Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Filmbesprechung

Unter der Kategorie »Filmbesprechung« diskutiere ich die selbst gesehenen aktuellen Kino-Filme, hin und wieder auch einmal einen Klassiker. Um eventuelle Copyright-Ansprüche zu umgehen, sind alle Beiträge in allen Rubriken mit eigenen Fotos versehen (Ausnahmen bestätigen die Regel).

64. Berlinale (IX): „La belle et la bête (Die Schöne und das Biest)“ von Christophe Gans mit Vincent Cassel, Léa Seydoux und André Dussollier

„Die Schöne und das Biest“ ist dem Märchen- und Filmfreund aus zahlreichen Verfilmungen hinreichend bekannt, was sich aber Christophe Gans und das Studio Babelsberg in „La belle et la bête“ nun geleistet haben – da konnte der ganze Saal bei der Wiederholung des Films im Friedrichstadtpalast heute Nachmittag nur noch lachen. Ein Glück, dass der Film außer Konkurrenz lief. Dass dieser Kinderfilm aber überhaupt in der Sektion Wettbewerb lief, ist fast eine Beleidigung für die anderen ernsthaften Beiträge und Premieren.

"Das Biest im Friedrichstadtpalast (unsichtbar)", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Das Biest im Friedrichstadtpalast (unsichtbar)“
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

So richtig schlimm wird der Film erst, als Belle in das Schloss des Biests ankommt: Jede Landschaftseinstellung ist eine Kitsch-Ansichtskarte, goldene Zauberstrahlen mit Glühwürmchen-Effekt wabern durch die Lüfte (es fehlte nur noch deren 3D-Darstellung; in „Avatar“ hat das noch funktioniert), Riesen-Steinstatuen erwachen zum Leben, Riesen-Schlingpflanzen verschlingen alles und niedliche (leider digital animierte) Beagle-Karikaturen wuseln ohne Sinn unter dem Sofa herum.“Christophe Gans bietet beinahe alles auf, was die digitale Technik hergibt. Jean Cocteau hätte es kaum für möglich gehalten. Doch das Paradoxe geschieht: Je voller dieser Film, desto leerer wird er. Was für ein seltsamer horror vacui, dem Gans am Ende mit offensivem Kitsch zu begegnen sucht.“ [Der Tagesspiegel]. Dies ist nun die dritte Großproduktion aus dem Studio Babelsberg im Wettbewerb (nach „Grand Budapest Hotel“ und „The Monuments Men“). Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die eigentliche Botschaft dieser Erzählung über Schuld und Mitleid und dass die Voraussetzung für die Erlösung der Verzicht auf Eigennutz ist, das nimmt man nicht mehr war. Und als Belle am Ende der Bestie dann sagt, dass sie sie liebe, glaubt das kein Zuschauer mehr. Obwohl die großartige Léa Seydoux („Blau ist eine warme Farbe“, „Grand Budapest Hotel“) als Schöne in ihrem roten Kleid im verschneiten Wald fantastisch aussah; sie hatte sich nicht nur im Wald verirrt, sondern auch in diesen Film. Am Ende wurde die Bestie wieder Mensch, aber der Film blieb ein reines Technik-Spektakel. www.berlinale.de

64. Berlinale (VIII): „Boyhood“ von Richard Linklater

Man kann schon misstrauisch werden, wenn man so einen perfekten Film gesehen hat und sich nach fast drei Stunden wünscht, der Film möge noch weiter gehen. In Richard Linklaters „Boyhood“ stimmt aber auch alles: Die Schauspieler agieren, als wenn es das richtige Leben wäre, die warmen Farben unterstützen das Wohlfühl-Feeling, die Story ist logisch und knapp aufgebaut; man möchte keine Minute des Films missen, in dem es eigentlich nur um das Aufwachsen eines Jungens namens Mason geht.

"Berlinale-Plakat", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Berlinale-Plakat“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Ein Mut machender Film für das Leben an sich, auch wenn nicht alles eitel Sonnenschein ist. Masons Mutter war gefühlte drei Mal mit einem Alkoholiker verheiratet. Linklaters vorhergehende „Before …“-Film-Trilogie (Before Sunrise, 1995, Before Sunset, 2004, Before Midnight, 2013) deutete diese Richtung bereits an.

Zwölf Jahre lang hat Linklater die Protagonisten von „Boyhood“ verfolgt und jedes Jahr einige Szenen gedreht (insgesamt 39 Drehtage). Ganz nebenbei wurde der Film auch zu einer Geschichtsstunde: Vom Irak-Krieg, über den Obama-Wahlkampf zur NSA-Affäre.

