Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Filmbesprechung

Unter der Rubrik „Filmbesprechung“ diskutiere ich die selbst gesehenen aktuellen Kino-Filme, hin und wieder auch einmal einen Klassiker. Um eventuelle Copyright-Ansprüche zu umgehen sind alle Beiträge in allen Rubriken mit eigenen Fotos versehen (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Die Ritter der Kelche waren früher selber welche

Berlinale 2015 (III): „Knight of Cups“ von Terrence Malick
mit Christian Bale, Cate Blanchett, Natalie Portman

"Wasser, das vom Hochhaus fällt" (Expo 2000, Hannover), Foto © Friedhelm Denkeler 2000

„Wasser, das vom Hochhaus fällt“ (Expo 2000, Hannover), Foto © Friedhelm Denkeler 2000

Wie man an der Überschrift sieht – so richtig ernst kann ich den Film von Malick nicht nehmen. Zwei Stunden „esoterische“ Selbstgespräche des Protagonisten und dazu noch die „Gedanken“ der genormten Hollywood-Schönen, die er hören kann; das Alles in der Kulisse von Los Angeles, das nur aus Wohnungen aus dem Designer-Laden zu bestehen scheint, in denen nur perfekte Menschen leben ist doch zu viel des Guten. Oder ist der ganze Film am Ende eine Satire?

Malick soll sich seit „Tree of Life“ komplett vom traditionellen Kinoerzählen zurück gezogen haben. Eine Handlung hat der Film eher nicht. Die Akteure schwadronieren symbolträchtig über den Sinn des Lebens. Die Bilder und Worte sollen wohl zu einer Art Meditation zusammenfließen.

DER SPIEGEL fasst den Inhalt in dem Satz zusammen „Ein Hollywoodschauspieler um die vierzig (Bale) sucht in der Illusionsmetropole Los Angeles nach seiner Identität. Dabei durchstreift er neue und alte Liebschaften, tastet im Ozean, zwischen Betonhochhäusern und in öden Wüsteneien nach Wahrhaftigkeit in einer Welt aus Lug und Trug“.

Was das Ganze mit Tarotkarten zu tun hat? Die dienen im Film zur Gliederung der einzelnen Kapitel. Das Ganze wirkte dann eher wie der berühmte „Bullshit-Bingo“ aus den Management-Seminaren, immer wenn das Wort Gott, Liebe, Tod, etc. fiel oder eine Wolke, Meereswelle, Felsengruppe ins Bild rückte, war man hier geneigt „Bingo“ zu rufen.

Die Berliner Zeitung schreibt dazu „Das kann einem schon mal auf die Nerven gehen, keine Frage. Und dennoch: Kaum ein Filmemacher der Gegenwart verhandelt die Entfremdungserfahrungen, Sinnmüdigkeit und Kreatürlichkeit des Menschen so berückend und hypnotisch, wie Terrence Malick das tut … Malick gibt dem Kino indes zurück, was ihm mitunter verloren geht in all seinem Engagement: die großen Bilder, die reine Schönheit des Augenblicks und der Ewigkeit.“ Also doch keine Satire? Um Klarheit zu schaffen sollten wir uns vielleicht die beiden Vorgänger-Filme „Tree of Life“ und „To the Wonder“ ansehen.

Die TAZ meint „Malick würde allen einen großen Gefallen tun, wenn er einfach offiziell die Koyaanisqatsi-Reihe fortsetzte. Dieses prätentiöse Gemurmel über erneut solch umwerfend guten Bildern macht kirre. Der existentialistische Grundtenor, den ‚Knight Of Cups‘ anschlägt, wäre im Grundsatz schon interessant, wenn er nicht mit so einer quasispirituellen Sinnsuche … zugekleistert würde. Warum so viel Können und Talent für so wenig einsetzen?“

Victoria, Sonne, Boxer, Fuß und Blinker nachts in den Clubs und Straßen von Berlin unterwegs

Berlinale (II): „Victoria“ von Sebastian Schipper mit Frederik Lau

Sebastian Schippers zweieinhalb-Stunden-Film in den Holzsitzen der engen Stuhlreihen im Friedrichstadt-Palast und dann noch in einer einzigen Kameraeinstellung („One Take“) anzusehen, war Schwerstarbeit. Hat sich der Aufwand denn wenigstens gelohnt? Für Schipper war jedenfalls der Dreh „traumatisch“, danach war er zwei Monate lang zu nicht zu gebrauchen – Entspannungs-Depression. Bei uns hielt sie nur ein paar Stunden an.

Die Story handelt von vier Berliner Jungs („We’re not zugezogen, you know – we’re real Berliners“), die in der Nacht „ordentlich Party machen“ und einem Mädel aus Spanien, das seit vier Monaten in Berlin lebt und die alle gemeinsam im Morgengrauen eine Bank überfallen und durch die Stadt fliehen.

