Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Neues auf meinen Websites

Hier erfahren Sie hauptsächlich, was sich auf meiner Website “Lichtbilder” (vormals “Denkeler Photo”) verändert hat: einführende Artikel zu neu erstellten oder neu aufbereiten Serien und deren Photos, jeweils in einer Auswahl mit bis zu 30 Bildern oder anderes Erwähnenswertes. Und natürlich stelle ich Neuerungen und Entwicklungen in diesem Blog “Journal – Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst” in einem Beitrag vor.

Eine Mallorquinische Nacht

Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

Es fällt mir schwer zu schreiben; mein Denken ist optisch [Rodtschenko]

Mit dem Beginn des massenhaften Reisens entstand zwangsläufig die Reisefotografie. Das verwundert nicht, denn der Fotografie wird ihre vermeintliche Fähigkeit der authentischen Wiedergabe der Wirklichkeit nachgesagt. Genau das habe ich während eines Aufenthalts auf Mallorca zur Osterzeit, in der sogenannten Vorsaison, versucht. Entgegen aller Vermutungen war das Leben in Cala Ratjada (“Rochenbucht”) noch verschlossen, bzw. es “erwachte” erst langsam und stellte sich auf die zu erwartenden Osterbesucher ein.

Nicht die allseits bekannten Mallorca-Impressionen des deutschen Urlaubsparadieses, sondern die zahlreichen, noch geschlossenen Geschäfte, Cafés und Hotels und die “ruhenden” Baumaßnahmen prägten sich nunmehr als “typisch” ein. Unter diesem Einfluss entstanden die scheinbar unwirklichen, zu Bildpaaren arrangierten, Tag- und Nachtaufnahmen auf den täglichen und nächtlichen Spaziergängen. Der Titel der Serie lehnt sich an die “Amerikanische Nacht” an, bei der im Film mit entsprechenden Techniken, Nachtaufnahmen auch am Tage produziert werden.

Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”, Foto © Friedhelm Denkeler 1993

Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”,
Foto © Friedhelm Denkeler 1993

In den 1930er-Jahren wurde Cala Ratjada in der Gemeinde Capdepera durch eine Kolonie von antifaschistischen deutschsprachigen Exilanten bekannt; die Schriftsteller Karl Otten, Franz Blei und Herbert Schlüter, der Maler Rudolf Levy, der Philosoph Walter Benjamin und der Dadaist Raoul Hausmann sind zu nennen. Nach dem Franco-Putsch im Juli 1936 gelang es den meisten, die Insel wieder zu verlassen.

Die vorliegenden Fotografien entstanden im März/ April 1993 im Ort Cala Ratjada, auf der Baleareninsel Mallorca. Die gesamte Serie besteht aus 121 Photographien auf Fotopapier im Format 30×45 cm, davon sind 102 zu Bildpaaren im Passepartout 50×60 zusammengestellt. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 136 Seiten im Format 40×30 cm erschienen (2017).

Erstmalig war die Serie “Eine Mallorquinische Nacht” in der Ausstellung “Begrenzte Grenzenlosigkeit” in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), Oranienstraße 25, 10999 Berlin, vom 19. Oktober bis 1. Dezember 1996 und im gleichnamigen Katalog, zu sehen. Auf meiner Website finden sie 20 ausgewählte Doppelbilder aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”.

Jede Fotografie ist eine Art memento mori. Fotografieren bedeutet teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Wandelbarkeit anderer Menschen (oder Dinge). Eben dadurch, dass sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit. [Susan Sontag]

Kleine Geschichte der Werkstatt für Photographie (1)

1976 bis 1986 – Zehn Jahre, die die Photographie veränderten

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

Im Jahr 2016 jährt sich zum 40. Mal die Gründung der Werkstatt für Photographie in Berlin-Kreuzberg (1976) und gleichzeitig deren Ende vor 30 Jahren (1986). Aus diesem Anlass habe ich die Photographien rund um die Werkstatt-Aktivitäten aus meinem Bildarchiv ausgewertet und zu einer Serie mit 164 Photographien unter dem Titel “Szenen aus der Werkstatt für Photographie 1976-1986″ zusammengestellt. Eine Auswahl von 35 Bildern finden Sie hier.

Die Photographien sind in die sechs Kapitel “Innenleben der Werkstatt für Photographie”, “Vernissage Meisterwerke der Fotokunst”, “Workshops in der Werkstatt für Photographie”, “Ausstellungen mit Werkstattschülern in West-Berlin”, “Ortswechsel – Exkursionen nach West-Deutschland” und “Michael Schmidt und Schüler in Schnackenburg” eingeteilt.

In den zehn Jahren der Werkstatt für Photographie hat sich die Photographie in West-Berlin und West-Deutschland, sicherlich nicht nur durch die Werkstatt, grundlegend verändert. Dabei waren zwei wichtige Vorbilder die “New Topographics”-Photographen und die “Autoren”-Photographen.

