Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Ausstellung

Entsprechend des Blog-Untertitels „Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst“ werden in dieser Rubrik in erster Linie selbst besuchte Ausstellungen, hauptsächlich in Berlin, zur Photographie und zur Kunst besprochen. Hin und wieder wird auch eine geplante Ausstellung angekündigt.

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Das Fremde im Eigenen und das Eigene im Fremden

Die Fotografin Christa Mayer im „Atelier Kirchner“ mit introspektiven Selbstporträts

Im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie (EMOP) zeigt das „Atelier Kirchner“ neuere, zwischen 1990 und 2010, entstandene analoge Schwarzweiß-Photographien von Christa Mayer. Neben ihrer Tätigkeit als Diplompsychologin hat sie sich 1981 bis 1985 an der legendären Kreuzberger „Werkstatt für Photographie“ zur Fotografin ausgebildet.

Ihre bisherige fotografische Arbeit war mit ihrer Tätigkeit als Klinische Psychologin eng verknüpft. Zuletzt waren ihre Bilder in der Ausstellung “Kreuzberg – Amerika: Werkstatt für Photographie 1976–1986” bei C/O Berlin (2016) zu sehen. Sie erhielt zahlreiche institutionelle Stipendien u.a. der Krupp-Stiftung in Essen, des Berliner Senats und der Akademie der Künste Berlin, sowie ein Jahresstipendium für das PS1 in New York.

Plakat zur Ausstellung »Das Fremde im Eigenen und das Eigene im Fremden« von Christa Meyer im »Atelier Kirchner«, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Plakat zur Ausstellung »Das Fremde im Eigenen und das Eigene im Fremden«
von Christa Mayer im »Atelier Kirchner«, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Aus der Eröffnungsrede von Andrè Kirchner am 21. September 2018: „Mit Christa Mayer betritt eine ebenso eigensinnige wie einfühlsame Fotografin die Bühne meines Ateliers und mit ihr eine der wenigen Frauen, die sich an der Kreuzberger Werkstatt für Photographie behaupten konnten. Christa Mayer ist eine Pendlerin zwischen den Welten, im Wortsinn hälftig in Kalifornien und Berlin mit ihrem Mann lebend, in ihrer Fotografie ebenso in Landschaft wie im Porträt zu Haus. Sie ist geradezu eine Mittlerin zwischen einander oft genug ausschließenden oder gar befeindenden Welten – wie das der programmatische Titel ihrer Ausstellung sehr gut auf den Punkt bringt.

Sie macht sich scheinbar Fremdes zu Eigen und findet das Fremde in sich selbst wieder. Ihre Fotografien sind immer auch eine Art von introspektivem Selbstporträt. Zwei explizite Selbstporträts hat sie in dieser Ausstellung auch versteckt. Christa Mayer bewegt sich in der großen Tradition der klassischen analogen Fotografie, die es ihr ermöglicht, Innen und Außen in ihren Bildern zusammenzubringen und dabei doch die Einzigartigkeit der Lebewesen und Dinge zu bewahren.“

Die Ausstellung ist noch bis zum 04.11.2018 im Atelier Kirchner, Grunewaldstraße 15, Berlin-Schöneberg, zu sehen (Mi, Fr und Sa von 16 bis 18 Uhr, Do von 18 bis 20 Uhr). Im Rahmen des Schöneberger Galerierundgang am kommenden Wochenende (3. bis 4. November) gibt es verlängerte Öffnungszeiten: Samstag 14 bis 20 Uhr, Sonntag von 12 bis 18 Uhr.

www.andrekirchner.de

Störung im Netz

»Störung im Netz«, Ausschnitt aus der Arbeit von Waqas Kahn, Untitled 2014, Tusche auf Papier, Ausstellung »The World on Paper – Deutsche Bank Collection«, PalaisPopulaire, Unter den Linden, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler

»Störung im Netz«, Ausschnitt aus der Arbeit von Waqas Kahn, Untitled 2014, Tusche auf Papier,
Ausstellung »The World on Paper – Deutsche Bank Collection«, PalaisPopulaire, Unter den Linden, Berlin,
Foto © Friedhelm Denkeler 2018

