Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Neues auf meinen Websites

Hier erfahren Sie hauptsächlich, was sich auf meiner Website „Lichtbilder“ (vormals „Denkeler Photo“) verändert hat: einführende Artikel zu neu erstellten oder neu aufbereiten Serien und deren Photos, jeweils in einer Auswahl mit bis zu 30 Bildern oder anderes Erwähnenswertes. Und natürlich stelle ich Neuerungen und Entwicklungen in diesem Blog „Journal – Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst“ in einem Beitrag vor.

Elf Episoden

Vorwort zur Serie „Episoden“ (aus der Reihe „Televisionen“)

Neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder” (1)

Zwischen 1982 und 1989 habe ich sieben, teilweise mehrteilige, Serien produziert, die alle zusammen unter dem Thema „Televisionen“ stehen. Bei diesen handelt es sich um Schwarz-Weiß-Fotografien, Leporellos, Klappbilder, Farbfotos und Polaroid-Bilder, deren Grundlage vorgefundene Bilder sind. Sie sind alle am Fernsehgerät entstanden. Bedingt durch das Zeilensprungverfahren und die damit verbundenen “Störungen”, wie Streifenstrukturen oder Artefakte, erhalten die Fotografien einen zusätzlichen Reiz. Die vorliegende Arbeit ist in elf Episoden unterteilt, die alle für sich, mehr oder weniger, eine kleine Geschichte erzählen. Diese Geschichten haben nur bedingt etwas mit der Story der zu Grunde liegenden Filme zu tun.

»Das Kindermädchen«, aus »Episoden«, Foto © Friedhelm Denkeler 1989

»Das Kindermädchen«, aus »Episoden«, Foto © Friedhelm Denkeler 1989

Die Episode 1 „Romy“ ist die erste Arbeit aus der Reihe der „Televisionen“, die ich 1982 produziert habe. Es war die Zeit, in der viele Filme mit Romy Schneider im Fernsehen zu sehen waren. Ich erinnere mich an die Titel „Der Swimmingpool“ (1969), „Die Dinge des Lebens“ (1970), „Das Mädchen und der Kommissar“ (1971), „Trio Infernal“, (1974), „Das wilde Schaf“ (1974), „Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen“ (1975), „Nachtblende“ (1975) und „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ (1982). Mit diesen Filmen hatte Romy bereits ihr Image als Schauspielerin von Heimat- und Sissi-Filmen abgelegt und entwickelte sich zum erfolgreichen Filmstar des französischen Kinos.

1983 habe ich die Episode 2 „Isabella, Hitler und die Puppe“ aufgenommen. „Die Spitzenklöpplerin“ (1977), „Violette Nozière“ (1978), „Heaven’s Gate“ (1980), „Der Saustall“ (1981) und andere Filme, jeweils mit Isabella Huppert, liefen im Fernsehen. Die Fotos aus den verschiedenen Filmen habe ich live aufgenommen. Ein Video-Recorder mit Stopp-Funktion hätte die Aufnahmen zwar erleichtert; er stand mir damals aber noch nicht zur Verfügung. Ende der 1970er/ Anfang der 1980er Jahre war Isabelle Huppert eine meiner Lieblingsschauspielerinnen.

Bei der Episode 3 „Augiasstall“ war der Film „Der Saustall“ aus dem Jahr 1981 die Vorlage für meine kleine Geschichte, die ich 1984 zusammengestellt habe. Der Film: In einem Kaff in Afrika macht sich 1938 der gedemütigte Polizeichef Cordier (Philippe Noiret) daran den Saustall auszumisten. Auch seine verlotterte Frau (Stéphane Audran) und seine Geliebte (Isabelle Huppert) müssen daran glauben, aber Cordier wird nicht verdächtigt. Der Saustall ist „sowohl pessimistische Parabel als auch ätzende Satire, köstliche Komödie, wie spannender Krimi“.

In der Episode 4 „Das Kindermädchen“ aus dem Jahr 1989 diente zu einem großen Teil der Film „Gefahr im Verzug“ (1985) von Michel Deville mit Michel Piccoli als Grundlage. Im Film gibt der Musiklehrer David (Christophe Malavoy) einer höheren Tochter Gitarrenunterricht und wird von ihrer Mutter (Nicole Garcia) verführt. Mit dem Tod des alten Hausherrn gerät David in ein böses Intrigenspiel. „Absurd-witzige Dialoge verleihen der erotischen Satire die Atmosphäre eines verrückten Albtraums“.

