Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Historisches Foto

Unregelmäßig zeige ich hier Photos aus meinem fotografischen Archiv (oft mit zusätzlichem Text). Außerdem gibt es unter der Überschrift „Vor dreißig Jahren …“ (oder „Vor vierzig Jahren …“, etc.) Photos zu sehen, die immer genau vor 30 Jahren (40 Jahren, etc.) entstanden sind (in der Regel ohne weiteren Text).

Von den Füßen auf den Kopf gestellt

Wolf Vostells „La Tortuga“, 1987, auf dem Gelände des Anhalter Bahnhofs

Normalerweise heißt die Redensart „Etwas vom Kopf auf die Füße stellen“. Zur 750-Jahr-Feier der Stadt Berlin im Jahr 1987 machte es der Aktionskünstler Wolf Vostell umgekehrt: Er legte am Anhalter Bahnhof für die Ausstellung „Mythos Berlin“ eine komplette Dampflokomotive wie eine Schildkröte auf den Rücken. Die auf dem Kopf stehende Skulptur nannte er „La Tortuga“. Sie sollte als Mahnmal auf den Missbrauch von Industrie und Technik für den Krieg hinweisen und symbolisch den Niedergang alter Industriezweige versinnbildlichen.

"Drei Kräne und eine Dampflokomotive (Aktion "La Tortuga" von Wolf Vostell auf dem Gelände des Hamburger Bahnhofs), Foto © Friedhelm Denkeler 1987

„Drei Kräne und eine Dampflokomotive (Aktion „La Tortuga“ von Wolf Vostell auf dem Gelände des Hamburger Bahnhofs), Foto © Friedhelm Denkeler 1987

Am 1. August 1987 arbeiteten hinter dem Portikus des Anhalter Bahnhofs bis in die Abendstunden drei schwere Kräne daran, die Lokomotive in der Luft zu drehen und kopfüber wieder abzusetzen. Ein feinsinniger Moment und ein ästhetisches Event. 1993 gelangte die Skulptur zum Theater in Marl. Hier im Ruhrgebiet ist die wohl größte Skulptur von Vostell sehr passend platziert. Die Güterzuglokomotive der Baureihe 52 stammt aus dem Zweiten Weltkrieg; mit ihr hat die Deutsche Reichsbahn das Material an die Fronten, aber auch Menschen in Konzentrationslager transportiert. Mit diesem Wissen wurde aus dem Kunst-Event eine politische Aktion.

Wolf Vostel, "La Tortuga" (Die Schildkröte), Foto © Friedhelm Denkeler 1987

Wolf Vostel, „La Tortuga“ (Die Schildkröte), Foto © Friedhelm Denkeler 1987

Vostell war einer der Pioniere der Fluxus-Bewegung, bei denen die Grenzen zwischen (politscher) Kunst und Alltag aufgehoben wurden. Von dem im Jahr 1998 mit 65 Jahren verstorbenen Künstler stammt auch die Plastik „Zwei Beton-Cadillacs in Form der nackten Maja“ am Rathenauplatz, am oberen Ende des Kurfürstendammes. Sie ist Teil des Skulpturenboulevards anlässlich der 750-Jahr-Feier.

Warum heißt das Bikini-Haus Bikini-Haus?

"Blick vom Europa-Center auf das Bikini-Haus mit offenem Laubengang" (Ausschnitt), Foto © Friedhelm Denkeler 1976

„Blick vom Europa-Center auf das Bikini-Haus mit offenem Laubengang“ (Ausschnitt)
Foto © Friedhelm Denkeler 1976

Der in dieser Woche neu eröffnete Einkaufskomplex „Bikini Berlin“ befindet sich im 1956 errichteten, jetzt völlig umgebauten und vergrößerten, Bikini-Haus. Das Gebäude besteht aus sechs Etagen und hat im Erdgeschoss eine Ladenzeile unter einer offenen Kolonnade. Das zweite Geschoss war bis 1976 ein offener Laubengang (im ersten Ausschnitts-Foto gut zu sehen). Dadurch wirkte das Gebäude zweiteilig, eben wie ein Bikini.

Das offene Geschoss wurde 1978 zugunsten einer Kunsthalle geschlossen. Das gesamte „Zentrum am Zoo“, bestehend aus dem Bikini-Haus, dem Großen Hochhaus und dem Zoo-Palast steht seit 1994 unter Denkmalschutz. Von 2010 bis 2014 wurde das an der Budapester Straße befindliche Gebäude komplett umgebaut und zum Zoologischen Garten hin um Neubauten erweitert. Auf dem Dach des neu errichteten Anbaus befindet sich jetzt eine 7000 Quadratmeter große, frei zugängliche Dachterrasse mit Blick auf den Zoo.

"Blick vom Europa-Center auf den Breitscheidplatz", Foto © Friedhelm Denkeler 1976

„Blick vom Europa-Center auf den Breitscheidplatz“, Foto © Friedhelm Denkeler 1976

Zur Wintersonnenwende (1)

"Ein Weidenbaum während der Wintersonnenwende", aus der Serie "Photographien" (1982), Foto © Friedhelm Denkeler 1982

„Ein Weidenbaum während der Wintersonnenwende“, aus der Serie „Photographien“ (1982)
Foto © Friedhelm Denkeler 1982

Heute um 18.11 Uhr, zur Wintersonnenwende, ist der kürzeste Tag dieses Winters erreicht. Auf meiner Aufnahme aus dem Jahr 1982, gemacht um die Mittagszeit am 22. Dezember, wurde es scheinbar überhaupt nicht hell. Theoretisch scheint heute die Sonne ca. acht Stunden, in Berlin genau von 08.17 Uhr bis 15.51. Uhr. Aber: Theorie und Praxis liegen oft weit auseinander. Auf jeden Fall werden aber die Tage wieder länger.

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