Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Ausstellung

Entsprechend des Blog-Untertitels “Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst” werden in dieser Rubrik in erster Linie selbst besuchte Ausstellungen, hauptsächlich in Berlin, zur Photographie und zur Kunst besprochen. Hin und wieder wird auch eine geplante Ausstellung angekündigt.

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Why Color?

Ausstellung Joel Meyerrowitz: "Why Color?" bei C/O Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Ausstellung Joel Meyerrowitz: “Why Color?” bei C/O Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Neben Stephen Shore und William Egglelston gehört Joel Meyerrowitz zu den drei großen US-Amerikanischen Farb-Fotografen. Ihm ist zur Zeit die aktuelle Ausstellung unter dem Titel “Why Color?” bei C/O Berlin im Amerika-Haus gewidmet (bis  11. März 2018). Ein Bericht folgt. www.co-berlin.org

Pictures From The New World

“Message to the Future” – Photographien von Danny Lyon bei C/O Berlin

Das wirksamste Element im Kunstwerk ist nicht selten das Schweigen

Meine größte Stärke ist meine Empathie mit Menschen, die anders sind als ich … Mir ging es um die Fotografie und um Bücher … Ich bin ausgestiegen, ohne je zurückzublicken. Ich habe diese Dinge als Themen betrachtet und mich selbst als Journalisten … Die Fotografie ist eine einsame Reise – das hat Robert Frank gesagt – man muss wirklich sich selbst sein, weil man versucht, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Ich hab mir das Leben sehr schwer gemacht, um etwas zu schaffen … Manchmal frage ich mich, ob ich die Vergangenheit festhalte oder ob ich hier der Zukunft begegne. [Danny Lyon]

"C/O-Zeitung mit Foto von Danny Lyon", Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“C/O-Zeitung mit Foto von Danny Lyon”,
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Seit den 1960er Jahren fotografiert der US-amerikanische Fotograf Danny Lyon, geboren 1942, soziale Außenseiter, Subkulturen und gesellschafts-politische Themen. Er möchte der üblichen Berichterstattung in den Massenmedien alternative Sichtweisen entgegenzustellen. Man könnte seine Arbeit als teilnehmende Dokumentation bezeichnen, indem er oft über eine längere Zeit eine Beziehung zu seinen Protagonisten aufbaut.

Und dazu gehört für Lyon selbstverständlich auch seine Familie. So wie wir es an der Werkstatt für Photographie in den 1970er Jahren gelernt haben, ist Danny Lyon als Autorenfotograf anzusehen. Noch stärker als in der Ausstellung “Message to the Future” bei C/O Berlin ist das in dem Buch Danny Lyon: “Pictures From The New World” aus dem Jahr 1970 zu spüren. Für mich eines der wichtigsten und intensivsten Fotobücher überhaupt. Es war maßgeblich an meiner fotografischen Entwicklung beteiligt. Sehr gut trifft das folgende Zitat auf Lyons Arbeit zu, insbesondere wenn man das Buch zu Grunde legt.

“Im strengsten Sinne sind alle Bewusstseinsinhalte unnennbar. Selbst die einfachste Wahrnehmung ist in ihrer Totalität unbeschreibbar. Jedes Kunstwerk muss daher nicht nur als etwas Dargestelltes verstanden werden, sondern gleichzeitig als ein Versuch, das Unsagbare auszudrücken. In den größten Kunstwerken schwingt stets etwas mit, das sich nicht in Worte fassen lässt, etwas von dem Widerspruch zwischen dem Ausdruck und der Gegenwart des Unausdrückbaren. Stilmittel sind immer auch Methoden der Vermeidung. Das wirksamste Element im Kunstwerk ist nicht selten das Schweigen.” [Susan Sontag, in “Against Interpretation”]

Die umfangreiche Retrospektive bei C/O ist mit rund 175 Photographien anhand seiner sozialen Projekte strukturiert. Sie beginnt mit Lyons frühsten Fotografien, die im Rahmen der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre entstanden sind. 1963 wendet sich Danny Lyon der Subkultur der Biker und ihrem gesellschaftlichen Image zwischen gefürchteter Kompromisslosigkeit und romantisiertem Freiheitsdrang zu. Vier Jahre lang begleitet er die Biker-Gang als Mitglied. 1966 zieht er zurück in seine Heimatstadt New York und hält fest, wie die Architekturgeschichte des 19. Jahrhunderts unter den Abrissbirnen verschwindet.