Meine Episode 5 „Feigen“ entstand 1989 als letzte Geschichte aus der Reihe „Episoden“. Sie ist mit 24 Fotografien die längste Erzählung geworden. Die Grundlage „Das Schweigen“ von Ingmar Bergmann mit Ingrid Thulin war mein erster „anspruchsvoller“ Film, den ich 1963 im Kino gesehen habe. Zum Inhalt: Ester, ihre Schwester Anna und deren neunjähriger Sohn Johan müssen ihre Heimreise unterbrechen, weil Ester einen Zusammenbruch erleidet. Sie übernachten in einer fremden Stadt in einem bizarren Hotel. „Isoliert von der Außenwelt und zu keiner Kommunikation fähig, geraten sie in einen Strudel der sexuellen Begierde, der Exzesse und des Hasses.“

Zur Episode 6 „Sonny ‚Ray Ban‘ Crockett“: 1989 machte ich Aufnahmen von einer nicht mehr zu rekonstruierenden Szene aus der Fernsehserie „Miami Vice“, die zwischen 1984 und 1989 mit Don Johnson als Sonny Crockett lief. Wir nannten ihn wegen seiner Sonnenbrille von Ray-Ban, Modell Wayfarer, immer Sonny ‚Ray Ban‘ Crockett. Zusammen mit Ricardo „Rico“ Tubbs jagte er Drogenhändler, Waffenschmuggler und Geldwäscher. Die pastellfarbigen und weißen Fassaden des Ocean Drive in South Miami Beach in Florida waren das Vorbild für die Männermode der 1980er Jahre. Damals konnte man mit einem weißen T-Shirt unter dem Armani-Jackett mit hochgekrempelten Ärmeln noch Aufsehen erregen. Die Filme waren eher im Stil der Videoclips gedreht, untermalt mit der Musik von Jan Hammer.

Für die Episode 7 „Tödliche Umarmung“ verwendete ich 1989 Fotos aus verschiedenen Filmen, die im Einzelnen nicht mehr rekonstruierbar sind. Meine Geschichte jedenfalls endet mit einer Flucht, die von einer nackten Frau am Nachbarfenster beobachtet wird und, wie der Titel andeutet, ohne Happy-End ist. Wie man an den zusätzlichen Störungen sieht, habe ich es mir einfacher gemacht und die Aufnahmen mit Hilfe des Standbildes des inzwischen vorhandenen Videorecorders realisiert. Heute muss man dazu sagen, dass der Fernseher samt Recorder und die Kamera mit dem anschließenden Entwicklungsprozess alle auf der analogen Technik beruhten.

Anmerkungen zur Episode 8: „Dienstmägde“:  Wer um 1900 etwas auf sich hielt, beschäftigte ein Dienstmädchen. In großbürgerlichen Haushalten gab es gerne auch mehr Personal. Der Alltag eines Dienstmädchens war sehr hart: körperlich anstrengende Arbeit, wenig Lohn, kaum Freizeit oder Ausgang. Von Berliner Dienstmädchen weiß man, dass sie oft noch nicht einmal eine eigene Kammer hatten, sondern auf sogenannten Hängeböden schliefen. So lustig wie in meiner Serie scheint es allerdings in den wenigsten Fällen gewesen zu sein.

Die Episode   9 „Pomme, die Wäscherin“ ist mit 18 Fotografien neben den „Feigen“ eine der ausführlichsten geworden. Der Film „Die Spitzenklöpplerin“ aus dem Jahr 1977 von Claude Goretta mit Isabelle Huppert bot dazu auch reichlich Stoff. Gegenüber den anderen Episoden bin ich hier nah an der Story des Films geblieben. Die Liebe einer jungen Friseuse zu einem Studenten aus höheren Kreisen scheitert trotz seiner Anziehung an seinem Nicht-Verstehen ihrer Sprachlosigkeit. Eine feine Studie über die Entfremdung zwischen zwei Menschen, bedingt durch Sprach- und Bildungsbarrieren.

Zur Episode 10 „Die Freundin des Teufels“ eine kleine Geschichte: Ein Graf gerät in Schulden und in der Not versetzt er dem Teufel, der ihm in Gestalt eines Fährmanns erscheint, seine Frau. Sein Lohn: Ein Buch, aus dem Goldstücke fallen, wenn er darin blättert. Als er verabredungsgemäß seine Gattin dem Teufel ausliefern will, kommen sie zu einer Marienstatue, an dem sie ihr Gebet verrichtet. Sie fällt in tiefen Schlaf, die Jungfrau springt vom Altar, nimmt die Gestalt der Frau an und wird vom Grafen dem Teufel übergeben. Während der Teufel sich der scheinbaren Frau des Grafen an die Brust wirft, verirrt sich der Graf auf dem Rückweg und stürzt tödlich in eine Schlucht.

1984 gab es eine Fernsehreihe, die ich für die Episode 11 „Verbotene Filme“ verwendete. Zu den Filmen gehörten: „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“ (1920) von Anita Berber, „Menschen im Rausch“ (1920) von Julius Geisendörfer, „Aus eines Mannes Mädchenjahre“ (1919), „Geschlecht in Fesseln“ (1928) von Wilhelm Dieterle, „Opium“ (1919) von Rudolf Reinert und „Wege zu Kraft und Schönheit“ (1925) von Wilhelm Prager. 1920 wurde eine Staatszensur bei Filmen eingeführt. Zu kontrollieren war, ob der Film die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdet, das religiöse Empfinden verletzt oder verrohend und entsittlichend wirkt. Alle aufgeführten Filme hatten durch das Gesetz ihre Probleme

Das Portfolio finden Sie als Indexprint mit einem ausführlichen Text auf meiner Website “Lichtbilder” (direkter Link zu den „Episoden“). In der nächsten Zeit werde ich zu den einzelnen Episoden und den zu Grunde liegenden Filmen noch weitere Artikel veröffentlichen.

