den Stecker des Kassetten-Recorders zieht.

Die unheimliche Lippensynchronisation von Ben lässt darauf schließen, dass nicht nur bei Frank Booth, sondern auch im Inneren des Zuhälters etwas im Verborgenen liegt. Nach dieser Performance klingt der Song nicht mehr wie vorher. Und im Hintergrund tritt Dorothy Vallens (Isabella Rossellini) in ihrem Morgenrock aus blauem Samt in das Zimmer…

Ein zweites Mal hörten wir In Dreams im Theater O-TonArt in der Kulmer Straße. Hier trat der in Frankfurt geborene Sänger Bastian Korff zusammen mit dem Berliner Pianisten Florian Ludewig unter dem Titel „Rock ’n‘ Roll & Remmidemmi“ auf. Neben den dargebrachten eigenen Kompositionen coverten die beiden Künstler verschiedenste Rock-Balladen von Roy Orbison („In Dreams“), über Dion and The Belmonts („A Teenager in Love), Elvis Presley, David Bowie bis zu Bonnie Tyler („Turn Around – Bright Eyes“).

Korff als Sprecher, Schauspieler, Sänger und Texter und Ludewig als Pianist und Komponist sind wahre Multitalente für sich, aber auf der Bühne waren sie als Team unschlagbar: spontan, witzig und so herrlich unperfekt wie man nur sein kann, wenn man die Perfektion beherrscht, bescherten sie dem begeisterten Publikum ein Feuerwerk an Ideen und Gefühlen. Einer der schönsten Theaterabende der letzten Zeit. Im September wollen sie wieder gemeinsam in Berlin im Theater O-TonArt auftreten. Wir freuen uns sehr!

Im Berliner Ensemble gab es in der von Leander Haußmann inszenierten Soldatenstudie Woyzeck nach Georg Büchner eine Szene, die Roy Orbisons „Blue Bayou“ enthielt. Und zwar in einer Szene in der Militär und Jahrmarkt zusammenfließen. Die Soldaten lassen sich von der Marktschreierin wie dressierte Pferde im Kreis herumführen. Unter den Klängen von „Blue Bayou“ besteigen sie bunte Ballontiere zu einer Karussellfahrt in perfekt inszenierter Slow Motion. So schön haben wir das im Theater noch nie gesehen.

Die „schwarze“ Bühne ist vollkommen leer, das Bühnenbild stellen allein die dreißig Soldaten dar, die im stampfenden Rhythmus über die Bretter ziehen. Laufend werden exzessiv Songs eingespielt, wie Nancy Sinatras“ These Boots Are Made For Walking“ oder Melanies „Nickel Song“, denn bei Leander Haußmann gehört die Musik dazu. Wir erlebten einen großen Theatermoment. Hier habe ich die beiden Originale von Roy Orbison herausgesucht:

Roy Orbison: „In Dreams“ (1963) (Ersatzlink, nur Audio)
Roy Orbison: „Blue Bayou“ (Ersatzlink, nur Audio)

Roy Orbison merkte zu „In Dreams“ an: „Ich wachte morgens auf und der Traum war immer noch da und nach 20 Minuten hatte ich den Song fertig“. Der Song weist keine der üblichen Strophen mit einem Refrain auf, sondern ist eher als Mini-Epos in drei Minuten anzusehen. Seine unvergleichliche melancholische Stimme kommt hier besonders gut zur Geltung. Seine Songs handeln von der Seele und ihrem Schmerz und so entstehen oft komplette Dramen der Leidenschaften in Kurzform.

Roy Kelton Orbison (* 23. April 1936, Texas; † 6. Dezember 1988, Tennessee) hatte ein bewegtes und nicht immer einfaches Leben hinter sich. Seinen ersten Hit hatte Roy 1956, passend zur damaligen Rock ’n‘ Roll-Zeit, mit „Ooby Dooby“. Den Durchbruch erreichte er 1960 mit „Only The Lonely“. Warum trug Roy immer eine Sonnenbrille? Angeblich hatte der stark kurzsichtige Roy bei einem Konzert 1963 seine Brille vergessen und musste notgedrungen mit einer Sonnenbrille auftreten; von da an wurde sie zu seinem „Markenzeichen“.

Seinen größten Hit hatte er 1965 mit „Pretty Woman“. Eine schwierige Phase folgte in seinem Leben. Er wurde von privaten Schicksalsschlägen betroffen: Seine erste Frau starb bei einem Motorrad-Unfall und zwei seiner drei Söhne kamen bei dem Brand seines Landhauses ums Leben. Nach Pretty Woman blieben die großen Erfolge aus; eine Ausnahme bildet das nach seinem Tod erschienene „I Drove All Night“. 1987 wurde er in die „Rock and Roll Hall of Fame“ augenommen und 2010, also zwanzig Jahre nach seinem Tod, erhielt Orbison einen Stern auf dem „Hollywood Walk of Fame“.

