Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Filmbesprechung

Unter der Rubrik „Filmbesprechung“ diskutiere ich die selbst gesehenen aktuellen Kino-Filme, hin und wieder auch einmal einen Klassiker. Um eventuelle Copyright-Ansprüche zu umgehen sind alle Beiträge in allen Rubriken mit eigenen Fotos versehen (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Bewegende und ästhetische Kampfkunst

Ein Liebesgefecht zwischen Mann und Frau im
neuen Film „Grandmaster“ von Wong Kar-Wai

Kung Fu – Zwei Worte, waagerecht und senkrecht; nur der gewinnt der stehen bleibt (wenn alle anderen am Boden liegen)

"Die fliegenden Menschen" (Tomás Saraceno: Cloud Cities), Foto © Friedhelm Denkeler 2011

„Die fliegenden Menschen“ (Tomás Saraceno: Cloud Cities), Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Wong Kar-Wai setzt in seinem aktuell in den Kinos laufenden Martial-Arts-Film die Biografie von Ip Man (Tony Leung), dem Kung-Fu-Lehrer von Bruce Lee, in Szene. Die Geschichte erzählt von Ip Man, der durch seinen Widerstand gegen die Japaner in China zum Volkshelden wurde und von seiner romantischen, aber unmöglichen Liebe zu Gong Er (Zhang Ziyi).

Der Film eröffnete wenige Tage nach seiner endgültigen Fertigstellung (und nach einer Drehdauer von einigen Jahren) die diesjährigen Berliner Filmfestspiele.

Die Bilder des Films wird man nicht so schnell vergessen: Die Kämpfe im Schneetreiben und nächtlichen Regen sind aber nicht Wong Kar-Wais eigentliches Anliegen, sondern Stimmung, Sinnlichkeit und Sehnsucht. In den 123 Minuten wird nicht in der realen Welt gekämpft, sondern in den Gefühlsbereichen der Akteure. Die Außenräume sind deshalb auch nur schemenhaft auszumachen.

Hier wird Martial Arts ästhetisch zum Ballett in Zeitlupe stilisiert. Kaum Gewalt, nur ein einziger Tropfen Blut fällt in extremer Zeitlupe in Großaufnahme in eine Wasserpfütze. Der Film wird nicht das große Publikum finden: Für Zartbesaitete gibt es zu viel Kampf, der durch die Zeitlupe monoton wirken kann und für die Action-Fans ist der Film zu harmlos.

Ganz am Ende erinnern sich die beiden unglücklich verliebten Kampfkünstler an ihre Kindheit, an ihre ersten Übungsstunden beim Meister bzw. beim Vater. Die Möglichkeit der Liebe ist vorhanden, aber sie erfüllt sich nicht, wie in allen Filmen von Wong Kar-Wai. Ein großer, sehenswerter Kampfkunst-Kunst-Film, natürlich wieder mit der Musik von Shigeru Umebayashi.

Trailer

Gefühl und Härte in der wilden Zeit

Ein Sittengemälde der Zeit nach dem Mai 1968 von Olivier Assayas

Wer mit Politik umgeht, hat mit klaren Ideen zu tun. Wer seine Kunst ausübt, hat mit widersprüchlichen, mit mysteriösen, ja vielleicht obskuren Ideen zu tun. Er darf mit mehreren Stimmen sprechen. [Olivier Assayas]

Der Sponti-Spruch aus den 1970er Jahren „Gefühl und Härte“ beschreibt die Grundtendenz des neuen Films von dem französischen Regisseur Olivier Assayas „Die wilde Zeit“ schon sehr gut. Er spielt in der Zeit des „Après Mai“ (so der französische Original-Titel) und handelt von einer Generation Anfang der 1970er Jahre, die zu spät für die 1968er Mai-Revolte in Frankreich kam.

"Gefühl und Härte", Foto © Friedhelm Denkeler 1981

"Gefühl und Härte", Foto © Friedhelm Denkeler 1981

Gleich zu Beginn des Films beginnt die Härte: Polizisten schlagen auf protestierende Gymnasiasten ein und treiben sie durch die Straßen einer französischen Provinzstadt. Nachts werden sie beim Graffiti-Sprühen an der Schule von Wachleuten entdeckt und mit Eisenstangen gejagt, Molotowcocktails fliegen und plötzlich liegt ein Wachmann im Koma.

Und mittendrin ist Gilles. Aber er versteht sich weniger als Revolutionär, der für die Weltrevolution kämpft, sondern als Künstler. Genau das wird ihm von seinen Genossen, die wie er eher aus bürgerlichen Verhältnissen kommen, auch vorgeworfen: „Kunst, das ist Einsamkeit. Du bist außerhalb des Kampfes“. Er muss sich auch entscheiden zwischen Laure, die seine Kunst versteht, ihn aber verlässt (die Eltern ziehen weg) und Christine, die sich dem politischen Kampf angeschlossen hat, ihn aber liebt.

Der Zuschauer geht, läuft, wirft und flüchtet mit der starken Musik von Captain Beefhardt, Nick Drave und Syd Barrett gleichsam mit den Protagonisten mit. Gilles hört im Film Booker T. & The M.G.’s. Hier hat der Regisseur auch die Erlebnisse seiner eigenen Jugend verarbeitet. Andere Filmemacher haben diese Zeit als „bleiern“ bezeichnet, bei Assayas ist sie wild und gefühlvoll. Am Ende hat einer die Kunst, eine den Tod, eine die Rückkehr in die Familie und andere haben das Filmkollektiv gewählt.