Auf Zwischentitel konnte Linklater verzichten; der Zuschauer erkennt anhand der neuen Häuser nach mehrmaligen Umzügen, den wechselnden Frisuren und dem Musikgeschmack sofort den aktuellen Stand der neuen Patchwork-Familie.

Die FAZ schreibt: „Es gibt in „Boyhood“ nichts zu sehen, was man nicht in anderen Filmen schon gesehen hätte, und doch sieht man alles wie zum ersten Mal, weil es aus der fiktiven in die wirkliche Zeit versetzt ist und zugleich die Erzählform der Fiktion bewahrt. Boyhood ist der herausragende Beitrag im Wettbewerb der Berlinale, weil er ein Versprechen wahr macht, das so alt ist wie die bewegten Bilder selbst, weil er etwas zeigt, dass man so nur im Kino zeigen kann.“ Und eben nur im Kino, weil im wirklichen Leben leider alles doch nicht so glatt läuft und familiäre Brüche mehr Spuren hinterlassen als im sonnendurchfluteten Texas des Films. Traumfabrik trifft Doku-Soap.

„Seit 2002 arbeitet Richard Linklater an diesem einmaligen Spielfilmprojekt, das alljährlich die gleichen Darsteller vor der Kamera versammelt. So bekommt der Zuschauer die Möglichkeit, Menschen über einen längeren Zeitraum beim Leben zuzuschauen – mit allem was dazugehört. Experimentierfreudig und mit offenem Blick folgt er dem Jungen Mason (Ellar Coltrane) aus Austin von den schulischen Anfängen bis zum Eintritt ins College. Er muss mit einer anstrengenden Schwester (Lorelei Linklater ) und geschiedenen Eltern fertig werden.

Den freakigen Vater, der irgendwann doch erwachsen wird, spielt Ethan Hawke, Patricia Arquette die alleinerziehende Mutter, die stets an die falschen Männer gerät und nebenbei ihr Studium erledigt. Mitten in diesem Lebens- und Gefühlschaos steht Mason, dessen kluge Kommentare mit jedem Jahr klüger werden. Mit weitreichendem erzählerischem Atem inszeniert, geht es hier um kleine und große Sehnsüchte und Sorgen, um die Bedürfnisse und Ängste eines Heranwachsenden, die sich zu einem hellsichtigen und kurzweiligen Panorama einer amerikanischen Kindheit und Jugend fügen.“ [Quelle: Filmbeschreibung] www.berlinale.de

Das Ende eines jeden perfekten Films kommt zwangsläufig zu früh
[Frankfurter Rundschau zum Ende des Films].

64. Berlinale (VII): „Wu Ren Qu (No Man´s Land)“: Eine chinesische Westernkomödie

Heute Nachmittag ging es im Berlinale-Palast, nach den vielen ernsten Filmen, in Ning Haos „No Man’s Land“ sehr humoristisch und selbstironisch zu. Nein, wir sahen keinen Italo-Western, sondern einen „Made-in-China-Western“ mit knalligen Farben in Breitwand-Format, mit viel aufgewirbeltem Staub, mit Cowboy-Stiefeln in Großaufnahmen und mit einer selbstgebauten Handfeuerwaffe.

"Potsdamer Platz-Arkaden", Foto © Friedhelm Denkeler
„Potsdamer Platz-Arkaden“, Foto © Friedhelm Denkeler

Die Landschaften sind fantastisch und erinnern an Sergio Leones Rocky Montains und die Fahrzeuge an George Millers Mad Max. Natürlich gibt es eine gottverlassene Tankstelle, in der verwegene und angsteinflößende Typen ihr Benzin direkt aus Fässern verkaufen und eine verfallene Geisterstadt in der der Showdown stattfindet. Ein Feuerzeug spielt eine große Rolle, man kann sich denken, wofür es benutzt wurde.

Der Film spielt im 21. Jahrhundert, also sehen wir viele Fahrzeuge wie PKWs, Trucks und LKWs, die sich in der Wüste Gobi ein wildes Rennen liefern; von den Fahrzeugen „überlebte“ kein einziges; alle gehen nach und nach in Flammen auf. Man könnte den Film auch also auch als Roadmovie bezeichnen oder als eine Farce nach Art der Coen-Brüder.