"Polizeieinsatz in der Weserstraße", Foto © Friedhelm Denkeler 1980

„Polizeieinsatz in der Weserstraße“, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

Hervorzuheben ist die große Leistung des Kameramanns (Sturla Brandth Grøvlen); in der Pressekonferenz wurde der Jubel besonders groß als er vorgestellt wurde. „Man sitzt und schaut und ist völlig überwältigt von dem, was man da sieht. Und schon bald auch von dem, was man nicht sieht, weil man sich vorstellt, wie das alles entstanden sein muss. Es ist es, als würde endlich ein großer Hunger gestillt“ [DIE ZEIT].

Zusammengefasst: Die fünf Protagonisten, wie in der Überschrift genannt, treten auf, die Kamera heftet sich an ihre Fersen und verlässt sie bis zum Filmende nicht mehr und dann schaltet die Kamera ein für allemal ab. So erwartungsvoll die Geschichte für die Berliner Ghettobrother beginnt – zum Schluss kann man von einem Happy-End nicht sprechen. Vielleicht kommt dieser bei der Vergabe der Bären.

Die ungekrönte Königin der Wüste

Berlinale 2015 (I): „Queen of the Desert“ von Werner Herzog

"Felszeichnung in der tunesischen Sahara" (nahe Sousse), Foto © Friedhelm Denkeler 1999

„Felszeichnung in der tunesischen Sahara“ (nahe Sousse), Foto © Friedhelm Denkeler 1999

Herzog erzählt die Geschichte der realen Gertrude Bell (Nicole Kidman), die in Oxford studiert hat und als Historikerin, Archäologin, Ethnologin und Schriftstellerin um 1915 nach Teheran reist und nach der tragisch endenden Liebe zu dem Diplomaten Henry Cadogan (James Franco) als Forschungsreisende das zusammen-brechende Osmanische Reich erkundet.

Sie gewinnt mit Mut und Respekt das Vertrauen von muslimischen Würdenträgern und war 1920 als Vermittlerin zwischen dem Orient und dem British Empire entscheidend an der Weichenstellung für die politische Neuordnung des Nahen Ostens beteiligt.

Die herrlich weiten Wüstenlandschaften werden im Film zum „Seelenraum“ von Herzogs Hauptfiguren, überdeckt durch das Brüllen der Dromedare, ihre aufgerissenen Mäuler und ihren schaukelnden Gang.

Ein vielleicht zu perfekter Film, ein mit Hollywood-Glanz veredelter, wie man ihn von Herzog nicht erwartet hätte. Und die Kidman bleibt trotz Wüsten-Strapazen den ganzen Film über die schöne Frau, die sogar in der Wüsten-Oase ein Vollbad nimmt.

„Vielleicht macht Herzog, das alte Schlitzohr, auch eines Tages eine Dokumentation über die Dreharbeiten zu ‚Queen of the Desert‘. Die ist dann wahrscheinlich der echte Abenteuerfilm“ [DIE ZEIT], ähnlich wie sein Dokumentarfilm ‚Mein liebster Feind‘ über die Dreharbeiten zu ‚Fitzcarraldo‘ mit Klaus Kinski.

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

Das Film-Jahr 2015 startet mit einem fantastischen Film

Pieter Bruegel der Ältere: „Die Jäger im Schnee“ (1556), Quelle: Wikipedia

Pieter Bruegel der Ältere: „Die Jäger im Schnee“ (1556), Quelle: Wikipedia

Ich habe Vampirzähne zum halben Preis im Angebot.

Unser Filmjahr 2015 startete mit dem fantastischen Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ von Roy Andersson. So wie der Titel, so sind auch Anderssons Filme: In vierzig Jahren hat der Regisseur („Songs from the Second Floor“ und „Das jüngste Gewitter“ aus seiner Trilogie über die Natur des Menschen) nur fünf Filme gedreht; jeweils ohne durchgehende, nachvollziehbare Handlung, dafür aber einzigartig, sehr komisch und mit überbordender Phantasie. Seinen eigentümlichen Stil hat er in über 400 Werbespots entwickelt und die wiederum haben mit den üblichen Spots, wie wir sie kennen, nichts gemein.

Ist es denn sinnvoll, um diese Uhrzeit über so etwas nachzudenken?

Wenn man so will, nutzt der Film als Rahmenhandlung zwei Handelsvertreter, die durch die schwedische Provinz ziehen und drei Scherzartikel verkaufen: Vampirzähne, Lachsäcke und die Masken „Gevatter Tod“ – sie bleiben allerdings erfolglos. Mit einem Todesfall beginnt auch der Film. Aber einzelne Szenen hier nach zu erzählen, bringt wenig, man muss sich den Film anschauen. Die Standfotos der Film-Website und der Trailer geben einen Vorgeschmack. Zum Filmtitel ließ sich Andersson durch ein Gemälde von Pieter Bruegel inspirieren: Er stellte sich vor, wie die Vögel auf den Zweigen dem Treiben der Menschen zusehen und sich darüber wundern.

Man kann doch nicht fühlen, was für ein Wochentag es ist.