"Workshop mit Robert Cumming in der Werkstatt für Photographie", 25. bis 26.09.1982 (Zeichnung von Robert Cumming), Foto © Friedhelm Denkeler 1982

“Workshop mit Robert Cumming in der Werkstatt für Photographie”, 25. bis 26.09.1982
(Zeichnung von Robert Cumming), Foto © Friedhelm Denkeler 1982

Die Geschichte der Werkstatt um Michael Schmidt ist auch gleichzeitig Teil meiner eigenen photographischen Geschichte und diese möchte ich in den folgenden 18 Kapiteln wiedergeben:
1 Prolog, 2 Gründung, 3 Bildbesprechungen, 4 Ausstellungen, 5 Workshops, 6 Zusammenarbeit, 7 Werkstattorganisation, 8 Werkstattziele, 9 Die Werkstatt im Kontext ihrer Zeit, 10 Orte der Photographie, 11 Ortswechsel – Exkursionen nach West-Deutschland, 12 Fotografen und ihre Bücher, 13 Zeitschriften, 14 Schnackenburg, 15 New Topographics, 16 Autorenfotografie, 17 Michael Schmidt, 18 Epilog.

1 Prolog

Mein Interesse an der Photographie begann in der Jugendzeit mit den ersten 6×9 cm-Aufnahmen aus der Rollfilm-Box meines Vaters, mit der ersten eigenen Kleinbildkamera und mit ersten Erfahrungen in einem Schwarzweiß-Fotolabor im Jugendfreizeitheim in Westfalen. In Berlin kamen dann die Besuche von Fotokursen an der Volkshochschule hinzu und die Einrichtung meines ersten provisorischen Fotolabors.

Eine ernsthafte, künstlerische Auseinandersetzung mit der Photographie startete dann mit der Ausbildung an der Werkstatt für Photographie in Berlin-Kreuzberg bei Michael Schmidt. Im folgenden Text geht es weniger um die Grundkurse, in denen hauptsächlich die Technik, also das Fotografie- und Labor-Handwerk gelehrt wurde, sondern um die Aufbau- und Hauptkurse, in denen die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Photographie und ihrem künstlerischen Anspruch, im Vordergrund stand.

Fortsetzung folgt

Das Olympia-Projekt – Sommerspiele 1984 in Neukölln

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

Vor 32 Jahren, vom 28. Juli bis zum 12. August 1984, fanden die Olympischen Sommerspiele in Los Angeles statt. Die Sowjetunion boykottierte damals die Spiele und aus naheliegenden Gründen nahm auch ich nicht daran teil. Stattdessen realisierte ich in Berlin-Neukölln ein eigenes Olympia-Projekt. Wie man anhand meiner damaligen “Fotoreportage” entnehmen kann, startete das Männermagazin “Lui” eine große Werbeaktion für seine Ausgabe “August 1984″ und zwar “flächendeckend” unter dem Slogan “Die Große Olympia-Nummer”.

Das Titelbild, das auf den Plakatwänden in der Stadt zu sehen war, passte natürlich nicht in das Konzept radikal-feministischer Gruppen und nach kurzer Zeit waren die Plakate beschädigt oder mit männerfeindlichen Parolen besprüht. “Jagt die Männer in die Wüste”, “Männer lügen”, “Ihr alten Säue”, “Ach, wir Männer sind schon arme Schweine”, “Lieber eine Frau im Wasser, als einen Mann am Hals” sind nur einige Beispiele. Scheinbar haben sich auch die anderen Werbeplakate an damals den Männern zugeschriebene Domänen gerichtet; neben den Lui-Plakaten ist auf weiteren Plakaten nur Werbung für Autos, Zigaretten und Fotofilme zu sehen.

Aus der Serie "Das Olympia-Projekt – Die Sommerspiele 1984 in Neukölln", Foto © Friedhelm Denkeler 1984

Aus der Serie “Das Olympia-Projekt – Die Sommerspiele 1984 in Neukölln”, Foto © Friedhelm Denkeler 1984

Die 1963 gegründete französische Zeitschrift “Lui” baute auf dem Prinzip des amerikanischen “Playboy” auf, sollte aber mehr französischen Charme ausstrahlen. Im März 1977 erschien erstmals eine deutsche Ausgabe von „Lui“, herausgegeben von Heinz van Nouhuys. Sie hielt sich nicht lange am deutschen Markt und wurde aufgrund der sinkenden Auflage 1992 wieder eingestellt. Übrigens zeigte nicht nur das Journal “Lui” im August 1984 sexy Sportlerinnen, sondern auch das seriöse ZEIT-Magazin.

“Lui“ hatte regelmäßig das “Playmate” des Monats zum Ausklappen im Heft, das dann im August 1984 in der Stadt plakatiert wurde. Das erste Ausklappbild der “Geschichte” gab es bereits 1953 im „Playboy“. Dargestellt war Marilyn Monroe, die kurze Zeit später weltberühmt wurde. Die große Zeit der gedruckten Männermagazine scheint vorbei zu sein, sie sind entweder eingestellt worden oder sie kämpfen mit sinkenden Auflagen und geringen Werbeeinnahmen.

Das Portfolio ist nach 32 Jahren schon ein Zeit-Dokument geworden; es zeigt die Stadt wie sie heute nicht mehr zu finden ist. Wir sehen viele leere Trümmergrundstücke, Baulücken und die daraus resultierenden Brandmauern und auch diese drastische Art von Werbung hat es danach nicht mehr gegeben. Noch einmal 32 Jahre in die Zukunft gedacht, werden auch die “analogen” Plakatwände nicht mehr zu finden sein; nur noch digitale Formen dürften vorhanden sein.