Die Kinder von Marx und Coca Cola glauben nicht an Gott, aber an Bildung, Freiheit und Kino: „In ihrem Pathos des Lesens, des Lernens liegt einer der größten Unterschiede zu heute: Welcher Schüler kauft sich schon am Morgen fünf Zeitungen? … Assayas ruft uns eine Epoche ins Gedächtnis, in der die Menschen kein Internet und kein Smartphone hatten, dafür viel Zeit, nicht nur zum Lesen“ (Rüdiger Suchsland im „Rolling Stone“).

Das Sittengemälde erzählt von der Überlegenheit des Privaten über das Politische. Die Kunst hat viele vor dem Abrutschen vom legalen Widerstand in den illegalen Terror gerettet. Meine Empfehlung: unbedingt ansehen; zum Vergleich vielleicht auch noch einmal Michelangelo Antonionis Klassiker „Zabriskie Point“ (von 1970).

Die siebziger Jahre waren in dem Sinne hegelianisch, als es einen Glauben in die Zukunft gab, ein Vertrauen in die Transformation der Welt. Den haben wir verloren. Von einer Welt, die eine Vergangenheit und eine Zukunft hatte, haben wir uns in eine Welt ohne Vergangenheit und ohne Zukunft begeben. [Olivier Assayas]

Trailer – Die wilde Zeit

Eine persönliche Bilanz der Berlinale-Wettbewerbsfilme

Berlinale (IXX und Schluss): Acht Filme werden in Erinnerung bleiben

Die Gewinner der 63. Filmfestspiele Berlin 2013 habe ich bereits hier vorgestellt. Meine Lieblingsfilme, die ich im diesjährigen Wettbewerb gesehen habe, stimmen nicht unbedingt mit der Meinung der Jury und der Kritiker überein. Deshalb zum Schluss dieser Artikelreihe zur Berlinale 2013 eine persönliche Bilanz. Dabei beziehe ich auch die außer Konkurrenz laufenden Filme mit ein. Von den 16 gesehenen Filmen des Wettbewerbs werden in Erinnerung bleiben:

"Der Graue Bär", Foto © Friedhelm Denkeler

"Der Graue Bär", Foto © Friedhelm Denkeler

Gloria”, Chile, von Sebastián Lelio mit Paulina García (siehe: „Gloria tanzt den Umberto Tozzi). Mit einer “charmanten Kombination aus Unsicherheit, Mut und Lebenslust” (FR) tanzt die 58-jährige Gloria nach Umberto  Tozzis “Gloria”. Sie hat den Silbernen Bären als beste Darstellerin verdient. Mein Lieblingsfilm der Berlinale.

Harmony Lessons”, Kasachstan, (siehe „Die Geschichte einer zunehmenden Brutalisierung). Zu Beginn des Films fragt Aslan seine Großmutter, ob Menschen ohne Fleisch leben können, sie antwortet: “Vielleicht im Himmel”. In der Schlussszene sieht Aslan ein Schaf “über das Wasser gehen”. Den Himmel auf Erden wird es für ihn nicht geben. Mir ist der Film zu brutal, aber er ist wegen der guten Bilder des Kameramanns sehenswert.

Parde” von Jafar Panahi, Iran (siehe: „Der geschlossene Vorhang – Psychodrama mit Jafar Panahi und seinem Alter Ego über das Eingesperrtsein”). Die Vielschichtigkeit der verschiedenen Ebenen hier wiederzugeben, würde den Rahmen sprengen. Der eigentliche Film findet im Kopf statt und was dies minimalistisch gedrehte Kammerspiel dort entfacht, ist enorm. Der anspruchsvollste Film des Wettbewerbs.

In the Name of”, Polen von Malgoska Szumowska (siehe „Ein Priester zwischen Anpassung und Leidenschaft”). Zum Schluss bleibt alles in der Schwebe, aber die kraftvollen Bilder der inneren Zerrissenheit bleiben dem Zuschauer im Gedächtnis.

Die Nonne” von Guillaume Nicloux, Frankreich (siehe: „Die Gute, die Böse und die Andere … Mutter Oberin). Die Kamera fängt eine wahre Ästhetik wie in der Malerei ein: Halbdunkle Landschaftsbilder, karge klösterlichen Zellen, das Kerzenlicht, zeitlose Stillleben. Fazit: Ein zu langer und zwiespältiger Film, dessen Ästhetik angesichts der dunklen Machenschaften dennoch überirdisch schön ist.

Aber auch weniger „anspruchsvolle“ Film gefielen mir: “Promised Land” von Gus Van Sant, USA (siehe „Matt Damon “I’m not a bad guy” zwischen Energieautonomie und Umweltrisiko”) und “Gold”, Deutschland vonThomas Arslan (siehe: „Sieben auf der Suche nach Gold – Nur eine kam durch”) sowie “Before Midnight” von Richard Linklater, USA (siehe: „Im Neun-Jahres-Rhythmus vom Sonnenaufgang zum Sonnenuntergang bis Mitternacht„).

