Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Filmbesprechung

Unter der Rubrik „Filmbesprechung“ diskutiere ich die selbst gesehenen aktuellen Kino-Filme, hin und wieder auch einmal einen Klassiker. Um eventuelle Copyright-Ansprüche zu umgehen sind alle Beiträge in allen Rubriken mit eigenen Fotos versehen (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Ein Rückblick auf die 66. Berlinale 2016 (VI)

Berlinale zwischen United States of Love und
einem Dokumentardrama auf Lampedusa

aus "United States of Love", Foto © Friedhelm Denkeler 2016

aus „United States of Love“, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Die diesjährigen Internationalen Filmfestspiele standen angeblich unter dem Slogan „Recht auf Glück!“ Aber was das genau bedeuten soll, wurde während der zehn Festivaltage nicht klar. Ganz klar war dagegen, dass wir wieder einmal ein politisches Festival erlebten, das zeigt sich auch darin, dass die sieben silbernen Bären und insbesondere der Goldene Bär nach „politischen“ Gesichtspunkten vergeben wurden. Der Hauptpreis, der Goldene Bär für den besten Film, ging an das dokumentarische Flüchtlingsdrama „Fuocoammare“ von Gianfranco Rosi.

Entsprechend des „Journal“-Mottos „Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst“ haben wir fünfzehn Filme herausgesucht, die eher in den künstlerischen Bereich fielen. Allerdings hielten nicht alle, was sie versprachen. Die Bewertung der Jury kann man nicht immer als Maßstab nehmen und auch die Bewertung der Kritiker fiel oft gegensätzlich aus. So soll es ja auch sein! Die folgenden fünf Filme habe ich bereits in den letzten Tagen im Journal ausführlich vorgestellt, die restlichen zehn heute mit jeweils einer Kurzkritik, die nichts anderes als meine persönliche Meinung wiedergibt.

  • “Hail, Caesar!“ von Joel und Ethan Coen, Artikel: “Wäre es bloß so einfach!” Es ist sicherlich nicht der beste Film der Coen-Brüder, aber trotzdem meine Empfehlung: Sehenswert allein schon wegen Scarlett Johansson als zauberhaft kratzbürstige Meerjungfrau und George Cloony mit der kuriosesten Haarfrisur der neueren Filmgeschichte (außer Konkurrenz).
  • “Boris sans Bèatrice” von Denis Côté, Artikel: „Einen liebenswerten Mann hassen?“ Mit vielen herrlichen “fotografischen” Bildern, Tableau vivants, die auf das Innenleben des Protagonisten hindeuten. Meine Empfehlung: Wenn er in die Kinos kommt unbedingt ansehen.
  • „Chi-Raq“ von Spike Lee, Artikel: “No Peace, No Pussy!” Einen besonderen Bären hätte Spike Lees umwerfender neuer Film “Chi-Raq” alle Male verdient, allein schon wegen der Musik: eine Art West Side Story mit Hip-Hop- und Beat-Rhythmen; leider lief er nur außer Konkurrenz. Fazit: sehr empfehlenswert.
  • „Genius“ von Michael Grandage, Artikel: „Der Lektor mit dem Rotstift und das chaotische Genie“. Hier wurde viel rote Tinte verspritzt, haufenweise Papier zerknüllt und wurden viele Worte in die Schreibmaschine gehackt. Den ganzen Film über hat der Lektor seinen Hut auf. Als er den Abschiedsbrief von seinem Autor erhält geschieht das Unfassbare: Zum ersten Mal nimmt er seinen Hut ab. Dem kann man nur beipflichten: Chapeau für einen starken Beitrag.
  • „Midnight Special“ von Jeff Nichols, Artikel: „Achtung! Kind!“ Ein Kind mit einzigartigen Fähigkeiten oder ein neuer Messias? Eine lange Zeit lässt sich der Film nicht einordnen, aber in den zwei Stunden hat er sich zu einem Familiendrama, politischen Thriller und Science-Fiction-Film entwickelt. Das hört sich erstmal ungewöhnlich an, aber wenn man sich darauf einlässt, kann die Empfehlung nur lauten: Ansehen und sich begeistern lassen.
"Das Filmteam von '24 Wochen", Berlinale-Palast, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

„Das Filmteam von ’24 Wochen“, Berlinale-Palast, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

„Mahana“ (Der Patriach) von Lee Tamahori, der im ländlichen Neuseeland der 1960er Jahre spielt. Zwei Maori-Familien, die vom Schafescheren leben, sind seit Jahrzehnten verfeindet. Jetzt aber rebelliert ein Schüler gegen den patriarchalischen Großvater und bringt damit die Feindschaft ins Wanken. Hervorzuheben sind die herrlichen Ausblicke auf die wunderschöne, unberührte Landschaft aus sanften Hügeln, mit unzähligen Schafen und mit viel Regen und Nebel (außer Konkurrenz).

„A Dragon Arrives!“ von Mani Haghighi. Das Ungeheuer „wohnt“ unter einem Friedhof, in der Nähe eines Schiffswracks mitten in der iranischen Wüste. Wahrheit, Lügen und Mysterien sind die Grundlagen der verwirrenden Story, aber unvergessen bleiben die herrlichen Bilder der Wüstenlandschaft und das Innere des Schiffswracks.

„Chang Jiang Tu“ (Crosscurrent) von Yang Chao, ist eine Reise durch Raum und Zeit. Mit seinem Frachtschiff fährt der junge Kapitän Gao Chun auf dem Jangtse flussaufwärts, zugleich sucht er nach der Liebe seines Lebens. Doch alle Frauen, die er in den verschiedenen Häfen trifft, sind eine einzige Person: ein zauberisches Wesen, das immer jünger wird, je näher er dem Quellgebiet des Jangtse kommt. Ein bildgewaltiger Film, den man aber nicht erklären kann, vielleicht muss man es auch nicht (Silberner Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung).

„24 Wochen“ von Anne Zohra-Berrached, „erzählt von einer Kabarettistin, die ein behindertes Kind erwartet und im siebten Monat abtreibt. Dazu kann man alle möglichen Meinungen haben. Der Film ergreift keine Partei, er zeigt einfach nur. Ein guter Film ist fast immer ein Film, der sich mit Urteilen über seine Figuren zurückhält“ (Harald Martenstein im Tagesspiegel)

„L’Avenir“ (Things to Come) von Mia Hansen-Love. Isabelle Huppert spielt wie immer, diesmal die alternde Frau; ihr Mann liebt eine Jüngere; die depressive Mutter nervt; ein junger Mann, ihr ehemaliger Schüler, will auch nicht so richtig etwas von ihr wissen und ihr Verlag teilt ihr mit, dass ihre anspruchsvollen Bücher nicht mehr in das Marketingkonzept hineinpassen. Fazit: Das Leben geht weiter, aber den Film muss man nicht unbedingt ansehen (Silberner Bär für die Beste Regie)

„News from Planet Mars“ von Dominik Moll. Der Protagonist Philippe Mars (sic!) möchte es allen recht machen: Sein Sohn ist ein Hardcore-Vegetarier; seine Tochter eine zwanghafte Streberin, seine Schwester stellt übergroße Gemälde von ihren nackten Eltern aus und der psychisch angeschlagene Kollege läuft im Büro Amok. Dadurch gerät die kleine Welt des Protagonisten aus der von ihm gewünschten Umlaufbahn (außer Konkurrenz).