Anlässlich der Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro zwischen dem 5. und 21. August 2016 habe ich die vor 32 Jahren entstandenen Photographien aus meinem photographischen Archiv “ausgegraben”, digital bearbeitet und neu zusammengestellt. Die Serie besteht aus 54 Photographien, die im August 1984 hauptsächlich in Berlin-Neukölln entstanden sind. Die 30×45 cm großen Photographien sind auf Fotopapier im Passepartout 50×60 cm erhältlich. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 68 Seiten im Format 45×30 cm erschienen (2016). Auf meiner Website finden sie 30 ausgewählte Photographien aus der Serie “Das Olympia-Projekt – Die Sommerspiele 1984 in Neukölln”.

Friedhelm Denkeler: “Abschied in Casablanca”

Gruppenausstellung “Twenty and Four Artists”, Gesundheits-zentrum Bergmannstraße, Eröffnung Freitag, 11.12.2015, 17 Uhr

Televisionen

Zwischen 1984 und 1990 hat Friedhelm Denkeler unter dem Titel “Televisionen” neun größere Arbeiten erstellt, die sich alle mit dem Thema Medien, insbesondere mit Film und Fernsehen, beschäftigen. Die Werke wurden als Serien mit Einzelbildern, als Leporellos und in Form von Klappbildern oder Künstlerbüchern mit Originalfotos realisiert. Die Arbeiten sind bisher nicht in öffentlichen Ausstellungen zu sehen gewesen. Wie der Titel andeutet, zeigt die schwarzweiße Arbeit “Abschied in Casablanca” einen Aspekt aus dem Film “Casablanca”. Bedingt durch das Zeilensprungverfahren des Fernsehens und den damit verbundenen “Störungen”, wie Streifenstrukturen und Artefakte, erhalten die Photographien einen zusätzlichen Reiz.

aus der Serie "Abschied in Casablanca", Foto © Friedhelm Denkeler 1989

aus der Serie “Abschied in Casablanca”, Foto © Friedhelm Denkeler 1989

Casablanca

Etwas über den Film “Casablanca”, der die Grundlage für die Photographien lieferte zu schreiben, heißt sicherlich “Bogey nach Kreuzberg tragen”. Der US-amerikanische Film, der 1942 unter der Regie von Michael Curtiz entstand und der die beiden Hauptrollen mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann besetzte, ist heute ein Klassiker der Filmgeschichte. Einige Zitate aus dem Film sind ins kollektive Gedächtnis eingegangen: “Ich seh´ Dir in die Augen Kleines…”, “Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen!” und natürlich “Spiel’ es, Sam! Spiel’ As Time Goes By!”

Gesundheitszentrum

Die Serie “Abschied in Casablanca” ist jetzt im Rahmen der Gruppenausstellung “Twenty and Four Artists” im Gesundheitszentrum in der Bergmannstraße erstmalig öffentlich zu sehen. Neben fotografischen Arbeiten sind Werke von Künstlern aus den Bereichen Malerei und Bildhauerei vertreten. Die Location im Gesundheitszentrum ist eher ungewöhnlich: Sie liegt in einem unrenovierten Gebäudeteil und wird während der drei Wochen unter behelfsmäßigen Lichtverhältnissen in einen spannenden Showroom für Kunst und künstlerische Produkte umgewandelt wird. Die Ausstellung wird von Dr. Carola Muysers kuratiert

Portfolio “Abschied in Casablanca”

Auf meiner WebsiteLichtbilder sind die 10 Photographien der Serie “Abschied in Casablanca” aus dem Jahr 1989 auf Photopapier Bonjet Graphic Lustre 295g zu sehen. Die Ausstellung wird am Freitag, den 11. Dezember 2015 ab 17 Uhr eröffnet und ist bis zum 23. Dezember 2015 , täglich 14 bis 19 Uhr, im Gesundheitszentrum in der Bergmannstraße 5 (Innenhof im I. Stock, Rolltreppe!), 10961 Berlin, zu sehen.

Auf vertrauten Wegen

“Sommer in einer Hand” – Ein neues Portfolio von
Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

Die Natur muss gefühlt werden [Alexander von Humboldt]

Im Sommer 1985 fuhr ich mit dem Fahrrad die Spuren meiner Kinderzeit und Jugendjahre auf dem Lande in Ost-Westfalen ab. Auch wenn ich seit Jahren in der Stadt lebe, spielte in dieser Serie die Natur, so wie ich sie auch heute noch in Erinnerung habe, die Hauptrolle. Meine eigene Hand in den Bildern deutet natürlich den persönlichen Bezug an, aber auch ein mir und den Orten fremder Betrachter kann sich, so glaube ich, mit den Bildern identifizieren. Das Betasten und Erkunden der Natur mit der Hand ist eine Sache für sich, aber gleichzeitig wird die Natur grundsätzlich so gelassen wie sie ist.