Da die meisten dieser Filme im Laufe des Jahres auch in den Lichtspieltheatern gezeigt werden, kann ich alle acht Filme empfehlen.

www.berlinale.de

Die Gewinner der 63. Filmfestspiele Berlin 2013

Berlinale (XVIII): Filme aus Osteuropa prägten das Festival

Die Jury, bestehend aus Wong Kar-Wai (Regisseur, China), Susanne Bier (Filmregisseurin, Dänemark), Andreas Dresen (Filmregisseur, Deutschland), Ellen Kuras (Dokumentarfilmerin, USA), Shirin Neshat (Videokünstlerin, Iran), Tim Robbins, Schauspieler, USA), Athina Rachel Tsangari (Filmregisseurin, Griechenland) hat heute Abend die Preise der diesjährigen Berlinale vergeben. Am kommenden Dienstag werde ich meine persönlichen Favoriten vorstellen.

"Berlinale-Plakat", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

"Berlinale-Plakat", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Die Preisträger

  • Goldener Bär für den besten Film:Child’s Pose”, Rumänien,
    von Calin Peter Netzer
  • Großer Preis der Jury – Silberner Bär:An Episode in the Life of an Iron Picker”, Bosnien,
    von Danis Tanovic
  • Silberner Bär – Beste Regie: David Gordon Green für “Prince Avalanche”, USA
  • Silberner Bär – Beste Darstellerin: Paulina García in „Gloria“ (Chile)
  • Silberner Bär – Beste Darsteller: Nazif Mujic in “An Episode in the Life of an Iron Picker”, Bosnien
  • Silberner Bär – Bestes Drehbuch: Jafar Panahi für “Parde”, Iran
  • Silberner Bär – Herausragende künstlerische Leistung:
    Aziz Zhambakijev für die Kamera in „Harmony Lessons„, Kasachstan

Die Pressestimmen

  • DIE WELT: „Berlinale ohne große Überraschungen. Osteuropäische Produktionen prägten eher durchschnittlichen Wettbewerb.“
  • DIE ZEIT: „Die Realität wird prämiert. Korruption in Rumänien, lebensgefährliche Armut einer Roma-Familie: Die stärksten Filme dieser Berlinale zeichneten sich durch ihre Wirklichkeitsnähe aus.“
  • Frankfurter Rundschau: „Ada Solomon, die Produzentin dieses Films (Child’s Pose), nutzte die … Dankesrede auch gleich zu einem Appell an die Politiker ihres Heimatlandes, jenes nationale Kino mehr zu schätzen und zu fördern, das weltweit gefeiert wird. Und das wird es in der Tat! Die Berlinale pries es als Hort des Arthouse-Kinos. Das war nett von ihr.“
  • DIE ZEIT: „Keine noch so gute Geschichte kommt beim Publikum an, wenn die Darsteller sie ihm nicht nahe bringen – oder sie uns, wie Paulina García, direkt ins Herz pflanzen. Dafür erhielt die Chilenin zu Recht den Darstellerpreis. Ihre Titelfigur der Gloria hatte alle – Zuschauer wie Kritiker – begeistert.“
  • DER SPIEGEL: „Die wenigen US-Beiträge, Soderberghs „Side Effects“, Fredrik Bonds Debüt „The Necessary Death Of Charly Countryman“ und David Gordon Greens schönes, aber letztlich belangloses Buddy-Movie „Prince Avalanche“, gehörten zu den Enttäuschungen des Festivals.“
  • Berliner Morgenpost: „Das Muttermonster kriegt Gold, die Stars gehen leer aus. Die Berlinale hat ein Problem: Die Gewinner kennt kein Mensch … Am Ende sind die drei Regisseurinnen zwar leer ausgegangen, aber die mehrheitlich weibliche Jury hat bei ihrer Bären-Vergabe zumindest die Frauenquote der Filme voll erfüllt.“
  • Deutsche Welle: „Die Berlinale knüpft an ihre Ursprünge an Berlin … die Stadt zwischen Ost und West, die Metropole zwischen den einstigen politischen Blöcken, hatte lange die Funktion eines kulturellen Brückenbauers – indem sie Filme zeigte, die hinter dem Eisernen Vorhang produzierten wurden.“
  • Handelsblatt: „Osteuropäer räumen Berlinale-Preise ab. Elend, Verbrechen, Gewalt und Hoffnungslosigkeit – osteuropäische Filme voller tragischer, düsterer Geschichten holen die Berlinale-Bären. Für die Deutschen gibt es keinen Preis. Ein politisches Signal geht in den Iran.“
  • Frankfurter Rundschau: „Allgemein wird der im Vergleich zum Vorjahr deutlich schwächere Wettbewerb beklagt … Hier laufen weitgehend Filme, die in Ordnung und mitunter sogar sehr interessant sind, aber kaum solche, die eine Dekade prägen, geschweige denn Meilensteine der Kinematografie sind.
  • Der Tagespiegel: “Ende gut, nicht alles gut. Die Berlinale steckt in einer schweren Krise im Wettbewerb der großen Festivals … Dieses Festival hat sich … offenkundig bestürzend entspannt aus der Riege der relevanten Weltfestivals verabschiedet. Cannes ist und bleibt die Nummer eins, man weiß es.“