„Saint Amour“ von Benolt Deléphine und Gustave Kervern. Ein Bauer (Gérard Depardieu), sein Sohn und ein junger Taxifahrer unternehmen eine Rundreise zu den bekannten Weinanbaugebieten in Frankreich, dabei kosten sie nicht nur die edlen Tropfen, sondern auch die Freuden der Liebe. Übrigens: Michel Houellebecq hat einen Gastauftritt als Vermieter einer Ferienwohnung. Die Komödie lief außer Konkurrenz und wird sicherlich in die Kinos kommen, unbedingt ansehen muss man ihn aber nicht.

„United States of Love“ von Tomasz Wasilewski. Der Film erzählt von vier Frauen, die aus der Enge der polnischen Provinz ausbrechen wollen und von einem sinnlicheren Leben träumen. Annehmbar, aber der Silberne Bär für das Beste Drehbuch ist für mich nicht nachvollziehbar.

„Alone in Berlin“ (Jeder stirbt für sich allein) von Vincent Perez. Harald Martenstein hat den Film in seiner täglichen Kolumne im Tagesspiegel wie folgt „ausführlich“ zusammengefasst: „Na ja!“. Mehr gibt dazu auch nicht zu sagen.

„Death in Sarajevu“ von Danis Tanovic. In Sarajewo treffen sich auf einem großen Empfang zum hundertjährigen Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges Europas Politiker. Der Film besteht hauptsächlich aus einem Fernseh-Interview und dem Streik des Hotelpersonals. Warum er den Silbernen Bären, den Großen Preis der Jury, erhalten hat, ist rätselhaft.

Achtung! Kind!

Ein Kind mit einzigartigen Fähigkeiten oder ein neuer Messias?
Jeff Nichols mit „Midnight Special“ auf der 66. Berlinale 2016 (V)

"Auf der nächtlichen Flucht", Foto © Friedhelm Denkeler 2016

„Auf der nächtlichen Flucht“
Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Eine lange Zeit lässt sich der neue Film von Jeff Nichols nicht einordnen: Breaking News im Fernseher; der kleine Junge Alton, gespielt von Jaeden Lieberher, ist entführt worden. Die vermeintlichen Entführer sehen sich das sorglos an und auch Alton zeigt keine Angst, obwohl seine Augen mit einer großen, blauen Schutzbrille bedeckt sind.

Alle drei machen sich mit dem Auto in der Nacht zu einem unbekannten Ziel auf. Zur selben Zeit umstellt das FBI die Kirche einer religiösen Sekte und verhört die Anwesenden mit dem Ergebnis, dass diese gleichfalls hinter Alton her sind. In ihren Augen hat er eine besondere Gabe, die ihn zur Rettung der Menschheit oder zu einer tödlichen Waffe macht.

Alton hat paranormale Fähigkeiten: er kann alles Elektrische fernsteuern und aus seinen Augen schießen manchmal mysteriöse Strahlen, die die Erde zum Wanken bringt. Auch kann er streng geheime Codes entschlüsseln. Woher Alton kommt, wo die Reise hingeht und warum er von einer ganzen Armada von FBI-Fahrzeugen verfolgt wird, wird im Laufe des Films immer ein Stück klarer, bleibt aber bis zum Ende nicht ganz vollständig. Eine größere Rolle spielen noch sein Vater Roy (Michael Shannon) und die Mutter Sarah (Kirsten Dunst).

"Der neue Messias oder vom anderen Stern?" Foto © Friedhelm Denkeler 2016

„Der neue Messias oder vom anderen Stern?“
Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Die Gala schreibt: „Der Film lässt Interpretationsspielraum, fordert die Fantasie des Publikums und lädt zur Diskussion lange nach dem Abspann ein. Was würde einen heute schon noch das Ende von ‚Inception‘ beschäftigen, wüsste man ganz genau, ob der vermaledeite Kreisel nun umgefallen ist, oder nicht?“

In den zwei Stunden Kino hat sich Midnight Special zu einem Familiendrama, politischen Thriller und Science-Fiction-Film entwickelt. Das hört sich erstmal ungewöhnlich an, aber wenn man sich darauf einlässt, kann die Empfehlung nur lauten: Ansehen, sich begeistern lassen und der Fantasie ihren Lauf lassen.

Trailer

Der Lektor mit dem Rotstift und das chaotische Genie

Michael Grandage mit „Genius“ auf der 66. Berlinale 2016 (IV)

Der Lektor Maxwell Perkins (Colin Firth) bekommt im New York der Zwanziger Jahre einen ungeordneten Haufen von Tausend Papierseiten von einem unbekannten Autor namens Thomas Wolfe (Jude Law) auf seinen Schreibtisch geknallt. Nachdem Perkins bereits Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald erstmals unter Vertrag genommen hat, ist er sofort davon überzeugt, ein neues Genie entdeckt zu haben. Wolfe ist bereits bei allen anderen Verlagen abgeblitzt ist und hat nun bei Perkins Glück. Gemeinsam machen sie sich an die Arbeit, das Werk auf eine vernünftige Größe zu reduzieren. Ein mehrjähriger Kampf um die richtigen Formulierungen beginnt.

"Colin Firth und Jude Law auf der Berlinale2016", Foto © Friedhelm Denkeler 2016

„Colin Firth und Jude Law auf der Berlinale 2016“,
Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Der britische Theaterregisseur Michael Grandage, der hiermit seinen ersten Film realisiert, hatte es bei dem umfangreichen Stoff, Lektor und Schriftsteller bei der Arbeit zuzusehen, nicht einfach. Da musste schon viel rote Tinte verspritzt, haufenweise Papier zerknüllt und viele Worte in die Schreibmaschine gehackt werden. Es gibt auch schon mal eine Seite, auf der so viele Sätze dem Rotstift zum Opfer fallen, dass am Ende von der Seite gar nichts mehr übrigbleibt.

Gut, ob ein Lektor und sein Schützling die Seiten im Stehen und Gehen auf New Yorks Straßen und Bahnhöfen redigieren, ist sicherlich nicht realistisch, so kam aber mehr „Aktion“ in den Film. Und dann gibt es noch die kleinen Feinheiten und liebenswerten Marotten; Perkins hat den ganzen Film über seinen Hut auf, selbstverständlich auch im Büro und natürlich benutzt er im Regen zusätzlich einen Regenschirm während sein Gegenspieler barhäuptig im Regen tanzt und in die Pfützen pascht.