One Dollar in Aquarell

»One Dollar Bill« (Ausschnitt), 2006, Yan Pei-Ming, Aquarell auf Papier, Ausstellung »The World on Paper – Deutsche Bank Collection«, PalaisPopulaire, Unter den Linden, Berlin

»One Dollar Bill« (Ausschnitt), 2006, Yan Pei-Ming, Aquarell auf Papier, Ausstellung »The World on Paper – Deutsche Bank Collection«, PalaisPopulaire, Unter den Linden, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Quadratur der Stadt

Fotografische Collagen von Horst Hinder im Katharinenhof am Preußenpark

Der Berliner Fotograf Horst Hinder zeigt in einer Einzelausstellung im Katharinenhof am Preußenpark, Sächsische Straße 46, 10707 Berlin noch bis Ende Oktober 2018 seine Fotografischen Collagen. Während der Vernissage am 12. August 2018 hielt Beate Spitzmüller die folgende Eröffnungsrede (Auszüge):

Horst Hinder beschäftigt sich in seinen Fotocollagen ausschließlich mit der Stadt Berlin und ihren Facetten. Er setzt seine Fotos aus vielen kleinen quadratischen Einzelbildern zusammen. Mit dem Fotoapparat durchstreift er die Stadt und nimmt alles auf, was ihm gefällt. Im Atelier dann sucht er sich Ausschnitte aus seinen Fotografien, mischt diese, ordnet sie nach bestimmten ästhetischen Gesichtspunkten neu und setzt diese Einzelstücke dann wieder zu einem neuen Bild, einer Fotografischen Collage zusammen. Horst Hinder hat als Form für seine Bildausschnitte das Quadrat gewählt. Es ist die bestimmende Größe seiner Einzelbilder. Hunderte quadratische Bildausschnitte verbindet er mit spielerischer Geste zu wiederum quadratischen oder rechteckigen Collagen.

"Beate Spitzmüller und Horst Hinder während der Vernissage im Katharinenhof am Preußenpark", Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Beate Spitzmüller und Horst Hinder während der Vernissage im Katharinenhof am Preußenpark“, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Das Quadrat zeichnet sich durch seine vier gleichen Seiten aus. Es ist ein Symbol für Harmonie und Kennzeichen für Ruhe und Ordnung. In der Bildenden Kunst gilt es seit jeher als ausgewogen und ausgeglichen, obwohl es nicht dem menschlichen Sehen entspricht. Das Rechteck hingegen beinhaltet mehr künstlerische Dynamik und Spannung. Quadrat und Rechteck und deren Aspekte werden seit jeher in Malerei und Fotografie diskutiert. Die vollendetste Form, gleichmäßig ohne Anfang und ohne Ende, ist der dynamische Kreis, der allerdings wenig mit Stabilität zu tun hat. Ganz im Gegensatz dazu das Quadrat. Durch die Symmetrie, die Gleichseitigkeit, entsteht eine vollendete statische Form, die sich durch die Quadrattierung sogar noch verstärkt.

Während seiner „Safaris“ durch Berlin sammelt Hinder meist anonyme Details von Fassaden, Mauern, Böden und Landschaften. Immer wieder mischen sich darunter auch einzelne Wahrzeichen der Stadt, wie der Berliner Fernsehturm oder der Berliner Bär. So entstehen persönliche Stadtlandschaften, die neue Blicke auf Berlin und die Geschichte der Stadt ermöglichen, geschaffen von einem aufmerksamen und feinnervigen Beobachter. Unzählige Facetten Berlins stehen eng und schnell nebeneinander.

Auf meine Frage, zu seinen Beweggründen und zur Initialzündung seiner Foto-Collagen antwortete Hinder: „Damals, vor Jahren, habe ich Fassaden fotografiert. Viele Fassaden, Häuser aus der Gründerzeit und die Fenster dazu. Danach habe ich das Thema Fenster weiterverfolgt. Irgendwann begann ich mich zu fragen, was mache ich nun mit all meinen Fotografien? Etliche andere Fotografen sind auf dem gleichen Weg, haben ähnliche Themen. Irgendwann habe ich dann begonnen, meine Fotografien nicht mehr als Ganzes zu sehen sondern als Einzelbilder quasi als einen Ausschnitt für ein Gesamtbild. Zuerst waren die Collagen noch sehr gegenständlich, danach wurden die Arbeiten immer abstrakter.“