SPIEGEL online schreibt „Der Film ist ein komplexes Kunstwerk, in dem man sich verlieren kann wie in einem Labyrinth. Er ist bitterböse, aber ohne Demagogie. Er ist liebevoll, aber ohne falsche Zuckrigkeit. Man sitzt und staunt, und dann wünscht man sich, dass sich auch hierzulande ein paar Menschen finden, die bereit sind, sich den Geist von so einem Film durchlüften zu lassen, anstatt immer nur das zu gucken, was man eigentlich sowieso schon kennt.“ Oder zusammengefasst: Wir konnten den Menschen beim Existieren zuschauen.

Können Sie mir bitte bestätigen, dass ich es war, der den Fehler gemacht hat?

Rückblick auf das Film-Jahr 2014

Das Ende eines perfekten Films kommt immer zu früh

2014 habe ich die Vorstellung der gesehenen Filme in diesem „Journal“ vernachlässigt. Deshalb folgt jetzt eine Übersicht der Filme (mit den Links zu den entsprechenden Artikeln), sowie eine Auswahl mit Kurzbeschreibungen der restlichen, gesehenen, aber nicht beschriebenen Filme. Alle Filme würde ich weiter empfehlen.

„Only Lovers Left Alive” von Jim Jarmusch: Nur Menschen mit einer großen Liebe zu Musik und Büchern bleiben am Leben – so könnte man den Film auch beschreiben, denn er lebt zu großen Teilen von der Musik und den Leidenschaften eines Rock-Nerds und seiner Bücher verschlingenden und überaus gebildeten Gattin. Ist es nun ein vampiristischer Musikfilm oder ein musikalischer Vampirfilm für Bildungsbürger?

„Blancanieves“ von Pablo Berger: Eine leidenschaftliche Geschichte von Liebe und Tod, voller überraschender Wendungen in einer Welt der Schönheit, Grausamkeit, Perversion und Eifersucht als Stummfilm. Das Märchen von Schneewittchen im Sevilla der 20er-Jahre, in der Welt der gefeierten Toreros und Flamenco-Tänzerinnen, der Schausteller, Freaks und Komödianten.

"A Long Way Down", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

„A Long Way Down“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

„Nebraska“ von Alexander Payne: Ein genervter Sohn fährt seinen teilweise dementen Vater in einer aufwendigen Autofahrt in die väterliche Vergangenheit, um einen gefakten Gewinn einzulösen. Was dann folgt, ist ein Kabinettstück hohen Filmschaffens mit herrlichen schwarzweißen, breitwandigen Bildern der Landschaft Nebraskas und seiner ländlichen Bewohner Die Geschichte ist eigentlich nicht erzählbar, aber dafür ist sie eine der schönsten Kinoreisen überhaupt.

„A Long Way Down“ von Pacal Chaumeil nach dem Roman von Nick Hornby: Vier Typen wollen in der Nacht der Nächte ihrem Leben ein Ende setzen. Überrumpelt von der unerwarteten Gesellschaft, springt allerdings keiner vom Hochhaus. Stattdessen verbringen sie den Rest der ereignisreichen Nacht gemeinsam und schließen bei Sonnenaufgang einen Pakt: Neuer Selbstmordtermin ist der Valentinstag und bis dahin bringt sich niemand um.

“Boyhood” von Richard Linklater: Man kann schon misstrauisch werden, wenn man so einen perfekten Film gesehen hat. Die Schauspieler agieren, als wenn es das richtige Leben wäre, die warmen Farben unterstützen das Wohlfühl-Feeling, die Story ist logisch und knapp aufgebaut; man möchte keine Minute des Films missen, in dem es eigentlich nur um das Aufwachsen eines Jungens über den Zeitraum von zwölf Jahren geht.

“The Grand Budapest Hotel” von Wes Anderson: Der Film spielt in der Zwischenzeit der beiden Weltkriege und das hauptsächlich im Foyer des Grand Budapest Hotels als einem Theater der Welt in einem fiktiven osteuropäischen Land. Phantastisch barocke Bildtableaus und ein skurriles Personenarsenal, dazu eine irrwitzige Handlung.

„Im August in Orange Country“ von John Wells: Großes Schauspielerkino mit wunderbaren Darstellern, allen voran Meryl Streep als depressive, tablettenabhängige Witwe, die ihre Töchter auf der Beerdigungsfeier gegeneinander ausspielt. Hätte Shakespeare das Skript geschrieben, wären am Ende alle tot.

„Das finstere Tal“ von Andreas Prochaska: Ein düsteres Geheimnis, ein entlegenes Hochtal und ein schweigsamer Fremder, der sich als Fotograf ausgibt. Nachdem der Schnee das Dorf eingeschlossen hat und kaum ein Sonnenstrahl mehr das Tal erreicht, kommt es zu tragischen „Unfällen“, bei denen nach und nach die Söhne des Patriarchen umkommen – Begleichung einer Rechnung aus längst vergessen geglaubten Zeiten. Der Alpenwestern schlechthin.