Unser Held, der aus der Großstadt stammende Rechtsanwalt Pan Xiao, reitet zum Ende hin auf einem gesattelten Pferd, das er mit einem GPS-Empfänger ausstattet, den zuvor aus einem Schrottfahrzeug rettet, in die nächste Stadt. Er hat vermeintlich alle seine grotesken wie hochgefährlichen Widersacher überlebt. Aber in chinesischen Western sterben alle zweimal und wie hieß es gleich am Anfang: „Du bist ein guter Mensch, aber guten Menschen passieren nicht nur gute Dinge“. Die einzige Überlebende ist eine westerntypische Salondame. Und das alles unter der Musik von Ennio Morricone? Nein, sie stammt von Nathan Wong. Sehenswert! www.berlinale.de

64. Berlinale (VI): „La tercera orilla (The Third Side of the River)“ von Celina Murga und „Aloft“ von Claudia Llosa

Heute war der Tag der verlorenen Söhne und der argentinischen und peruanischen Regisseurinnen im Wettbewerb der 64. Internationalen Filmfestspiele Berlin. In beiden Filmen spielten jeweils Söhne die Hauptrolle: In „Das dritte Ufer“ rebelliert der Sohn gegen den Vater, indem der die Farm und den Pick-up des Vaters niederbrennt und in „Aloft“ hadert der Sohn ein Leben lang mit seiner Mutter, weil sie ihn als Kind verlassen hat und sie sich lieber dem Spirituellen zuwendet hat.

Celina Murgas „La tercera orilla“ war der bisher schwächste Berlinale-Wettbewerbs-Film. Hängt das etwa mit den umfangreichen deutschen und europäischen Fördermitteln zusammen, die der Film erhalten hat? Auch das Martin Scorsese als Produzent genannt wurde, hat dem Film aus meiner Sicht nicht viel genutzt. Der Filmbeschreibung nach hätte es aber ein interessanter Film aus der Perspektive eines Jugendlichen werden können.

Der Vater, ein Arzt in der argentinischen Provinz, führt ein Doppelleben mit zwei Familien. Nicolás, der Sohn der Familie, die vom Vater weniger gut finanziell ausgestattet ist, kümmert sich um die Mutter und die Geschwister. Dann fordert der Vater Nicolás auf, auch Arzt zu werden und ihn während seines Urlaubs auf der Farm zu vertreten. Er soll später die Ranch übernehmen.

Jan Schulz-Ojala schreibt im Tagesspiegel „Mag sein, dass Celina Murga … Kritik an Machismo und Doppelmoral üben wollte; ihr Film beglaubigt das kaum. Viel zu lange hält sie sich mit … dem familiären Alltag auf, viel zu schwächlich entwickelt sie den Vater-Sohn-Konflikt, weshalb denn auch die hochdramatisch gemeinte Explosion in einem letztlich faden Bild verpufft.“ Dass sich eine Katastrophe anbahnt, lässt sich von der ersten Minute des Filmes an in den Augen des Sohnes ablesen. Man fragt sich nur warum? Wenn es um eine feine emotional ausgefeilte Entwicklung gehen sollte, dann wäre in diesem Fall, wohl ein Buch das bessere Medium gewesen.

"Filmplakat 'Aloft'", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Filmplakat ‚Aloft'“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

In Claudia Llosas „Aloft“ spricht die Mutter zwar viel über Liebe, aber ihr älterer Sohn Ivan hat eher eine zärtliche Beziehung zu seinem Falken Inti. Als bei einem von ihm aus Versehen verursachten Autounfall sein jüngerer Bruder, der unheilbar krank ist, ums Leben kommt, lässt die Mutter den verbliebenen Sohn beim Großvater und zieht als Wunderheilerin durch Kanada. Zur Heilerin wurde sie, als sie aus Zufall ihre Kräfte bei der „Sitzung“ eines Heilers entdeckte. Gemeinsam bauen sie fragile „Strukturen“ aus Zweigen und geben Eltern und ihren kranken Kindern einen Hoffnungsort.

Das alles erfahren wir erst durch Rückblenden. In der Jetzt-Zeit sucht Ivan, zusammen mit einer Journalistin, die sich in Wirklichkeit auch Heilung verspricht, die Mutter in der Einöde Kanadas. Am Ende eines Sees hat diese ihr Zelt aufgeschlagen und empfängt Heilsuchende.

