Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Ausstellung

Entsprechend des Blog-Untertitels „Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst“ werden in dieser Rubrik in erster Linie selbst besuchte Ausstellungen, hauptsächlich in Berlin, zur Photographie und zur Kunst besprochen. Hin und wieder wird auch eine geplante Ausstellung angekündigt.

Ein magersüchtiger Jüngling

"Statuette eines nackten Jüngling", 1827 aus Slg. Oddi, Perugia (Italien), Bronze, um 500 v. Chr., Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Statuette eines nackten Jüngling“, 1827 aus Slg. Oddi, Perugia (Italien),
Bronze, um 500 v. Chr., Foto © Friedhelm Denkeler 2018

 

„Die Statuette entspricht dem Typus eines griechischen Kuros. Abweichend davon sind die Arme vorgestreckt. Sie kennzeichnen den Mann möglicherweise als Adoranten.“ [Altes Museum Berlin]

„Kuros = moderne Bezeichnung für die Statue eines jungen Mannes in der griechischen Kunst der Archaik. Das weibliche Pendant bezeichnet man als Kore.“ [Wikipedia] „Adorant = stehende oder kniende Gestalt, die mit erhobenen Händen Gott anbetet oder einen Heiligen verehrt in der christlichen Kunst.“ [Duden]

Die verwundete Amazone

"Verwundete Amazone des Polyklet von Argos", Rom, Quirinal, Marmor, römisch, nach Original 430 v.Chr. (erworben 1869), Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Verwundete Amazone des Polyklet von Argos“, Rom, Quirinal,
Marmor, römisch, nach Original 430 v.Chr. (erworben 1869),
Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Aus der Antike ist ein Wettbewerb der berühmtesten Bildhauer klassischer Zeit um die Darstellung einer verwunderten Amazone überliefert. Polyklets Werk wurde als bestes erkannt und zu einem der berühmtesten Meisterwerke der Klassik. In römischer Zeit vielfach wiederholt, gehört die Berliner Statue zu den besten Kopien.“ „Die Amazone ist mit doppelt gegürtetem, kurzem Chiton bekleidet und trägt eine tiefe blutende Wunde neben der rechten Brust.“ [Altes Museum Berlin].

Szenen aus dem Leben

"Grabpfeiler des Metrodor, Sohn des Theoeiton", Insel Chios (Griechenland), Blau-grauer Marmor, 3. Jh. v. Chr., Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Grabpfeiler des Metrodor, Sohn des Theoeiton“, Insel Chios,
Blau-grauer Marmor, 3. Jh. v. Chr., Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Nur aus Chios ist eine kleine Gruppe ähnlich dekorierter Grabsteine bekannt. Ihre kontrastreiche Wirkung beruht auf dem Wechselspiel zwischen erhabenen und vertieft gearbeiteten Flächen. In den Mittelfeldern sind Szenen aus dem Leben des Verstorbenen dargestellt; die Friese nehmen Themen klassischer Tempelfriese und Grabmonumente auf.“ [Altes Museum Berlin]

Ein schönes Meeresungeheuer

"Daunisches Prunkgefäß", Canosa (Italien), um 300 v.Chr., Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Daunisches Prunkgefäß“, Canosa (Italien), um 300 v.Chr., Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Dieses auffällige Gefäß ist mit zahlreichen figürlichen Aufsätzen (Protomen) und rundplastischen Figuren verziert, darunter dem Ungeheuer Skylla. Zudem ist es grell bunt bemalt. Es entstammt der einheimischen Produktion in Nordapulien. Vergleichbare Stücke fanden sich dort häufig in Gräbern.“ [Altes Museum Berlin]

„Skylla (auch Scylla oder Szylla; griech. Σκύλλα) ist ein Meeresungeheuer aus der griechischen Mythologie mit dem Oberkörper einer jungen Frau und einem Unterleib, der aus sechs Hunden besteht. Eine berühmte hellenistische Statuengruppe aus Sperlonga, die sog. Skylla-Gruppe, zeigt das Ungeheuer beim Angriff auf Odysseus und seine Männer.“ [Wikipedia]