„Zeit der Kannibalen“ von Johannes Naber: Zwei taffe Unternehmensberater, die seit Jahren um die Welt touren, um den Profithunger ihrer Kunden zu stillen, erhalten im Luxus-Hotel in Nigeria Besuch von einer Kollegin, die sich als ihre Vorgesetzte herausstellt. Ihr Ziel scheint nah: endlich in den Firmenolymp aufsteigen. Dann bricht der Kampf um das Überleben in der Company aus und die Rebellen stürmen das Hotel. Wer diesen Film gesehen hat, wird niemals mehr sagen, er sei Unternehmensberater.

Die geliebten Schwestern von Dominik Graf: Der Film spielt um 1788 und die fernmündliche Kommunikation zwischen Friedrich Schiller, Charlotte von Lengefeld und deren Schwester Caroline wird ausschließlich durch verschlüsselte Briefchen hergestellt. Ob die Ménage-à-trois, sich wirklich so abgespielt hat, ist nicht überliefert. Ein empfehlenswerter Film und mit 170 Minuten keine Minute zu lang.

"Delphi-Filmpalast", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

„Delphi-Filmpalast“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Wir sind die Neuen von Ralf Westhoff: Die “Neuen” Alt-68er wollen ihre alte Studenten-WG aus Wohnungsnot, Einsamkeit und Kostengründen wieder neu beleben. Eine melancholische Komödie zum Lächeln; wer aber ablachen möchte, ist hier fehl am Platz.

Im Labyrinth des Schweigens von Giulio Ricciarelli: Besser kann man eine Geschichte im Film nicht erzählen – eine Geschichte, die die Vorgeschichte des Frankfurter Auschwitz-Prozesses thematisiert. Sie fängt die Atmosphäre der fünfziger Jahre mit ihren Häusern, Wohnungen, der Kleidung, Musik und den zeitgemäßen Dialogen überzeugend ein.

„Blue Jasmine“ von Woody Allen: Geld-Society-Frau verlässt ihren untreuen Ehemann, der sein ganzes Vermögen verloren hat. Jetzt taucht sie ohne Geld bei ihrer gutmütigen Schwester auf. Sie, die nie im Leben gearbeitet hat, nimmt eine Arbeit an der Rezeption an und lernt auf einer Party einen angesehenen Politiker kennen. Cate Blanchetts Rolle als neurotische Selbsttäuschung ist der Mittelpunkt dieser wunderbar entlarvenden Tragikomödie. Nie spielte sie besser.

„Phoenix“ von Christian Petzold: Petzolds Muse Nina Hoss brilliert in der Hauptrolle als Auschwitz-Überlebende, die sich wie der titelgebende Feuervogel, über die Vergangenheit erhebt. Als sie ihrem Vorkriegs-Ehemann, der sie verraten hat, gegenübersteht, erkennt dieser sie aufgrund ihrer schweren Gesichtsverletzungen nicht, will aber mit ihr ein Erbe erschleichen. Die psychologisch bis zum Zerreißen spannende Handlung findet ein unerwartetes Ende.

Im Labyrinth des Schweigens

Wirtschaftswunder statt Vergangenheitsbewältigung: Wie ein junger Staatsanwalt gegen die Etablierten rebelliert

Wenn ein deutscher Staatsanwalt nicht weiß, was in Auschwitz passiert ist – das ist eine Schande [Der Journalist Thomas Gnielka (André Szymanski)]

Besser kann man eine Geschichte im Film nicht erzählen – eine Geschichte, die die Vorgeschichte des Frankfurter Auschwitz-Prozesses thematisiert. Der Film „Im Labyrinth des Schweigens“ des Deutsch-Italieners Giulio Ricciarelli spielt in der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders Ende der 1950er Jahre bis zum Beginn des Auschwitz-Prozesses am 20. Dezember 1963.

Der Spielfilm fängt die Atmosphäre der fünfziger Jahre mit ihren Häusern, Wohnungen, der Kleidung, Musik und den zeitgemäßen Dialogen überzeugend ein. Die Dialoge sind einmalig – jeden zweiten Satz hätte man in diesem Artikel als Zitat verwenden können.

Der Journalist Thomas Gnielka will im Gericht mit Hilfe eines Überlebenden einen ehemaligen Wärter des Vernichtungslagers Auschwitz anzeigen. Er stößt auf gnadenlose Ablehnung bei der Staatsanwaltschaft, die bis in die höchsten Kreise geht. Nur der junge Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling) wird aufmerksam und befasst sich, mit Unterstützung des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (Gert Voss), mit dem Fall.

Aber er braucht Beweise für Mord oder Beihilfe zum Mord und natürlich etliche Zeugen. Die Recherchen gestalten sich mehr als schwierig, weil er allseits auf eine Mauer des Schweigens stößt. Er, sowie Kollege Otto Haller (Johann von Bülow) und Sekretärin Schmittchen (Hansi Jochmann) finden endlich eine Liste mit SS-Leuten, die Gefangene getötet haben und dies akribisch notierten. Weitere Beweise sammeln sie im Document Center der Amerikaner in Frankfurt.