Der rbb schreibt: „Die Geschichte … vertraut auf die Kraft ihrer Bilder und Symbole: die spürbare Kälte, das rissige Eis wird zu einem Sinnbild für die erstarrten Gefühle der Protagonisten, deren Isolation und Einsamkeit aber nie absolut ist, sondern immer wieder aufbricht … Eines der schönsten und wildesten Sinnbilder des Films ist der Flug von Ivans gezähmten Falken. Mit breiten Schwingen stößt er in den Himmel und kreist hoch über der Erde, für Momente herrlich frei. ‚Aloft‘ – weit oben. Tief in uns. “ Nach „La teta asustada“, der 2009 den Goldenen Bären gewann ist dies der zweite Wettbewerbsbeitrag von Claudia Llosa und wieder findet sie gewaltige Bilder für das, was sie sagen möchte. www.berlinale.de

64. Berlinale (V): „Zwischen Welten“ von Feo Aladag (Deutschland) und „Praia do Futuro“ von Karim Aïnouz (Brasilien)

"Die Film-Crew von 'Zwischen Welten'", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Die Film-Crew von ‚Zwischen Welten'“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Der gestrige Berlinale-Tag ließe sich gut unter dem Titel „Männerwelten“ zusammenfassen: Der deutsche Wettbewerbsbeitrag „Zwischen Welten“ mit Ronald Zehrfeld und Burghart Klaußner spielt unter deutschen Soldaten in Afghanistan und in „Praia do Futuro“ spielen Wagner Moura und Clemens Schick zwei schwule Männer, die sich in Brasilien kennenlernen und dann in Berlin leben. Die Überschrift „Zwischen Welten“ würde aber auch zu beiden Filmen passen und in beiden Filmen spielt übrigens eine Männerdisco eine wichtige Rolle.

"Filmplakat 'Zwischen Welten'", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Filmplakat ‚Zwischen Welten'“
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Feo Aladags „Zwischen Welten“ zeigt, wie sehr die Soldaten in Afghanistan fremd und unerwünscht sind. Das geht natürlich in erster Linie von den Fundamentalisten aus, die Sprengstoffanschläge auf Militärkonvois durchführen und jene Afghanen, die mit den Soldaten zusammenarbeiten, töten. Aber auch mit eher westlich orientierten Afghanen ist eine Annährung nur schwer möglich. Zu groß sind die kulturellen Unterschiede und die Feinheiten der jeweiligen Sprache lassen sich nur annähernd durch die Übersetzer wiedergeben.Der Film enthält einige klischeehafte, unrealistische und unlogische Szenen. Die wichtige Frage, warum die Bundeswehr eigentlich in Afghanistan ist, beantwortet der Film nicht. Soll er ja auch nicht und so gesehen ist „Inbetween Worlds“ auch als allgemeiner Anti-Kriegsfilm anzusehen oder als Darstellung des Irrsinns militärischer Entscheidungshierarchien. In dem Moment, wo das eigene Gewissen gefragt ist und auch handelt, beginnt die eigentliche Katastrophe. Auf der Pressevorführung soll der Film ausgebuht worden sein.

Der in Berlin lebende brasilianische Regisseur Karim Aïnouz hat mit „Praia do Futuro“ einen Film in den Wettbewerb geschickt, der gleichfalls zwischen den Welten spielt: Brasilien und Berlin sind die Schauplätze, ansonsten spielt er eher in der Welt der Schwulen. Zwei Männer lernen sich an dem „Strand der Zukunft“ in Brasilien kennen, durch ein Unglück können sie nicht voneinander lassen und gehen eine Affäre ein, die sich im winterlichen Berlin fortsetzt. Selten ist Berlin so trist und dennoch schön in einem Film dargestellt worden und umso trister wirkt die Stadt im Vergleich zu den herrlichen Farben der ersten Filmszenen in Brasilien. Die Schönheit der Tristesse steigerte sich zum Ende hin noch einmal: herrliche Landschaftsaufnahmen am Meer und noch nie gab es eine so schöne Nebelfahrt mit zwei Motorädern über die leere Autobahn. Dass es durch Ebbe und Flut auch zeitweise einen Strand ohne Meer geben kann, ist eine schöne Erkenntnis, die haften bleibt. Und wie sagte die Berliner Kneipenwirtin so treffend: „Allet wird jut, wenn die Zukunft kommt!“.

Der Tagesspiegel schreibt: „Oft streifen sich die Herren die Hemden vom Torso, so oft, dass es ein bisschen eintönig wird. Man weiß nicht, ob Aïnouz eine binationale Liebesgeschichte, ein schwules Melodrama oder gar eine Coming-of-Age-Story erzählen will. Der Plot ertrinkt in Schönheit.“ Der Song von David Bowie „Heroes/ Helden“, der während des Abspanns in voller Lautstärke durch den Berlinale-Palast brauste war schon toll.