Wenn die Hand in der Natur zur Skulptur wird …

Auf vertrauten Wegen – »Sommer in einer Hand« von Friedhelm Denkeler

Die fünf Künstler der »momenta« im Roxypalast Berlin-Friedenau (5)

Friedhelm Denkeler: "Sommer in einer Hand", Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin-Friedenau, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Friedhelm Denkeler: »Sommer in einer Hand«, Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin-Friedenau
Foto © Friedhelm Denkeler 2018

In loser Reihenfolge stelle ich die fünf Künstler der Ausstellung “Die Künstlergruppe »momenta« zu Gast im Roxy-Palast – Malerei | Fotografie – Fünf Künstler – ein Ort – vier Wochen” vor.

Und nun zum Abschluss der Vorstellung der fünf Künstler der »momenta«, ein paar Worte zu Friedhelm Denkelers Arbeit »Sommer in einer Hand«. 1985 fuhr er mit dem Fahrrad die Spuren seiner Kinderzeit und Jugendjahre auf dem Lande in Ost-Westfalen ab. Auch wenn er seit Jahren in der Stadt lebt, spielte in dieser Serie die Natur, so wie er sie auch heute noch in Erinnerung hat, die Hauptrolle. Seine eigene Hand in den Bildern deutet den persönlichen Bezug an, aber auch ein fremder Betrachter kann sich in den Bildern sicherlich wieder finden. Es geht nicht nur um das visuelle Erlebnis auf dem Lande und die Ursprünglichkeit, sondern auch um eine haptische Wahrnehmung der Natur. Die große Rolle der Hand, etwa durch Überstreichen der Oberfläche und Nachfahren der Konturen, bedeutet die sinnliche Erfahrung als Ergänzung zu der visuellen Wahrnehmung. Die Bilder habe ich erst 30 Jahre später entwickelt und ausgewertet. Sie sind in der »momenta« erstmalig öffentlich ausgestellt.

FRIEDHELM DENKELER lebt und arbeitet seit 1968 in Berlin. Neben seiner Technischen Ausbildung an der Beuth-Hochschule Berlin hat er an der Werkstatt für Photographie Kreuzberg und als Privat-Schüler von Michael Schmidt seine Fotografische Ausbildung erhalten. Seit 1978 stellt er freie fotografische Arbeiten in Form von Portfolios und Autorenbüchern her. Seine Arbeiten sind auf der Website www.denkeler-foto.de und auf dem Blog »Journal – Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst« zu sehen. Denkelers Arbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen: Rudolf Kicken Galerie, Köln, the ffoto gallery, Cardiff, Wales, Fotogalerie, Oslo, Castelli Graphics, New York, Jones/Troyer Gallery, Washington D.C., Galerie Fotohof, Salzburg, Centre de la photographie, Genf, Berlinische Galerie, Berlin, Neue Gesellschaft für bildende Kunst, Berlin, Yale University Art Galerie, New Haven und C/O Berlin. Die Serie »Sommer in einer Hand« besteht aus insgesamt 64 Bildern in den Maßen 45 x 30 cm. 25 Bilder aus dieser Serie werden in der Ausstellung gezeigt. www.denkeler-foto.de.

Denkelers Werke sind zur Zeit in Friedenau in der Ausstellung »momenta« im ehemaligen Roxy-Palast in der Hauptstraße 78/79, 12159 Berlin, Donnerstag/Freitag 15–20 Uhr und Samstag/Sonntag 12–17 Uhr, noch bis zum 12. Mai 2018 zu sehen. www.momenta-berlin.de. Friedhelm Denkeler ist am 10. Mai 2018 (Feiertag!), 15–20 Uhr und am 12. Mai 2018 (letzter Tag!), 12–17 Uhr, in der Ausstellung anwesend.

Außerdem zeigt Friedhelm Denkeler noch bis zum 4. Juni 2018 seine Arbeit „Second Hand Model“ im Theater O-TonArt in Berlin-Schöneberg.