Die „Berliner Morgenpost schreibt „Und wir lernen sehr viel über das Schreiben und über die Schreiber. Dass Genie eben immer auch Wahnsinn heißt. Das Genies aber auch immer jemanden brauchen, der den Wahnsinn zügelt. Der Autor kämpft um jede Zeile. Und schimpft einmal, wie gut, dass Perkins Tolstoi nicht lektoriert hat, sonst hätte man nur „Krieg und Nichts“. Und der Lektor ist gar nicht so sicher, ob er die Bücher wirklich besser macht. Und nicht nur anders.“

Nach dem Erfolg beginnen die Probleme: Das erste Buch hatte Wolfe seiner Geliebten gewidmet, die dann aber auch ebenso schnell abgeschoben wurde; das zweite widmete er seinem Lektor und es klingt zugleich wie eine Grabinschrift. Am Ende des Films lässt ein Gehirntumor Wolfe am Strand zusammenbrechen und auf dem Krankenbett schreibt er mit letzter Kraft einen Abschiedsbriefbrief an Perkins. Als dieser später den Brief öffnet, geschieht das Unfassbare: Zum ersten Mal nimmt er seinen Hut ab. Dem kann man nur beipflichten: Chapeau für einen starken Beitrag auf der diesjährigen Berlinale.

„No Peace, No Pussy!“

Spike Lee mit „Chi-Raq“ auf der 66. Berlinale 2016 (III)

"Teyonah Parris als Lysistrata in Chi-Raq", Foto © Friedhelm Denkeler 2016

„Teyonah Parris als Lysistrata in Chi-Raq“,
Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Einen besonderen Bären hätte Spike Lees umwerfender neuer Film „Chi-Raq“ alle Male verdient, allein schon wegen der Musik: eine Art West Side Story mit Hip-Hop- und Beat-Rhythmen; leider lief er nur außer Konkurrenz.

Kurz zum Inhalt: Lysistratas (Teyonah Parris) Geliebter Chi-Raq (Nick Cannon) liefert sich mit seiner Gang Straßenschlachten mit der ebenfalls schwarzen Gang von Cyclop (Wesley Snipes).

Immer wieder gibt es Tote, diesmal traf ein Querschläger das kleine Mädchen Patti. Um dem Treiben endlich Einhalt zu gebieten trommelt Lysistrata die Girls aus beiden Lagern unter dem Schlachtruf „No peace, no pussy!“ zusammen.

Wie es weitergeht, deutet der Name der Protagonistin an. In der bekannten Komödie des griechischen Dichters Aristophanes Lysistrata verschwören sich die Frauen gegen die Krieg führenden Männer; sie verweigern sich ihren Gatten, um den Frieden zu erzwingen.

Nach über zwei Filmstunden, die einem in den sehr engen Reihen des Friedrichstadtpalasts überhaupt nicht zu lang vorkamen, hatten die Frauen ihr Ziel erreicht; die Anführer der Gangs Spartaner und Trojaner unterzeichneten einen „Waffenstillstands“-Vertrag. Durch den gesamten Film führt Dolmedes (Samuel L. Jackson) als fiktiver Erzähler.

Chicago heißt im Film provokant Chi-Raq, weil dort genauso viele junge Schwarze ermordet wurden wie im gleichen Zeitraum in den Kriegen in Afghanistan und Irak: Zwischen 2001 und 2015 starben 7356 US-Soldaten durch Waffengewalt (die meisten waren schwarz), eine „nationale Notlage“ hat Spike Lee mit großen, roten Lettern am Anfang des Films mitteilt.

"Wesley Snipes als Cyclops in Chi-Raq", Foto © Friedhelm Denkeler 2016

„Wesley Snipes als Cyclops in Chi-Raq“, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Er attackiert die Waffen- und Finanzlobby, die US-Regierung und die Gangsterbosse gleichermaßen. Chicagos Bürgermeister (im Film D.B. Sweeney als McCloud) passte der Titel nicht, er hatte sich mit Spike Lee im Vorfeld getroffen und bat um Änderung.

DER SPIEGEL schreibt: „Denn Chi-Raq ist ein wildes Experiment … das flammend (und zuweilen ein bisschen zu didaktisch) für Liebe, Humanismus und Gerechtigkeit plädiert und gleichzeitig so fett, dynamisch und groovy wie ein Rap-Track wirkt … Durchtrainierte, leichtbekleidete Männer- und Frauenleiber winden und gerieren sich lasziv zu Beats und Soulmusik, die Dialoge werden, ihrer klassischen Vorlage gerecht, gereimt“.

Auch die deutschen Untertitel waren von hoher Qualität, auch sie waren gereimt (sic!), was auf Experten aus der „Hip-Hop-Szene“ schließen lässt. Der Film ist kein naturalistisches Schicksalsdrama, sondern eine „pralle, mit Witz, Satire und viel Musik angereicherte Variante von Lysistrata“.

Fazit: sehr empfehlenswert, ein Top-Favorit von zehn bisher auf der Berlinale gesehenen Filmen; ganz einfach, weil er gänzlich aus dem Rahmen fällt.  Trailer

Einen liebenswerten Mann hassen?

Denis Côté mit „Boris sans Bèatrice“ auf der 66. Berlinale (II)

"James Hyndman als Boris Malinowski in: Boris sans Bèatrice", Foto © Friedhelm Denkeler 2016

„James Hyndman als Boris Malinowski in: Boris sans Bèatrice“, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Ein Mann steht, mit dem Rücken zur Kamera, auf einer mit hohem Gras bewachsenen Wiese; im Hintergrund sieht man den Rand eines Waldes. Plötzlich vibriert das ganze Kino; mit ohrenbetäubendem Lärm nähert sich dem Mann ein schwerer Hubschrauber, der scheinbar zur Landung ansetzen will; das Gras wird in Wellenbewegungen auf den Boden gedrückt.

Sowas kann man nur im Kino in bester Qualität auf einer riesengroßen Leinwand beinahe körperlich selbst erleben. Man denkt unwillkürlich an „Another Brick In The Wall Part 1“ von Pink Floyd. Im Hubschrauber selbst kann man keinen Menschen erkennen, auch keinen Piloten; am Ende des Films sieht man diese Szene noch einmal, aber so richtig über die Bedeutung wird der Zuschauer nicht aufgeklärt. Man muss sich seinen Teil denken.