Das ermöglichte ihm mit Schnappschüssen zu arbeiten. Das Einzelbild musste nichts Besonderes mehr sein. Denn die Collage lebt von der Neuanordnung. Es entstanden Arbeiten mit Titel „3 mal 3“, „5 mal 5“, „10 x 10“, usw. „Man kann sich anhand der Titel sozusagen ausrechnen, wie viele Bildfelder eine Arbeit hat, und das sind dann manchmal auch beachtlich viele, in einem Fall immerhin über 2880 Aufnahmen. Die Einzelbilder, die Ausschnitte haben alle das gleiche quadratische Format. Die Ergebnisse dieser arrangierenden Arbeitsweise unterscheiden sich. Manche der kreierten Tafeln erinnern an den analytischen Kubismus und könnten geradezu Feininger zum Vorbild haben. In einigen anderen werden augenscheinlich die grafische Dimension der Architektur dieser Stadt besonders verstärkt und ins Licht gehoben, dann wieder werden Quadrate gezeigt, die eher nostalgische Straßenszenen darstellen wie durch regnerische Scheiben eingerahmt von vielen Mauerdetails. Das Ganze Bild ist ein Zusammenschluss einzelner Bilder, die miteinander ein einer bestimmten Form verbunden sind.“

Die Fotocollage ist eine spezielle Form der Fotomontage und der Malerei-Collage. Sie besteht aus Fotografien oder Teilen von Fotografien. Dabei stehen die Einzelbilder im Gegensatz zur Fotomontage in einem lockeren Zusammenhang, die Ausgangsbilder sind deutlich zu erkennen und die Schnittlinien sind nicht wegretuschiert. Bei Fotomontagen/ Collagen werden mindestens zwei Fotos oder Teile von ihnen zu einem neuen Bild zusammengefügt. Heute passiert das meist digital.

Die Vorläufer der Collage finden sich bereits in der Malerei. In der Veduten-Malerei beispielsweise skizzierte man mithilfe der Camera obscura Teile verschiedener Landschaften, um sie später zu einer einzigen auf der Leinwand zusammenzufügen. Einen weiteren Vorgänger der Collage findet man im Manierismus bei Guiseppe Arcimboldo, der Elemente aus der Natur, wie Blumen und Gemüse, auf seinen Gemälden so zusammensetzte, dass der Betrachter einen Menschenkopf erkennen konnte. Auch die Surrealisten näherten sich durch ihre Malerei der Collage an, da sie unzusammenhängende Objekte in Zusammenhang brachten.

Ein weiterer Schritt in diese Richtung wurde im Kubismus gemacht, als von Picasso und Braque 1912 zum ersten Mal fremdes Material in ein Werk eingearbeitet wird. Der Begriff sowie die Technik der Fotomontage/Collage wurde 1916 im Dadaismus entwickelt. Mehrere Künstler nehmen für sich in Anspruch, die Technik der Fotomontage entwickelt zu haben. Zu ihnen gehören Raoul Hausmann und Hannah Höch. Auch George Grosz probierte sich an dieser Technik. Der bekannteste Fotomontage-Künstler aber ist wohl John Heartfield. In jedem Fall experimentierten alle vier mit dieser Technik und können als ihre Pioniere gelten. Vorerst erinnerten die Werke an ein wildes Durcheinander von Bildelementen, ähnlich der futuristischen Malerei. Später wurde die Arbeitsweise strukturierter und vor allem klarer, was sich positiv auf die Bildsprache auswirkte. Dies führte Kurt Schwitters in seinen Merzbildern weiter bis hin zur Assemblage, was eine Befreiung vom „Malen-Müssen“ war. Auch im Futurismus wird die Collage als Gestaltungsmittel geschätzt, beispielsweise in Marinettis „Parola in libertà“.