Danny Lyon: "Pictures From The New World" (1970, Aperture), Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Danny Lyon: “Pictures From The New World” (1970, Aperture), Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Im nächsten Projekt geht es um das Leben der Insassen, um ihren Alltag in den Gefängnissen und um die Härte des amerikanischen Strafvollzugs. Lyon erhält 1967 Zugang zu allen Gefängnissen des Bundesstaates Texas. Seine Begegnungen mit den Häftlingen, die er auch filmisch dokumentiert, zeugen von aufrichtigem Interesse für ihre persönlichen Geschichten.

1970 findet Lyon in der Kleinstadt Bernalillo in New Mexico ein neues Zuhause. Er freundet sich mit den Arbeitern aus seiner Nachbarschaft an, mit Latinos und amerikanischen Ureinwohnern, mit kleinkriminellen Jugendlichen oder mit illegalen Arbeitern aus der Umgebung, deren Erfahrung im Überqueren der mexikanisch-amerikanischen Grenze er aufzeichnet. Sein nahes Umfeld wie auch seine Familie geraten zunehmend ins Blickfeld seiner Kamera. Weitere Arbeiten entstehen in Kolumbien, Bolivien, Haiti und China. Die Ausstellung, die bereits zu Ende gegangen ist, zeigte auch Collagen und Materialien aus Danny Lyons privatem Archiv.

Zur Ausstellung Danny Lyon: "Message to the Future", Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Zur Ausstellung Danny Lyon: “Message to the Future”, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Eine ost-westliche Bilderbiografie in Schwarzweiß

Barbara Wolff: “In eigener Sache”, Ausstellung
in der Collection Regard bis 08.12.2017

Fotografie ist mein Leben. Es sind die Bilder, die bleiben … Somit prägt die Erinnerung die Bilder – oder besser: Die Bilder prägen die Erinnerung. [Barbara Wolff]

“Fixpunkte im Werk von Barbara Wolff sind immer wieder Aufzeichnungen von biografischen Augenblicken und prägenden Stationen ihres Lebens in der DDR und in der Bundesrepublik – es entstehen mit persönlicher und subjektiver Bedeutsamkeit aufgeladene fotografische Momente, die den Betrachter einbeziehen in Barbara Wolffs individuelle Erfahrungswelt. Gleichzeitig gelingt Barbara Wolff auch die Abstraktion und Verallgemeinerung der persönlich-subjektiven Herangehensweise. Sie erschafft universell gültige, in ihrer Wahrheit über den Menschen berührende und so wiederum mit Bedeutsamkeit aufgeladene fotografische Momente, die durch ihre Allgemeingültigkeit eine gemeinsame Ebene und Kommunikationsmöglichkeit zwischen der Erfahrungswelt des Betrachters und der Fotografin herstellen.

Diese Werke gehen über die Dokumentation der realen, objektiven Wirklichkeit hinaus. Im wortwörtlichen entscheidenden Moment gelingt es Barbara Wolff, ihre Sujets feinfühlig in hoher fotografischer Qualität und in sehr ausgewogenen Kompositionen einzufangen und mit zusätzlichen Bedeutungsebenen aufzuladen. Es entsteht eine überwirkliche, magische Welt. Dabei hat die künstlerische Sprache von Barbara Wolff, die für mich im Magischen Realismus zu verorten ist, eine starke humanistische Komponente. Viele Bilder zeigen uns Menschen in ihrer unmittelbaren und kompromisslosen Würde, im Spannungsfeld zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke.