"Ährenfeld", aus der Serie "Sommer in einer Hand" Foto © Friedhelm Denkeler 1985

“Ährenfeld”, aus der Serie “Sommer in einer Hand” Foto © Friedhelm Denkeler 1985

Die Erinnerungen an die erlebte Natur der Kindheitstage sind vielfältig und die vorliegenden Photographien können nur einen kleinen Einblick davon geben. Frühmorgens mit dem Fahrrad auf dem Butterblumenweg unterwegs; die Sonne hat es noch nicht ganz geschafft, den aufsteigenden Nebel von den feuchten Wiesen an der Großen Aue zu vertreiben. An der Pappelalle beginnt der “Hafer zu stechen”, der Mais blüht und das Kornfeld wogt leise im Wind.

Im angrenzenden Torfmoor ist die Versuchung groß, einen Strauß “Scheiden-Wollgras” (Eriophorum vaginatum) zu pflücken und dazu passenderweise einen “Schwarzen Lampenputzer” (Pennisetum alopecuroides) mitzunehmen. Auf dem Rückweg bot sich eine Pause an, um an der Brombeerhecke wohlschmeckende Beeren zu pflücken. Mittlerweile stand die Sonne hoch am Himmel und auf den Wiesen war das Heu bereit für die Ernte. Der Geruch des frischen Heus wird für ewig in Erinnerung bleiben.

Ähnlich der zwei Jahre zuvor entstandenen Serie “Møns Klint” geht es auch in der vorliegenden Serie “Sommer in einer Hand” nicht nur um das visuelle Erlebnis auf dem Lande, sondern auch um die haptische Wahrnehmung der Natur. Wieder spielte die Hand eine große Rolle, etwa durch Überstreichen der Oberfläche, Nachfahren der Konturen und Umfassen und Drücken. Die sinnliche Erfahrung als Ergänzung zu der visuellen Wahrnehmung.

Sommer in einer Hand”, 1985, 30×45 cm, Fotopapier im Passepartout 50×60 cm. Die Aufnahmen entstanden 1985 im Landkreis Minden-Lübbecke in Ost-Westfalen. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 80 Seiten im Format 45×30 cm erschienen (2015). Die gesamte Serie besteht aus 64 Photographien.

Die Schwärmerei für die Natur kommt von der Unbewohnbarkeit der Städte
[Bertolt Brecht]

Ein Ei-Sprung im Sommer 1983 auf Møn

Das Portfolio “Møns Klint” auf der Website “Lichtbilder

"Spannender Eisprung", aus der Serie “Møns Klint”, Foto © Friedhelm Denkeler 1983

“Spannender Eisprung”, aus der Serie “Møns Klint”, Foto © Friedhelm Denkeler 1983

“Zu der Zeit, in der die Serie “Møns Klint” entstanden ist (1983), war ich mitten in meiner Ausbildung an der “Werkstatt für Photographie” und bei Michael Schmidt als Privatschüler. Meine ersten vier großen Portfolios “Im Wedding” (1978), “Tempelhofer Kreuz” (1979), “Der Elmgeist” (1980) und “Photographien” (1982) waren abgeschlossen. Die ersten drei standen jeweils unter einem Thema und sind im engeren Zeiträumen entstanden. Das Portfolio “Photographien” besteht als Einzelbildern, die aus mehreren Jahren stammen. Gleichwohl vermittelt es eine einheitliche Stimmungslage. “Møns Klint” dagegen kann man als inszenierte Serie betrachten. Diese “verschiedenen” Arbeitsweisen habe ich bis heute in den nachfolgenden Arbeiten beibehalten.” Quelle: “Der Große Handschmeichler“.

Das Portfolio “Møns Klint” ist 1983 auf der Insel Møn in Dänemark entstanden. Die gesamte Serie besteht aus 58 Photographien, davon sind 35 auf der Website “Lichtbilder” zu sehen.

Der Große Handschmeichler

Møns Klint – eine “gefährliche” Foto-Exkursion

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

Meine vermeintlich gefährlichste Foto-Exkursion fand 1983 auf der Ostseeinsel Møn statt. Die Insel weist die höchste Steilküste Dänemarks auf, die riesige Kalksteinwand, genannt Møns Klint, ist sechs Kilometer lang und bis zu 128 Meter hoch. Gefährlich deshalb, weil es immer wieder zu massiven Abstürzen aus der Kreidewand kommen kann. Zuletzt brachen 2007 um den Store Taler an die 500.000 Tonnen Kreide aus der Kreidewand heraus; es war der schwerste Absturz seit 50 Jahren. Bereits 1952 bildete sich eine 500 Meter lange Halbinsel als dutzende Tonnen Kreide abgingen. Da ich damals um der Gefährlichkeit “nicht wusste”, konnte ich die Wanderung oberhalb und insbesondere am Fuß der Steilküste, direkt am Meer, genießen.

In einer Tageswanderung ist spontan die vorliegende Serie mit Landschaften der Steilküste, mit am Strand gefundenen natürlichen Requisiten und kleinen Inszenierungen entstanden. Es ging nicht nur um das visuelle Erlebnis am Strand sondern auch um die haptische Wahrnehmung der Dinge. Damit spielte die Hand eine große Rolle, etwa durch Überstreichen der Oberfläche, Nachfahren der Konturen und Umfassen und Drücken. Typisches Beispiel ist die Photographie des “Großen Handschmeichlers”. Gleichzeitig werden die Objekteigenschaften, wie Größe, Gewicht, Festigkeit und Temperatur erfasst. Die haptische Wahrnehmungsschwelle soll beim aktiven “Untersuchen” bei rund 1 µm, das sind 0,001 mm (sic!) liegen; beim passiven (taktilen) “Erkunden” liegt die Reizschwelle lediglich im Bereich um 1 mm.