Aus den 52 Songs, die sich zurzeit in meinem Rockarchiv befinden, habe ich meine Top-Ten von Roy Orbison zusammengestellt:

  1. „I Drove All Night“ (1992)
  2. „California Blue“ (1989)
  3. „It’s Over“ (1964)
  4. „In Dreams“ (1963)
  5. „Crawling Back“ (1966)
  6. „Blue Bayou“ (1963)
  7. „Only The Lonely“ (1960)
  8. „You Got It“ (1989)
  9. „Running Scared“ (1962)
  10. „(Oh) Pretty Woman“ (1965)

Es wurde Zeit, dass ich im „Journal“ einen meiner Lieblingssänger vorgestellt habe. „I Drove All Night“ steht, seit ich den Song kenne, unangefochten an der Spitze, aber auf eine einsame Insel würde ich alle zehn mitnehmen.

 

Berlinale 2015 (IV): „Als wir träumten“ von Andreas Dresen
Ein Techno-Musikfilm mit dem Sound von Marusha

Als wir träumten war der Stadtrand von Leipzig die Welt. Die DDR war weg und wir waren noch da. Pitbull war noch kein Dealer. Mark war noch nicht tot. Rico war der größte Boxer und Sternchen war das schönste Mädchen, doch sie hat mich nicht so geliebt, wie ich sie. Alles kam anders. Aber es war unsere schönste Zeit. [Prolog von Dani in „Als wir träumten“]

Andreas Dresen zeigt eine „filmische Parabel über Freundschaft und Verrat, Zuversicht und Illusion, Brutalität und Zärtlichkeit. Sie erzählt die Geschichte einer verlorenen Jugend und präsentiert zugleich ein Spiel um Rebellion und die nicht enden wollende Utopie vom großen Glück“. Und das alles mit viel Techno-Musik und Stroboskop-Geflacker unterlegt. Der Film ist ein paar Jahre nach der Wende angelegt und spielt in Leipzig.

Fünf junge „Nachtgestalten“, vor nicht allzu langer Zeit noch Pioniere mit rotem Halstuch, testen aus, was man im wiedervereinigten Land so alles mit der neuen „Freiheit“ anstellen kann. Zwei Ereignisse ragen dabei heraus: die Gründung des (illegalen) Techno-Clubs „Eastside“ und der Kampf mit den Neonazis. Dazwischen werden Autos geklaut, Drogen ausprobiert (einer stirbt daran), eine Boxer-Karriere scheitert, zwischendurch gibt es mal 4 Wochen Jugendarrest und die Sehnsucht nach der großen Liebe, dem schönsten Mädchen von Leipzig, bleibt unerfüllt. Wie schon bei Sebastian Schippers „Victoria“ ist auch hier kein Happy-End in Sicht.

Dresen verfilmte mit „Als wir träumten“ den gleichnamigen Bestseller von Clemens Meyer aus dem Jahr 2006. „Er würde jedes Festival der Welt zieren. Weil es sich um Weltklassekino handelt“ [FAZ]. Am 26.Februar 2015 kommt der Film dann in die regulären Kinos.

"Verlassene Industriehalle", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

„Verlassene Industriehalle“, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Das Ansehen von „Als wir träumten“ lohnt sich in jedem Fall, allein wegen der Musik, denn es ist auch ein großer Musik-Film. Das beginnt mit der Titel-Melodie Moderat: „A New Error“ und den mir weniger bekannten DJs Trentemøller: „Nightwalker“ und Josh Wink „Higher State of Consciousness“.

Eng war die Zusammenarbeit zwischen Dresens Musikberater Jens Quandt und der DJane (wie man weibliche DJs im deutschen Sprachraum oft nennt) Marusha. Die beiden kannten sich vom Jugendsender DT 64. Zwei Marusha-Tracks sind im Film zu hören: einmal der neuere von 2012 Marusha: „Club Arrest“ und der mehr zeitbezogene Song aus dem Jahr 1992:

Marusha: „Rave Channel“

DJ Marusha (Marusha Aphrodite Gleiß, geb. 1966 in Nürnberg) wurde 1990 mit einer der ersten Techno-Musik-Sendungen „Dancehall“ im DDR-Radio-Sender DT64 bekannt. Ein Jahr später begann sie mit der Produktion von eigenen Musikstücken und 1994 startete ihre Weltkarriere in den Techno-Clubs und den Raves mit dem Titel „Somewhere over the Rainbow“, einer Coverversion des gleichnamigen Songs aus dem Film-Soundtrack „Der Zauberer von Oz“ aus dem Jahr 1939. Die Single verkauft sich über eine halbe Million Mal. Auf Radio „Fritz“ (vom RBB) moderierte Marusha 17 Jahre lang (bis 2007) die Sendung „Rave Satellite“.