"Elf Uhr unter der Normaluhr: Die erste Liebe", Archiv © Friedhelm Denkeler 1947

„Elf Uhr unter der Normaluhr: Die erste Liebe“,
Archiv © Friedhelm Denkeler 1947

In der Reaktion der Menschen auf die vorgelegten Beweise, vor allem auch derjenigen, die die Möglichkeit gehabt hätten etwas zu verändern, zeigt sich wenig Interesse, das Geschehen aufzuarbeiten.

Gleichzeitig zeigt der Film auch die Leichtigkeit, die viele suchten, um zu vergessen. Eine Liebesgeschichte zwischen Radmann und Marlene (Friederike Becht), die aber letztendlich an seinem beruflichen Engagement scheitert; ein bonbonfarbenes Transistorradio spielt Vico Torrianos „Kalkutta liegt am Ganges …“, private Feiern und Swing-Tänze mit Petticoat zwischen den Nierentischen spiegeln das Bild der 1950er Jahre perfekt wider.

Aber in einem Unrechtsstaat kann es keine Entlastung wegen Pflichterfüllung geben („Ich habe nur Befehle ausgeführt“). Viele sind untergetaucht und haben sich eine neue Maske zugelegt, in der man nicht mehr Herr über Leben und Tod sein konnte, aber immer noch als Lehrer Schüler selektieren und schlagen konnte. Hier liegen auch einige der Wurzeln, für die Rebellion der „1968er“. Die Lehre aus Auschwitz kann nur sein kann, selbst das Richtige zu tun.

Die Lager sind zwar vor über sieben Jahrzehnten befreit worden und die meisten Täter wie Opfer sind inzwischen verstorben, aber das „Labyrinth des Schweigens“ ist ein Plädoyer dafür, dass man Ausschwitz und den nationalsozialistischen Terror nie vergessen sollte. Deshalb und weil es ein sehenswerter Film mit hervorragend besetzten Rollen ist, sollte ein jeder ihn sich ansehen.

Übrigens: Vor kurzem lief Christian Petzolds Film „Phoenix“ im Kino, der von der Verdrängung des Holocaust in der unmittelbaren Nachkriegszeit berichtet; Petzold hat den Film Fritz Bauer gewidmet und mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld die beiden Hauptrollen für diesen gleichfalls sehenswerten Film ebenso hervorragend besetzt.

Ich will, dass diese Lügen und das Schweigen endlich aufhören [Der Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling) im Film]

Film-Website

Die Achtundsechziger – heute sind sie selber welche

Ein Drei-Stationen-Rückblick auf die Achtundsechziger.

„Was tun?“ (Lenin) fragen sich die Alt-Achtundsechziger heute ein zweites Mal – keinesfalls ein sauberes Treppenhaus putzen.

Aber die Melancholie über verpasste Chancen und der leise Zweifel an der Richtigkeit des eigenen Tuns bleiben und machen aus Westhoff „Wir sind die Neuen“ ein kleines Komödien-Juwel … Nicht seicht und gefällig, sondern leicht, lustig und lebensklug; eine Kunst, die einfach aussieht und so schwierig zu bewerkstelligen ist. [ZEIT ONLINE].

Der Lietzensee mit dem dazugehörigen Park ist ein Kleinod mitten im Charlottenburger Ortsteil Witzleben und irgendwie wirkt er wie ein Relikt aus alten West-Berliner Zeiten. Zu Wohngemeinschaftszeiten in Halensee war ich häufiger hier, aber seit gefühlten 40 Jahren nicht mehr. Jetzt stand ein Spaziergang rund um den sichelförmigen See beidseitig der Neuen Kantstraße an, verbunden mit einem Besuch im „Bootshaus Stella am Lietzensee“.

"Lietzensee mit Bootshaus Stella", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

„Lietzensee mit Bootshaus Stella“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Als Rückweg wählten wir die Strecke durch das schöne, gründerzeitliche Wohngebiet Suarez-, Holzensdorf- und Leonhardtstraße bis zum Stuttgarter Platz. Hier an der Ecke Kaiser-Friedrich-Straße/Leonhardtstraße gibt es Gasthäuser wie das Dollinger oder das Lentz. Insbesondere in letzterem scheint man auf die gleichen Leute wie vor 40 Jahren zu treffen, die meisten sind also um die achtundsechzig herum.

An unserer dritten Station ging die Reminiszenz an die 68er weiter: Im Delphi-Filmpalast an der Kantstraße sahen wir den Film von Ralf Westhoff „Wir sind die Neuen“. Mit den „Neuen“ sind die Alt-68er Anne (Gisela Schneeberger), Johannes (Michael Wittenborn) und Eddie (Heiner Lauterbach) gemeint. Sie wollen ihre alte Studenten-WG aus Wohnungsnot, Einsamkeit und Kostengründen wieder neu beleben. Die Mieten sind inzwischen für einen Rentner-Single-Haushalt zu hoch geworden. Zu dritt finden sie eine Wohnung und zwar direkt unter einer Jung-Studenten-WG. Damit ist der „Clash“ der Generationen, drei gegen drei, vorgezeichnet.