Durch das tastende Begreifen und die visuelle Wahrnehmung werden beim Betrachten der Dinge entsprechende Assoziationen ausgelöst. Beim Betrachter der vorliegenden Photographien können diese Assoziationen unterschiedlich sein, aber die meisten Rezipienten sehen mehr oder weniger direkte oder indirekte erotische Symbole. Der Ausdruck “hinter vorgehaltener Hand” bekommt hier eine doppelte Bedeutung.

"Großer Handschmeichler" aus der Serie "Møns Klint", Foto © Friedhelm Denkeler 1983

“Großer Handschmeichler”, aus der Serie “Møns Klint“, Foto © Friedhelm Denkeler 1983

Zu der Zeit, in der die Serie “Møns Klint” entstanden ist (1983), war ich mitten in meiner Ausbildung an der “Werkstatt für Photographie” und bei Michael Schmidt als Privatschüler. Meine ersten vier großen Portfolios “Im Wedding” (1978), “Tempelhofer Kreuz” (1979), “Der Elmgeist” (1980) und “Photographien” (1982) waren abgeschlossen. Die ersten drei standen jeweils unter einem Thema und sind im engeren Zeiträumen entstanden. Das Portfolio “Photographien” besteht als Einzelbildern, die aus mehreren Jahren stammen. Gleichwohl vermittelt es eine einheitliche Stimmungslage. “Møns Klint” dagegen kann man als inszenierte Serie betrachten. Diese “verschiedenen” Arbeitsweisen habe ich bis heute in den nachfolgenden Arbeiten beibehalten.

Der Fotohistoriker Enno Kaufhold schrieb in der “Photo-News” (Oktober 1991): “Friedhelm Denkeler gehörte während der Werkstatt-Zeit nebst anderen … zu den Protagonisten eines subjektiven photographischen Ansatzes. Das verdient insofern Beachtung, als die Werkstatt gegen Ende der 1970er Jahre noch ganz unter dem Einfluss des Dokumentarismus stand. Dieser wurde an der Werkstatt – und nicht nur dort – in dem Sinn verstanden, als hätten sich die Dinge selbst aufgenommen … Mit dem vermehrt seriellen Charakter der Arbeiten verlor das gut gelungene Einzelbild zugunsten der schlüssigen Serie an Gewicht.”

Die Serie Møns Klint mit 16 Photographien war vom 24. Oktober bis 25. November 1983 in der Werkstatt für Photographie im Rahmen der Ausstellung “Arbeiten 83” mit zehn Teilnehmern zu sehen. Alle Aufnahmen sind im gleichnamigen Katalog abgebildet. Am 9. Mai 1985 wurde das Portfolio Møns Klint vom Landesmuseum Berlinische Galerie unter dem damaligen Leiter der Photographischen Sammlung Janos Frecot erworben. Elf Jahre später (1996) waren zehn Bilder im Martin-Gropius-Bau in der Ausstellung “Noch nie gezeigt – Aktuelle Positionen aus der Sammlung der Berlinischen Galerie” zu sehen.

Møns Klint”, 1983, 30×45 cm, Fotopapier im Passepartout 50×60 cm. Die Aufnahmen entstanden 1983 auf der Insel Møn in Dänemark. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 68 Seiten im Format 45×30 cm erschienen (2015). Die gesamte Serie besteht aus 58 Photographien.

16 Photos aus der Serie "Møns Klint", Fotos © Friedhelm Denkeler 1983

16 Photographien aus der Serie “Møns Klint”, © Friedhelm Denkeler 1983

Fünfzig wilde Kongoweiber

oder: Macht zu viel Sex verrückt? Eine Abhandlung in elf Kapiteln.

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

Im Jahr 1913 zeigte das Berliner “Passage Panopticum” eine Kolonialschau unter dem heutzutage nicht mehr zeitgemäßen Titel “Fünfzig wilde Kongoweiber – Männer und Kinder in ihrem aufgebauten Kongodorfe”. Die Zurschaustellung “exotischer” Menschen war damals gang und gäbe und ein großer Publikumsrenner.

In den Panoptiken der Jahrhundertwende wurden insbesondere Wachsfiguren, Röntgenapparate (sic!), mechanische Automaten ausgestellt und die ersten Filme vorgeführt. Seit 1870 gab es im Zoologischen Garten in Hamburg die “Hagenbeck´schen Völkerschauen”, die anschließend durch das ganze Land tourten. “Echte” Amazonen, Aboriginals, Sioux-Indianer, Fakir-Gruppen wurden zur Schau gestellt oder mussten im damaligen Sprachgebrauch “unsittliche Tänze” aufführen.