Ein steinzeitliches Familienporträt

Berlinale (XVII): Kirk DeMicco/Chris Sanders: „The Croods“, USA

"Nikolas Cage, Emma Stone, Uwe Ochsenknecht" (v.r.n.l.), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

"Nikolas Cage, Emma Stone, Uwe Ochsenknecht" (v.r.n.l.), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Mit einer 3D-Brille auf der Nase hören wir mit der Stimme von Nicolas Cage Vater Grup, dem Oberhaupt der Steinzeit-Familie (in der deutschen Fassung von Uwe Ochsenknecht gesprochen) zu und erleben die Heldin Eep (mit der Stimme von Emma Stone). Beide Hauptstimmendarsteller und drei deutsche Synchronsprecher kamen zur Uraufführung und somit kam noch einmal Glanz auf den Roten Teppich.

Gut gemachte 3D-Filme sind sehr selten, eine große Ausnahme ist James Camerons Avatar aus dem Jahr 2010. Der heute Abend außer Konkurrenz laufende Film ist davon weit entfernt. Er gehörte auch nicht in den Wettbewerb, sondern in das Kinderprogramm der Berlinale. Fazit: „Friede, Freude, Feuermachen“ und nicht empfehlenswert.

Die Überschrift „Ein steinzeitliches Familienporträt“ ist übrigens wörtlich zu nehmen: Im Film entstand das erste „fotografische“ Abbild der Menschheits-geschichte, allerdings weniger durch Licht, sondern durch einen gewaltsamen Abdruck auf einem „Steinbild“, sozusagen eine Kontaktkopie der Croods.

„Als ihre Höhle zerstört wird muss Steinzeitfamilie Croods in einer fremden unberechenbaren Welt ein neues Zuhause finden. Mutter Natur ist noch in der Experimentierphase, bringt die ungewöhnlichsten Schöpfungen hervor und hat auch die Planung der Kontinente noch nicht abgeschlossen.

Wem sollen die letzten Überlebenden der prähistorischen Ära auf ihrer Reise ins Ungewisse folgen: Grug, dem Vater und Stammesoberhaupt, der in allem Unbekannten eine Gefahr sieht? Oder doch lieber dem jungen Guy, der voller neuer Ideen steckt und sich, sehr zu Grugs Missfallen, auch noch in dessen aufgeweckte Tochter Eep verliebt?

In einer Welt voller Herausforderungen scheint die einfallsreiche Jugend der bessere Garant fürs Überleben zu sein. Eine schmerzliche Lektion für Papa Grug. Doch schließlich profitieren alle davon, dass sie lernen, ihre Ängste zu überwinden. Und nicht zuletzt zeigt sich, dass jedes Familienmitglied bereits alles hat, was es zum Überleben braucht: die anderen.

In 3D und mit viel Sprachwitz kreieren Christopher Sanders und Kirk DeMicco eine opulente Fabelwelt, in der Familienstrukturen bestehen, die von der Steinzeit bis heute unverändert scheinen:“ [Quelle: Filmbeschreibung]

www.berlinale.de, Trailer

Haewon im Regen

Berlinale (XVI): Hong Sangsoo: „Nobody’s Daughter Haewon“ („Nugu-ui Ttal-do Anin Haewon“), Korea

"Jung Eunchae", Foto © Friedhelm Denkeler  2013

"Jung Eunchae", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Am letzten Tag der Berlinale fällt erfahrungsgemäß der Abschied schwer. Die beiden zuletzt gesehenen Filme „Nobody’s Daughter Haewon“ und „The Croods“ machten es uns dieses Mal leicht.

Zunächst zur koreanischen „Nobody’s Daughter Haewon“. Die Eingangsszene versprach etwas, was der anschließende Film nicht mehr erfüllte: Eine Touristin Jane Birkin (spielt sich selbst) fragt die Hauptdarstellerin Haewon nach dem richtigen Weg. Haewon, die irgendetwas mit Schauspiel studiert, bewundert Jane Birkins Tochter (Charlotte Gainsbourg) sehr. Am Ende des Gesprächs lagen sie sich in den Armen.

Dann entwickelte sich ein eher langweiliger „Eric Rohmer-Film“: Lange Dialoge über Beziehungen. Im Gegensatz zu Rohmer, der seine Filme in schönen Landschaftsbildern der Bretagne spielen lässt, sahen wir in Nobody’s Daughter tristes Stadtleben, langweilige Kulissen und betonierte Plätze, und das alles auch noch im Regen.

Dass der Film trotzdem sehenswert war, hat er hauptsächlich seiner wunder-schönen Hauptdarstellerin Jung Eunchae zu verdanken, die wieder eine der „starken Frauen“ der diesjährigen Berlinale spielte.

„Ist sie ihres Lebens, ihrer Liebe müde, oder warum schläft Haewon in einem Restaurant ein? Die Studentin fühlt sich allein gelassen. Ihre Mutter wird nach Kanada ziehen, die Affäre mit einem ihrer Professoren will Haewon beenden, weil sie ihr keinen Rückhalt bietet. Doch nicht nur, dass die Liasion von ihren Mitstudenten entdeckt wird – der verheiratete Mann akzeptiert die Trennung nicht.