Kurz die Geschichte: Es geht um die zerbrochene Ehe zwischen dem reichen Unternehmer Boris und einer Ministerin der kanadischen Regierung namens Beatrice, die in Depressionen verfallen ist. Eines Nacht trifft sich Boris (James Hyndman) im Wald mit einem mysteriösen Unbekannten (Denis Lavent, bekannt aus Leos Carax „Die Liebenden von Pont-Neuf). Ob es den nun wirklich gibt oder ob es sein eigenes Gewissen, eine Stimme aus dem Jenseits oder ein Psychoanalytiker ist, sei dahingestellt. Jedenfalls sagt der Unbekannte, wenn du deine Frau noch liebst, musst du dich ändern. Boris, ein Macho par exellence, geht immer mehr in sich und ändert so langsam sein Leben. Er wirft die Geliebte hinaus, versöhnt sich mit Mutter und Tochter. Und langsam findet sich Bèatrice (Simone-Èlise Girad) wieder in die Welt zurück.

"Simone-Èlise Girad als Bèatrice Malinowsky in: Boris sans Bèatrice", Foto © Friedhelm Denkeler 2016

„Simone-Èlise Girad als Bèatrice Malinowsky in: Boris sans Bèatrice“, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Auf der Pressekonferenz wurde neben dem Tantalus-Mythos, in dem der „Held“, nachdem er gegen die Götter frevelte, einen Fluch auf sich lud, wie auch Dantes Inferno von der Hölle, auf dem Läuterungsweg zum Paradies (übrigens auch mit einer Beatrice) angesprochen.

In der Eingangsszene mit dem Hubschrauber wird das bereits angedeutet: Die Ruhe im Paradies und der Lärm der Hölle. Gut, ganz so intellektuell, wie sich das jetzt anhört, ist der Film nicht, eher eine zeitgenössische „Rock“-Version der griechischen Mythologie.

Neben der Hubschrauber-Szene finden wir viele herrlich „fotografische“ Bilder im Film, Tableau vivants, die auf das Innenleben des Protagonisten hindeuten. Er stellt sich den Versäumnissen seines Lebens und gewinnt langsam die Kontrolle über das Leben zurück. Meine Empfehlung: Wenn „Boris sans Bèatrice“ in die Kinos kommt unbedingt ansehen, allein schon wegen der herrlichen Bilder (Kamera: Jessica Lee Gagnè).

„Wäre es bloß so einfach!“

„Es klingt verrückt, aber jemand von der Zukunft hat angerufen“ Joel und Ethan Coen mit „Hail, Caesar!“ auf der 66. Berlinale (I)

"George Cloony als Baird Whitelock als römischer Offizier in Hail Caesar!", Foto © Friedhelm Denkeler 2016

„George Cloony als Baird Whitelock als römischer Offizier
in Hail Caesar!“, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Die Coen-Brüder haben wieder einmal zu geschlagen, mit dem Eröffnungsfilm der 66. Filmfestspiele Berlin (2011 waren sie mit True Grit am Start). Der Film „Hail, Caesar!“ mit George Cloony, Ralph Fiennes, Tilda Swinton und Scarlett Johannsson ist eine Hommage an die Studiofilme Hollywoods der frühen fünfziger Jahre mit Szenen aus Musicals, Western und Krimis der Schwarzen Serie.

Als Rahmenhandlung dient die Produktion des Sandalenfilms „Hail, Caesar“, dessen Hauptdarsteller Baird Whitlock (Cloony mit herrlich dämlichem Grinsen) von einer kommunistischen (sic!) Zelle „The Future“ entführt wird (McCarthy-Ära!), die nun vom Produktionsleiter Eddie Mannix (Josh Brolin) 100.000 Dollar Lösegeld fordert.

Dieter Kosslick hatte im Vorfeld betont, das Festival werde Filme zu den Krisenherden der Welt zeigen, aber auch der Spaß soll nicht zu kurz kommen. Der Eröffnungsfilm gehört „110prozentig“ zur zweiten Kategorie. Ein Ersatzschauspieler, der bisher nur als singender Cowboy auftrat, bringt keine fünf zusammenhänge Worte heraus („Wäre es bloß so einfach!“); ein Produktionsleiter muss sich mit zwei zickigen Klatschreporterinnen (Swinton in einer Doppelrolle) herumschlagen und wie nachts vor der kommunistischen Zelle im Ruderboot auf dem Ozean plötzlich ein russisches U-Boot auftaucht, das ist schon aberwitzig und grotesk.

"Scarlett Johannsson als DeeAnna Moran als Meerjungfrau in Hail, Caesar!", Foto © Friedhelm Denkeler 2016

„Scarlett Johannsson als DeeAnna Moran als Meerjungfrau
in Hail, Caesar!“, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Der Film „mag keinen in die Tiefe gehenden Anspruch haben, ist an manchen Stellen schlichtweg ein wenig albern und setzt sich kaum ernsthaft mit den Abgründen des Filmgeschäfts auseinander. Doch solch einen witzigen, unterhaltsamen und vergnüglichen Film muss man erst einmal zustande bringen“ (Deutsche Welle).

In diesen Tagen läuft der Film, der außer Konkurrenz gezeigt wurde, bereits in den Berliner Kinos an. Es ist sicherlich nicht der beste Film der Coen-Brüder, aber trotzdem meine Empfehlung: Sehenswert allein schon wegen des Wasserballetts und einer zauberhaft kratzbürstigen Meerjungfrau (Johannsson). Trailer 1, Trailer 2

Eine Taube sitzt auf einem Zweig …

… und ein Bild hängt an der  Wand

Das Film-Jahr 2015 startete mit dem fantastischen Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ von Roy Andersson. Der Schwede hat jetzt bei der 28. Verleihung der Europäischen Filmpreise in Berlin den Preis für die beste Komödie des Jahres entgegen nehmen dürfen. Das „Journal“ hat den Film bereits am 4. Februar 2015 ausführlich vorgestellt (siehe hier). Vielleicht läuft er nach der Preisverleihung wieder in einigen Kinos. Ansonsten, es ist ja bald Weihnachten, gibt es ihn auch auf DVD – ein außergewöhnliches Weihnachtsgeschenk nicht nur für „Augen-Menschen“!

"Original und Fälschung (Suchbild)", Collage/Grafik © Friedhelm Denkeler 2012

„Original und Fälschung (Suchbild)“, Collage/Grafik © Friedhelm Denkeler 2012
[Grundlage: Szene aus dem Film „Das jüngste Gewitter“ von Roy Andersson]

Good Morning, California

Good Morning, Vietnam mit Robin Williams
und The Rivieras mit California Sun

Well, I’m goin‘ out west out on the coast/ Where the California girls are really the most/ Where they walk and I’ll walk/ They twist and I’ll twist/ They shimmy and I’ll shimmy/ They fly and I’ll fly/ Well they’re out there a’havin‘ fun/ In that warm California sun

Vor fünfzig Jahren (1965) kam der AFN-Diskjockey der Air Force, Adrian Cronauer (*1938), von Kreta nach Saigon zum dortigen amerikanischen Soldatensender. Mit seinen lockeren Sprüchen sollte er mehr Schwung in die morgendlichen Sendungen bringen und die Moral der US-Truppen stärken. Seine Erlebnisse verarbeitete er in einem Film-Drehbuch, aus dem der Anti-Kriegs-Film „Good Morning, Vietnam“ (1987), von Barry Levinson entstand. Die Hauptrolle erhielt Robin Williams als Adrian Cronauer, der in dem Film mit überschäumender Komik agiert und gleichzeitig ernste Szenen mit Bravur meistert.