Die hängenden Bilder der »momenta«

Horst Hinder nimmt die Stadt auseinander und setzt sie neu zusammen

Die fünf Künstler der »momenta« im Roxypalast Berlin-Friedenau (4)

Horst Hinder: "Fotografische Collagen", Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin-Friedenau, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Horst Hinder: „Fotografische Collagen“, Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin-Friedenau
Foto © Friedhelm Denkeler 2018

In loser Reihenfolge stelle ich die fünf Künstler der Ausstellung “Die Künstlergruppe »momenta« zu Gast im Roxy-Palast – Malerei | Fotografie – Fünf Künstler – ein Ort – vier Wochen” vor.

Zu Horst Hinders Fotografischen Collagen fällt mir als Erstes der Song von Peter Fox ein „Guten Morgen Berlin, du kannst so schön schrecklich sein“. Hinder nimmt die Stadt fotografisch auseinander und setzt sie Quadrat für Quadrat wieder zu neuen quadratischen Collagen zusammen. Bei der Interpretation der Bilder hilft uns der Bildtitel, zum Beispiel „7 x 7“, auch nicht viel weiter, außer dass man sich ausrechnen kann, aus wie vielen Quadraten ein einzelnes Bild besteht. Die Quadrate sind aber nicht nach dem Zufallsprinzip ausgeordnet, sondern fügen sind nach Strukturen, Themen und Farben zusammen. Ein Gesetz lässt sich daraus nicht erkennen, obwohl jeder zugeben muss, dass das Ergebnis exzellent ist. Der Philosoph Reinhard Knodt spricht hier von „ästhetischen Korrespondenzen“; das Spiel zwischen Notwendigkeit und Möglichkeit sind im Auge des Betrachters vielfältig interpretierbar. Eine Schwebe, die uns in den Bann zieht. www.horst-hinder.de

HORST HINDER. Geboren 1961 in Weidenhausen, Hessen – seit 1985 in Berlin. Nach dem Abitur Ausbildung zum Korbmachergesellen und Ausübung des Handwerks. Von 1989-94 Studium an der Hochschule der Künste in Berlin mit dem Abschluss als Diplom-Kommunikationswirt. Seit 1993 selbständig und freischaffend als Grafiker und Fotograf tätig.

Hinders Werke sind zur Zeit in Berlin-Friedenau in der Ausstellung »momenta« im ehemaligen Roxy-Palast in der Hauptstraße 78/79, 12159 Berlin, Donnerstag/Freitag 15–20 Uhr und Samstag/Sonntag 12–17 Uhr, noch bis zum 12. Mai 2018 zu sehen. www.momenta-berlin.de.

Wenn die Fische Trauer tragen …

Die gemalten, eigenwilligen »Stadtlandschaften« des Thomas Boenisch

Die fünf Künstler der »momenta« im Roxypalast Berlin-Friedenau (3)

Thomas Boenisch mit »Stadtlandschaften« (Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin-Friedenau 2018), Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Thomas Boenisch mit »Stadtlandschaften« (Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin-Friedenau 2018)
Foto © Friedhelm Denkeler 2018

In loser Reihenfolge stelle ich die fünf Künstler der Ausstellung “Die Künstlergruppe »momenta« zu Gast im Roxy-Palast – Malerei | Fotografie – Fünf Künstler – ein Ort – vier Wochen” vor.

Die Stadtlandschaften von Thomas Boenisch bezeichnet er selbst als „eigenwillig“. Sie sind als malerisches Reisetagebuch zu den südeuropäischen Städten wie Venedig, Neapel, Lissabon oder Pamplona zu sehen. Seine Städte sieht er wie einen Stadtplan von oben; Ausgangspunkt der Gemälde sind stets maßstabsgetreue Kartographien. Wie beim Reisen üblich entdeckt er dabei Neues. Dass Venedig, wenn man auf eine Landkarte schaut, die Form eines Fisches hat, haben sicherlich schon einige entdeckt, aber auch in den anderen Städten hat Boenisch Formen, wie zum Beispiel Schmetterlinge, entdeckt und macht sie uns in seinen farbenprächtigen Bildern sichtbar.