Das Werk von Barbara Wolff und die Bandbreite der von ihr genutzten Kameras, von Kleinbild bis zur Großformatkamera, ist vielfältig in seinen Sujets und seiner Umsetzung. Dabei ist stets ihre persönliche Handschrift zu erkennen. Der Wille, Themen auf ihre eigene unverwechselbare Art und Weise zu verfolgen, bleibt immer spürbar. Und genau darum heißt diese Ausstellung ‘In eigener Sache’”. [Marc Barbey]

Katalog zur Ausstellung Barbara Wolff: "In Eigener Sache" (Leipzig, Hauptbahnhof 1985), Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Katalog zur Ausstellung Barbara Wolff: “In Eigener Sache” (Leipzig, Hauptbahnhof 1985),
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Anhand von Vintage Prints zeigt Marc Barbey in seiner Collection Regard einen Überblick über das fotografische Werk von Barbara Wolff, die 1951 in Kyritz geboren wurde. Hier in Brandenburg hat sie noch vor der Wende ihr Langzeitprojekt über das Dorf Sechszehneichen realisiert (1982-1985), in dem sie unter anderem die Bewohner am Rande der schnurgeraden Pflastersteinstraße in und vor ihren Häusern sachlich und klar porträtiert hat.

Aber auch Wolffs fotografische Anfänge an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, die sie “Translucents” (1975/76) nennt, sind zu sehen: Experimentelle Arbeiten mit Negativ-Positiv Belichtungen und Mehrfachbelichtungen, abgezogen auf Reprofilm , teilweise montiert zu zwei transparenten Bildern übereinander, so dass sich eine Dreidimensionalität ergibt. Die Ausstellung ist zwar bald beendet, aber Barbara Wolffs Gesamtwerk ist vorzüglich auf ihrer Website dokumentiert. Ein Besuch lohnt sich. Inzwischen lebt und arbeitet sie in Berlin.

www.collectionregard.dewww.barbarawolff.eu

Prag – Irland – Israel in Schwarzweiß

Zur Ausstellung “Invasion – Exiles – Wall” von Josef Koudelka bei C/O Berlin

“Nachdem ich die Tschechoslowakei verlassen hatte, entdeckte ich die Welt um mich herum. Nichts drängte mich mehr, als zu reisen, um Fotos machen zu können.” [Josef Koudelka]

Zur Ausstellung "Invasion – Exiles – Wall" von Josef Koudelka bei C/O Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Zur Ausstellung von Josef Koudelka bei C/O Berlin,
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Prag, Wenzelsplatz, 22. August 1968: Ein Arm stößt ins Bild. Die Uhr am Handgelenk zeigt die Zeit an. In den Tagen zuvor waren Panzer des Warschauer Pakts in die Stadt gerollt, mit dem schrillen Geräusch ihrer auf dem Kopfsteinpflaster quietschenden Ketten.

Dieses Foto von Josef Koudelka gehört chronologisch zu seiner Serie Invasion, in der er den leidenschaftlichen Widerstand seiner Landsleute gegen die Entschlossenheit der Roten Armee zeigt, die demokratische Flamme des Prager Frühlings mit blutigen Mitteln zu ersticken. Es ist aber auch das erste Foto in seinem Buch Exiles, das zwanzig Jahre später von Robert Delpire herausgegeben wurde.

Nachdem Koudelka 1970 mit einem drei Monate gültigen Visum aus der Tschechoslowakei ausgereist war, blieb er im Westen und erhielt in England Asyl als politischer Flüchtling. 1971 wurde er Mitglied der Fotoagentur Magnum und zog 1980 nach Paris. Das Exil hat sein fotografisches Werk maßgeblich geprägt.

In den zwanzig Jahren, die er ohne festen Wohnsitz, ohne Besitz, nur mit einer Kamera ausgestattet unterwegs war, schuf er zahlreiche Bilder von Landschaften, Menschen und dem Alltagsleben in Ländern wie Italien, Spanien, Portugal und Irland mit ihren Traditionen und Riten aus der Vergangenheit. Diese wurden erstmals 1988 in jenem Buch unter dem Titel Exiles veröffentlicht.