Der Film lief gestern Abend auf ARTE. Er steht auf einer Ebene mit den bekannten Filmen über den Vietnam-Krieg, wie Apocalypse Now, Platoon und Full Metal Jacket. Allerdings stellt er weniger das Kampfgeschehen in den Mittelpunkt, sondern die GIs und die damalige Zivilbevölkerung von Saigon. Vielleicht kann man von einer Komödie mit nachdenklich stimmenden Szenen sprechen. Der Film will nicht dokumentarisch wirken, aber wie Cronauer sagte, stimmen die Fakten an die 50%.

Foto © Friedhelm Denkeler 1975

Foto © Friedhelm Denkeler 1975

Ein wichtiger Teil des Films ist natürlich der Soundtrack – Cronauer brachte schließlich den Rock ’n‘ Roll nach Vietnam. Einige der authentischen Songs aus dem Jahr 1965 möchte ich aufzählen: Them „Baby Please Don’t Go“, The Beach Boys „Don’t Worry Baby“ und „I Get Around“, The Marvelettes „Danger, Heartbreak Dead Ahead“, James Brown „I Got You (I Feel Good)“, Wilson Pickett „In the Midnight Hour“ und The Searchers „Sugar and Spice“. Während die Ballade von Louis Armstrong „What a Wonderful World“ lief, waren im Film lautlos Bombenexplosionen und Kriegshandlungen zu sehen.

Zum Ende des Films war noch einer meiner Lieblingssong aus dem Jahr 1964, „California Sun“ von den Rivieras, zu hören.

The Rivieras: „California Sun“ (Audio)

Die Band wurde Anfang der 1960er Jahre in Indiana (USA) gegründet. Ihr Song „California Sun“ war in den Staaten ein großer Erfolg und erreichte Platz 5 der US-Charts. In Deutschland kam er immerhin bis auf Platz 15 der Single-Charts. Mein erster Favorit der Gruppe war aber „Let’s Have a Party“, ebenfalls aus dem Jahr 1964. Von beiden Liedern gibt es diverse Cover-Versionen (Ramones, Beach Boys, Frankie Avalon, Shondells, etc.) Die Band trennte sich bereits 1966, von den Bandmitgliedern war nie wieder etwas zu hören.

Wir sehen nur das, was wir sehen wollen

„Blow Up – Antonionis Filmklassiker und die Fotografie“
bei C|O Berlin (nur noch bis 8. April 2015)

Antonionis Film endet, wie sonst Krimis anfangen, weil er diese Beunruhigung mitteilen möchte, weil hinter der Frage, ob auf den Photos nun ein Mord zu sehen war oder ob Thomas nur geträumt hat, die wichtigere Frage wartet, ob dies nicht vielleicht gleichgültig ist. Diese Frage wird von Antonioni beantwortet, denn nicht eine geheimnisvolle Mordgeschichte ist das Sujet seines Filmes, sondern Thomas und seine Arbeit [DIE ZEIT]

Wenn man 1968 vom Land in die Stadt kommt, gibt es erst mal einen großen Nachholbedarf an sehenswerten Filmen. Deshalb beginnt meine Auswahl der gesehenen Filme der ersten „Westberliner Jahre“ bereits 1966. Aus meinen Tagebuchnotizen 1968 bis 1972 habe ich 14 Filme herausgefiltert, die auch heute noch alle Bestand haben. Die Filme liefen damals nicht im „Kino im Märkischen Viertel“ (das gibt es schon lange nicht mehr; siehe mein Foto von 1968), sondern in den Berliner Programm-Kinos, wie Lupe 1 und 2, Filmkunst 66, Arsenal, Kant-Kino, Delphi, Kurbel, Filmbühne am Steinplatz, Schlüter-Kino, um nur einige rund um den Kurfürstendamm zu nennen. Das Schlüter-Kino von Bruno Dunst war eines der ältesten Programmkinos Deutschlands und musste 1996 leider schließen.

"Kino im Märkischen Viertel", Foto © Friedhelm Denkeler 1968

„Kino im Märkischen Viertel“, Foto © Friedhelm Denkeler 1968

  • „Blow Up“ von Michelangelo Antonioni (1966) mit David Hemmings, Vanessa Redgrave, Jane Birkin, Veruschka Gräfin von Lehndorff und der Musik von Herbie Hancock, The Yardbirds
  • „The Wild Angels“ von Roger Corman (1966) mit Peter Fonda, Nancy Sinatra, Bruce Dern und den Songs von Davie Allen and The Arrows
  • „Belle de Jour“ von Luis Buñuel (1967) mit Catharine Deneuve, Michel Piccoli
  • „Bonnie und Clyde“ von Arthur Penn (1967) mit Warren Beatty, Faye Dunaway, Gene Hackman
  • „Die Reifeprüfung“ von Mike Nichols (1968) mit Anne Bancroft, Dustin Hoffman, Katharine Ross mit dem von Simon & Garfunkel eingespielten Soundtrack.
  • „Rosemary’s Baby“ von Roman Polański (1968) mit Mia Farrow, John Cassavetes
  • „Easy Rider“ von Dennis Hopper (1969) mit Peter Fonda, Dennis Hopper, Jack Nicholson und der Musik von Steppenwolf, The Byrds, The Band, The Jimi Hendrix Experience, u.a.
  • „Spiel mir das Lied vom Tod“ von Sergio Leone (1969) mit Henry Fonda, Claudia Cardinale, Charles Bronson, Jason Robards und der Musik von Ennio Morricone
  • „Zabriskie Point“ von Michelangelo Antonioni (1970) mit der Musik von Pink Floyd, Patti Page, Grateful Dead, Rolling Stones, u.a.
  • „Decameron“ von Pier Paolo Pasolini (1970) mit Franco Citti, Ninetto Davoli und der Musik von Ennio Morricone
  • „The Last Picture Show“ von Peter Bogdanovich (1971) mit Jeff Bridges und der Musik von Hank Williams
  • „A Clockwork Orange“ von Stanley Kubrick (1971) mit Malcolm McDowell, Patrick Magee
  • „Aguirre, der Zorn Gottes“ von Werner Herzog (1972) mit Klaus Kinski
  • „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ von Luis Buñuel (1972) mit Fernando Rey, Delphine Seyrig, Stéphane Audran, Jean-Pierre Cassel, Bulle Ogier.
"Filmplakat Blow Up", Foto © Friedhelm Denkeler 2015

„Filmplakat Blow Up“, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Zum Film „Blow-Up“

Auf dem Höhepunkt der Swinging Sixties bewegt sich der Mode- und Sozialfotograf Thomas (David Hemmings) in London durch die Popkultur der 1960er Jahre. Er gerät auf seinen Streifzügen in ein Konzert der Yardbirds mit Jeff Beck und Jimmy Page, dem späteren Gründer von Led Zeppelin. Während die Band den Titel „Stroll On“ spielt, zertrümmert Jeff Beck seine Gitarre und wirft die Einzelteile in das tosende Publikum. Ausgerechnet Thomas, der mit der Trophäe nichts anfangen kann, ergattert sie und wirft sie später weg.

