Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Ausstellung

Entsprechend des Blog-Untertitels “Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst” werden in dieser Rubrik in erster Linie selbst besuchte Ausstellungen, hauptsächlich in Berlin, zur Photographie und zur Kunst besprochen. Hin und wieder wird auch eine geplante Ausstellung angekündigt.

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Die klingenden Gläser von Akamatsu

"Chijikikinkutsu", Nelo Akamatsu (JP), Drive (VW Forum), "Ars Electronica", Foto © Friedhelm Denkele 2017

“Chijikikinkutsu”, Nelo Akamatsu (JP), Drive (VW Forum), “Ars Electronica”, Foto © Friedhelm Denkele 2017

“Chijikikinkutsu” ist eine Neuschöpfung aus zwei japanischen Wörtern: Suikinkutzu und Chijiki. Suikinkutzu ist der Name einer Klanginstallation traditioneller japanischer Gärten seit der Edo-Zeit. Chijiki dagegen heißt Geomagnetismus: Magnetische Kräfte, die immer wirken und alles auf der Erde beeinflussen, aber von den menschlichen Sinnen nicht wahrgenommen werden können. “Chijikikinkutsu” besteht aus ca. 500 Wassergläsern und magnetisierten Nadeln, die sich nach Norden ausrichten. Wenn Strom durch die an den Gläsern befestigten Spulen fließt, wird ein vorübergehendes Magnetfeld geschaffen und die Nadeln bringen die Gläser zum Klingen.

[Drive Volkswagen Group Forum, Friedrichstraße 84, Text: Ausstellungsflyer "Ars Electronica", Ausstellung noch bis zum 26. Oktober 2017]

The Heart Of The Beast

Die Kunst der Täuschung von Isaac Monté auf der “Ars Electronica”

"The Art Of Deception" hier: Nr. 18 "The Heart Of The Beast",  Isaac Monte (BEL), Drive (VW Forum), "Ars Electronica",  Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“The Art Of Deception” hier: Nr. 18 “The Heart Of The Beast”,
Isaac Monte (BEL), Drive (VW Forum), “Ars Electronica”,
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Können Organe zu Design-Objekten werden? Wird man in der Zukunft tatsächlich Organe aus ästhetischen Gründen verändern? Die bereits angewandte Technik der Dezellularisierung markiert den Eintritt in ein neues Zeitalter der synthetischen Biologie: Organe können ihrer Zellinhalte beraubt werden, um ein steriles Gerüst zu hinterlassen, das mit Stammzellen repopularisiert werden kann. Isaac Monté hat für den Abfall bestimmte Schweineherzen dafür zu eleganten Behältnissen für neues Leben verwandelt. Seine Herzen dienen der Veranschaulichung dessen, welche Möglichkeiten die Wissenschaft zur Veränderung des menschlichen Körpers bereits hat.

[Drive Volkswagen Group Forum, Friedrichstraße 84, Text: Ausstellungsflyer "Ars Electronica ", Ausstellung noch bis zum 26. Oktober 2017]

Gefährliches Selfie

"Gefährliches Selfie" (Walton Ford: "Bestarium", Hamburger Bahnhof, Auschnitt), Foto © Friedhelm Denkeler 2010

“Gefährliches Selfie” (Walton Ford: “Bestarium”, Hamburger Bahnhof, Auschnitt),
Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Alles ist Ei

Marcel Broodthaers: "Paniers avec œufs", 1966 (Ausstellung "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia" Hamburger Bahnhof), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Marcel Broodthaers: “Paniers avec œufs”, 1966 (Ausstellung “Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia” Hamburger Bahnhof), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Die Poesie dieser Skulptur steht im herrlichen Kontrast zu ihrem objektivierenden Titel. Sie zeigt zwei scheinbar identische Körbe nebeneinander, gefüllt mit leeren, zerbrochenen, weggeworfenen Eierschalen, die Marcel Broodthaers ob ihrer selbst genügenden Vollkommenheit bewunderte. Wie Muscheln – ein anderes vom Künstler geschätztes Material – enthält die Positivform der Schale ihre eigene Negativform. “Alles ist Ei” erklärt er in seinem Text “Evolution ou œufs” von 1965: “Die Welt ist ein Ei. Sie ist aus dem großen Dotter, der Sonne, hervorgegangen. Und der Bauch einer Welle ist weiß. Ein Haufen Eierschalen der Mond. Eierschalenstaub die Sterne. Lauter tote Eier.