Fazit: Beide Filme muss man nicht unbedingt im Kino sehen; da bei beiden die deutsche Filmförderung kräftig mitgeholfen hat, sind sie sicher demnächst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen. Aber, wer Lust auf Bilder hat, sollte immer ins Kino gehen, auch wenn der Inhalt vielleicht nicht immer so (wie gewünscht) herüber kommt.  www.berlinale.de

"Die Film-Crew von 'Praia do Futuro'", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Die Film-Crew von ‚Praia do Futuro'“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

64. Berlinale (IV): „Historia del miedo (History of Fear)“ von Benjamin Naishtat, Argentinien

"Der rote Teppich vor dem Zoopalast", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Der rote Teppich vor dem Zoopalast“
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Der argentinische Regisseur erzählt in seinem Erstlingswerk keine durchgehende Geschichte, obwohl der Titel des Films dies eigentlich vermuten lässt. Naishtat zeigt einzelne absurde, fast dokumentarische Momentaufnahmen, die in einer Gated Community und ihrem gesellschaftlichen Pendant stattfinden.

In diesen Kunstfilm muss sich der Zuschauer aus den einzelnen Versatzstücken seinen Film quasi selber zusammenstellen, so dass vielleicht jeder anschließend einen anderen Film gesehen hat. Fast alle Szenen werden dominiert von dem Lärm eines über den Anwesen kreisenden Hubschraubers, der lauten Sirene eines Hauses (die aus Versehen losging), dem überlauten Staubsauger der Dienstbotin, dem schrillen Klingeln der Türöffnungsanlage usw.

Nach dem Film ging draußen übrigens der Lärm auf der Baustelle vor dem kürzlich erst neueröffneten Kino „Zoopalast“ am Breitscheidplatz ziemlich real weiter.

Eigentlich passiert in den 79 Minuten nichts: In einer Villa ist der Alarm losgegangen, der herbeigerufene Wachdienst findet nichts. Ein Mann bricht in einer Fastfood-Filiale wie von fremden Mächten besessen zusammen und kaum einer traut sich, ihn anzufassen.

Eine Putzfrau erleidet einen Schwächeanfall; zwei Verliebte waten durch verschmutztes Wasser. Auf der Fahrt durch einen Kontrollpunkt steht plötzlich ein nackter Mann vor dem Auto und schreit wie wild; die Kinder der Reichen werfen zum Zeitvertreib Böller in den sauberen Pool; plötzlich ist ein Loch im Zaun und die Bewohner sehen sich bereits in Lebensgefahr; der Strom fällt aus, eine archaische Angst greift um sich; der Müll, der bisher außerhalb des Zaunes brannte, schwelt nun auf dem eigenen Rasen.

„Als vor einigen Jahren Argentinien von einer schweren Wirtschaftskrise erschüttert wurde, nutzte die Politik Sorgen und Ängste der Menschen aus, um bewusst eine allgemeine Verunsicherung zu schüren. In seinem ironischen Sittengemälde einer Gesellschaft, die sich immer weiter auseinanderdividiert, reflektiert Benjamin Naishtat diese Entwicklung.“ [aus dem Programmheft]. Die Fronten zwischen Reich und Arm sind verhärtet und Gewalt und Angst sind die fast logische Folge. Ein (sur)-realer außergewöhnlicher Film. www.berlinale.de

64. Berlinale (III): Zwiespältig – „The Monuments Men“ von und mit George Clooney

"The Monuments Men", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„The Monuments Men“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Gestern Abend war er auf dem Roten Teppich des Berlinale Palastes auf dem Marlene-Dietrich-Platz zu sehen – George Clooney als Regisseur und Haupt-Darsteller. Neben seinen filmischen Monuments Men Kollegen Matt Damon, Bill Murray, John Goodman, Jean Dujardin, Bob Balaban (nur Cate Blanchett „fehlte“) stand auch der letzte noch lebende Soldat aus der Monuments-Truppe, der 88-jährige Harry Ettlinger mit auf dem Teppich. Soviel Hollywood war selten in Berlin. Die Dreharbeiten fanden unter anderem im Studio Babelsberg, in der Region um Goslar und in Berlin an der Neuen Wache statt.

Die Monuments Men waren in den letzten Kriegsjahren eine US-Spezialtruppe von Kunsthistorikern, Kuratoren, Bildhauern und Museumsdirektoren, die die von den Nazis geraubten Kunstschätze, wie Michelangelos Brügger Madonna und Jan van Eycks Genter Altar, sichern sollten. Tausende Kunstwerke wurden von den Nazis in Salzstöcken und Bergwerksstollen eingelagert und sollten nach der Politik der „verbrannten Erde“ bei einem verlorenen Krieg zerstört werden.