THOMAS BOENISCH. Geboren in Berlin. Ausbildung zum Werbegestalter, Plakatmaler, Siebdrucker und Grafiker. In den 60er Jahren Gruppen- und Einzelausstellungen in Berliner Cafés und Galerien mit experimentellen Popart-Plakaten und Objekten. In den 70er Jahren stärkere Hinwendung zu politischen Sujets und realistischer Malweise. Die Werke aus dieser Schaffensphase wurden bis in die 90er Jahre regelmäßig auf der Freien Berliner Kunstausstellung (FBK) gezeigt und waren bei diversen Gruppenausstellungen in Berliner Galerien zu sehen. Seit Ende der 1990er Jahre Interesse an urbanen Strukturen und deren verborgenem, fantastischem Innenleben. Seit 2010 mehrfach Einzelausstellungen der »Stadtlandschaften« in öffentlichen Räumen. www.thomasboenisch.de.

Boenischs Werke sind zur Zeit in Friedenau in der Ausstellung »momenta« im ehemaligen Roxy-Palast in der Hauptstraße 78/79, 12159 Berlin, Donnerstag/Freitag 15–20 Uhr und Samstag/Sonntag 12–17 Uhr, noch bis zum 12. Mai 2018 zu sehen. www.momenta-berlin.de.

Menschen, die auf Leuchtmittel starren …

Der Immersive Realismus des Aleksander Gudalo

Die fünf Künstler der »momenta« im Roxypalast Berlin-Friedenau (2)

Aleksander Gudalo mit "Screen 3" (li.) und "Sreen 1" (re.), (Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin-Friedenau 2018). Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Aleksander Gudalo mit „Screen 3“ (li.) und „Sreen 1“ (re.),
Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin-Friedenau 2018,
Foto © Friedhelm Denkeler 2018

In loser Reihenfolge stelle ich die fünf Künstler der Ausstellung “Die Künstlergruppe »momenta« zu Gast im Roxy-Palast – Malerei | Fotografie – Fünf Künstler – ein Ort – vier Wochen” vor.

Zu Aleksander Gudalos Werken fällt mir als erstes der Film “Melancholia” von Lars von Trier ein. Parallelen sehe ich auch zum Theaterstück über den Film “Kinder des Olymps” (aktuell im Berliner Ensemble). Wie in Gudalos Werken stehen die Menschen in beiden Stücken leblos im Halbdunkel herum und harren der Dinge die kommen. Bei Gudalo starren sie in einer virtuellen Welt auf Bildschirme; er spricht vom “Immersiven Realismus”. Das meint, anstelle der Wahrnehmung der eigenen Person in der realen Welt, das Eintauchen in eine virtuelle Welt (Immersion kommt aus der Computerspiele-Welt). So gesehen zeigen Gudalos Bilder zeitbezogen die immer währenden Fragen nach der Absurdität des menschlichen Lebens. Die mysteriöse Rätselhaftigkeit der stereotypisierten Protagonisten hinterfragen nicht nur das Sein des Handelnden, sondern auch das Wahrnehmbare und Deutbare der Handlung selbst.

ALEKSANDER GUDALO ist ein Berliner Künstler. Er studierte Malerei an der Rhein-Sieg-Kunstakademie, Philosophie und Informatik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Aus diesem breitgefächerten Kontext heraus entwickelt er seine künstlerischen Arbeiten. www.gudalo.de.

Gudalos Werke sind zur Zeit in Friedenau in der Ausstellung »momenta« im ehemaligen Roxy-Palast in der Hauptstraße 78/79, 12159 Berlin, Donnerstag/Freitag 15–20 Uhr und Samstag/Sonntag 12–17 Uhr, noch bis zum 12. Mai 2018 zu sehen. www.momenta-berlin.de.

Geht das Gallery Weekend an Friedenau vorbei?

Vernissage »momenta« im Roxy-Palast am 11. April 2018 mit den fünf Künstlern Friedhelm Denkeler, Aleksander Gudalo, Thomas Boenisch, Dieter Franke und Horst Hinder, Alle Fotos © Dietmar Bührer, Collage © Friedhelm Denkeler

Vernissage »momenta« im Roxy-Palast am 11. April 2018 mit den fünf Künstlern
Friedhelm Denkeler, Aleksander Gudalo, Thomas Boenisch, Dieter Franke und Horst Hinder,
Alle Fotos © Dietmar Bührer 2018, Collage © Friedhelm Denkeler 2018

Geht das »Gallery Weekend Berlin« an Friedenau vorbei? Wenn man sich die Karte auf der Website ansieht, müßte man die Frage mit „Ja“ beantworten. Aber Friedenau hat bis zum 12. Mai 2018 die »momenta« Fünf Künstler – ein Ort – vier Wochen – Malerei – Fotografie im Roxy-Palast in der Haupstraße 78/79, Berlin-Friedenau, zu Gast (Öffnungszeiten: Donnerstag – Freitag 15 – 20 Uhr, Samstag – Sonntag 12 – 17 Uhr).