Haewon ist irritiert und zieht sich zurück. Andere Männer kreuzen ihren Weg. Und dieser Weg führt sie zur einer alten Festung in den Bergen oberhalb von Seoul. Dort warten nicht nur Reiswein und eine vertraute Melodie, sondern auch ein gewagter Fluchtplan auf sie.

Untersuchte Hong Sangsoo in früheren Filmen die unergründlichen Pfade der Liebe und die Unmöglichkeit von Beziehungen zumeist aus der Sicht seiner männlicher Helden, hat er nun die Perspektive gewechselt. Die Gefühle der Protagonisten aber bleiben rätselhaft und unbeständig. Wie Haewon selbst, eine junge Frau, die gerne träumt.

Vielleicht ist dieser Film auch einer dieser Träume, aus denen sie ständig an den unmöglichsten Orten erwacht. Denn wer vermag zu sagen, wie irreal unsere Wirklichkeit ist und wie real unsere Träume sind?“ [Quelle: Filmbeschreibung]

www.berlinale.de

Der unvollendete Film mit River Phoenix

Berlinale (XV): George Sluizer: „Dark Blood“, Niederlande

"Regisseur George Sluizer (li.) und Jonathan Pryce, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

„Regisseur George Sluizer (li.) und Jonathan Pryce
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Zwanzig Jahre, nachdem der Film nicht fertiggestellt werden konnte, lief er heute Abend als Weltpremiere (außer Konkurrenz). Jonathan Pryce, einer der damaligen Hauptdarsteller begleitete den mittlerweile 80-jährigen Regisseur George Sluizer in den Berlinale-Palast. River Phoenix, der während der Dreharbeiten verstarb, erwies sich auch posthum als ideale Besetzung für den, wie er sich selbst bezeichnete, Viertelindianer „Boy“.

Der Film wirkt, als wäre er in der Jetzt-Zeit gedreht. Nur gab es noch keine rettenden Handys. Die Berliner Zeitung schreibt dazu: „Aber das postapokalyptische Szenario des Films, der Zusammenstoß der weißen und indigenen Kultur, die Hilflosigkeit westlicher Arroganz wirken heute bedeutungsvoller, brisanter und aktueller als damals, als die Welt noch 20 Jahre jünger war.“

Für Sluizer muss es die Erfüllung eines Lebenstraums gewesen sein, diesen Film zu beenden. Von Krankheit geschwächt konnte er die Bühne nicht mehr betreten, sondern bedankte sich unten im Saal mit ergreifenden Worten für die Chance dieser Aufführung. Es gab stehenden Applaus.

„Boy (River Phoenix), ein verwitweter junger Mann mit indianischen Wurzeln, lebt in einer durch Nukleartests verseuchten Wüste in den USA. Hier wartet er auf das Ende der Welt, umgeben von Voodoo-Puppen der Ureinwohner, die magische Kraft besitzen sollen.

In dieses Refugium brechen unerwartet Harry (Jonathan Pryce) und Buffy (Judy Davis) ein, die eine späte zweite Hochzeitsreise angetreten haben, um zu prüfen, ob ihre Ehe noch eine Zukunft hat. Als ihr Bentley streikt, bietet Boy seine Hilfe an. Doch dann beginnt er, die beiden wie Gefangene zu halten, weil er hofft, gemeinsam mit Buffy in eine bessere Welt hinüberwechseln zu können.

Nach dem plötzlichen Tod des Hauptdarstellers River Phoenix zehn Tage vor Abschluss der Dreharbeiten 1993 fiel das Filmmaterial zu Dark Blood an die Versicherung, die für den Drehabbruch aufkam. Jahre später konnte Regisseur George Sluizer das Material vor der endgültigen Vernichtung bewahren.

Im Januar 2012 begann er mit der Endfertigung seines Films, wobei er sich entschloss, die fehlenden Szenen im Off aus dem Drehbuch vorzulesen. Sein Film ist ein existenzialistischer Spätwestern von suggestiver Kraft, die nicht zuletzt von der Präsenz seiner am Rande des Todes balancierenden Hauptfigur ausgeht.“ [Quelle: Filmbeschreibung]

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Die Geschichte einer zunehmenden Brutalisierung

Berlinale (XIV): Emir Baigazin: „Harmony Lessons“
(„Uroki Garmonii“), Kasachstan

"Regisseur Emir Baigazin",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013

„Regisseur Emir Baigazin“
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

In Unterricht wird Darwin gelehrt („survival of the fittest“) und nach der Schule praktiziert. Emir Baigazin aus Kasachstan zeigt sehr realistisch, wie brutal es in ländlichen Gegenden seiner Heimat zugehen kann. Der Film beginnt damit, dass der junge Aslan brutal ein Schaf umbringt, anschließend häutet und die Eingeweide herausnimmt (geht es nicht auch ohne solche Szenen?). Später foltert er Kakerlaken auf einem selbstgebastelten elektrischen Stuhl.

Nach und nach lernen wir die Gründe seiner zunehmenden Brutalisierung kennen. In der Schule herrscht unter den Schülern ein mafiaähnliches System der körperlichen Zurichtung und Unterwerfung; es wird von oben nach unten „durchregiert“. Ältere nehmen jüngere Mitschüler brutal aus und wer nicht mitmacht, an dem wird ein Exempel statuiert. Lehrer und untersuchende Ärzte sind auch nicht besser.