»Das Kindermädchen«, aus »Episoden«, Foto © Friedhelm Denkeler 1989

»Das Kindermädchen«, aus »Episoden«, Foto © Friedhelm Denkeler 1989

Eingepasst

Portfolio »Eingepasst – Die amtliche Bestätigung ins Gegenteil verkehrt«

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

"Eingepasst – 1. Oktober 1968", Foto/Collage © Friedhelm Denkeler 1987, aus dem Portfolio "Eingepasst"

„Eingepasst – 1. Oktober 1968“, Foto/Collage © Friedhelm Denkeler 1987, aus dem Portfolio „Eingepasst

Im Mittelalter besaßen Orden, Kardinäle und Fürsten Siegelstempel und Siegelringe, die zum Besiegeln verwendet wurden. Man kann sie als Vorläufer des Stempels ansehen; seit damals sind sie unverzichtbarer Bestandteil im Warenverkehr und bei Beurkundungen. Mit dem Einsetzen des Postverkehrs kam der Poststempel dann ab dem 17. Jahrhundert zum Einsatz. Durch das Stempeln der Briefmarken sollte verhindert werden, dass sie mehrfach verwendet wurden. Seit 1885 gehört das Foto zum Ausweis, damals war er aber eher urkundenartig. Diese erkennungsdienstlichen Fotografien waren sachlich und nüchtern. Sie sollten vor allem der Polizei zur Kontrolle zu dienen.

»Stempel August Meinert, Vorsitzender des  Vereins der Kaninchenzüchter«, Archiv © Friedhelm Denkeler 1956

»Stempel August Meinert, Vorsitzender des Vereins der Kaninchenzüchter«, Archiv © Friedhelm Denkeler 1956

In den 1950er Jahren besaß mein Onkel Heinrich, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Vereins der Kaninchenzüchter, einen Stempel (siehe Bild), der mich als Kind faszinierte. Leider sind der Stempel und das dazugehörige Stempelkissen für immer verloren gegangen. Aber glücklicherweise befindet sich ein Stempelabdruck auf einer Ansichtskarte vom 22. Mai 1956 (siehe Foto). Den Stempelabdruck „Aug. Meinert (mit Kaninchen)“  neben dem Stempel der „Deutschen Bundespost“ dürfte ich damals aufgebracht haben. Das war sicherlich der Auslöser für meine „Stempelleidenschaft“.

Im Verlaufe meines Lebens haben sich diverse Passbilder, die für Personalausweise, Reisepässe, BVG-Monatskarten, Führerscheine, Wehrpässe, Jugendherbergsausweise (Bleibenausweis), etc. Verwendung fanden, angesammelt. Wie im wirklichen Leben wurde in solchen Dokumenten, als Nachweis für die amtliche Bestätigung, viel gestempelt. (insbesondere auf den Fahrten durch die DDR!).

Das habe ich ebenfalls mit meinen Passbildern symbolhaft gemacht, so dass durch das „rauschhafte“ Überstempeln mit jedem Stempel „die Identität Stück für Stück hinter den Dienststempeln, die für die Bürokratie, für das administrierte Leben im Sozialverbund stehen, verloren geht. Das Leben verlischt mehr und mehr hinter dem bildhaften Ikon … Dient das Passbild primär zur Identifikation und damit als Existenzbeweis (der Pass steht für den Menschen), wirken Denkelers Bilder nun entgegengesetzt“… „Der Bürokratismus, als typisch deutscher Wesenszug verschrien (ob zu Recht oder Unrecht spielt dabei schon keine Rolle mehr), kommt dem Betrachter dabei in den Sinn. Denkelers Eulenspiegelei macht ihn zur Karikatur“ [Zitate Enno Kaufhold, „Photographie hat Sonntag“, NGBK und „PHOTONEWS“, Oktober 1991]

Meine Arbeit „Eingepasst“ aus dem Jahr 1987 (mit einem Nachtrag 2009) steht so langsam für das baldige Ende der „schönen“ Stempelei, denn mit dem Einzug des Digitalen in unser Leben ist sie aus der Mode gekommen. Und deshalb habe ich die Serie mit dem Bild „01. April 2009“ endgültig abgeschlossen.

Als Eulenspiegelei bezeichnet wird ein Schelmenstreich nach Art des Till Eulenspiegel, den jemand einem anderen spielt, indem er dessen Anweisungen wörtlich nimmt und ausführt. Darüber hinaus wird dieser Begriff auch zur Bezeichnung einer künstlerischen Darstellungsform verwendet, die von der historischen bzw. literarischen Figur des Eulenspiegels abgeleitet ist [Wikipedia]

»Ansichtskarte aus Bödefled im Hochsauerland an Familie Hermann Schmidt in Lüdenscheid vom 22. Mai 1956«  mit Zusatzstempel »Aug. Meinert (mit Kaninchen)« Archiv Friedhelm Denkeler 1956