 Fazit: Der Film schwankt zwischen Komödie (siehe „Ocean’s Eleven“) und Abrechnung mit den NS-Verbrechen an der Kunst. Der historische Stoff hätte es gar nicht nötig gehabt mit „Witzchen“ verschlimmbessert zu werden. Insbesondere die jüngeren Zuschauer lachten dann auch unnötigerweise bei dem eigentlich ernsten Thema. Da blieb irgendwie nur noch „Fremdschämen“ und die Tatsache, dass aus diesem Stoff so viel mehr hätte entstehen können, wenn der Schwerpunkt auf der geistigen Auseinandersetzung um die Bedeutung von Kunst angesichts von Krieg und Zerstörung gelegen hätte. Jeder sollte sich sein eigenes Urteil über den Film bilden. Ab 20. Februar 2014 ist er in den deutschen Kinos zu sehen. Auf der Berlinale lief er (zum Glück) außer Konkurrenz.  www.berlinale.de, Trailer

"Monuments Man George Clooney vor dem Berlinale Palast", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Monuments Man George Clooney vor dem Berlinale Palast“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

64. Berlinale (II): „Two Men in Town“ und „’71“

Gestern standen eher zwei „leichte“ Filme, Wes Andersons Budapest Hotel mit großem Staraufgebot und phantastischen Bildtableaus, sowie eine Dokumentation über das Kunsthistorische Museum in Wien auf dem Programm. Heute gab es mit den beiden Wettbewerbsbeiträgen „La voie de l’ennemi (Two Men in Town)“ von Rachid Bouchareb, der im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko spielt und mit „’71“ von Yann Demange, der 1971 während des Nordirland-Konflikts in Belfast spielt, schwere Kost.

"Berlinale-Plakat", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Berlinale-Plakat“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

In beiden Filmen geraten die jeweiligen Protagonisten zwischen die Fronten. In Two Men in Town ringen ein alter Komplize, der wieder Geschäfte machen möchte, eine wohlgesinnte Bewährungshelferin und der auf Vergeltung sinnende Sheriff (Harvey Keitel) um den nach 18 Jahren vorzeitig aus dem Gefängnis entlassenen Polizistenmörder William Garnett (Forest Whitaker); es geht um die jeweiligen Pole Macht und Missbrauch sowie Versöhnung und Rache.

Unter diesen Bedingungen muss die Resozialisierung von Garnett scheitern. „Den Darstellern hätte man ein besseres Drehbuch gewünscht, sie machen ihre Sache sehr gut“ [Der Tagesspiegel]; auch der Kameramann hat beste Arbeit geleistet, allein die fotografischen Aufnahmen der Wüstenlandschaft New Mexicos lohnen den Besuch des Films. Und den altbekannten Fragen darf man sich ruhig immer wieder einmal stellen.

In „’71“ wird der junge Rekrut Gary (Jack O’Connel) bei einem Einsatz in Belfast von seiner Einheit getrennt und von bewaffneten irischen Nationalisten gejagt. Demange „zeigt Belfast als einen Ort, an dem sich konfessionelle Abgrenzung längst zur Mordlust ausgewachsen hat und das Gesetz der Vergeltung herrscht“ [Der Tagesspiegel].

Gewalt und Panik sind für den zeitlich synchron miterlebenden Zuschauer kaum noch erträglich; der Blick senkt sich mehrmals unwillkürlich gen Boden. Fazit: Die Protagonisten beider Filme scheitern entweder an ihrer Vergangenheit oder an dem verordneten Schweigen innerhalb der militärischen Hierarchie und dem Irrsinn eines Konfessionskrieges in Friedenszeiten. www.berlinale.de

64. Berlinale (I): Die fulminante Tragik-Komödie „The Grand Budapest Hotel“ von Wes Anderson

"Grand Budapest Hotel", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Grand Budapest Hotel“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Der Eröffnungsfilm der diesjährigen, der 64. Berlinale, ist eine internationale Koproduktion mit großer Starbesetzung. Der Film spielt in der Zwischenzeit der beiden Weltkriege und das hauptsächlich im Foyer des Grand Budapest Hotels als einem Theater der Welt in einem fiktiven osteuropäischen Land; daneben spielt die Altstadt von Görlitz eine große Rolle.

„Phantastisch barocke Bildtableaus und ein skurriles Personenarsenal, dazu eine irrwitzige Handlung, der man manchmal kaum folgen kann“ [Deutsche Welle], mit schrillen Farben, exzentrischen Kostümen, majestätischen Gebäuden und Protogonisten, die in aberwitzige Handlungen verwickelt werden.

Die wichtigsten Stars, wie Tilda Swinton, Ralph Fiennes, Willem Dafoe, Harvey Keitel, Jude Law, Bill Murray, Edward Norton, Jeff Goldblum und Owen Wilson sind auf dem Filmplakat abgebildet (Foto). Ein Vorteil der Berlinale-Filme ist es, dass man sie im Original hören kann; so konnten wir mitbekommen, dass Wes Anderson auch einmal einen deutschen Satz eingebaut hat: „Gespannt wie ein Flitzebogen“. Und so gespannt wie dieser sind wir auch auf die kommenden Filme.