Vernissage »momenta« im Roxy-Palast am 11. April 2018  mit den fünf Künstlern Friedhelm Denkeler, Aleksander Gudalo, Thomas Boenisch, Dieter Franke und Horst Hinder, Fotos © div. 2018, Collage © Friedhelm Denkeler 2018

Vernissage »momenta« im Roxy-Palast am 11. April 2018 mit den fünf Künstlern
Friedhelm Denkeler, Aleksander Gudalo, Thomas Boenisch, Dieter Franke und Horst Hinder,
Fotos © div. 2018, Collage © Friedhelm Denkeler 2018

Das blutrote Alizarin-Karmesin

Komplexität und Struktur des Gegenstandslosen bei Dieter Franke

Die fünf Künstler der »momenta« im Roxypalast Berlin-Friedenau (1)

Dieter Franke mit "[vitrum] 014", 2016, Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin-Friedenau, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Dieter Franke mit „[vitrum] 014“, 2016, Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin-Friedenau,
Foto © Friedhelm Denkeler 2018

In loser Reihenfolge stelle ich die fünf Künstler der Ausstellung „Die Künstlergruppe »momenta« zu Gast im Roxy-Palast – Malerei | Fotografie – Fünf Künstler – ein Ort – vier Wochen“ vor.

Gegenstand der Malerei von Dieter Franke ist das Gegenstandslose auf Leinwand und Acrylglas. Es gibt keinen verborgenen Code und keine vorweggenommene Inhaltsdeutung. Der Betrachter kann voll in den leuchtstarken, intensiven Pigmenten, wie dem blutroten Alizarin-Karmesin, schwelgen und seiner Phantasie freien Lauf lassen. Dieter Franke bewegt sich zwischen Konzeption und Zufall, zwischen überlegter Aktion und gefühlsmäßiger Reaktion. Besonders interessant ist seine Spachteltechnik auf Acrylglas, genauer hinter Glas. Seine Bilder muss er seitenverkehrt malen. Die Malschichten werden in der Reihenfolge wie wir sie sehen, umgekehrt aufgebracht. Die Deckschicht erfolgt zum Schluss. Für Dieter Franke gehört Einbeziehung der Umgebung durch die spiegelnde Glasoberfläche mit zu seinem Konzept, das Bild überschreitet dadurch seine durch das Format gesetzten Grenzen.

DIETER FRANKE Geboren 1958 in Baden-Baden. Studium an der Freie Kunstschule Stuttgart: Studium Freie Graphik, Fotografie. Neben der künstlerischen Tätigkeit verschiedene freie Arbeiten für Museen,Veranstaltungen, Messen und Modenschauen. Lebensräume: Baden-Baden, Stuttgart, Hamburg, Berlin, Karlsruhe. Lebt und arbeitet in Karlsruhe. www.dieterfranke.net.

Frankes Werke sind zur Zeit in Friedenau in der Ausstellung »momenta« im ehemaligen Roxy-Palast in der Hauptstraße 78/79, 12159 Berlin, Donnerstag/Freitag 15–20 Uhr und Samstag/Sonntag 12–17 Uhr, noch bis zum 12. Mai 2018 zu sehen. www.momenta-berlin.de.