»Ansichtskarte aus Bödefled im Hochsauerland an Familie Hermann Schmidt in Lüdenscheid vom 22. Mai 1956« mit Zusatzstempel »Aug. Meinert (mit Kaninchen)« Archiv Friedhelm Denkeler 1956

Pistoletto und das Second Hand Model

Michelangelo Pistaletto vor den Photographien »Second Hand Modell«  von Friedhelm Denkeler im LichtSpielTheater KLICK-O-TonArt, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Michelangelo Pistoletto vor den Photographien »Second Hand Modell« von Friedhelm Denkeler
im LichtSpielTheater KLICK-O-TonArt, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Das Italienische Kulturinstitut ehrt jedes Jahr einen Künstler mit einer Veranstaltungsreihe und einer Ausstellung. „Michelangelo Pistoletto und Cittadellarte – Spiegelungen und Widerspiegelungen“ (bis zum 29. September 2018) heißt die diesjährige Hommage an Pistoletto, den Wegbereiter der Arte Povera. Im Zuge der Veranstaltungen fand im LichtSpielTheater KLICK-O-TonArt eine Präsentation des Dokumentarfilms in Anwesenheit des Künstlers statt. Kurz nach dem Film und dem anschließenden Künstlergespräch wurde es privater und so konnte ich Michelangelo Pistoletto vor einem Teil meiner fotografischen Arbeiten der Serie „Second Hand Model“ ablichten. Ausführliches finden Sie im Artikel „Second-Hand-Model – Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über vier Jahre„. Die Ausstellung im Theater ist noch bis zum 31. Juli 2018 zu sehen.

Heute im Theater O-TonArt in Schöneberg

Einladung zur Besichtigung des Portfolios „Second Hand Model“
von 18 bis 19.30 Uhr

"20. Januar 2007", aus der Serie "20. Januar 2007", aus der Serie "Second Hand Model" – Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über 4 Jahre”, Foto © Friedhelm Denkeler 2007

„20. Januar 2007“, aus der Serie „Second Hand Model“ –
Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über vier Jahre”,
Foto © Friedhelm Denkeler 2007

Die Werke sind vom 9. März bis zum 4. Juni 2018 im Foyer des “Theaters O-TonArt” in der Kulmer Straße 20a, 10783 Berlin-Schöneberg, erstmalig öffentlich zu sehen. Die Ausstellungsräume sind immer an den Spieltagen eine Stunde vor Beginn der Vorstellung geöffnet (siehe www.o-tonart.de). Der Künstler ist heute von 18 bis 19.30 Uhr anwesend.

Einen ausführlichen Artikel zum “Second Hand Model” finden sie hier.

Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über 4 Jahre

Ausstellung „Second-Hand-Model“ im “Theater O-TonArt” in Schöneberg. Einladung zur Besichtigung am 24. März 2018 von 18 bis 19.30 Uhr

"9. Oktober 2006", aus der Serie "Second Hand Model – Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über 4 Jahre”, Foto © Friedhelm Denkeler 2006

„9. Oktober 2006“, aus der Serie „Second Hand Model
Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über 4 Jahre”,
Foto © Friedhelm Denkeler 2006

Die Serie “Second-Hand-Model” passt ideal in ein Theater mit seinem Kostümfundus und der Lust der Schauspieler am Verkleiden. Die Besucher werden den Aufführungen entsprechend, ihren Teil dazu beitragen. Mit dem letzten Bild, der unbekleideten Schaufensterpuppe im Juni 2007 wurde der Verkauf des Geschäftes annonciert. Es bekam neue Inhaber, aber nie wieder wurde das Model so geschmackvoll, erotisch und phantasievoll eingekleidet wie in den vier Jahren meiner Aufnahmesession.

Die Werke sind vom 9. März bis zum 4. Juni 2018 im Foyer des “Theaters O-TonArt” in der Kulmer Straße 20a, 10783 Berlin-Schöneberg, erstmalig öffentlich zu sehen. Die Ausstellungsräume sind immer an den Spieltagen eine Stunde vor Beginn der Vorstellung geöffnet (siehe www.o-tonart.de). Der Künstler ist am 24. März 2018 von 18 bis 19.30 Uhr anwesend.

Einen ausführlichen Artikel zum „Second Hand Model“ finden sie hier.

Second-Hand-Model

Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über vier Jahre
Ausstellung im „Theater O-TonArt“ in Berlin Schöneberg

Einladung zur Besichtigung am 15. und 24. März 2018 von 18 bis 19.30 Uhr

Wir sind im „Theater O-TonArt“. Während André Fischer auf der großen Bühne in dem Solo-Stück „Maman und Ich“ 32 verschiedene Rollen in zwei Stunden spielt, findet auf der kleinen Bühne, im Foyer, eine „One-Woman-Performance-Show“ statt. Zwischen dem 5. Januar 2003 und dem 13. Juni 2007 habe ich mit meiner ersten Digital-Kamera an 52 Tagen die Schaufensterpuppe im Second-Hand-Geschäft ET CETERA in der Berlinickestraße am Eingang zum S-Bahnhof Rathaus Steglitz fotografiert.