Aslan steht ganz am Ende dieser Kette. Von Anfang an ist zu spüren, dass dies nicht gut gehen kann. Aslans ausgeübte Rache ist kein Befreiungsschlag, sondern lässt ihn in den nächsthöheren Unterdrückungsapparat geraten. Im Gefängnis foltert ihn die Polizei.

Zu Beginn des Films fragt Aslan seine Großmutter, ob Menschen ohne Fleisch leben können, sie antwortet: „Vielleicht im Himmel“. In der Schlussszene sieht Aslan ein Schaf „über das Wasser gehen“. Den Himmel auf Erden wird es für ihn nicht geben.

Wahrscheinlich wird der Film auf der diesjährigen Berlinale einen Preis erhalten. Wird sich im Namen der Kunst etwas auf der Welt ändern?

„Während einer ärztlichen Untersuchung wird der 13-jährige Aslan vor den Augen vieler Mitschüler gedemütigt, was seine latente Persönlichkeits-störung zum Ausbruch kommen lässt. Ständig befallen ihn Zweifel an sich selbst, zugleich strebt er verbissen nach Sauberkeit und Perfektion. Alles, was ihn umgibt, muss er unter seine Kontrolle bringen.

Wegen dieses Zwangs gerät Aslan, der bei seiner Großmutter in einem kasachischen Dorf lebt, in immer ernstere Konflikte. Mit tiefer Abscheu beobachtet er, dass die meisten Mitschüler in einem System krimineller Machenschaften gefangen sind, darunter auch Bolat, von dem sich Aslan besonders erniedrigt fühlt. Bolat erpresst Schutzgeld von kleineren Kindern. Für den Außenseiter Aslan hat er nur Verachtung übrig.

In seinem ersten abendfüllenden Spielfilm zeigt Emir Baigazin die Konfrontation des Individuums mit Mechanismen der Ausgrenzung und Gewalt. Die wachsende Brutalisierung des öffentlichen Lebens bildet dabei den Hintergrund. In streng kalkulierten optischen Tableaus, die der Film durch symbolistische Szenen aus der Tierwelt ergänzt, entfaltet sich das Schicksal eines Jungen, der sich wehrt und dabei selbst zu zerstören droht.“ [Quelle: Filmbeschreibung]

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Zwei Männer und viele gelbe Striche … oder wie die Farbe in die Berlinale kam

Berlinale (XIII): David Gordon Green: „Prince Avalanche“, USA

"David Gordon Green mit seinen beiden Hauptdarstellern",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013

"David Gordon Green mit seinen beiden Hauptdarstellern", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Die beiden Bauarbeiter Alvin und Lance reden und streiten den lieben langen Tag miteinander über Musik, das Leben, die Natur, die Liebe und das Essen. Es sind (berlinale-untypisch) keine tiefgründigen Gespräche; eher führen sie mit ihren 30 Jahren pubertäre Unterhaltungen.

Der Satz „Es ist ein Unterschied, ob du alleine (alone) bist oder einsam (lonely) bist“ ist dann schon der philosophische Höhepunkt. Gekonnt reden sie meist aneinander vorbei und dennoch macht es Spaß, ihnen dabei zu folgen.

Die Bilder von den verbrannten Wäldern, in denen wieder erstes Grün wächst, sind perfekt eingefangen: Ende und Neubeginn gleichzeitig. Eine Komödie ist auf Festivals eher selten anzutreffen ist und wenn, dann bestimmt außer Konkurrenz.

Alles in allem: Ein vergnüglicher Berlinale-Abend für Liebhaber der Natur und der darin anzutreffenden Spezies Mensch, aber die Geschichte ist dann vielleicht doch etwas zu harmlos.

„Alvin und Lance verbringen den Sommer 1988 in einem von Bränden zerstörten, menschenleeren Waldgebiet. Ihr monotoner Auftrag besteht darin, die Fahrbahnmarkierungen der kilometer-langen Landstraße zu erneuern.

Lance leidet unter der Isolation in der Natur, fern von Mädchen und Partys. Ganz im Gegensatz zum ernsteren Alvin. Aus der Ferne schreibt dieser leidenschaftliche Briefe an die große Schwester von Lance, seine Freundin.

Wenn er frei hat, dringt Alvin noch tiefer in die verlorenen Wälder ein, um Geister zu suchen und verlassene Häuser zu entdecken. Gemeinsam mit Lance mäandert er in einem eigenwilligen kleinen Bauarbeitergefährt durch die Wälder. Sie streiten, prügeln und vertragen sich.

Den ganzen langen, drückenden Sommer über machen die beiden nur mit einem mysteriösen Lastwagenfahrer Bekanntschaft, der die beiden mit selbstgebranntem Schnaps versorgt und ebenso unerwartet verschwindet, wie er aufgetaucht ist.