Jetzt schalten wir das Radio an und legen die Kassette ein

Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn/ Vor uns liegt ein weites Tal/ Die Sonne scheint mit Glitzerstrahl/ Die Fahrbahn ist ein graues Band/ Weisse Streifen, grüner Rand/ Jetzt schalten wir ja das Radio an/ Aus dem Lautsprecher klingt es dann:/ Wir fahr’n auf der Autobahn … [aus Kraftwerk: „Autobahn“]

1984 habe ich mir für die anstehenden Autobahn-Fahrten von Berlin nach West-Deutschland eine Compact-Kassette (ich hoffe, die Leser wissen noch, was das ist) zusammengestellt. Schwerpunkt der Cassette waren meine damaligen Top Five von Kraftwerk: passenderweise als Einstiegs-Song Autobahn (1974), dann Radioaktivität (1975), Trans Europa Express (1977), Das Model (1978) und Die Roboter (1978). Herausgesucht habe ich im Netz die über vierzig Jahre alte Single-Version mit 3:27 Minuten:

Kraftwerk: „Autobahn“

Das vierte Studioalbum von Kraftwerk aus Düsseldorf kam 1974 heraus. Weltbekannt wurde es durch das die gesamte A-Seite der LP füllende, hypnotische Stück „Autobahn“. Angeblich kam die Idee Ralf Hütters Band im VW-Bus auf der Fahrt über die Autobahn. Es beginnt mit den Startgeräuschen eines Autos, gefolgt von dichterem Verkehr und hupenden Fahrzeugen; sozusagen die musikalische Interpretation einer monotonen Autobahnfahrt. Melodie und auch der über einen Vocoder laufende Sprechgesang sind minimalistisch; das oben angeführte Zitat gibt bereits den ganzen Text des Songs wieder. Kraftwerk legte hiermit den Grundstein für das Genre Techno-Pop.

"Fahr'n, Fahr'n auf der Autobahn …" (aus: On The Road: Berlin – Hamburg: Der Berliner Ring kurz vor dem Abzweig Rostock), Foto © Friedhelm Denkeler 1984

„Fahr’n, Fahr’n auf der Autobahn …“ (aus: On The Road: Berlin – Hamburg: Der Berliner Ring kurz vor dem Abzweig Rostock), Foto © Friedhelm Denkeler 1984

 

Die Neue Nationalgalerie Berlin ist seit Ende letzten Jahres geschlossen (siehe Artikel Stützen für die Neue Nationalgalerie). Für den 6. Bis 13. Januar 2015, vor dem Beginn der Bauarbeiten, war die obere Halle für acht Konzerte der Band Kraftwerk unter dem Titel Der Katalog – 1 2 3 4 5 6 7 8 leergeräumt. An Karten für alle acht ausverkauften Konzerte war kaum heranzukommen. Und was spielten sie am ersten Tag? Natürlich Autobahn, aus ihrem nach eigener Lesart ersten Album. In diesem legten sie Querflöte und Hammondorgel beiseite und machten Musik mit einem für ihre Zwecke umgebauten Synthesizer.

„Sie entlockten den Maschinen Emotionen. Die Spannung zwischen einer laienhaft gesungenen Textzeile und einer sauber eingespielten Keyboard-Melodie provozierte ungeahnte Gefühle. Vielleicht haben sie damit der Welt ein wenig gezeigt, wozu wir Deutschen fähig sind: Präzision, Exzellenz, und ja, Robotertränen.“ [Der Tagesspiegel]

Übrigens gibt es noch die längere LP-Version mit über 22 Minuten – für die längeren Autobahnfahrten. Sie hätte sich für eine Fahrt durch die damalige DDR eigentlich besser geeignet. Eine Live-Version mit 8:52 Minuten finden Sie hier.