Zur Ausstellung "Invasion – Exiles – Wall" von Josef Koudelka bei C/O Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Zur Ausstellung “Invasion – Exiles – Wall” von Josef Koudelka bei C/O Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Für seine jüngste Arbeit bereiste Josef Koudelka zwischen 2008 und 2012 Israel und die Palästinensergebiete und dokumentierte die von Israel im Westjordanland errichtete Mauer sowie israelische Siedlungen. Das Ergebnis war eine Serie mit dem Titel Wall. Den Bau dieser Mauer hatte Israel Anfang der 2000er-Jahre eigenmächtig beschlossen, mit der Begründung, sich damit vor Terroranschlägen zu schützen. Eine neun Meter hohe und heute mehr als 700 Kilometer lange Festung aus Stahl und Beton, Stacheldraht und Bewegungsmeldern – fast drei Mal so hoch und fünf Mal so lang wie die ehemalige Berliner Mauer. Koudelkas Panorama-Aufnahmen der monumentalen Sperranlage sind erneut ein persönliches Projekt des Fotografen, der hinter dem Eisernen Vorhang aufwuchs und immer wieder zum Thema der Freiheit zurückkehrt.

Koudelkas Schwarz-Weiß-Fotografien sind intim und zugleich einfühlsam. Sein Interesse gilt ethnischen und sozialen Gruppen, die von Vertreibung oder Aussterben bedroht sind und oft auch Koudelkas eigene nomadische Lebensweise spiegeln. Josef Koudelka zählt zu den wenigen herausragenden Fotografen, deren Bilder die Entwicklung der Fotografiegeschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch ihren eindringlichen, bewegenden und authentischen Blick entscheidend beeinflusst haben. [Quelle: Ausstellungsflyer]. Die Ausstellung ist bereits zu Ende gegangen. Zurzeit ist bei C/O Berlin Danny Lyons “Message to the Future” zu sehen. Ein Bericht folgt.

Ein Spiegel, der sich abwendet

Mit Kamera und Hand den “Nonfacial Mirror” überlisten

"Nonfacial Mirror", Shinseungback Kinyonghun (KOR), Drive (VW Forum), "Ars Electronica", Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“Nonfacial Mirror”, Shinseungback Kinyonghun (KOR), Drive (VW Forum), “Ars Electronica”,
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Ein Spiegel, der sich abwendet? Stimmt, Nonfacial Mirror meidet Gesichter. Es hat etwas Ironisches, dass man sein Gesicht nur ansehen kann, wenn man es in ein Nicht-Gesicht verwandelt. Um sich selbst im Spiegel betrachten zu können, muss man das eigene Gesicht bedecken oder unkenntlich machen, so dass es nicht vom Gesichtserkennungsalgorithmus erfasst werden kann. Es erinnert einen daran, dass man als Mensch immer über sein eigenes Menschsein hinausdenken muss, um sich von der künstlichen Intelligenz abzuheben. Und es stellt sich die Frage: Was ist wahrer – das was wir sehen, oder das, was die Maschine für uns sieht?

[Drive Volkswagen Group Forum, Friedrichstraße 84, Text: Ausstellungsflyer "Ars Electronica ", Ausstellung noch bis zum 26. Oktober 2017]

Unter dem Wellen-Pflaster liegt der Strand von Rio

"Oleta River State Recreation Area, Miami, Florida", 1982, Konzept (Ausschnitt) von Roberto Burle Marx, Kunsthalle by Deutsche Bank, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“Oleta River State Recreation Area, Miami, Florida”, 1982, Konzept (Ausschnitt) von Roberto Burle Marx,
Kunsthalle by Deutsche Bank, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

In Brasilien wird der Künstler und Landschaftsarchitekt Roberto Burle Marx (1909-1994) als einer der Wegbereiter der heimischen Moderne verehrt. Seine Entwürfe für die Gestaltung der Hauptstadt Brasilia und vor allem für Rio de Janeiro prägen das Gesicht dieser Städte: insbesondere die weltberühmte, wellenförmige Pflasterung der Avenida Atlântica (1970) an der Copacabana. Die Ausstellung “Roberto Burle Marx: Tropische Moderne” in der KunstHalle by Deutsche Bank, Unter den Linden 13 in Berlin, ist bereits zu Ende gegangen.