Horst Hinder ist 1961 in einer Kleinstadt in Nordhessen, in der Nähe von Marburg geboren. Nach seinem Abitur macht er eine Ausbildung zum Korbmachergesellen, und arbeitet in seinem Beruf, bis er 1985 nach Berlin zieht und hier an der HdK ein Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation absolviert. Berlin ist damals ummauert, ist eine Insel. Die Stadt, so sagt er, erlebt er als verschlafen und Hinder pendelt zwischen Kreuzberg und Schöneberg hin und her. Nach dem Studium macht er sich als Grafiker und im Ausstellungsbau selbstständig. Die Fotografie ist sein Steckenpferd. Das Handwerk macht ihm Spaß, schon immer, deshalb auch die Ausbildung. Zusätzlich kommt das Komponieren mit dazu, das auseinanderstückeln und neuordnen. Und dabei auch etwas Neues entstehen zu lassen, fasziniert den Fotografen enorm. Nicht selten vergleicht er sein Komponieren und seine Arbeit mit der Musik. Er sagt, dass in der Musik mehrere unterschiedliche und gleichzeitig klingende Töne einen Akkord ergeben, wobei jeder Einzelton heraus hörbar ist und als Einzelton erhalten bleibt. Er sieht seien Aufgabe im übertragenen Sinn darin, ein Bild als fotografischen Akkord für das Auge zu erzeugen, das zeitlich unbegrenzt ist. Ob sein Werk als wohlklingend empfunden wird, das bleibt dem Betrachter überlassen.

Hinders Credo: Es funktioniert alles nur aus Leidenschaft. Dinge muss man gerne tun, und sich danach ausrichten. Horst Hinder ist ohne Mission mit seinen Arbeiten unterwegs, so soll es auch bleiben. Reinhard Knodt sagt in seiner Rede zur Ausstellung 2013 „… Die Arbeiten Hinders leben im Wesentlichen durch die ästhetischen Korrespondenzen, die die Fotoquadrate aufbauen. Seine Arbeiten haben keine banale Botschaft und er schützt sich auch vor einseitiger Interpretation. Sie sind vielmehr das Spiel zwischen Notwendigkeit und Möglichkeit selbst und bleiben daher auch im Auge des Betrachters vielfältig interpretierbar; eine Schwebe, die uns in den Bann zieht“. Zum Schluss möchte ich mit einem Zitat von Dr. Simone Kindler, Kunsthistorikerin, enden: „Horst Hinder hebt Raum und Zeit auf, würfelt alles durcheinander und erzeugt damit ein Panoramabild Berlins, seiner Geschichte und seiner Gegenwart.“ Er gibt uns die Möglichkeit, unsere Stadt, die Stadt Berlin mit neuen Augen zu betrachten [Text © Beate Spitzmüller].

Der goldene Esel

"Statuengruppe: Amor und Psyche", Sammlung Wilhelmine von Bayreuth, 1828/1830 erworben, Marmor, römische Kopie um 150 n. Chr., Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Statuengruppe: Amor und Psyche“, Sammlung Wilhelmine von Bayreuth, 1828/1830 erworben, Marmor, römische Kopie um 150 n. Chr., Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Amor und Psyche, ein Liebespaar aus dem antiken Roman „Der goldene Esel“ des Lucius Apuleius, sind in Kindergestalt, geflügelt und sich umarmend dargestellt. Die Gruppe entstand nach einem hellenistischen Vorbild aus dem späten 1. Jh. v. Chr. oder aus der frühen Kaiserzeit.“ [Altes Museum Berlin]

„Apuleius (* um 123 Algerien, † wohl nach 170) war ein antiker Schriftsteller, Redner und Philosoph. Seinen andauernden Ruhm verdankt er seinem Hauptwerk, dem lateinischen Roman Metamorphosen, auch bekannt als „Der goldene Esel“, der zur Weltliteratur gezählt wird. Die Interpretation des Romans, der wegen seiner Vielschichtigkeit zahlreiche Rätsel aufgibt, gehört zu den schwierigsten Aufgaben der Klassischen Philologie. Die raffinierte Erzähltechnik und die geschickte Verhüllung der Absichten des Autors haben in der Forschung zu einer Fülle von konkurrierenden Deutungsansätzen geführt. Die in den Roman eingefügte Erzählung von Amor und Psyche hat seit der Renaissance das Lesepublikum fasziniert und eine außerordentliche Breitenwirkung entfaltet. Ihr mythologischer Stoff, die Liebesbeziehung zwischen dem Gott Amor und der Königstochter Psyche, hat Hunderten von Dichtern, Schriftstellern, Malern, Bildhauern, Komponisten und Choreografen Motive geliefert.“ [Quelle: Wikipedia]