Das Plakat zur Ausstellung “Fünfzig wilde Kongoweiber” entdeckte ich 1999 im Historischen Museum Berlin. Zusammen mit dem Foto “Macht zu viel Sex verrückt?”, das ich zur Weihnachtszeit 1996 auf dem Kurfürstendamm aufnahm, bildeten diese beiden Fotos die Grundlage meiner Sammlung und Zusammenstellung von Fotos für das Portfolio “Macht zu viel Sex verrückt? Oder: Fünfzig wilde Kongoweiber”, das ich 2012 abgeschlossen habe. Alle Fotos sind im Zeitraum 1981 bis 2010 entstanden.

"Macht zuviel Sex verrückt?", Foto © Friedhelm Denkeler 1996

“Macht zuviel Sex verrückt?”, Foto © Friedhelm Denkeler 1996

Die 186 Fotos der Serie sind in die elf Kapitel “Im Lustgarten”, “Fetisch”, “You Have Nothing”, “Pippi auf Taku Tuka”, “Adam und Eva”, “Fünfzig wilde Kongoweiber”, “Macht zu viel Sex verrückt?”, “Schamkrabben”, “Weniger ist besser”, “Nicht mit den Händen greifen” und “Middlesex” eingeteilt. Ein Großteil der Fotos entstand im öffentlichen Straßenraum, hierunter fällt insbesondere die sexualisierte Werbung; weitere Fotos entstanden in Ausstellungen, im privaten Bereich und in der Natur. Die Schlagwort-Wolke zeigt einen ersten Eindruck.

Kurioses wie der “ZEIT”-Artikel “Die Entdeckung der Anus-Vulva-Achse” , das Filmplakat “Fickende Fische”, ein “Sklavinnen der Liebe-Express” auf dem Christopher-Street-Day, der Aufruf des Media Marktes “Sei so Sexistisch” oder die Graffiti-Dame im S-Bahnhof, die beteuert “Ich komm nur in der S-Bahn”, die Bestellung eines Super-Angebots “Striptease-Kegelschreiber” für 0,99 DM bei der Beate Uhse AG per Bildschirmtext BTX (ja, das war 1984 der neueste Schrei), der Grabstein des Marquis de Sade oder die Plakate “Ich komm’ aus Kreuzberg, du Muschi” und die “Vagina-Monologe” runden die Auswahl ab. 35 ausgewählte Photographien sind auf der Website Lichtbilder zu sehen.

wild [mhd. wilde, ahd. wildi, eigtl.: im Wald wachsend, nicht angebaut]: 1. nicht domestiziert; nicht kultiviert, nicht durch Züchtung verändert; wild lebend; wild wachsend; Er stürzte sich auf sie wie ein – es Tier (völlig enthemmt u. nur dem Trieb folgend); 2. a) nicht zivilisiert; auf niedriger Kulturstufe stehend: -e Stämme; b) unzivilisiert, nicht gesittet: ein -er Haufen; -e Gesellen; dort herrschen -e Sitten 3. unkontrolliert, nicht reglementiert [u. oft ordnungswidrig od. gesetzwidrig]; offiziell nicht gestattet [Jan Diebold und Philmon Ghirmai auf www.schwarzweiss-hd.de]

Ein Einsturztrichter im Elm

“Der Elmgeist” – Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler
auf der Website “Lichtbilder” (2)

In den Wäldern sind Dinge, über die nachzudenken, man jahrelang im Moos liegen könnte. [Franz Kafka]

Der Elm ist ein 25 km langer, 3 bis 8 km breiter, maximal 323 Meter über Normalnull hoher und bewaldeter Mittelgebirgszug südöstlich von Braunschweig in den Landkreisen Helmstedt und Wolfenbüttel in Niedersachsen. Das weitgehend siedlungsfreie Waldgebiet mit dem größten Buchenwald Norddeutschlands und dem Reitlingstal ist Teil des Naturparks Elm-Lappwald. Geologisch ist der Elm hauptsächlich aus fossilreichem Kalkstein der mittleren Trias (Muschelkalk) aufgebaut, der als Elmkalkstein seit dem Mittelalter ein begehrter Baustoff ist.

"Der Sumpf der Traurigkeit (Erdfall im Elm)", aus der Serie "Der Elmgeist", Foto © Friedhelm Denkeler 1980

“Der Sumpf der Traurigkeit (Erdfall im Elm)”, aus der Serie “Der Elmgeist“, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

Im Elm gibt es eine große Anzahl von Erdfällen, kreisrunde, trichterförmige Vertiefungen, die auch als Dolinen bezeichnet werden. Die Angaben schwanken zwischen 200 und 600. Der größte ist der sagenumwobene “Bornumer Erdfall“. In der “Teufelsküche” nahe dem Reitlingstal verschwindet der Bach “Mönchespring” in einem solchen Erdfall (Schluckloch). Die Ursache für die Häufigkeit dieser Gebilde im Elm liegt im Untergrund, der reich an Kalksteinen, Gips und Salzgestein ist. Diese Gesteinsarten, insbesondere das Salz, sind anfällig dafür, von Grundwasser aufgelöst zu werden, wodurch Hohlräume im Untergrund entstehen, die, wenn sie zu groß werden, einbrechen und an der Oberfläche zu bis zu 15 Meter tiefen Einsturztrichtern führen. In den Hochlagen des Elms sind die Vertiefungen trocken, in den Niederungen dagegen mit Wasser gefüllt [Quelle: Wikipedia]

Die Photographien “Der Elmgeist” sind vor 35 Jahren entstanden und jetzt erstmalig öffentlich auf meiner Website “Lichtbilder” zu sehen. Das dazugehörige Portfolio besteht aus 90 Photographien im Format 30×45 cm im Passepartout 50×60 cm. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 104 Seiten im Format 40×30 cm erschienen. Alle Aufnahmen entstanden 1980 im Naturpark Elm-Lappwald bei Helmstedt (siehe auch “Wenn ein Betrachter vor lauter Oberfläche den eigentlichen Inhalt einer Photographie nicht mehr sieht“).