Die »momenta« ist eröffnet

Einführung in die Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin
unter dem Motto Fünf Künstler – ein Ort – vier Wochen
anlässlich der Eröffnung am 11. April 2018

Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin-Friedenau 2018 mit den fünf Künstlern Friedhelm Denkeler, Aleksander Gudalo, Thomas Boenisch, Dieter Franke und Horst Hinder, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin-Friedenau 2018 mit den fünf Künstlern Friedhelm Denkeler,
Aleksander Gudalo, Thomas Boenisch, Dieter Franke und Horst Hinder, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Die Gruppe »momenta« versteht sich als loser Zusammenschluss von Künstlern aus Berlin und außerhalb, die gemeinsam temporäre Ausstellungen an außergewöhnlichen Orten veranstalten. Der Name der Gruppe weist auf die temporäre Nutzung von freien Räumlichkeiten in der Stadt hin. Auch in der Vergangenheit stellten die Künstler in wechselnder Zusammensetzung gemeinsam aus: so zum Beispiel 2013 im Bayer-Haus am Kurfürstendamm. Die Künstler nehmen die Herausforderung an, einen Raum ohne galerietypische Bedingungen zu bespielen. Die »momenta« ist eine Produzentengalerie, d.h. die Künstler schaffen nicht nur die ausgestellte Kunst, sondern realisieren gleichzeitig die gesamte Ausstellung. Durch die Zwischennutzung kann der Eigentümer einen Qualitäts- und Imageverlust der Immobilie vermeiden. Beide Parteien profitieren also von diesem Projekt.

Der Roxy-Palast wurde 1929 als Lichtspieltheater und Geschäftshaus fertiggestellt. Der von Martin Punitzer im Stil der Neuen Sachlichkeit entworfene Bau wurde in Stahlskelettbauweise errichtet und im Zweiten Weltkrieg teilzerstört, 1951 wieder aufgebaut und steht seit 1988 unter Denkmalschutz, das bezieht sich insbesondere auf die Fassade, die durch die drei langgestreckten, durchgängigen Fensterbänder geprägt ist. Sie sollen symbolisch für Filmbänder stehen. Die fünf Streifen in unserem Schriftzug »momenta« weisen dagegen auf die fünf beteiligten Künstler hin. Ich möchte sie nun in der umgekehrten Reihenfolge wie sie in der Einladung und im Katalog stehen, vorstellen (sonst müßte ich mit meiner Person zuerst anfangen).

Zu Horst Hinders Fotografischen Collagen fällt mir als Erstes der Song von Peter Fox ein „Guten Morgen Berlin, du kannst so schön schrecklich sein“. Hinder nimmt die Stadt fotografisch auseinander und setzt sie Quadrat für Quadrat wieder zu neuen quadratischen Collagen zusammen. Bei der Interpretation der Bilder hilft uns der Bildtitel, zum Beispiel „7 x 7“, auch nicht viel weiter, außer dass man sich ausrechnen kann, aus wie vielen Quadraten ein einzelnes Bild besteht. Die Quadrate sind aber nicht nach dem Zufallsprinzip ausgeordnet, sondern fügen sind nach Strukturen, Themen und Farben zusammen. Ein Gesetz lässt sich daraus nicht erkennen, obwohl jeder zugeben muss, dass das Ergebnis exzellent ist. Der Philosoph Reinhard Knodt spricht hier von „ästhetischen Korrespondenzen“; das Spiel zwischen Notwendigkeit und Möglichkeit sind im Auge des Betrachters vielfältig interpretierbar. Eine Schwebe, die uns in den Bann zieht; sehen Sie selbst.

Gegenstand der Malerei von Dieter Franke ist das Gegenstandslose auf Leinwand und Acrylglas. Es gibt keinen verborgenen Code und keine vorweggenommene Inhaltsdeutung. Der Betrachter kann voll in den leuchtstarken, intensiven Pigmenten, wie dem blutroten Alizarin-Karmesin, schwelgen und seiner Phantasie freien Lauf lassen. Dieter Franke bewegt sich zwischen Konzeption und Zufall, zwischen überlegter Aktion und gefühlsmäßiger Reaktion. Besonders interessant ist seine Spachteltechnik auf Acrylglas, genauer hinter Glas. Seine Bilder muss er seitenverkehrt malen. Die Malschichten werden in der Reihenfolge wie wir sie sehen, umgekehrt aufgebracht. Die Deckschicht erfolgt zum Schluss. Für Dieter Franke gehört Einbeziehung der Umgebung durch die spiegelnde Glasoberfläche mit zu seinem Konzept, das Bild überschreitet dadurch seine durch das Format gesetzten Grenzen.