Kraftfigur

"Mangaaka" (Kraftfigur), Yombe, Region des Flusses Chiloango, Kongo oder Angola, 19. Jh., Holz, Eisen, Porzellan, Farbpigmente, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Mangaaka“ (Kraftfigur), Yombe, Region des Flusses Chiloango, Kongo oder Angola, 19. Jh., Holz, Eisen, Porzellan, Farbpigmente, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Mit ihrer Kraft protzend sich dem Betrachter entgegenstellend, sollte diese mangaaka-Kraftfigur helfen, Gerechtigkeit und Ordnung in der der Yombe-Region nördlich des unteren Flusses Kongo aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig war es Ihre Aufgabe, Unheil abzuwehren und, in einer Zeit traumatischer Umwälzungen als Folge des „Wettlaufs um Afrika“ der europäischen Großmächte, die gesellschaftliche Ordnung zu stärken. [Bode Museum Berlin]

Pistoletto und das Second Hand Model

Michelangelo Pistaletto vor den Photographien »Second Hand Modell«  von Friedhelm Denkeler im LichtSpielTheater KLICK-O-TonArt, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Michelangelo Pistoletto vor den Photographien »Second Hand Modell« von Friedhelm Denkeler
im LichtSpielTheater KLICK-O-TonArt, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Das Italienische Kulturinstitut ehrt jedes Jahr einen Künstler mit einer Veranstaltungsreihe und einer Ausstellung. „Michelangelo Pistoletto und Cittadellarte – Spiegelungen und Widerspiegelungen“ (bis zum 29. September 2018) heißt die diesjährige Hommage an Pistoletto, den Wegbereiter der Arte Povera. Im Zuge der Veranstaltungen fand im LichtSpielTheater KLICK-O-TonArt eine Präsentation des Dokumentarfilms in Anwesenheit des Künstlers statt. Kurz nach dem Film und dem anschließenden Künstlergespräch wurde es privater und so konnte ich Michelangelo Pistoletto vor einem Teil meiner fotografischen Arbeiten der Serie „Second Hand Model“ ablichten. Ausführliches finden Sie im Artikel „Second-Hand-Model – Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über vier Jahre„. Die Ausstellung im Theater ist noch bis zum 31. Juli 2018 zu sehen.

Memento Mori

"Memento Mori", Chicart Bailly zugeschrieben, um 1520, Elfenbein, Bode-Museum, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Memento Mori“, Chicart Bailly zugeschrieben, um 1520, Elfenbein, Bode-Museum, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Die Gruppe ist ein raffiniertes Beispiel eines Memento Mori („Bedenke, dass du sterben musst!“), einer Darstellung der Unausweichlichkeit des Todes, und zugleich der Aufforderung, sein Leben sinnvoll und sündenfrei zu gestalten. Offensichtlich tut die dargestellte Frau dies nicht: Mit dem rechten Mittelfinger weist sie auf ihre Scham. Die gegensätzliche Darstellung der Frau und des Todes ist eine deutliche Mahnung, dass ein sorgenloses, unkeusches Leben mit Verdammnis bestraft wird.“ [Bode-Museum]. Allerdings, ob keusch oder unkeusch: an der Unausweichlichkeit des Todes ändert das nichts. [FD]

Gegensatz oder Ergänzung?

"Gegensatz oder Ergänzung?", Zwei Figuren mit Schale, Warua-Meister, Luba (Kongo), Holz, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Gegensatz oder Ergänzung?“,
Zwei Figuren mit Schale, Warua-Meister, Luba (Kongo), Holz,
Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Das Luba-Königtum im südöstlichen Kongo war vom Gedanken der geschlechtlichen Dualität geprägt. Traditionell galten Frauen als Botinnen und Beraterinnen der Könige, was ihre Anwesenheit auf Emblemen männlicher Herrschaft – wie diesem Objekt – erklärt. Weiblich und männlich werden hier im Gleichgewicht gezeigt, als zwei Komponenten eines idealen und positiven Ganzen, als Zeichen einer einzigen Herrschaft, die göttlich legitimiert ist.“ [Bode-Museum Berlin]

Überlegenheit und Gleichgewicht

"Überlegenheit und Gleichgewicht" (Gedenkfigur mit Zwillingen, Bangwa (Kamerun), 19 Jh., Holz), Foto © Friedhelm Denkeler