Wenn ein Betrachter vor lauter Oberfläche den eigentlichen Inhalt einer Photographie nicht mehr sieht

“Der Elmgeist” – Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler
auf der Website “Lichtbilder” (1)

Nur die Phantasielosen flüchten in die Realität! [Arno Schmidt]

Beim Betrachten von Photos sieht der ungeschulte Rezipient meist nur den vordergründigen Inhalt; er lässt sich durch die vermeintlich dokumentarische Aufzeichnung oft vom eigentlichen Inhalt des Bildes ablenken. Die Photographie gilt seit jeher als das Medium, das ein exaktes Abbild der Wirklichkeit darstellt. Der Betrachter dringt gar nicht erst tiefer in die Bedeutung des Bildes ein, sondern im Gegenteil, vor lauter vordergründigem Inhalt sieht er den eigentlichen Inhalt nicht mehr.

“Baumalb II”, aus der Serie “Der Elmgeist”, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

“Baumalb II”, aus der Serie “Der Elmgeist”, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

Erst mit einer ausführlichen Beschäftigung, also mit mehr als einem flüchtigen Hinsehen, wird die Doppeldeutigkeit einer Photographie erkennbar. Trotz der täglich millionenfach geschossenen Bilder, kann man heutzutage sicherlich noch deutlicher als zu Laszlo Moholy-Nagys Zeiten vom fotografischen Analphabetismus ausgehen. Die Photographie ist eine “Lichtschrift”, die man erst mal lesen lernen muss. In Ausstellungen hat man allerdings auch häufig den Eindruck, dass der Photograph seine eigenen Bilder nicht lesen kann.

Eine gute Photographie erschließt beim Betrachter einen Erfahrungsraum, der sich nicht allein auf den Bildgegenstand beschränkt, sondern seine eigenen Gefühle, Erfahrungen und das Unbewusste mit einschließt, dann erst verliert der fotografierte Gegenstand seine Bedeutung. Ob diese Wahrnehmung zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen Oberfläche und dem dahinter liegenden Inhalt, auch für die Photographien der Serie “Der Elmgeist” zutrifft, möge der Rezipient für sich selbst entscheiden. Auch wenn die Überschrift “Der Elmgeist” falsch verstanden werden könnte, es geht in den Bildern nicht um esoterisches Gedankengut, sondern um die Gefühle, die sie beim Betrachter auslösen.

Die Photographien “Der Elmgeist” sind vor 35 Jahren entstanden und jetzt erstmalig öffentlich auf meiner Website “Lichtbilder” zu sehen. Das dazugehörige Portfolio besteht aus 90 Photographien im Format 30×45 cm im Passepartout 50×60 cm. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 104 Seiten im Format 40×30 cm erschienen. Alle Aufnahmen entstanden 1980 im Naturpark Elm-Lappwald bei Helmstedt.

Im strengsten Sinne sind alle Bewusstseinsinhalte unnennbar. Selbst die einfachste Wahrnehmung ist in ihrer Totalität unbeschreibbar. Jedes Kunstwerk muss daher nicht nur als etwas Dargestelltes verstanden werden, sondern gleichzeitig als ein Versuch, das Unsagbare auszudrücken. In den größten Kunstwerken schwingt stets etwas mit, das sich nicht in Worte fassen lässt, etwas von dem Widerspruch zwischen dem Ausdruck und der Gegenwart des Unausdrückbaren. Stilmittel sind immer auch Methoden der Vermeidung. Das wirksamste Element im Kunstwerk ist nicht selten das Schweigen. [Susan Sontag, in “Against Interpretation”]

Mutationen an einem wilden Tag in Kreuzberg

Die Mutoid Waste Company im Sommer 1989 in West-Berlin

Im Sommer 1989, am 19. August, verbrachten wir einen ganzen Tag auf dem ehemaligen Gelände des Görlitzer Bahnhofs (heute: Görlitzer Park) in Berlin-Kreuzberg. Dieser Tag war der Höhepunkt einer mehrtägigen Performance der aus London stammenden Mutoid Waste Company, man könnte auch sagen des Abfallwirtschaftsbetriebs. Die Company lebte und arbeitete mehrere Wochen auf dem wilden, aus lauter Sandhaufen bestehenden Gebiet in ihrer Wagenburg und verwandelte das Gelände in einen anarchischen Abenteuerspielplatz.