"Oleta River State Recreation Area, Miami, Florida", 1982, Konzept (Ausschnitt) von Roberto Burle Marx, Kunsthalle by Deutsche Bank, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“Oleta River State Recreation Area, Miami, Florida”, 1982, Konzept (Ausschnitt) von Roberto Burle Marx,
Kunsthalle by Deutsche Bank, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Interferenzen

Bodypainting auf der “Ars Electronica”

“Wer bist Du? Bist Du Mensch oder Bot? Für uns, die Generation Smartphone, ist die Möglichkeit; immer und überall online sein zu können, ein wichtiger Bestandteil unserer Persönlichkeit. Auch wenn wir oft nicht wissen, mit wem wir da kommunizieren, wir stellen uns zumindest ein menschliches Wesen vor. Unsere Vorstellungskraft ist es auch, die uns hilft, dass wir uns in einer mehr oder weniger immateriellen Welt zurechtfinden können. Die Arbeit “Body Paint” behandelt Körperlichkeit in einer Welt vernetzter Informationsgeräte. Durch die Aufhebung der Grenzen zwischen menschlichem Körper und Bildschirm, die beide dieselbe Farbe haben, stiftet die abgebildete Person Zweideutigkeit und Verwirrung und stellt in Frage, ob das Individuum auf dem Bildschirm Mensch oder doch nur eine Annäherung, eine möglich Abbildung ist.” [Quelle: Ausstellungsflyer "Ars Electronica "]

"Interferenzen", Body Paint (Serie) von Exonemo (JP), Drive (VW Forum), "Ars Electronica", Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“Interferenzen”, Body Paint (Serie) von Exonemo (JP), Drive (VW Forum), “Ars Electronica”, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

In der Physik versteht man unter Interferenz die Überlagerung beim Zusammentreffen zweier oder mehrerer Wellenzüge. Wenn bei bilderzeugenden Rasterverfahren, Beispiel Digital-Kamera, das Objekt bereits gerastert ist (Pixelbild, Bildschirm) entsteht der Moiré-Effekt (von marmorieren). Er bezeichnet ein grobes Raster, das aufgrund der Überlagerung von regelmäßigen, feineren Rastern entsteht. Das sich ergebende Muster ist den Mustern aus Interferenzen ähnlich ist. Dieser Effekt auf meinem Foto ist also nicht auf dem Original in der Ausstellung vorhanden, sondern schafft hier eine weitere Dimension des Werkes durch das Fotografieren. Die Ausstellung ist noch bis zum 26. Oktober 2017 im Forum Drive der Volkswagen Group, Friedrichstraße 84, zu sehen.

Wiedergeburt aus Schrott

Schwere Skulpturen von Kang Mu-Xiang auf dem Potsdamer Platz

"Gelassenheit (Serenity)", Kang Mu-Xiang, Taiwan, 2016, Potsdamer Platz, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“Gelassenheit (Serenity)”, Kang Mu-Xiang, Taiwan, 2016, Potsdamer Platz, Berlin,
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Kang Mu-Xiang, der Künstler aus Taiwan, ist vor allem für die Nutzung von alten und ausrangierten Stoffen wie Treibholz und recycelten Aufzugskabeln bekannt. Er sieht das verborgene Leben in den vor der Verschrottung stehenden Materialien und rettet sie, indem sie eine neue Bedeutung erhalten; vielleicht ähnlich wie Bildhauer, die die Gestalt der Skulptur bereits im Stein sehen können. Für die Skulpturen auf dem Potsdamer Platz in Berlin benutzte Kang ausgetauschte Fahrstuhl-Stahlseile aus dem ehemals höchsten Gebäude der Welt “Taipei 101“. Unter tausend Grad Celsius hohen Temperaturen werden sie verformt und die starren Kabel verwandeln sich in Skulpturen, die keinen Betrachter unberührt lassen.