„The Power of Love“ von Frankie Goes to Hollywood

The power of love / A force from above / Cleaning my soul / Flame on burnt desire / Love with tongues of fire / Purge the soul / Make love your goal [aus: Power of Love]

"Tizian: Maria Himmelfahrt", Hochaltar für Santa Maria Gloriosa dei Frari in Venedig, 1516–1518", Quelle: Wikipedia

„Tizian: Maria Himmelfahrt“, Hochaltar Santa Maria Gloriosa dei Frari, Venedig, 1516–1518″, Quelle: Wikipedia

Anstelle einer Weihnachtsgeschichte habe ich für Heiligabend den Song Power of Love von Frankie goes to Hollywood herausgesucht. Das Lied kenne ich seit dreißig Jahren. Nach dem Erscheinen des Albums Welcome to the Pleasuredome wurde es am 19. November 1984 als Single veröffentlicht.

Eigentlich ist es kein direktes Weihnachtslied, obwohl es sich auf zahlreichen Weihnachts-Samplern befindet; es handelt aber von der Macht der Liebe und die Wörter Engel und Himmel tauchen auf, also passt es auch zu Weihnachten.

Die Nähe zu Weihnachten wird durch die auf dem Cover abgebildete Maria Himmelfahrt von Tizian unterstrichen und natürlich durch das Video, das im Dezember 1984 auf allen Musikkanälen lief. Der Clip zeigt die Geburt Jesu und gibt das zeitgenössische Umfeld in künstlerischer Form wieder.

Die Band Frankie goes to Hollywood mit ihrem Leadsänger Holly Johnson spielte sonst eher härtere Musik, aber wie bei anderen Rockbands auch, machen sie oft auch die schönsten Balladen.

The Power of Love war nach Relax und Two Tribes die dritte Single der britischen Band und der dritte Nummer-eins-Hit der Gruppe in Großbritannien.

Die Band löste sich 1987 auf. Ein Magazin-Cover mit der Headline über Frank Sinatras Aufbruch ins kalifornische Hollywood inspirierte Holly Johnson zum Bandnamen.

Zwei Videos habe ich herausgesucht, das Original und eine Audio-Version mit dem Liedtext:

Frankie Goes to Hollywood: „The Power of Love“  (Audio mit Text)

Siehe auch der Weihnachtsartikel 2010: David Bowie besucht Bing Crosby zu Hause

Siehe auch der Weihnachtsartikel 2011: Früher war mehr Lametta!

Ich mache Musik aus unendlicher innerer Begeisterung, das ist meine Triebfeder und sonst gar nichts [Udo Jürgens]

Udo Jürgens: "Siebzehn Jahr, blondes Haar" (1965), Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler 2014

Udo Jürgens: „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ (1965),
Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler 2014

Dass er niemals mehr singen wird, kann man sich kaum vorstellen; vergessen wird man ihn nicht – gestern starb der letzte große, deutsch singende Chansonnier und Komponist Udo Jürgens im Alter von achtzig Jahren in der Schweiz.

Praktisch begleitete er mich mit seinen Chansons ein Leben lang: Es begann im Oktober 1965 mit „Siebzehn Jahr, blondes Haar“.

Udo Jürgens:
„Siebzehn Jahr, blondes Haar“

Ein Jahr später erreichte er am 5. März 1966 beim Grand Prix Eurovision de la Chanson in Luxemburg im dritten Anlauf für Österreich mit „Merci Cherie“ den ersten Platz.

So ging es Jahr für Jahr weiter: „Immer wieder geht die Sonne auf“ (1967),  „Der große Abschied“ (1967), „Mathilda“ (1968), „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ (1973), „Griechischer Wein“ (1974), „Ein ehrenwertes Haus“ (1975), „Aber bitte mit Sahne“ (1976), „Mit 66 Jahren“ (1978), „Ich war noch niemals in New York“ (2001), um nur einige Songs zu nennen.

Er hat mehr als 1000 Songs komponiert, mehr als 50 Alben eingespielt und mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft.

Einige seiner Hits wurden zu regelrechten Volksliedern und gruben sich in das Gedächtnis ganzer Generationen ein, wie „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ oder „Griechischer Wein“.

Legendär waren die Zugaben in seinen unzähligen Konzerten: dort trat er regelmäßig im schneeweißen Bademantel auf.

Sein 51. Studioalbum kam Anfang diesen Jahres auf den Markt unter dem Titel: „Mitten im Leben“.

Dann kommt Der große Abschied von der Zeit. / Es gibt kein Wiedersehen, / war sie auch noch so schön. / Dann kommt Der große Abschied, sei bereit. / Denn alles wird vergehen, / die Welt, die muss sich drehen. [aus Udo Jürgens: Der große Abschied, 1967]

47 Jahre „Rolling Stone“ und eine kleine Geschichte der Rock-Zeitschriften

1967 wurde sie in San Francisco gegründet – die Rolling Stone, eine Zeitschrift mit dem Schwerpunkt Rockmusik und Popkultur. Die erste Ausgabe erschien vor 47 Jahren am 9. November 1967 noch im Zeitungsformat (siehe Foto). Damals in der Kleinstadt in Ost-Westfalen hat man davon natürlich nichts mitbekommen, geschweige denn, dass man sie kaufen konnte. Außerdem wäre mein Englisch nicht ausreichend gewesen (ist das heute sehr viel besser?).