Von einem zukünftigen Görlitzer Park war noch nicht viel zu sehen. Heute kann man dort aufgrund der vielen Dealer wahrscheinlich nur noch unter Polizeischutz fotografieren. Die Mutoid Waste Company wurde Anfang der 1980er Jahre von den Punks Joe Rush und Robin Cooke in London gegründet und reiste später quer durch Europa. Sie schweißte aus Schrott von alten Autos und Motorrädern neue, verrückte Mutant Vehicles zusammen, die oft Feuer spuckten und viel Krach machten.

aus der Serie "Ein wilder Tag in Kreuzberg" (Mutoid Waste Company) , Foto © Friedhelm Denkeler 1989

aus der Serie “Ein wilder Tag in Kreuzberg” (Mutoid Waste Company) , Foto © Friedhelm Denkeler 1989

Der Morgen

Am Morgen ging es auf dem Gelände noch friedlich und idyllisch zu und man konnte sich die Landschaft in aller Ruhe anschauen. Ein einsamer Driver testete in den Sand-Dünen auf der “Rennstrecke” sein Monster-Vehikel und ein total umgebauter und aufgebockter VW-Käfer war vor der Kulisse der Kreuzberger SO 36 Gründerzeit-Häuser zu bewundern. Dies waren bereits zwei auffällige “Markenzeichen” der Mutoids: der Umbau von Schrottautos zu “fahrbaren” Untersätzen, die direkt aus einem “Mad Max”-Film hätten stammen können, sowie der Bau riesiger geschweißter Skulpturen aus Abfallstoffen. Der Rest der anarchischen Künstlerkommune schien noch selig zu schlafen.

Der Vormittag

Die Gruppe sammelte, wie sie auf einem Plakat seit Wochen mitteilte, alles Mögliche: Schrott, Plastik, Farben, T-Shirts, Staubsauger, Flipper, Kleider, Fahrräder, Küchenkram, Bettfedern und jegliche Art von fahrbaren Untersetzen. Am Vormittag sah ich mir die bisher produzierten Objekte an. Es waren in erster Linie kleinere Objekte, wie “Käfer”, “Libellen” und andere Geschöpfe sowie umfunktionierte Zweiradfahrzeuge; zum anderen legte die Gruppe mit viel Fantasie einen großen Schrott-”Friedhof” mit einzelnen “Gräbern” an. Durch die Kamera gab es bereits reichlich zu sehen.

Der Mittag

Gegen Mittag füllte sich das Areal mit Neugierigen und ein bis in die Nachtstunden dauerndes Kunsthappening, gemeinsam mit den Berlinern, begann. Kreuz und quer kreuzten in halsbrecherischer Weise die Fahrzeuge über das Gelände; dabei kippte auch schon mal ein Fahrzeug an den Hängen um. Ein alter, weißer Opel Rekord mit einem riesigen “Auspuff-Rohr” war über und über mit Bettfedern bestückt und eine Zugmaschine zog einen feuerspeienden Anhänger hinter sich her. Der TÜV gab zu diesen Gefährten ganz sicher nicht seinen Segen, wurde aber auch nicht gefragt.

Der Nachmittag

Am Nachmittag wurde es musikalisch. Die Mutoids brachten damals eine uns noch unbekannte Musik aus London mit und zwar “Acid House”, einen “Ableger” der House-Musik. House ist eine Stilrichtung der elektronischen Tanzmusik, die wiederum die Grundlage für die spätere noch populärere Techno-Musik und Techno-Szene wurde. Die Band trat “very crazy” auf, beispielsweise trug der Drummer eine schräge Fantasie-Vogel-Maske.

Der Abend

Am Abend ging das wilde Happening mit den “rasenden”, endzeitlich anmutenden Monster-Vehicles und dem “Hightech-Schrott” weiter. Während des Festivals hatten die Mutoids einen “Peace Bird” zusammengeschweißt, montierten ihn auf ein Schienenfahrzeug und schoben ihn auf den noch teilweise vorhandenen, alten Schienen in Richtung Ost-Berlin zur Brücke über den Landwehrkanal direkt bis vor die Mauer der Görlitzer Straße auf der anderen Seite. Es sollte ein “Geschenk” an Ost-Berlin werden. Ein Grenzbeamter sprach daraufhin zur Freude der Zuschauer ins Megaphon den legendären Satz: “Ich fordere Sie auf, die provokatorischen Handlungen zu unterlassen!”.

Die Nacht

In der Nacht wurde von den Grenztruppen der Friedensvogel wieder auf West-Berliner Gebiet zurückgeschoben und sicherheitshalber alle Schienen auf Ost-Berliner Seite der Brücke demontiert; ganze drei Monate vor dem Ende der Berliner Mauer. Im schaurigen Schein von Fackeln und Scheinwerfern war die laue Sommernacht noch lange nicht beendet, denn Kreuzberger Nächte sind bekanntlich lang.

Aus den Photographien habe ich das Portfolio “Ein wilder Tag in Kreuzberg” (1989) mit 64 Aufnahmen zusammengestellt (Fotopapier 30×45 cm, im Passepartout 50×60 cm). Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch (Book-on-Demand) mit 84 Seiten im Format 40×30 cm erschienen (2015). Es besteht aus den o.a. sechs Kapiteln. Eine Auswahl von 30 Photographien finden Sie auf meiner Website “Lichtbilder“. Drei Links mit Videos der Mutoid Waste Company und ihren Arbeiten habe ich zusammengestellt (Video 1, Video 2, Video 3).