Die klingenden Gläser von Akamatsu

"Chijikikinkutsu", Nelo Akamatsu (JP), Drive (VW Forum), "Ars Electronica", Foto © Friedhelm Denkele 2017

“Chijikikinkutsu”, Nelo Akamatsu (JP), Drive (VW Forum), “Ars Electronica”, Foto © Friedhelm Denkele 2017

“Chijikikinkutsu” ist eine Neuschöpfung aus zwei japanischen Wörtern: Suikinkutzu und Chijiki. Suikinkutzu ist der Name einer Klanginstallation traditioneller japanischer Gärten seit der Edo-Zeit. Chijiki dagegen heißt Geomagnetismus: Magnetische Kräfte, die immer wirken und alles auf der Erde beeinflussen, aber von den menschlichen Sinnen nicht wahrgenommen werden können. “Chijikikinkutsu” besteht aus ca. 500 Wassergläsern und magnetisierten Nadeln, die sich nach Norden ausrichten. Wenn Strom durch die an den Gläsern befestigten Spulen fließt, wird ein vorübergehendes Magnetfeld geschaffen und die Nadeln bringen die Gläser zum Klingen.

[Drive Volkswagen Group Forum, Friedrichstraße 84, Text: Ausstellungsflyer "Ars Electronica", Ausstellung noch bis zum 26. Oktober 2017]

The Heart Of The Beast

Die Kunst der Täuschung von Isaac Monté auf der “Ars Electronica”

"The Art Of Deception" hier: Nr. 18 "The Heart Of The Beast",  Isaac Monte (BEL), Drive (VW Forum), "Ars Electronica",  Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“The Art Of Deception” hier: Nr. 18 “The Heart Of The Beast”,
Isaac Monte (BEL), Drive (VW Forum), “Ars Electronica”,
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Können Organe zu Design-Objekten werden? Wird man in der Zukunft tatsächlich Organe aus ästhetischen Gründen verändern? Die bereits angewandte Technik der Dezellularisierung markiert den Eintritt in ein neues Zeitalter der synthetischen Biologie: Organe können ihrer Zellinhalte beraubt werden, um ein steriles Gerüst zu hinterlassen, das mit Stammzellen repopularisiert werden kann. Isaac Monté hat für den Abfall bestimmte Schweineherzen dafür zu eleganten Behältnissen für neues Leben verwandelt. Seine Herzen dienen der Veranschaulichung dessen, welche Möglichkeiten die Wissenschaft zur Veränderung des menschlichen Körpers bereits hat.

[Drive Volkswagen Group Forum, Friedrichstraße 84, Text: Ausstellungsflyer "Ars Electronica ", Ausstellung noch bis zum 26. Oktober 2017]

Gefährliches Selfie

"Gefährliches Selfie" (Walton Ford: "Bestarium", Hamburger Bahnhof, Auschnitt), Foto © Friedhelm Denkeler 2010

“Gefährliches Selfie” (Walton Ford: “Bestarium”, Hamburger Bahnhof, Auschnitt),
Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Alles ist Ei

Marcel Broodthaers: "Paniers avec œufs", 1966 (Ausstellung "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia" Hamburger Bahnhof), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Marcel Broodthaers: “Paniers avec œufs”, 1966 (Ausstellung “Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia” Hamburger Bahnhof), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Die Poesie dieser Skulptur steht im herrlichen Kontrast zu ihrem objektivierenden Titel. Sie zeigt zwei scheinbar identische Körbe nebeneinander, gefüllt mit leeren, zerbrochenen, weggeworfenen Eierschalen, die Marcel Broodthaers ob ihrer selbst genügenden Vollkommenheit bewunderte. Wie Muscheln – ein anderes vom Künstler geschätztes Material – enthält die Positivform der Schale ihre eigene Negativform. “Alles ist Ei” erklärt er in seinem Text “Evolution ou œufs” von 1965: “Die Welt ist ein Ei. Sie ist aus dem großen Dotter, der Sonne, hervorgegangen. Und der Bauch einer Welle ist weiß. Ein Haufen Eierschalen der Mond. Eierschalenstaub die Sterne. Lauter tote Eier.

[Nationalgalerie, Staatliche Museen Berlin, Text: Ausstellungsheft "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia", Hamburger Bahnhof Berlin]

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