"Delphi-Filmpalast", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

„Delphi-Filmpalast“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Die „Neuen“ ziehen fröhlich und lärmend ein, feiern und tanzen eine Nacht im Club durch und trinken reichlich Wein in der Gemeinschaftsküche. Dabei wirken sie jugendlicher als die Jung-Studenten. Diese basteln an ihrer Karriere, sind aber in Alltagsdingen komplett untauglich und haben leider keine „Kapazitäten“ für das Zwischenmenschliche mehr frei. Sie sind zu früh „Spießer“ geworden, wollen alles perfekt machen und haben Angst vor dem Kontrollverlust. Den „Wählscheibentelefon-Benutzern“ drücken sie die regelmäßige Treppenhaus-Reinigung auf, die Eddie mit den Worten „Ich putze doch kein sauberes Treppenhaus“ empört ablehnt.

Die höhere Sympathie liegt bei den Alt-68ern, also bei den „Neuen“, das hat Westhoff (Jahrgang 1969!) im Film bereits so angelegt: Er betrachtet sie länger und herzlicher. Eine empfehlenswerte, melancholische Komödie zum Lächeln; wer aber ablachen möchte ist hier fehl am Platz. Das Delphi ist nebenbei gesagt bekannt für ein anspruchsvolles Publikum, mehrheitlich auch Alt-68er.

Ralf Westhoffs beherrscht die seltene Begabung, Dialoge glaubwürdig wirken zu lassen und sie gleichzeitig komisch zuspitzen zu können. Dass „Wir sind die Neuen“ visuell nicht viel hergibt, fällt bei diesen Dialogen beinahe nicht auf [Süddeutsche.de]

Und vor allem weiß Westhoff, was jede wirklich gute Komödie auszeichnet: Die handelt eigentlich von der Vergeblichkeit der menschlichen Existenz und von all den elementaren Ängsten, mit denen man sich so durchs Leben schleppt. Eine wirklich gute Komödie muss ihre Figuren als Menschen erst mal ernst nehmen, damit man dann über sie lachen kann, und sie macht die, die sie zeigt, niemals lächerlich. Sie hat Mitgefühl. [DIE WELT]

Film-Trailer

Eine Dreiecks-Geschichte um den jungen Schiller

„Die geliebten Schwestern“ von Dominik Graf – eine berauschender „Brieffilm“

Vor kurzem noch in Weimar davor gestanden – Schillers Geburtshaus – und gestern als Schluss-Einstellung in Dominik Grafs Film „Die geliebten Schwestern“ erneut in der Jetzt-Zeit gesehen. Zunächst ohne Menschen, aber dann kommen die Touristen von allen Seiten herbei. Der Film spielt um 1788 und die fernmündliche Kommunikation zwischen Friedrich Schiller, hier noch ohne ‚von‘ (Florian Stetter), Charlotte von Lengefeld (Henriette Confurius) und deren Schwester Caroline (Hannah Herzsprung) wird ausschließlich durch verschlüsselte Briefchen hergestellt. Und das oft mehrmals am Tag. Jeden SMS-Tipper sehe ich ab sofort mit ganz anderen Augen.

"Schillers Wohnhaus in Weimar", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

„Schillers Wohnhaus in Weimar“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

„Die Liebe bleibt … nach den träumerischen Wirren jenes Sommers 1788 letztlich doch so unfrei, dass sie weiter versteckt werden muss hinter fassadenwahrenden Arrangements … Ob die jüngere Charlotte durch die Ehe mit Schiller auch die Beziehung der älteren Caroline zu ihm ermöglicht, und ob Carolines zweite Ehe mit dem dann doch irgendwann auftauchenden von Wolzogen (Freund von Schiller) womöglich nichts als ein weiteres Arrangement ist, Schiller nahe zu sein?“ [DIE WELT]. Ob die Utopie einer Liebe, die Ménage-à-trois, sich wirklich so abgespielt hat, ist nicht überliefert. Nur ein Brief soll übrig geblieben sein, so der Erzähler (Dominik Graf) aus dem Off. So könnte es gewesen sein. Ein empfehlenswerter Film und mit 170 Minuten keine Minute zu lang.