Nach meinen früheren Schwarzweiß-Bildern gab es nun einen Rausch an Farben, prächtiger Mode und Accessoires. Eine wahre Performance entfaltete sich entsprechend der Jahreszeiten und Festtage: Zu Weihnachten z.B. bekam das Model Engelsflügel oder trug ein T-Shirt mit der Heiligen Madonna. Wöchentlich dekorierte die Inhaberin ihre Schaufensterpuppe neu. Kleidung, Perücken, Brillen, Hüte, Ketten, Handtaschen und Gürtel wechselte sie, je nach ihrer Lust und Laune. Die schöne „Unbekannte“ in den Jugendstil-Einbauten des Geschäfts wurde zu einer vertrauten, aber geheimnisvollen Nachbarin, die die Neugier erweckt hatte und an der ich nicht einfach vorbei gehen konnte.

"5. Januar 2003", aus der Serie "Second Hand Model – Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über vier Jahre", Foto © Friedhelm Denkeler 2003

„5. Januar 2003“, aus der Serie „Second Hand Model
Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über 4 Jahre“
Foto © Friedhelm Denkeler 2003

Modepüppchen, Schaufensterpuppe oder Mannequin genannte Figuren entstanden um 1850 in Paris. Schneidereien stellten in ihren Schaufenstern eigene Entwürfe an kopflosen Schneiderpuppen zur Schau, um Kunden anzulocken. Im Bereich der Bildenden Kunst sind maßstabsgetreue, bewegliche Glieder- oder Gelenkpuppen seit der Antike bekannt. Sie werden verstärkt mit Beginn der Renaissance in Italien um 1500 von Bildhauern und Malern eingesetzt.

Proportionslehre und Bewegungsstudien bestimmten den Tenor der Zeit und nicht jeder Künstler konnte sich ein lebendes Modell leisten. Anfang des 20. Jahrhunderts begann die Zeit der großen Warenhäuser mit entsprechenden Fensterfronten, die je nach Jahres- oder Festzeit mit lebensgroßen Schaufensterpuppen dekoriert wurden. Der „Schaufensterbummel“ war erfunden und die Modepuppen wurden immer realistischer dargestellt. Identifikation, Präsentation, Träumerei und Verführung zum Kauf vereinen sich noch heute in ihnen.

Obwohl die Aufnahmeperspektive fast immer gleich war, spiegelte sich in der Schaufensterscheibe des Geschäfts die Umgebung des S-Bahnhofs Steglitz. Je nach Tageszeit, im vollen Sonnenlicht oder am Abend mit Blitzlicht, sieht man auf den Bildern mal die Mülltonen, die später hinter einer spanischen Wand versteckt waren, mal die Werbung eines Frisiersalons, wildes Plakatieren, zerkratzte Schaufensterscheiben, die Graffitis und das Straßenpflaster mit den beiden Gullydeckeln direkt vor dem Laden.

Die Serie „Second-Hand-Model“ passt ideal in ein Theater mit seinem Kostümfundus und der Lust der Schauspieler am Verkleiden. Die Besucher werden den Aufführungen entsprechend, ihren Teil dazu beitragen. Mit dem letzten Bild, der unbekleideten Schaufensterpuppe im Juni 2007 wurde der Verkauf des Geschäftes annonciert. Es bekam neue Inhaber, aber nie wieder wurde das Model so geschmackvoll, erotisch und phantasievoll eingekleidet wie in den vier Jahren meiner Aufnahmesession.

Die Werke sind vom 9. März bis zum 4. Juni 2018 im Foyer des „Theaters O-TonArt“ in der Kulmer Straße 20a, 10783 Berlin-Schöneberg, erstmalig öffentlich zu sehen. Die Ausstellungsräume sind immer an den Spieltagen eine Stunde vor Beginn der Vorstellung geöffnet (siehe www.o-tonart.de). Der Künstler ist am 15. und 24. März 2018 von 18 bis 19.30 Uhr anwesend.

Fernseh-Marathon

Lady in Red – Drei Televisionen (3)

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website »Lichtbilder«

"Meryl Streep", Polaroid SX-70, aus der Serie "TV-Porträt", Foto © Friedhelm Denkeler 1987

„Meryl Streep“, Polaroid SX-70, aus der Serie „TV-Porträt“
Foto © Friedhelm Denkeler 1987

Zwischen 1982 und 1989 habe ich sieben, teilweise mehrteilige, Serien produziert, die alle zusammen unter dem Thema “Televisionen” stehen. Es handelt sich hierbei um Schwarz-Weiß-Fotografien, Leporellos, Klappbilder, Farbfotos und wie hier um Polaroid-Bilder.

Während eines Fernseh-Marathons vom 23. Dezember 1985 bis zum 3. Januar 1986, in der Zeit zwischen den Jahren, entstanden die zwanzig “TV-Porträts” der Filmschauspielerinnen aus diversen Spielfilmen, unter anderem die Aufnahme von Meryl Streep. Die Aufnahmen des Kapitels “Am Fenster” stammen aus einer Szene des französischen Films “Ein mörderischer Sommer” (L’été meurtrier), der Isabelle Adjani 1982 über Nacht weltberühmt machte. Die dritte Episode “Lady in Red” entstand aus der Tanzszene eines Films, der heute nicht mehr rekonstruierbar ist.