The Yardbirds: „Stroll On“, Audio-Version

Ursprünglich hatte Antonioni The Who für diese Szene vorgesehen; die lehnten den kurzen Auftritt aber ab. So ließ er die Yardbirds einfach The Who imitieren, einschließlich der Zerstörung von Verstärkern und Gitarren.

Eigentlich besteht Blow Up aus einzelnen Episoden. Für eine Recherche verbringt der Protagonist eine Nacht im Obdachlosenasyl. Später zeigt er die Porträts einem Verleger. Die Fotos, die wir im Film sehen, sind aber in Wirklichkeit von Don McCullin aufgenommen worden. In der Ausstellung von C/O sind sie im Original zusehen.

Auch die bildende Kunst der 1960er Jahre in Großbritannien zeigt Antonioni in einer Episode. Thomas besucht seinen Nachbarn, den Maler Bill. Sie diskutieren über seine abstrakte Kunst. Das interessiert natürlich Thomas, denn seine (zu stark) vergrößerten Prints sind gleichermaßen abstrakt. Die Filmfigur Bill basiert auf dem britischen Künstler Ian Stephenson, dessen Gemälde die Ausstellung ebenfalls zeigt.

London war in den 1960er Jahren das Zentrum der Modefotografie mit drei bekannten Modefotografen, Black Trinity genannt, David Bailey (der als Vorbild für den Protagonisten dient), Terence Donovan und Brian Duffy. Diese nahmen ihre Models an ungewöhnlichen Orten außerhalb des Studios auf. Die dabei entstandene dynamische Bildsprache war hauptsächlich mit Kleinbildkameras zu realisieren und der Reportage-Fotografie entlehnt.

Natürlich sehen wir Thomas auch bei der Arbeit mit den Models, wie Veruschka von Lehndorff, Jill Kennington und Peggy Moffitt, in seinem Studio. Dabei verwandelt er die Fotosession mit Veruschka in einen quasi-sexuellen Akt. Der Standfotograf Arthur Evans hielt die in Blow Up mitwirkenden Models darüber hinaus in eigenständigen, ebenfalls in der Ausstellung zu sehenden, Modefotos fest.

Von den Studioaufnahmen und den Models ist Thomas gelangweilt, so zieht er, bewaffnet mit seiner NIKON F in der Abenddämmerung durch den Maryon Park und macht heimlich Aufnahmen von einem Liebespaar (Vanessa Reggrave). Beim Vergrößern der Fotos entdeckt er am Rand des Bildes einen Mann, der eine Pistole mit Schalldämpfer hält. Auf einem weiteren Foto, scheint er einen reglosen Mann zu sehen. Hat Thomas einen vermeintlichen Mord versehentlich aufgenommen? Also geht er mitten in der Nacht in den Park zurück und findet tatsächlich eine Leiche. Natürlich ist die Leiche am nächsten Morgen verschwunden. Er untersucht nun akribisch das entsprechende Foto und vergrößert es immer weiter bis die vermeintliche Leiche sich in der Körnung des Films auflöst. Ist das Verbrechen vielleicht pure Einbildung? Die Aufnahmen stammen in Wirklichkeit von McCullin und sind gleichfalls im Original zu sehen.

C/O stellt weitere unterschiedliche künstlerische Strömungen der 1960er Jahre in der Ausstellung vor und beleuchtet die Wechselwirkung von Film, Kunst und Gesellschaft mit Werken von David Bailey, Ron Galella, Terence Donovan, Richard Hamilton, John Hilliard, Hiroshi Sugimoto, Don McCullin, Cecil Beaton, Ian Stephenson, John Stezaker, Arthur Ewans, Alicja Kwade u.a.

Zum Ende des Films geht Antonioni noch einen Schritt weiter in Richtung Abstraktion: Er zeigt Pantomimen bei einem imaginären Tennisspiel, wobei Schläger und Ball, die Grundlagen des Spiels, gleich ganz abwesend sind. Mit einem realen Tennispiel hat die Filmzeit 24 Stunden vorher begonnen. Man kann Blow Up heute auf mehrere Arten rezipieren, einmal als Avantgarde, als Statement über die Wirkung von Bildern und deren Betrachtung und als Zeitdokument der 1960er Jahre. Kurz gesagt, ein inzwischen klassisches Meisterwerk.

In Inszenierung, Fotografie und Darstellung hervorragender Film von Antonioni, der die Faszination des Bildes als Abbild tatsächlicher oder vermeintlicher Wirklichkeit und die Möglichkeiten der Manipulation aufzuzeigen versucht und zugleich ein Porträt der Beat Generation zeichnet [Lexikon des internationalen Films]

In Dreams I Walk With You. In Dreams I Talk To You

Das bewegte Leben von Roy Orbison spiegelt sich in seinen Songs wieder. „Roys Songs handelten weniger von Träumen, seine Songs waren Träume“ [Tom Waits]

I close my eyes, Then I drift away | Into the magic night. I softly say | A silent prayer like dreamers do. | Then I fall asleep to dream My dreams of you. | In dreams I walk with you. In dreams I talk to you. | In dreams you’re mine. All of the time we’re together | In dreams, In dreams [Roy Orbison in „In Dreams]

„Ich hasse es zuzugeben, aber Sie können eine Rolle nur spielen, wenn sie irgendwo in Ihrer Psyche steckt. Die Leute realisieren nicht, wie groß das Unterbewusstsein ist. Es ist wie die Unendlichkeit.“ [Dean Stockwell]

Gleich drei Mal hörte ich in dieser Woche Songs von Roy Orbison in Darbietungen der darstellenden Künste:

Roy Orbison: "(Oh) Pretty Woman", 1964, Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler

Roy Orbison: „(Oh) Pretty Woman“, 1964
Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler

Einmal war Roy Orbisons Stimme im Kultfilm „Blue Velvet“ von David Lynch mit Isabella Rossellini und Dennis Hopper aus dem Jahr 1986 zu hören. Ben (Dean Stockwell) performed hier den Song „In Dreams“ im Playback, solange bis Frank Booth (Dennis Hopper) es vor Schmerz ob des melancholischen Liedes nicht mehr aushält und den Stecker des Kassetten-Recorders zieht.