Thomas Boenischs Stadtlandschaften bezeichnet er selbst als „eigenwillig“. Sie sind als malerisches Reisetagebuch zu den südeuropäischen Städten wie Venedig, Neapel, Lissabon oder Pamplona zu sehen. Seine Städte sieht er wie einen Stadtplan von oben; Ausgangspunkt der Gemälde sind stets maßstabsgetreue Kartographien. Wie beim Reisen üblich entdeckt er dabei Neues. Dass Venedig, wenn man auf eine Landkarte schaut, die Form eines Fisches hat, haben sicherlich schon einige entdeckt, aber auch in den anderen Städten hat Boenisch Formen, wie zum Beispiel Schmetterlinge, entdeckt und macht sie uns in seinen farbenprächtigen Bildern sichtbar.

Zu Aleksander Gudalos Werken fällt mir als erstes der Film „Melancholia“ von Lars von Trier ein. Parallelen sehe ich auch zum Theaterstück über den Film „Kinder des Olymps“ (aktuell im Berliner Ensemble). Wie in Gudalos Werken stehen die Menschen in beiden Stücken leblos im Halbdunkel herum und harren der Dinge die kommen. Bei Gudalo starren sie in einer virtuellen Welt auf Bildschirme; er spricht vom „Immersiven Realismus“. Das meint, anstelle der Wahrnehmung der eigenen Person in der realen Welt, das Eintauchen in eine virtuelle Welt (Immersion kommt aus der Computerspiele-Welt). So gesehen zeigen Gudalos Bilder zeitbezogen die immer währenden Fragen nach der Absurdität des menschlichen Lebens.

Und nun zu guter Letzt, ein paar Worte zu meiner eigenen Arbeit „Sommer in einer Hand“. 1985 fuhr ich mit dem Fahrrad die Spuren meiner Kinderzeit und Jugendjahre auf dem Lande in Ost-Westfalen ab. Auch wenn ich seit Jahren in der Stadt lebe, spielte in dieser Serie die Natur, so wie ich sie auch heute noch in Erinnerung hat, die Hauptrolle. Meine eigene Hand in den Bildern deutet den persönlichen Bezug an, aber auch ein fremder Betrachter kann sich in den Bildern sicherlich wieder finden. Es geht nicht nur um das visuelle Erlebnis auf dem Lande und die Ursprünglichkeit, sondern auch um eine haptische Wahrnehmung der Natur. Die große Rolle der Hand, etwa durch Überstreichen der Oberfläche und Nachfahren der Konturen, bedeutet die sinnliche Erfahrung als Ergänzung zu der visuellen Wahrnehmung. Die Bilder habe ich erst 30 Jahre später entwickelt und ausgewertet. Sie sind in der »momenta« erstmalig öffentlich ausgestellt.

Zum Schluss ein Dankeschön an alle meine vier Kollegen und an weitere Unterstützer: an Horst Hinder für die Gestaltung von Einladungskarte und Plakat, an Dieter Franke für das Layout des Katalogs, an Gregor Elsner für die Ausstellungsgestaltung, an Thomas Boenisch für das Drucktechnische und an Aleksander Gudalo für die Betreuung der Website momenta-berlin.de. Ein Dank geht auch an die Unterstützer Fa. System 180 für die Zurverfügungstellung der Möbel, an Herrn Peters von der Fa. Barings und an Sabine Ohrtmann für die Betreuung während der vierwöchigen Vorbereitungszeit.

Wie geht es weiter? Vielleicht gibt es ja eine Momenta II? Vorschläge für ausgefallene Orte nehmen wir gern entgegen. Zum Schluss noch ein Zitat vom kürzlich verstorbenen Berliner Schriftsteller Michael Rutschky. Er sagte anlässlich der Herausgabe eines Fotobuches „Man sollte sich nicht allein auf Worte verlassen“. In diesem Sinne: Viel Freude beim Betrachten der Bilder und bilden Sie sich ein eigenes Urteil. Die Ausstellung ist eröffnet.

Rede von Friedhelm Denkeler, frei gehalten, während der Vernissage der »momenta«
am 11.04.2018 im ehemaligen Roxy-Palast.

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