Auf meiner Website »Lichtbilder« finden sie 40 ausgewählte Photographien aus der Serie »Lady in Red«. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 52 Seiten im Format 30×30 cm erschienen (2018). Ausführliches finden Sie im Artikel »Lady in Red – Drei Televisione (1)« und in der Filmbesprechung »Ein mörderischer Sommer«.

Ein mörderischer Sommer

Lady in Red – Drei Televisionen (2)

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

In einem südfranzösischen Dorf taucht eine schöne junge Frau auf: Eliane (Isabelle Adjani). Wo sie auf ihren Stöckelschuhen im dünnen, kurzen Kleid zu sehen ist, bringt sie die Männer um den Verstand. Schließlich heiratet sie den schüchternen Automechaniker Pin-Pon (Alain Souchon), der nicht ahnt, was Eliane wirklich bewegt …

Der Film „Ein mörderischer Sommer“ (L’été meutrier) von Jean Becker machte Isabelle Adjani 1983 über Nacht weltberühmt. Ich kenne sie bereits aus dem 1975 entstandenen Film „Die Geschichte der Adèle H.“ von François Truffaut, in dem sie die Tochter von Victor Hugo spielt. Ähnlich wie in Roman Polanskis Thriller „Der Mieter“ (1976) waren ihre Rollen immer die einer am Rande des Wahnsinns stehenden Frau. Mit dem Film „Ein mörderischer Sommer“ hatte sich ihr Image von der Komödiantin zur femme fatale gewandelt.

Aus der Serie "Am Fenster", Foto © Friedhelm Denkeler 1987

Aus der Serie „Am Fenster“, Foto © Friedhelm Denkeler 1987

Der Film erzählt die Geschichte von der 19-jährigen Eliane, die versucht, ihre Mutter, die Opfer einer Vergewaltigung wurde, zu rächen und daran zerbricht. Zunächst fällt sie durch ihr exaltiertes Benehmen und ihre freizügige Kleidung auf.

Die Männer begehren sie und auch „Pin-Pon“ verdreht sie den Kopf. Eines Tages kommt Eliane überraschend in Pin-Pons Werkstatt unter dem Vorwand, ein Fahrrad reparieren zu lassen. Sie verabreden sich.

Was hat das nun mit meiner kleinen Szene „Am Fenster“ zu tun? Als Pin-Pon vor ihrem Haus zur verabredeten Zeit erscheint, zeigt sich Eliane am Fenster und macht verschiedene Vorschläge, was sie anziehen soll. Dazu zieht sie im offenen Fenster ihr T-Shirt aus und ein Kleid an.

Nach der Verabredung verbringen sie eine Nacht in der Scheune von Pin-Pons Eltern. Dort entdeckt sie ein ramponiertes elektrisches Klavier mit der Aufschrift „M“, das sie auf die Spur der Vergewaltiger ihrer Mutter führt. Sie will sich mit einer arglistig eingefädelten Intrige rächen.

Eliane bedrängt immer wieder ihren Stiefvater bis dieser gesteht, die Vergewaltiger schon vor langer Zeit umgebracht zu haben. Die Vorstellung, dass ihr Leben nach der vollzogenen Rache wieder so sein würde, wie in ihrer glücklichen Kindheit, erfüllt sich nicht. Die Verstrickung in ein Verbrechen, dem sie ihr Leben verdankt und die angespannte Beziehung zu ihrer traumatisierten Mutter und die Sinnlosigkeit ihrer eingefädelten Rache bringen Eliane um den Verstand. Sie wird in eine Heilanstalt gebracht.

Auf meiner Website finden sie 40 ausgewählte Photographien aus der Serie “Lady in Red”. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 52 Seiten im Format 30×30 cm erschienen (2018). Den ersten Artikel zu „Lady in Red – Drei Televisionen“ finden Sie hier.

Lady in Red – Drei Televisionen (1)

TV-Aufnahmen auf Polaroid SX-70 Filmmaterial aus den 1980er Jahren
Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

Zwischen 1982 und 1989 habe ich sieben, teilweise mehrteilige, Serien produziert, die alle zusammen unter dem Thema „Televisionen“ stehen. Es handelt sich hierbei um Schwarz-Weiß-Fotografien, Leporellos, Klappbilder, Farbfotos und Polaroid-Bilder. Die vorliegende Arbeit „Lady in Red“ besteht aus den drei Kapiteln „TV-Porträt“, „Am Fenster“ und „Lady in Red“, die jeweils eine kleine Geschichte beinhalten. Da diese drei Televisionen auf Polaroid SX-70 hergestellt wurden, werden sie hier zusammengefasst.

aus der Serie "Lady In Red", Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1990

aus der Serie „Lady In Red“, Polaroid SX-70,
Foto © Friedhelm Denkeler 1990

Als im Jahr 2008 das Unternehmen Polaroid das Ende der Produktion von Sofortfilmen bekannt gab, war dies scheinbar auch das Ende der analogen Sofortbild-Fotografie. Umgehend fühlten sich Ausstellungsmacher beflügelt, Sofortbilder zu präsentieren, um ihnen eine neue Aufmerksamkeit zu schenken.