Mit diesem Remake des isländischen Films Either Way von Hafsteinn Gunnar Sigurðsson ist Regisseur David Gordon Green zugleich eine lakonische Komödie und ein philosophisches Roadmovie mit der visuellen Lyrik seiner frühen Independent-Filme gelungen.“

[Quelle: Filmbeschreibung]

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Der Eisen-Picker kommt ohne Gold

Berlinale (XII): Danis Tanovic: „An Episode in the Life of an Iron Picker“ („Epizoda u zivotu beraca zeljeza“), Bosnien/Herzegowina

"Der Regisseur (Mitte) mit den beiden Hauptdarstellern",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013

„Der Regisseur (Mitte) mit den beiden Hauptdarstellern“
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

„Eine Roma-Familie in Bosnien-Herzegowina, in einem Ort abseits der großen Stadt. Vater Nazif schlachtet alte Autos aus und verkauft die Metallteile an einen Schrotthändler. Mutter Senada hält das Haus sauber, kocht, bäckt und sorgt sich um die beiden kleinen Töchter.

Eines Tages verspürt sie einen stechenden Schmerz im Unterleib. In der Poliklinik erhält sie die Nachricht, dass etwas mit dem Baby in ihrem Bauch nicht stimmt: „Sie sagen, es sei tot.“ Eine Blutvergiftung droht, höchste Eile ist geboten.

Doch Senada besitzt keine Krankenversicherung. Die Operation kostet weit mehr, als die Familie aufbringen kann, und der Chef des Krankenhauses lehnt es ab, die Frau zu behandeln. Ein Wettlauf gegen die Zeit und die zunehmende Hoffnungslosigkeit Senadas beginnt …

Danis Tanović verdichtet die Dramatik der Ereignisse, die existenziellen Nöte und die Todesangst der Beteiligten zu einer winterlichen Novelle. Dass die Laiendarsteller eine Episode aus ihrem eigenen Leben spielen, trägt wesentlich zur Authentizität und zum sozialen Realismus bei. Zugleich zeigt der Film Lebensmut und Überlebenskunst einer Roma-Familie.“ [Quelle: Filmbeschreibung]

Das ist der fünfte Wettbewerbsbeitrag, der aus Ost-Europa stammt, aber ein Anwärter auf den Goldenen Bären ist nicht in Sicht. Die Frankfurter Rundschau (FR) hat im „schrittweisen Reduktionsverfahren“ einen „Bärenvorhersage-Algorithmus“ entwickelt, der den Berlinale-Gewinner bereits jetzt feststehen lässt. Er geht vereinfacht ausgedrückt so:

Von den 19 Wettbewerbsfilmen scheiden vorab schon einmal die drei US-amerikanischen Produktionen aus („Promised Land“, „Side Effects“ und „Prince Avalanche“); Deutsche Filme gewinnen nur, wenn die Hauptfigur einen Migrationshintergrund aufweist (diese Regel trifft zwar auf „Gold“ zu, aber nur für nicht-deutsche Migranten); Filme, die kürzer als 85 Minuten sind haben noch nie einen Preis gewonnen („A Long and Happy Life“, „An Episode in the Life of an Iron Picker“).

Und nach der Regel „Ein voller Bauch bewertet nicht gerne“ scheiden die sechs Filme aus, die zwischen 15 und 16 Uhr für die Presse oder Jury angesetzt waren. Für die noch verbleibenden Filme gilt: Der Film muss am Sonntag um neun Uhr gezeigt werden und es muss um den Selbstfindungsprozess einer Frau gehen (darf aber weder aus Europa, Japan oder Nordamerika stammen), daraus schließt die FR: Der Goldene Bär geht an „Gloria“. Am kommenden Samstag wissen wir mehr.

www.berlinale.de

Bittere Pillen – Wenn der Schwindel nur Schwindel ist

Berlinale (XI): Steven Soderbergh: „Side Effects“, USA,
mit Jude Law, Rooney Mara und Catherine Zeta-Jones

"Rooney Mara auf dem Roten Teppich",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013

„Rooney Mara auf dem Roten Teppich“
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Einen Thriller über die Machenschaften der Pharmaindustrie gab es bisher auf der Berlinale nicht – zumindest im ersten Teil des Films schien es einer zu werden. Doch dann beginnt der Schwindel: Der „beste“ bisher vorgetäuschte Selbstmord der Filmgeschichte mit Sicherheitsgurt und Airbag und ein vorgetäuschter Mord unter der Glücksdroge Ablixa, der wiederum ein echter ist.

Und wie war das noch gleich mit der Beziehung der Patientin zu ihrer Psychiaterin, die wiederum mit eigenen Pharma-Aktien Gewinn machen will? Der Mann der Patientin saß bereits wegen seiner Börsengeschäfte im Gefängnis und kam nach der Entlassung unter das Küchenmesser seiner Frau – „gesponsert“ von Ablixa oder von der Psychiaterin? Sollte dieser Text etwaige Nebenwirkungen haben, so ist das beabsichtigt. Fragen Sie dazu bitte den Regisseur.

"Steven Soderbergh, Rooney Mara, Jude Law auf dem Roten Teppich ",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013

„Steven Soderbergh, Rooney Mara, Jude Law auf dem Roten Teppich „, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

„Angstzustände, Schweißausbrüche, Herzklopfen machen Emily Taylor (Rooney Mara) das Leben zur Hölle. Dabei sollte sich die junge Frau eigentlich freuen, wird doch ihr geliebter Mann bald aus dem Gefängnis entlassen. Nach seiner Rückkehr verschlimmert sich ihr Gemütszustand jedoch zusehends. Die verschriebenen Psychopharmaka stabilisieren sie, führen aber zu geistigen Absenzen.