Zwar gab es die deutsche Sounds, die 1966 als Free Jazz-Magazin begann, den Musikexpress, der seit 1971 monatlich in Deutschland erschien (gegründet wurde er in Holland als Muziek Expres, der erstmalig das Programm des illegalen Senders Radio Veronica abdruckte), sowie die Spex, die seit 1980 existiert und sich eher mit subkulturellen Themen beschäftigt. Alle diese Magazine änderten oft ihre Redaktionen, Titel wurden zusammen gelegt, die inhaltliche Ausrichtung der Blätter war oft unklar und sie trafen nicht unbedingt meinen Musik-Geschmack. Dies änderte sich jedoch vor 20 Jahren mit dem Erscheinen der deutschen Ausgabe der Rolling Stone. Das wird eine andere Geschichte werden.

Zeitschrift "Rolling Stone" (Erstausgabe, Cover, John Lennon, Wie ich den Krieg gewann), ", Foto © Friedhelm Denkeler

Zeitschrift „Rolling Stone“ (Erstausgabe 1967, Cover, John Lennon, Wie ich den Krieg gewann), „
Foto © Friedhelm Denkeler

Der Name der Rolling Stone geht zurück auf den Titel „Like a Rolling Stone“ von Bob Dylan (siehe Artikel „Wie ein Rollender Stein, der kein Moos ansetzt …„). In der ersten (amerikanischen) Ausgabe war John Lennon auf dem Cover abgebildet – als Soldat. Hintergrund war der Film von Richard LesterWie ich den Krieg gewann“ (How I Won the War) mit John Lennon in der Hauptrolle als Musketeer Gripweed, der im Jahr 1967 erschien. Heute sieht man diesen Film als einen der ersten Anti-Kriegsfilme an, denn Lester stellt auf satirisch-tragikomische Weise den Krieg als Groteske dar. Soweit ich mich erinnere, habe ich den Film damals „nicht so richtig verstanden“. Man müsste ihn heute noch einmal sehen.

Zeitschrift "Rolling Stone" (Erstausgabe 1967, Seite 3, Beatle wives: Patti Harrison, Cynthia Lennon, Maureen Starr (v.l.n.r.), Jenny Boyd (vorne, Patti's sister)), Foto © Friedhelm Denkeler

Zeitschrift „Rolling Stone“ (Erstausgabe 1967, Seite 3, Beatle wives: Patti Harrison, Cynthia Lennon, Maureen Starr (v.l.n.r.), Jenny Boyd (vorne, Patti’s sister))
Foto © Friedhelm Denkeler

Auf der dritten Seite sind die „Beatle wives“ Patti Harrison, Cynthia Lennon, Maureen Starr und Jenny Boyd (Patti’s Schwester) in einem großen Foto abgelichtet. Es geht um eine Einkaufstour durch die Londoner Boutiquen. Also auch damals schon Klatsch und Tratsch. Aber weitere Artikel in der Erstausgabe befassen sich mit Jefferson Airplane, Country Joe and the Fish, den Byrds, den Lovin‘ Spoonfull und mit dem 1967er Monterey Pop Festival im „Summer Of Love“ (siehe „San Francisco im Summer Of Love 1967„). Ein Interview mit Donovan, ein Korrespondenten-Bericht aus London und Plattenkritiken, wie Traffic „Hole In My Shoe“ und „The Herd“ mit „From The Underworld“ runden die Erstausgabe ab.

Da dieser Artikel unter der Rubrik „Rock-Archiv“ firmiert, soll hier auch von den genannten Songs einer aus dem Jahr 1967, der mit dem berühmten Glockenschlag von Big Ben beginnt, vorgestellt werden:

The Herd: „From The Underworld“ (Audio mit Song-Text)

Die „Herde“ aus Großbritannien hatte 1967 und 1968 einige Erfolge vorzuweisen, wie „From The Underworld“ und „Paradise Lost“. Ihr berühmtestes Bandmitglied war Peter Frampton, der später die Gruppe verließ und 1968 zusammen mit Steve Marriot die Band „Humble Pie“ gründete.

Out of the land of shadows and/ darkness, we were returning/ Towards the morning light/ Almost in reach of places I knew/ Escaping the ghosts of Yesterday/ You were behind me following/ closely/ „Don’t turn around now“ [From The Underworld]

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