Insbesondere hat die Übernahme des europäischen Teils der berühmten, zwischen 1970 und 1990 entstandenen Polaroid-Sammlung des Unternehmens Polaroid durch die Wiener Fotogalerie “Westlicht” mit 4400 Sofortbildern von 800 Künstlern Aufsehen erregt.

Bedingt durch die technisch perfekten und überarbeiteten Digitalbilder, gibt es ein neues Interesse an Authentizität und Wirklichkeit, nach Originalen, nach Unschärfe und “falschen” Farben.

Die vorliegenden Polaroids erhielten, bedingt durch das Zeilensprungverfahren des Fernsehens und den damit verbundenen “Störungen”, wie z.B. Streifenstrukturen und Artefakten, einen zusätzlichen Reiz. Eine Auswahl meiner sonstigen Polaroids, die zwischen 1980 und 1990 entstanden sind, habe ich in dem Autorenbuch „Polaroids SX-70-Art 1980 – 1990“ im Jahr 2012 zusammengestellt.

Während eines Fernseh-Marathons vom 23. Dezember 1985 bis zum 3. Januar 1986, in der Zeit zwischen den Jahren, entstanden die zwanzig „TV-Porträts“ der Filmschauspielerinnen aus diversen Spielfilmen. Die Aufnahmen des Kapitels „Am Fenster“ stammen aus einer Szene des französischen Films „Ein mörderischer Sommer“ (L’été meurtrier), der Isabelle Adjani 1982 über Nacht weltberühmt machte. Die dritte Episode „Lady in Red“ entstand aus der Tanzszene eines Films, der heute nicht mehr rekonstruierbar ist.

Auf meiner Website finden sie 36 ausgewählte Photographien aus der Serie “Lady in Red”. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 52 Seiten im Format 30×30 cm erschienen (2018).

Der Garten, der einmal ein Wald war

Der Skulpturenpark der Villa March in Cala Ratjada

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

"Skulpturenpark der Villa March in Cala Ratjada"  Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”, Foto © Friedhelm Denkeler 1993

„Skulpturenpark der Villa March in Cala Ratjada“
Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”,
Foto © Friedhelm Denkeler 1993

Hoch über Cala Ratjada thront eine dreistöckige Villa, die sogenannte Casa March, die der ehemalige Sitz des mallorquinischen Bankiers Juan March ist. Er erwarb das Hügelterrain, das den Hafen von Cala Ratjada überblicken lässt, im Jahr 1915 und ließ darauf eine Sommerresidenz erbauen. Interessanter aber ist die Umgebung der Casa March, eine großzügige Gartenanlage, die Jardines de sa Torre Cega mit ihren zahlreichen Skulpturen. Der Garten ist benannt nach einem fensterlosen Turm, der einst an dieser Stelle stand, um die Küste von Cala Ratjada zu überwachen.

Im Jahr 1993 konnten wir den Garten mit den Skulpturen noch besichtigen, acht Jahre später, im November 2001, wurde die Anlage durch einen Tornado verwüstet. Die ausgewachsenen Kiefern wurden wie beim Mikado durcheinander gewirbelt, viele Wege und das Bewässerungssystem waren zerstört. Ein Teil der Skulpturensammlung wurde ins Palau March in Palma verlagert. Die gesamte Anlage blieb über zehn Jahre geschlossen und konnte erst im Sommer 2011 wieder eröffnet werden. Große Freiflächen mit Rasen erinnern noch heute an den Kahlschlag. Das ursprüngliche Konzept, einen Garten inmitten eines Waldes zu konzipieren, konnte nicht vollständig wiederhergestellt werden.

Erstmalig war die Serie “Eine Mallorquinische Nacht” in der Ausstellung “Begrenzte Grenzenlosigkeit” in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), Oranienstraße 25, 10999 Berlin, vom 19. Oktober bis 1. Dezember 1996 und im gleichnamigen Katalog, zu sehen. Auf meiner Website finden sie 20 ausgewählte Doppelbilder aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”.

"Dodekaeder", Skulpturenpark der Villa March in Cala Ratjada, Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”, Foto © Friedhelm Denkeler 1993

„Dodekaeder“, Skulpturenpark der Villa March in Cala Ratjada,
Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”,
Foto © Friedhelm Denkeler 1993

Der verschmähte Liebhaber

Siurells – auch Joan Miró liebte die magischen Tonfiguren

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

Was kann man typischerweise von einem Aufenthalt auf Mallorca als Souvenir mitbringen? Natürlich die berühmten Siurells. Sie bestehen aus einzelnen aus Ton geformten Teilen, einschließlich einer Pfeife, die miteinander verbunden werden. Sie werden getrocknet, gebrannt und erhalten in einem Kalkbad ihre weiße Farbe. Beim Färben werden sie an der Pfeife aufgehängt, dadurch behält dieser Teil der Figur sein natürliches Aussehen. Anschließend werden die Tonpfeifen mit grünen und roten Pinselstrichen verziert.

Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”, Foto © Friedhelm Denkeler 1993

Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”,
Foto © Friedhelm Denkeler 1993

Der Ursprung und die Bedeutung der Siurells sind unbekannt, aber es gibt verschiedene Annahmen: Es könnte sich um eine Pfeife für Hirten handeln, auch als Spielzeug für Kinder wären sie einsetzbar. Vor Jahrhunderten sollten die Siurells mit ihrem Pfeifton verheerende Stürme auf der Insel bezwingen. Den Touristen wird auch gerne die Story vom verschmähten Liebhaber erzählt: Wenn er seiner Angebeteten die Tonfigur überreicht und sie diese fallen lässt, so hat er sicherlich keine Chance, andernfalls würde sie die Pfeife benutzen.

Die Siurells kommen hauptsächlich aus einer der traditionellen Töpfereien in Sa Cabaneta. Traditionell stellen die Figuren Männer mit Stierköpfen, Frauen mit langem Rock und rundem Hut, Reiter, Teufel oder Hunde dar. Ein begeisterter Sammler und Liebhaber der Siurells war der katalanische Maler und Bildhauer Joan Miró, der jahrzehntelang auf Mallorca lebte und arbeitete. Man vermutet, dass die Siurells auch eine Vorlage für seine Skulpturen waren. Seinem Kollegen Pablo Picasso soll er immer wieder diese Tonfiguren geschenkt haben.

Die vorliegenden Fotografien entstanden im März/ April 1993 im Ort Cala Ratjada, auf der Baleareninsel Mallorca. Die gesamte Serie besteht aus 121 Photographien auf Fotopapier im Format 30×45 cm, davon sind 102 zu Bildpaaren im Passepartout 50×60 zusammengestellt. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 136 Seiten im Format 40×30 cm erschienen (2017).

Erstmalig war die Serie “Eine Mallorquinische Nacht” in der Ausstellung “Begrenzte Grenzenlosigkeit” in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), Oranienstraße 25, 10999 Berlin, vom 19. Oktober bis 1. Dezember 1996 und im gleichnamigen Katalog, zu sehen. Auf meiner Website finden sie 20 ausgewählte Doppelbilder aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”.

Eine Mallorquinische Nacht

Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

Es fällt mir schwer zu schreiben; mein Denken ist optisch [Rodtschenko]

Mit dem Beginn des massenhaften Reisens entstand zwangsläufig die Reisefotografie. Das verwundert nicht, denn der Fotografie wird ihre vermeintliche Fähigkeit der authentischen Wiedergabe der Wirklichkeit nachgesagt. Genau das habe ich während eines Aufenthalts auf Mallorca zur Osterzeit, in der sogenannten Vorsaison, versucht. Entgegen aller Vermutungen war das Leben in Cala Ratjada („Rochenbucht“) noch verschlossen, bzw. es „erwachte“ erst langsam und stellte sich auf die zu erwartenden Osterbesucher ein.

Nicht die allseits bekannten Mallorca-Impressionen des deutschen Urlaubsparadieses, sondern die zahlreichen, noch geschlossenen Geschäfte, Cafés und Hotels und die „ruhenden“ Baumaßnahmen prägten sich nunmehr als „typisch“ ein. Unter diesem Einfluss entstanden die scheinbar unwirklichen, zu Bildpaaren arrangierten, Tag- und Nachtaufnahmen auf den täglichen und nächtlichen Spaziergängen. Der Titel der Serie lehnt sich an die „Amerikanische Nacht“ an, bei der im Film mit entsprechenden Techniken, Nachtaufnahmen auch am Tage produziert werden.

Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”, Foto © Friedhelm Denkeler 1993

Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”,
Foto © Friedhelm Denkeler 1993

In den 1930er-Jahren wurde Cala Ratjada in der Gemeinde Capdepera durch eine Kolonie von antifaschistischen deutschsprachigen Exilanten bekannt; die Schriftsteller Karl Otten, Franz Blei und Herbert Schlüter, der Maler Rudolf Levy, der Philosoph Walter Benjamin und der Dadaist Raoul Hausmann sind zu nennen. Nach dem Franco-Putsch im Juli 1936 gelang es den meisten, die Insel wieder zu verlassen.

Die vorliegenden Fotografien entstanden im März/ April 1993 im Ort Cala Ratjada, auf der Baleareninsel Mallorca. Die gesamte Serie besteht aus 121 Photographien auf Fotopapier im Format 30×45 cm, davon sind 102 zu Bildpaaren im Passepartout 50×60 zusammengestellt. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 136 Seiten im Format 40×30 cm erschienen (2017).

Erstmalig war die Serie „Eine Mallorquinische Nacht“ in der Ausstellung „Begrenzte Grenzenlosigkeit“ in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), Oranienstraße 25, 10999 Berlin, vom 19. Oktober bis 1. Dezember 1996 und im gleichnamigen Katalog, zu sehen. Auf meiner Website finden sie 20 ausgewählte Doppelbilder aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”.

Jede Fotografie ist eine Art memento mori. Fotografieren bedeutet teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Wandelbarkeit anderer Menschen (oder Dinge). Eben dadurch, dass sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit. [Susan Sontag]

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