Wes Andersons Filme sind immer etwas Besonderes: „Moonrise Kingdom„, 2012, Die Tiefseetaucher (The Life Aquatic with Steve Zissou), 2004, The Royal Tenenbaums, 2001 und jetzt das Grand Budapest Hotel, das ab 6. März 2014 in den deutschen Kinos anläuft. Sehenswert, für all diejenigen, die Lust haben, die Welt einmal mit anderen Augen zu sehen.

In der Berlinale-Reihe „Forum“ sahen wir heute auch den Dokumentarfilm „Das große Museum„. Er spielt in den Kulissen des Kunsthistorischen Museums in Wien. Die Darsteller, wie Kuratoren, Techniker, Restauratoren, Tierpräparatoren, Marketingstrategen und die Geschäftsführung spielten sich selbst und auch das sehr gekonnt. Interessant, welche Begeisterung in unserem Nachbarland, das Wort „kaiserlich“ auslösen kann. So nah und doch so fern! www.berlinale.deTrailer 

Jim Jarmusch: „Only Lovers Left Alive“

Here I go/ Going down, down, down/ My mind is a blank/
My head is spinning around and around/
As I go deep into the funnel of love [Wanda Jackson – Funnel of Love]

Nur Menschen mit einer großen Liebe zu Musik und Büchern bleiben am Leben – so könnte man Jim Jarmuschs neuesten Film „Only Lovers Left Alive“ auch beschreiben, denn er lebt zu großen Teilen von der Musik und den Leidenschaften eines Rock-Nerds namens Adam (Tom Hiddleston) und seiner Bücher verschlingenden und überaus gebildeten Gattin Eve (Tilda Swinton). Haben wir nun einen vampiristischen Musikfilm oder einen musikalischen Vampirfilm für Bildungsbürger gesehen? Zunächst soll es um die Musik im Film gehen, die auch inhaltlich einen Schwerpunkt bildet. Mit den klassischen Vampir-Filmen und den neumodischen Teenie-Soaps desselben Themas hat Jarmuschs Film jedenfalls nichts gemein.

"Adams Haus", Foto © Friedhelm Denkeler 2013
„Adams Haus“, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Musik spielte in seinen Filmen immer schon eine große Rolle (John Lurie, Tom Waits, Iggy Pop). Diesmal hören wir einen wunderbaren Soundtrack, der herrlich stimmig auf Bilder und Handlung Bezug nimmt; eine wilde Mischung aus Country, Sixties Soul, Rock, Garage Punk und Paganinis Geigen. Die moderne Rockmusik, die Adam im Film spielt, stammt von Jarmuschs eigener Band „Sqürl“. Der Film beginnt aber mit einem Track aus dem Jahr 1960 von Wanda Jackson. Die Kamera kreist traumhaft über Adam und Eve, überblendet durch einen Plattenspieler, auf dem sich eine Single dreht:

Wanda Jackson: „Funnel Of Love“

Die Rockabilly- und Country-Sängerin Wanda Jackson (*1937, Oklahoma) war die erste Frau, die „wilde“ Musik in den 1960er Jahren machte (wenn nicht noch schlimmere Ausdrücke damals verwendet wurden) und sie ging mit Elvis Presley auf Tournee. Ihre rauhe Männerstimme kam bei den prüden US-Amerikanern nicht gut an; sie hatte ihre größten Erfolge im Ausland. In Deutschland war der Schlager „Santo Domingo“ (1965) ihr stärkster Triumph. Mein Lieblingssong von ihr aber ist „Let’s Have A Party“ (1958). Anfang der Sechziger war er auf jeder Party ein Muss. Kein Wunder, es war hochkarätiger Rock ’n’ Roll, denn begleitet wurde Jackson durch die Musiker von Gene Vincent.

Filmtrailer, www.wandajackson.com

Ein spanischer, schwarz-weißer Stummfilm: Blancanieves – Ein Märchen von schwarz und weiß

„Da kommt ein spanischer Regisseur und zeigt uns, was im Stoff vom Schneewittchen steckt: eine leidenschaftliche Geschichte von Liebe und Tod voller überraschender Wendungen in einer Welt der Schönheit, Grausamkeit, Perversion und Eifersucht. Doch auch von Freundschaft und dem Mut, sich selbst und seine Fähigkeiten zu entdecken, erzählt Pablo Bergers Stummfilm, der die Geschichte vom Schneewittchen (das hier Carmen heißt) ins Sevilla der 20er-Jahre versetzt – in die Welt der gefeierten Toreros und Flamenco-Tänzerinnen, der Schausteller, Freaks und Komödianten.“ [Programmheft Yorker]