Die unheimliche Lippensynchronisation von Ben lässt darauf schließen, dass nicht nur bei Frank Booth, sondern auch im Inneren des Zuhälters etwas im Verborgenen liegt. Nach dieser Performance klingt der Song nicht mehr wie vorher. Und im Hintergrund tritt Dorothy Vallens (Isabella Rossellini) in ihrem Morgenrock aus blauem Samt in das Zimmer…

Ein zweites Mal hörten wir In Dreams im Theater O-TonArt in der Kulmer Straße. Hier trat der in Frankfurt geborene Sänger Bastian Korff zusammen mit dem Berliner Pianisten Florian Ludewig unter dem Titel „Rock ’n‘ Roll & Remmidemmi“ auf. Neben den dargebrachten eigenen Kompositionen coverten die beiden Künstler verschiedenste Rock-Balladen von Roy Orbison („In Dreams“), über Dion and The Belmonts („A Teenager in Love), Elvis Presley, David Bowie bis zu Bonnie Tyler („Turn Around – Bright Eyes“).

Korff als Sprecher, Schauspieler, Sänger und Texter und Ludewig als Pianist und Komponist sind wahre Multitalente für sich, aber auf der Bühne waren sie als Team unschlagbar: spontan, witzig und so herrlich unperfekt wie man nur sein kann, wenn man die Perfektion beherrscht, bescherten sie dem begeisterten Publikum ein Feuerwerk an Ideen und Gefühlen. Einer der schönsten Theaterabende der letzten Zeit. Im September wollen sie wieder gemeinsam in Berlin im Theater O-TonArt auftreten. Wir freuen uns sehr!

Im Berliner Ensemble gab es in der von Leander Haußmann inszenierten Soldatenstudie Woyzeck nach Georg Büchner eine Szene, die Roy Orbisons „Blue Bayou“ enthielt. Und zwar in einer Szene in der Militär und Jahrmarkt zusammenfließen. Die Soldaten lassen sich von der Marktschreierin wie dressierte Pferde im Kreis herumführen. Unter den Klängen von „Blue Bayou“ besteigen sie bunte Ballontiere zu einer Karussellfahrt in perfekt inszenierter Slow Motion. So schön haben wir das im Theater noch nie gesehen.

Die „schwarze“ Bühne ist vollkommen leer, das Bühnenbild stellen allein die dreißig Soldaten dar, die im stampfenden Rhythmus über die Bretter ziehen. Laufend werden exzessiv Songs eingespielt, wie Nancy Sinatras“ These Boots Are Made For Walking“ oder Melanies „Nickel Song“, denn bei Leander Haußmann gehört die Musik dazu. Wir erlebten einen großen Theatermoment. Hier habe ich die beiden Originale von Roy Orbison herausgesucht:

Roy Orbison: „In Dreams“ (1963) (Ersatzlink, nur Audio)
Roy Orbison: „Blue Bayou“ (Ersatzlink, nur Audio)

Roy Orbison merkte zu „In Dreams“ an: „Ich wachte morgens auf und der Traum war immer noch da und nach 20 Minuten hatte ich den Song fertig“. Der Song weist keine der üblichen Strophen mit einem Refrain auf, sondern ist eher als Mini-Epos in drei Minuten anzusehen. Seine unvergleichliche melancholische Stimme kommt hier besonders gut zur Geltung. Seine Songs handeln von der Seele und ihrem Schmerz und so entstehen oft komplette Dramen der Leidenschaften in Kurzform.

Roy Kelton Orbison (* 23. April 1936, Texas; † 6. Dezember 1988, Tennessee) hatte ein bewegtes und nicht immer einfaches Leben hinter sich. Seinen ersten Hit hatte Roy 1956, passend zur damaligen Rock ’n‘ Roll-Zeit, mit „Ooby Dooby“. Den Durchbruch erreichte er 1960 mit „Only The Lonely“. Warum trug Roy immer eine Sonnenbrille? Angeblich hatte der stark kurzsichtige Roy bei einem Konzert 1963 seine Brille vergessen und musste notgedrungen mit einer Sonnenbrille auftreten; von da an wurde sie zu seinem „Markenzeichen“.

Seinen größten Hit hatte er 1965 mit „Pretty Woman“. Eine schwierige Phase folgte in seinem Leben. Er wurde von privaten Schicksalsschlägen betroffen: Seine erste Frau starb bei einem Motorrad-Unfall und zwei seiner drei Söhne kamen bei dem Brand seines Landhauses ums Leben. Nach Pretty Woman blieben die großen Erfolge aus; eine Ausnahme bildet das nach seinem Tod erschienene „I Drove All Night“. 1987 wurde er in die „Rock and Roll Hall of Fame“ augenommen und 2010, also zwanzig Jahre nach seinem Tod, erhielt Orbison einen Stern auf dem „Hollywood Walk of Fame“.

Aus den 52 Songs, die sich zurzeit in meinem Rockarchiv befinden, habe ich meine Top-Ten von Roy Orbison zusammengestellt:

  1. „I Drove All Night“ (1992)
  2. „California Blue“ (1989)
  3. „It’s Over“ (1964)
  4. „In Dreams“ (1963)
  5. „Crawling Back“ (1966)
  6. „Blue Bayou“ (1963)
  7. „Only The Lonely“ (1960)
  8. „You Got It“ (1989)
  9. „Running Scared“ (1962)
  10. „(Oh) Pretty Woman“ (1965)

Es wurde Zeit, dass ich im „Journal“ einen meiner Lieblingssänger vorgestellt habe. „I Drove All Night“ steht, seit ich den Song kenne, unangefochten an der Spitze, aber auf eine einsame Insel würde ich alle zehn mitnehmen.

 

Die Macht der Bilder

Berlinale 2015 (V): „Eisenstein in Guanajuato“
von Peter Greenaway mit Elmer Bäck

Sergej Eisenstein – er machte aus dem Kinofilm eine Kunst („Panzerkreuzer Potemkin“, 1925, „Iwan, der Schreckliche“, 1944) und dazu Peter Greenaway – Kultregisseur der 1980er Jahre („Der Kontrakt des Zeichners“, 1982, „Der Bauch des Architekten“, 1986) und beide gemeinsam in Guanajuato, einer Stadt in Mexiko mit dem berühmten Mumienmuseum (Geburtsort von Diego Rivera).

Aus diesen Zutaten zaubert Peter Greenaway in seinem neuen Film „Eisenstein in Guanajuato“ ein lebenspralles, farbenfrohes und verspieltes Kino, das sich mit Lust und Neugier an den Möglichkeiten der digitalen Post-Produktion berauscht. Das dürfte auch Eisenstein schon gespürt haben, als er die Möglichkeit entdeckte, zwei Bilder an- und übereinander zu montieren und dabei ein drittes Bild entstehen zu lassen.