Eines Tages liegt ihr Ehemann brutal niedergestochen in der Wohnung. Die Blutspur führt zu Emily, die vorgibt, sich an nichts mehr erinnern zu können. Der aufstrebende Psychiater Dr. Jonathan Banks(Jude Law) nimmt sich ihres Falls an und untersucht dabei auch die Nebenwirkungen ihrer Medikamente.

Stets nutzt Steven Soderbergh das Genrekino, um politische Skandale oder gesellschaftliche Zustände zu beschreiben. In seinem Thriller Traffic (Berlinale 2001) zeigte er die Schattenseite der US-amerikanischen Drogenpolitik, nun untersucht er in einem Psychothriller die Machenschaften von Pharmakonzernen. Um die Wahrheit ans Licht zu bringen, muss sich sein Protagonist Banks nicht nur mit der zwielichtigen Psychiaterin Dr. Erica Siebert (Catherine Zeta-Jones) auseinandersetzen, sondern auch so manche bittere Pille schlucken.“ [Quelle: Filmbeschreibung]

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Der geschlossene Vorhang – Psychodrama mit Jafar Panahi und seinem Alter Ego über das Eingesperrtsein

Berlinale (X): Jafar Panahi: „Closed Curtain“ („Parde“), Iran

Ein wahrer Freund ist gleichsam ein zweites Selbst [Cicero, 44 v. Chr.]

Jafar Panahi erhielt 2006 den Silbernen Bären für seinen Film „Offside“. 2011 wurde er in die Jury der Berlinale berufen, sein Platz blieb leer. Er wurde vom Teheraner Regime zu einem 20-jährigen Berufs-, Sprech- und Reiseverbot und sechs Jahren Haft verurteilt (bis zum Ende der Berufung ist er unter Auflagen frei). Panahi gilt heute als einer der wichtigsten unabhängigen Filmemacher des Irans.

"Maryam Moghadam und Kambozia Partovi",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013

„Maryam Moghadam und Kambozia Partovi“
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

In seinem neuen Film „Parde“, den er eigentlich nicht drehen durfte, verarbeitet Panahi (zusammen mit dem Co-Regisseur Partovi, beide „spielen“ auch mit) seine aktuelle Situation, indem er mehrere Identitäten als Zweites Ich auftreten lässt:

Ein Drehbuch schreibender Mann (Kambozia Partovi), der alle Fenster mit schwarzem Stoff verhüllt, eine junge Frau (Maryam Moghadam) als Verkörperung des freien Denkens, die wieder Licht ins Haus lässt und abgehängte Bilder enthüllt (und später im Meer untergeht) und der Hund „Boy“ als Verfolgter des Mullah-Regimes, spielen die Hauptrollen.

Und plötzlich läuft Jafar Panahi persönlich durch das Bild; die Zuschauer klatschen spontan Beifall im Berlinale-Palast. So berichtet sein mutiger Film gleichzeitig sinnbildlich und konkret über die Gefangenschaft im eigenen Land und es ist gleichzeitig ein Werk über Mut und Hoffnung und Aufbegehren gegen die Unterdrückung.

Der Film gibt Panahi, unter Anwesenheit von Kulturstaatsminister Bernd Neumann, weltweit eine Stimme; mit einem Film den es eigentlich nicht geben dürfte und der hinter verschlossenen Vorhängen gedreht wurde.

Die Vielschichtigkeit der verschiedenen Ebenen hier wiederzugeben, würde den Rahmen sprengen. Der eigentliche Film findet im Kopf statt und was dies minimalistisch gedrehte Kammerspiel dort entfacht, ist enorm. Der bisher anspruchsvollste Film des Wettbewerbs.

„Sie werden gesucht: der Mann und sein Hund, den er eigentlich nicht besitzen darf, da das Tier nach islamischen Geboten als unrein gilt. Die junge Frau, die an einer verbotenen Party am Ufer des Kaspischen Meers teilgenommen hat. Sie verbarrikadieren sich in einer abgelegenen Villa mit verhängten Fenstern und beäugen einander misstrauisch.

Warum hat er sich den Schädel kahl rasiert? Woher weiß sie, dass er von der Polizei verfolgt wird? Beide sind sie Gefangene eines Hauses ohne Aussicht inmitten einer bedrohlichen Umgebung. Aus der Ferne hört man die Stimmen von Polizisten, aber auch das beruhigende Rauschen des Meeres. Einmal betrachten die beiden nachts den Sternenhimmel, bevor sie wieder hinter die Mauern zurückkehren.

Ob man es hier mit Outlaws in mehrfacher Hinsicht zu tun hat? Oder sind der Mann und die junge Frau Phantome, Kopfgeburten eines Filmemachers, der nicht mehr arbeiten darf? Jetzt betritt der Regisseur die Szene, die Vorhänge werden wieder aufgezogen. Die Wirklichkeit erhält Einzug, doch wird sie von der Fiktion immer wieder eingeholt. Eine absurde Situation: Zwei Drehbuchgestalten suchen und beobachten ihren Regisseur.“ [Quelle: Filmbeschreibung]

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