"Corrida á Portuguesa, Vila Franca", Foto © Friedhelm Denkeler 1986
„Corrida á Portuguesa, Vila Franca“, Foto © Friedhelm Denkeler 1986

Viele Jahre musste der Regisseur um die Finanzierung seines Stummfilms kämpfen; erst der Erfolg von „The Artist„, ebenfalls ein schwarz-weißer Stummfilm aus dem Jahr 2012, öffnete ihm die Türen. Jetzt hat Blancanieves in Spanien den Filmpreis „Goya“ erhalten und in Hollywood wurde er für den Oskar nominiert. Und das zu recht: Wir sehen fantastische Schwarz-Weiß-Bilder, die Kiko de la Rica (Kamera) eingefangen hat. Das Licht über der Stierkampf-Arena ist weiß wie Schnee und der vergiftete Apfel in schwarz bringt den Tod.

Keine störenden Dialoge lenken von den Bildern ab, aber es ist kein „stummer“ Film, die Gesichter sagen alles aus und werden von der großartigen Filmmusik Alfonso de Vilallongas untermalt. Die Hauptdarstellerin Macarena Garcia ist eindeutig „die Schönste im ganzen Land“ und Grimmsche Märchen funktionieren eben auch im Spanien der 1920er Jahre. Trailer: Blancanieves

“Inside Llewyn Davis“ – Der neue Film von Joel und Ethan Coen. Eine Hymne an das Scheitern

If it’s never new and doesn’t get old, it’s a folk song [Coen-Brüder]

Eine der vielen Wurzeln der Rockmusik ist der Folk (oder auch folk music, bitte nicht mit Volksmusik verwechseln) insbesondere der nordamerikanische Folk. Das Zentrum dieser Szene war in den 1960er Jahren das Künstlerviertel Greenwich Village in New York. Genau hier spielt der neue Film „Inside Llewyn Davis“ von den Coen-Brüdern („True Grit„) im Jahr 1961. Unabhängigkeit von den vorherrschenden musikalischen Strömungen und Authentizität des Sängers ist das große Credo der Folk-Epoche.

Diese Philosophie vertritt auch der fiktive Llewyn Davis (Oscar Isaac). Er treibt sich im eiskalten Winter 1960/61 im Village herum, übernachtet bei Freunden (u.a. bei Jim [Justin Timberlake]) und Bekannten, lebt von der Hand in den Mund und tritt mal hier, mal dort auf. Er hat zwar eine Plattenfirma, aber Geld hat er von ihr nicht zu erwarten. Und die Platten seines ersten Soloalbums mit dem Titel „Inside Llewyn Davis“ liegen unverkauft in einer Kiste bei Freunden herum.

Zwischendurch fährt er im Auto des Jazzmusikers Roland Turner (John Goodman) mit nach Chicago. Hier will er sein Glück versuchen und bei dem legendären Produzenten Bud Grossman vorspielen (reales Vorbild ist Albert Grossman, der Entdecker von Peter, Paul & Mary). Grosman lobt zwar Gitarrenspiel und Gesang, aber „er sieht kein Geld“. Qualität und Karriere haben also schon immer wenig miteinander zu tun. „Jeder kennt doch Menschen, die extrem gut sind mit dem was sie tun – und trotzdem werden sie nie erfolgreich. Das ist eben so.“ [Joel Coen].

"Odysseus", Foto © Friedhelm Denkeler 2010
„Odysseus“, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Die Coen-Brüder zeigen in ihren Filmen stets die harte Wirklichkeit. Dieses Mal sind die Helden Bohemiens, eher Looser, im Greenwich Village. Am Ende des Films sieht und hört man auf der Bühne einen Folkmusiker, der wie der junge Bob Dylan aussieht, singen. Mit Bob Dylan begann dann die neue Ära der Kommerzialisierung der Protestsongs. Die Diskussion, unabhängig und authentisch zu bleiben oder Kompromisse einzugehen und Geld zu verdienen, geht bis heute weiter. Der Film zeigt in der Anfangs- und Schlussszene drastisch, was den meisten Jung-Künstlern noch bevorstehen wird.

Was hat das nun alles mit meinem Katzenbild zu tun? Einfach diese Verlierergeschichte ohne Happy-End, dafür aber mit lakonischem Humor, anschauen. Und das insbesondere, wenn man den Folk liebt, denn alle Songs werden im Film voll ausgespielt. Die Katze im Film heißt übrigens „Odysseus“.

Trailer