"Fetisch", aus "Macht zu viel Sex verrückt?", Foto © Friedhelm Denkeler 2003

„Fetisch“, aus „Macht zu viel Sex verrückt?“,
Foto © Friedhelm Denkeler 2003

1931 reist Eisenstein nach Guanajuato, um seinen Film „Que viva México“ zu drehen, den er nie beenden wird, auch weil er Probleme mit seinem amerikanischen Finanzier, dem Schriftsteller Upton Sinclair, bekommt.

Auf der neobarocken Treppe in Guanajuato wird er vom Künstlerpaar Diego Rivera und Frida Kahlo empfangen (und von drei „Bodyguards“ mit vollen Patronengürteln und Gewehren ebenfalls).

Er entdeckt eine fremde, sinnenfrohe Kultur, einen völlig anderen Umgang mit dem Tod und beginnt über seine Heimat und das Stalin-Regime nachzudenken.

Greenaway zeigt, dass Künstlerleben nicht langatmig und historisch korrekt nacherzählt werden müssen, sondern selbst Kunstwerke sein können. Sein Eisenstein ist ein kindisches, aufbrausendes Genie mit wirrem Haar, das sich selbst als traurigen Clown bezeichnet.

Unter seinem neugierigen Blick setzen sich die religiösen und heidnischen Symbole der mexikanischen Kultur neu zusammen. Dazu gehört auch, dass er seine sexuelle Bestimmung finden und ausleben kann.

Bereits beim Einzug ins Hotel findet ein Zimmermädchen Bild-Postkarten, unter anderem mit dem nackten, lasziven Amor von Caravaggio (aus der Berliner Gemäldegalerie).

Wie es der Zufall will, lief am gleichen Tag „Fifty Shades Of Grey“ an, sowohl die US-Amerikanischen als auch die russischen Zensoren dürften mit dem keuschen „Sado-Maso“-Film keine Probleme haben. Die russische Filmförderung hingegen verweigerte die Finanzierung von „Eisenstein in Guanajuato“. Das sagt alles!!

Also: den neuen Greenaway unbedingt ansehen und die Lust am Kino wieder entdecken, die war in den ersten Filme auf der Berlinale schon beinahe verloren gegangen. Ich hoffe, wir haben einen Bärenkandidaten gesehen, allein Elmer Bäck als Eisenstein ist eine Wucht.

Peter Greenaway bringt Leben in die Berlinale |Montagemeister von hinten | Sex, Tod und Triptychon | Rote Fahne im Hintern | Peter Greenaway begeistert Berlinale mit Eisenstein-Hommage | Ein intensives, impulsives Gesamtkunstwerk | Jungfrau, 33, männlich, sucht … [Headlines zum Film]

Die nicht enden wollende Utopie vom großen Glück

Berlinale 2015 (IV): „Als wir träumten“ von Andreas Dresen
Ein Techno-Musikfilm mit dem Sound von Marusha

Als wir träumten war der Stadtrand von Leipzig die Welt. Die DDR war weg und wir waren noch da. Pitbull war noch kein Dealer. Mark war noch nicht tot. Rico war der größte Boxer und Sternchen war das schönste Mädchen, doch sie hat mich nicht so geliebt, wie ich sie. Alles kam anders. Aber es war unsere schönste Zeit. [Prolog von Dani in „Als wir träumten“]

Andreas Dresen zeigt eine „filmische Parabel über Freundschaft und Verrat, Zuversicht und Illusion, Brutalität und Zärtlichkeit. Sie erzählt die Geschichte einer verlorenen Jugend und präsentiert zugleich ein Spiel um Rebellion und die nicht enden wollende Utopie vom großen Glück“. Und das alles mit viel Techno-Musik und Stroboskop-Geflacker unterlegt. Der Film ist ein paar Jahre nach der Wende angelegt und spielt in Leipzig.

Fünf junge „Nachtgestalten“, vor nicht allzu langer Zeit noch Pioniere mit rotem Halstuch, testen aus, was man im wiedervereinigten Land so alles mit der neuen „Freiheit“ anstellen kann. Zwei Ereignisse ragen dabei heraus: die Gründung des (illegalen) Techno-Clubs „Eastside“ und der Kampf mit den Neonazis. Dazwischen werden Autos geklaut, Drogen ausprobiert (einer stirbt daran), eine Boxer-Karriere scheitert, zwischendurch gibt es mal 4 Wochen Jugendarrest und die Sehnsucht nach der großen Liebe, dem schönsten Mädchen von Leipzig, bleibt unerfüllt. Wie schon bei Sebastian Schippers „Victoria“ ist auch hier kein Happy-End in Sicht.

Dresen verfilmte mit „Als wir träumten“ den gleichnamigen Bestseller von Clemens Meyer aus dem Jahr 2006. „Er würde jedes Festival der Welt zieren. Weil es sich um Weltklassekino handelt“ [FAZ]. Am 26.Februar 2015 kommt der Film dann in die regulären Kinos.

"Verlassene Industriehalle", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

„Verlassene Industriehalle“, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Das Ansehen von „Als wir träumten“ lohnt sich in jedem Fall, allein wegen der Musik, denn es ist auch ein großer Musik-Film. Das beginnt mit der Titel-Melodie Moderat: „A New Error“ und den mir weniger bekannten DJs Trentemøller: „Nightwalker“ und Josh Wink „Higher State of Consciousness“.

Eng war die Zusammenarbeit zwischen Dresens Musikberater Jens Quandt und der DJane (wie man weibliche DJs im deutschen Sprachraum oft nennt) Marusha. Die beiden kannten sich vom Jugendsender DT 64. Zwei Marusha-Tracks sind im Film zu hören: einmal der neuere von 2012 Marusha: „Club Arrest“ und der mehr zeitbezogene Song aus dem Jahr 1992:

Marusha: „Rave Channel“

DJ Marusha (Marusha Aphrodite Gleiß, geb. 1966 in Nürnberg) wurde 1990 mit einer der ersten Techno-Musik-Sendungen „Dancehall“ im DDR-Radio-Sender DT64 bekannt. Ein Jahr später begann sie mit der Produktion von eigenen Musikstücken und 1994 startete ihre Weltkarriere in den Techno-Clubs und den Raves mit dem Titel „Somewhere over the Rainbow“, einer Coverversion des gleichnamigen Songs aus dem Film-Soundtrack „Der Zauberer von Oz“ aus dem Jahr 1939. Die Single verkauft sich über eine halbe Million Mal. Auf Radio „Fritz“ (vom RBB) moderierte Marusha 17 Jahre lang (bis 2007) die Sendung „Rave Satellite“.

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