Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Historisches Foto

Unregelmäßig zeige ich hier Photos aus meinem fotografischen Archiv (oft mit zusätzlichem Text). Außerdem gibt es unter der Überschrift »Vor dreißig Jahren …« Photos zu sehen, die immer genau vor 30 Jahren entstanden sind (in der Regel ohne weiteren Text).

"Der leidende Mensch am Europa-Center" (von Michael Ostwaldt, 20. bis 22. September 1969), Foto © Friedhelm Denkeler 1969
„Der leidende Mensch am Europa-Center“
(von Michael Ostwaldt, 20. bis 22. September 1969),
Foto © Friedhelm Denkeler 1969

Meine ersten Jahre in Berlin nutze ich 1968 und 1969 – vor allem, wenn man aus Ost-Westfalen kommt – natürlich zuerst dazu, eine Großstadt kennenzulernen. Das war in erster Linie die Gegend um den Kurfürstendamm mit seinen Urauffüh-rungskinos und alle Straßen rund um den Savignyplatz. Das Nachtleben spielte sich anfangs zwischen Sperlingsgasse und Loretta in der Lietzenburger Straße (beides gibt es heute nicht mehr) und später dann in Kreuzberg ab.

Die Stadterkundungen hielt ich in der Regel fotografisch fest und so entstand auch die folgende Aufnahme auf DIA-Film-Material, mit der ich 1969 eine spektakuläre Kunstaktion am Europa-Center festhielt.

Das Europa-Center war gerade erst vier Jahre alt, als die Fassade des Büro-Hochhauses mit einem 72 Meter hohen, 12 Meter breiten und 500 Kilo schweren Gemälde teilweise verdeckt wurde. In einer fünfstündigen Aktion wurde mit Hilfe des Technischen Hilfswerks (THW) in der Nacht vom 19. auf den 20. September das größte Gemälde der Welt angebracht. Es wurde in das Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen; allerdings dürften es nur wenige Berliner gesehen haben, denn nur zwei (!) Tage blieb es hängen.

Das Bild wurde vom Berliner Maler Michael Ostwald (*1925, †1995) geschaffen. Er arbeitete mit Atemschutzmaske ein ganzes Jahr daran und verbrauchte 80 Kilo Farbe. Das Bild sollte an das Elend in der Welt erinnern. Ostwald hoffte, dass sich das Leiden z.B. in Biafra und Vietnam dadurch verändern würde. Eingefädelt hatte die Kunstaktion Konrad Jule Hammer, der auf dem Dach des Europa-Centers einen Skulpturengarten betrieb und mit dem Hausherrn des Centers, Karl H. Pepper auch bei anderen Aktionen eng zusammenarbeitete.

"Partielle Sonnenfinsternis", Schloßpark Babelsberg, 11. August 1999, Foto © Friedhelm Denkeler 1999
„Partielle Sonnenfinsternis“, Schloßpark Babelsberg, 11. August 1999, Foto © Friedhelm Denkeler 1999

Die Sonnenfinsternis-Brillen aus dem Jahr 1999 waren leider in unserem Archiv nicht mehr zu finden und in den Geschäften waren sie ausverkauft. Also blieb ich sicherheitshalber vormittags am Schreibtisch sitzen und suchte ein 16 Jahre altes Foto heraus. Es entstand am 11. August 1999 im Schloßpark Babelsberg in Potsdam. Glücklicherweise war der Himmel leicht bewölkt und die Gefahr nicht ganz so groß; die analoge Kamera hat die Aufnahmen ebenfalls schadlos überstanden.

Die Sonne wurde zu 89 Prozent in der Hauptstadtregion verfinstert (in Süddeutschland bis zu 100%). Ein merkwürdiges Gefühl, als es mitten im Sommer um die Mittagszeit dieses „komische“ Licht gab. Die heutige Verschattung wird in Berlin maximal 74 Prozent betragen. Die nächsten Sonnenfinsternisse gib es am 3. September 2081 (80 bis 100% in Deutschland) und am 7. Oktober 2135 (100% in Mitteldeutschland).

Die Nacht der offenen Mauer in Berlin

Mit den Worten “Das tritt nach meiner Kenntnis …  ist das sofort, unverzüglich” antwortete heute vor 25 Jahren Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros des ZK der SED, am Abend des 9. November 1989 auf die Frage eines Journalisten, ab wann die neue Reiseregelung in Kraft trete. Und es setzte eine beispiellose Nacht ein, in der West-Berlin durch die Mauer hindurch von den Ost-Berlinern gestürmt wurde und sie – wie mein Bild zeigt – entsprechend von den West-Berlinern empfangen wurde.

“9. November 1989, Grenzübergang Sonnenallee”, aus dem Portfolio “9. November 1989 - Berlin nun freue dich”, Foto © Friedhelm Denkeler 1989
“9. November 1989, Grenzübergang Sonnenallee”, aus dem Portfolio “9. November 1989 – Berlin nun freue dich”, Foto © Friedhelm Denkeler 1989

Den unten abgebildeten „Zettel“ hat Schabowski von Egon Krenz am Rande der Sitzung des Zentralkomitees erhalten und auf seiner Pressekonferenz verlesen. Er enthält keinen Hinweis darauf, dass die neue Regelung erst am folgenden Tag, dem 10. November, in Kraft treten soll. Mit der Bekanntgabe dieser Pressemitteilung im Internationalen Pressezentrum in der Berliner Mohrenstraße wird das Signal zur friedlichen Überwindung der Mauer gegeben. Alle Regularien und Vorbehalte, die dieses Papier durchaus noch enthält, werden in den folgenden Stunden ignoriert. Wahrgenommen wird nur die Botschaft: Die Grenze ist offen. [Quelle: BStU]

Pressemitteilung der ADN am 9. November 1989, Quelle: BStU
Pressemitteilung der ADN am 9. November 1989, Quelle: BStU

9. November 1989 – Berlin, nun freue dich” unter diesem Titel habe ich die Fotos, die ich in der Nacht vom 9. auf den 10. November am Grenzübergang Sonnenallee und am Brandenburger Tor gemacht habe, anlässlich der 20. Wiederkehr der Maueröffnung im Jahr 2009, als Portfolio und Autorenbuch neu zusammengestellt. Eine Auswahl finden Sie auf meiner Website „Lichtbilder„.