Filmtrailer

Boyhood – Der schönste Film des Jahres

Die Jugendzeit eines Jungen – Alles gespielt und alles echt

Der Tagesspiegel titelte zum jetzt endlich im Kino angelaufenen Film “Boyhood” von Richard Linklater: „Der schönste Film des Jahres – Alles gespielt und alles echt“. Anlässlich der Berlinale im Februar 2014 stand in diesem Journal (siehe „Das kann man nur im Kino sehen„):

"Selbst mit Damen-Fahrrad", Juni 1960, Archiv © Friedhelm Denkeler 1960

„Selbst mit Damen-Fahrrad“, Juni 1960, Archiv © Friedhelm Denkeler 1960

„Man kann schon misstrauisch werden, wenn man so einen perfekten Film gesehen hat und sich nach fast drei Stunden wünscht, der Film möge noch weiter gehen. In Richard Linklaters “Boyhood” stimmt aber auch alles: Die Schauspieler agieren, als wenn es das richtige Leben wäre, die warmen Farben unterstützen das Wohlfühl-Feeling, die Story ist logisch und knapp aufgebaut; man möchte keine Minute des Films missen, in dem es eigentlich nur um das Aufwachsen eines Jungens namens Mason geht … Zwölf Jahre lang hat Linklater die Protagonisten von “Boyhood” verfolgt und jedes Jahr einige Szenen gedreht (insgesamt 39 Drehtage).“

Filmtrailer,  Artikel Tagesspiegel

Die Bären sind los

64. Berlinale (X): Die Gewinner Filmfestspiele Berlin 2014

"Der Berlinale Teddy-Bär", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

"Der Berlinale Teddy-Bär", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Die Jury, bestehend aus James Schamus (Präsident), Barbara Broccoli, Trine Dyrholm, Mitra Farahani, Greta Gerwig, Michel Gondry und Christoph Waltz hat gestern Abend die acht Wettbewerbs-Preise der diesjährigen Berlinale vergeben.

Der Favorit von allen Kritikern, „Boyhood“ von Richard Linklater, landete „nur“ auf dem dritten Platz. Die Berlinale hat mit 330 000 verkauften Karten dieses Jahr wieder einen neuen Publikumsrekord aufgestellt.

Die Preisträger

Goldener Bär für den besten Film: “Black Coal, Thin Ice“ von Diao Yinan, China

Großer Preis der Jury – Silberner Bär:The Grand Budapest Hotel„, von Wes Anderson, USA

Silberner Bär – Beste Regie: Richard Linklater für “Boyhood„, USA

Silberner Bär – Beste Darstellerin: Haru Kuroki in “The Little House“, Japan

Silberner Bär – Bester Darsteller: Liao Fan in “Black Coal, Thin Ice“, China

Silberner Bär – Bestes Drehbuch: Dietrich Brüggemann, Anna Brüggemann für “Kreuzweg“, Deutschland

Silberner Bär Alfred-Bauer-Preis für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet: Alain Resnais für „Life of Riley“

Silberner Bär – Herausragende künstlerische Leistung: Zeng Jian für die Kamera in “Blind Massage“, China

Die Berlinale kennt im Grunde genommen nur zwei Gesetze. Erstens: Arktische Temperaturen und Schnee im ohnehin schon frostigen Berliner Winter. Zweitens: Die Jurys zerschmettern mit lustvoller Regelmäßigkeit vermeintliche Topfavoriten und untergraben formvollendet die Erwartungen der Kritiker. Ersteres muss nach den frühlingshaften Temperaturen während der 64. Ausgabe der Filmfestspiele korrigiert werden, letzteres: nicht. [RBB]

Die Frau im roten Kleid

64. Berlinale (IX): „La belle et la bête (Die Schöne und das Biest)“ von Christophe Gans mit Vincent Cassel, Léa Seydoux und André Dussollier

„Die Schöne und das Biest“ ist dem Märchen- und Filmfreund aus zahlreichen Verfilmungen hinreichend bekannt, was sich aber Christophe Gans und das Studio Babelsberg in „La belle et la bête“ nun geleistet haben – da konnte der ganze Saal bei der Wiederholung des Films im Friedrichstadtpalast heute Nachmittag nur noch lachen. Ein Glück, dass der Film außer Konkurrenz lief. Dass dieser Kinderfilm aber überhaupt in der Sektion Wettbewerb lief, ist fast eine Beleidigung für die anderen ernsthaften Beiträge und Premieren.

"Das Biest im Friedrichstadtpalast (unsichtbar)", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

„Das Biest im Friedrichstadtpalast (unsichtbar)“
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

So richtig schlimm wird der Film erst, als Belle in das Schloss des Biests ankommt: Jede Landschaftseinstellung ist eine Kitsch-Ansichtskarte, goldene Zauberstrahlen mit Glühwürmchen-Effekt wabern durch die Lüfte (es fehlte nur noch deren 3D-Darstellung; in „Avatar“ hat das noch funktioniert), Riesen-Steinstatuen erwachen zum Leben, Riesen-Schlingpflanzen verschlingen alles und niedliche (leider digital animierte) Beagle-Karikaturen wuseln ohne Sinn unter dem Sofa herum.“Christophe Gans bietet beinahe alles auf, was die digitale Technik hergibt. Jean Cocteau hätte es kaum für möglich gehalten. Doch das Paradoxe geschieht: Je voller dieser Film, desto leerer wird er. Was für ein seltsamer horror vacui, dem Gans am Ende mit offensivem Kitsch zu begegnen sucht.“ [Der Tagesspiegel]. Dies ist nun die dritte Großproduktion aus dem Studio Babelsberg im Wettbewerb (nach „Grand Budapest Hotel“ und „The Monuments Men“). Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die eigentliche Botschaft dieser Erzählung über Schuld und Mitleid und dass die Voraussetzung für die Erlösung der Verzicht auf Eigennutz ist, das nimmt man nicht mehr war. Und als Belle am Ende der Bestie dann sagt, dass sie sie liebe, glaubt das kein Zuschauer mehr. Obwohl die großartige Léa Seydoux („Blau ist eine warme Farbe“, „Grand Budapest Hotel“) als Schöne in ihrem roten Kleid im verschneiten Wald fantastisch aussah; sie hatte sich nicht nur im Wald verirrt, sondern auch in diesen Film. Am Ende wurde die Bestie wieder Mensch, aber der Film blieb ein reines Technik-Spektakel.