„Überlegenheit und Gleichgewicht“ (Gedenkfigur mit Zwillingen,
Bangwa (Kamerun), 19 Jh., Holz), Foto © Friedhelm Denkeler

„Zwillinge galten im Kameruner Grasland als eine Verkörperung von gefährlichen Kräften, die weder gut noch böse waren. Sie betonen hier die hohe Stellung der mittleren Figur, denn der Mann sitzt, während die Zwillinge stehen. Sie Skulptur ist kein Porträt im Sinne einer naturgetreuen Wiedergabe. Sie vermittelt Werte und Charakterzüge, die als die notwendigen Eigenschaften eines Herrschers gelten.“ [Bode-Museum Berlin]

Sie auch Haupt-Artikel „Unvergleichliches – Kunst aus Afrika aus dem Ethnologischen Museum trifft auf Pendants aus der Skulpturensammlung des Bode-Museum„.

Unvergleichliches

Kunst aus Afrika aus dem Ethnologischen Museum trifft auf Pendants aus der Skulpturensammlung des Bode-Museum

"Putto mit Tamburin" (Donatello, Toskana, 1428–1429, Bronze, Reste von Vergoldung) und  "Statuette der Göttin Irhevbu oder der Prinzessin Edeleyo" (Königreich Benin (Nigeria), 16. o. 17. Jh., Kupferlegierung), Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Putto mit Tamburin“ (Donatello, Toskana, 1428–1429, Bronze, Reste von Vergoldung) und
„Statuette der Göttin Irhevbu oder der Prinzessin Edeleyo“ (Königreich Benin (Nigeria), 16. o. 17. Jh., Kupfer)
Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Der Putto und die Plastik einer jungen Frau aus dem Königreich Benin gehören heute zu den Hauptwerken der Berliner Museen. Der Putto, die Darstellung eines Knaben mit Flügeln, dreht sich im Tanz und erhebt die Hand, um sein Tamburin zu schlagen; der Künstler hat diesen flüchtigen Moment in Metall gegossen. Die Skulptur gehörte zu einer Gruppe, die das Taufbecken der Kathedrale von Siena krönte. Die Figur der Frau war wahrscheinlich ursprünglich Teil eines Erinnerungsaltars. Ihr Künstler hebt ihre Jugend und Schönheit sowie feinste Details wie Haare, Gesichtszüge und Schmuck meisterhaft hervor.

Trotz der Bedeutung in ihrem jeweiligen Originalzusammenhang wurden beide Objekte um 1900 in Berlin sehr unterschiedlich rezipiert. Als Werk des Renaissancekünstlers Donatello erhielt der Putto einen Ehrenplatz im 1904 eingeweihten Kaiser-Friedrich-Museum (heute Bode-Museum). Die Einordnung der Benin-Figur war hingegen schwerer, denn solche Werke wurden oft als „primitiv“ erachtet. Obwohl 1897 britische Truppen viele Meisterwerke aus Benin entwendeten, war ihr künstlerischer Wert umstritten. Einige Kritiker beurteilten sie als eigenständige künstlerische Errungenschaften und bezeichneten ihre Schöpfer als „eingeborene Künstler“. Andere meinten, dass die Werke einen „barbarischen Eindruck“ machten.“ [Bode-Museum Berlin]

Was haben ein Putto mit Tamburin aus der Toskana und eine Statuette der Göttin Irhevbu aus Benin gemeinsam? Auffällig ist trotz unterschiedlicher Formensprache die Übereinstimmung der Funktion der Werke. Kraftfiguren dienten dem Schutz von Dörfern, ähnlich wie gotische Darstellungen der Schutzmantelmadonna; es geht um die „großen Menschheitsthemen“ wie Schutz, Tod, Geschlecht, Macht.

Im 19. Jahrhundert landeten viele Objekte aus Afrika im Völkerkundemuseum, die aus Europa verblieben in einem Kunstmuseum. Ab 2019 soll diese Trennung in ethnologische Gegenstände und in Kunstwerke im neuen Humboldt-Forum aufgehoben werden. Das Bode-Museum liefert mit 22 „Paarungen“ zurzeit einen kleinen Vorgeschmack auf das Humboldt-Forum. Die Ausstellung läuft wahrscheinlich noch bis Ende 2019.

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