www.berlinale.de

Das kann man nur im Kino sehen

64. Berlinale (VIII): „Boyhood“ von Richard Linklater

Man kann schon misstrauisch werden, wenn man so einen perfekten Film gesehen hat und sich nach fast drei Stunden wünscht, der Film möge noch weiter gehen. In Richard Linklaters „Boyhood“ stimmt aber auch alles: Die Schauspieler agieren, als wenn es das richtige Leben wäre, die warmen Farben unterstützen das Wohlfühl-Feeling, die Story ist logisch und knapp aufgebaut; man möchte keine Minute des Films missen, in dem es eigentlich nur um das Aufwachsen eines Jungens namens Mason geht.

"Berlinale-Plakat", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

"Berlinale-Plakat", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Ein Mut machender Film für das Leben an sich, auch wenn nicht alles eitel Sonnenschein ist. Masons Mutter war gefühlte drei Mal mit einem Alkoholiker verheiratet. Linklaters vorhergehende „Before …“-Film-Trilogie (Before Sunrise, 1995, Before Sunset, 2004, Before Midnight, 2013) deutete diese Richtung bereits an.

Zwölf Jahre lang hat Linklater die Protagonisten von „Boyhood“ verfolgt und jedes Jahr einige Szenen gedreht (insgesamt 39 Drehtage). Ganz nebenbei wurde der Film auch zu einer Geschichtsstunde: Vom Irak-Krieg, über den Obama-Wahlkampf zur NSA-Affäre.

Auf Zwischentitel konnte Linklater verzichten; der Zuschauer erkennt anhand der neuen Häuser nach mehrmaligen Umzügen, den wechselnden Frisuren und dem Musikgeschmack sofort den aktuellen Stand der neuen Patchwork-Familie.

Die FAZ schreibt: „Es gibt in „Boyhood“ nichts zu sehen, was man nicht in anderen Filmen schon gesehen hätte, und doch sieht man alles wie zum ersten Mal, weil es aus der fiktiven in die wirkliche Zeit versetzt ist und zugleich die Erzählform der Fiktion bewahrt. Boyhood ist der herausragende Beitrag im Wettbewerb der Berlinale, weil er ein Versprechen wahr macht, das so alt ist wie die bewegten Bilder selbst, weil er etwas zeigt, dass man so nur im Kino zeigen kann.“ Und eben nur im Kino, weil im wirklichen Leben leider alles doch nicht so glatt läuft und familiäre Brüche mehr Spuren hinterlassen als im sonnendurchfluteten Texas des Films. Traumfabrik trifft Doku-Soap.

„Seit 2002 arbeitet Richard Linklater an diesem einmaligen Spielfilmprojekt, das alljährlich die gleichen Darsteller vor der Kamera versammelt. So bekommt der Zuschauer die Möglichkeit, Menschen über einen längeren Zeitraum beim Leben zuzuschauen – mit allem was dazugehört. Experimentierfreudig und mit offenem Blick folgt er dem Jungen Mason (Ellar Coltrane) aus Austin von den schulischen Anfängen bis zum Eintritt ins College. Er muss mit einer anstrengenden Schwester (Lorelei Linklater ) und geschiedenen Eltern fertig werden.

Den freakigen Vater, der irgendwann doch erwachsen wird, spielt Ethan Hawke, Patricia Arquette die alleinerziehende Mutter, die stets an die falschen Männer gerät und nebenbei ihr Studium erledigt. Mitten in diesem Lebens- und Gefühlschaos steht Mason, dessen kluge Kommentare mit jedem Jahr klüger werden. Mit weitreichendem erzählerischem Atem inszeniert, geht es hier um kleine und große Sehnsüchte und Sorgen, um die Bedürfnisse und Ängste eines Heranwachsenden, die sich zu einem hellsichtigen und kurzweiligen Panorama einer amerikanischen Kindheit und Jugend fügen.“ [Quelle: Filmbeschreibung]

Das Ende eines jeden perfekten Films kommt zwangsläufig zu früh
[Frankfurter Rundschau zum Ende des Films]

www.berlinale.de

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