[Nationalgalerie, Staatliche Museen Berlin, Text: Ausstellungsheft "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia", Hamburger Bahnhof Berlin]

Wie Daten klingen …

"Cloud 2017", Christina Kubisch (DE), Drive (VW Forum, "Ars Electronica", Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“Cloud 2017″, Christina Kubisch (DE), Drive (VW Forum, “Ars Electronica”, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Wie klingen Daten? Wie unterschiedlich kann Strom überhaupt klingen? Das Wort Cloud bezieht sich auf den zunehmenden technologischen Prozess der Datenspeicherung. Die Klangquellen der Arbeit sind elektromagnetische Aufnahmen aus Rechenzentren, Server-Räumen und Umspannwerken. Cloud präsentiert sich uns als eine Klangskulptur, bestehend aus 1500 Meter langen Kupferkabeln. Das Publikum kann über eigens angefertigte elektromagnetische Kopfhörer in die versteckte Klangwelt eintauchen und kann durch seine Bewegung die Klänge in immer neuen Kombinationen entdecken und “mixen”.

[Drive Volkswagen Group Forum, Friedrichstraße 84, Text: Ausstellungsflyer “Ars Electronica “, Ausstellung noch bis zum 26. Oktober 201, Interview mit Christina Kubisch]

Wenn sich 450 Pinguine im Takt bewegen …

"Penguins Mirror", Daniel Rozin (ISR/ US), Drive (VW Forum), "Ars Electronica", Foto © Friedhelm Denkeler

“Penguins Mirror”, Daniel Rozin (ISR/ US), Drive (VW Forum), “Ars Electronica”, Foto © Friedhelm Denkeler

Pinguine sind einige der wenigen Tierarten, die sich auf zwei Beinen fortbewegen können. Man vermutet, dass dies ein Grund sein könnte, warum viele Menschen sich in den Vögeln selbst erkennen. Die Installation “Penguins Mirror” von Daniel Rozin scheint genau auf dem Moment des sich selbst Erkennens bzw. Reflektierens aufzubauen: Die Arbeit besteht aus 450 motorbetriebenen Plüsch-Pinguinen, die sich um die eigene Achse drehend am Boden präsentieren. Es entsteht ein anmutendes homogenes Bewegungssystem, ein Spiel mit den kompositorischen Möglichkeiten der Gegensätze Schwarz und Weiß, ausgelöst durch die Anwesenheit und Bewegungen der Betrachter.

[Drive Volkswagen Group Forum, Friedrichstraße 84, Text: Ausstellungsflyer “Ars Electronica “, Ausstellung noch bis zum 26. Oktober 2017, Video auf YouTube]

Ein sich selbst zersetzendes Stillleben

Urs Fischer: "ohne Titel", (Ausstellung "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia" Hamburger Bahnhof), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Urs Fischer: “ohne Titel”, (Ausstellung “Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia” Hamburger Bahnhof),
Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Die sich auf die Tradition der Vanitas-Malerei beziehende Plastik verbindet zwei reale Obsthälften zu einer moribunden Einheit. Als eine Art Readymade aus Apfel und Birne baumelt sie einladend von der Decke herab, als wäre sie im Begriff, von einem imaginären, unsichtbaren Baum zu fallen. Im Prozess ihrer organischen Zersetzung nähern sich beide Fruchthälften immer mehr an. Urs Fischers zwischen Leben und Tod schwebende Skulptur führt die Kurzlebigkeit in Echtzeit vor, die im klassischen Stillleben nur angedeutet wird.

[Nationalgalerie, Staatliche Museen Berlin, Flick Collection, Text: Ausstellungsheft "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia", Hamburger Bahnhof Berlin]

Andy Warhol und die Schaufensterpuppe

Gebrüder Weber: "Weilbliche Schaufenster-Wachsbüste", Berlin 1900-1930 (Ausstellung "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia" Hamburger Bahnhof), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Gebrüder Weber: “Weibliche Schaufenster-Wachsbüste”, Berlin 1900-1930,
Ausstellung “Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia”,
Hamburger Bahnhof Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

“Wenn man darüber nachdenkt”, sinnierte Andy Warhol, “sind Warenhäuser irgendwie wie Museen.” Im frühen 20. Jahrhundert wurde das Auslagenfenster zu einer eigenständischen Form der Massenunterhaltung. In visuell aufregende Ware gekleidet, sollten die Schaufensterpuppen in den Ausstellungsräumen des Handels die Blicke auf sich ziehen. Das Schaufenster hat die Aufgabe, Begehren zu wecken, es verspricht, dass das Ausgestellte leicht und schnell zu haben und durch seinen Besitz ideale Schönheit zu erlangen sei.

[Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen Berlin, Text: Ausstellungsheft "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia", Hamburger Bahnhof Berlin]

Eva

Carl Schulz(?): "Adam und Eva" 1825/62, Kopien nach dem Genter Altar, um 1432 (Ausstellung "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia" Hamburger Bahnhof), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Carl Schulz(?): “Adam und Eva” 1825/62, Kopien nach dem Genter Altar, um 1432 (Ausstellung “Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia”, Hamburger Bahnhof), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Jan und Hubert van Eycks um 1432 entstandene Verehrung des Lammes Gottes, besser bekannt als Genter Altar, gilt als einer der Höhepunkte der nördlichen Renaissance. Das in der St.-Bravo-Kathedrale zu Gent befindliche Werk erzählt auf acht Tafeln die Geschichte des christlichen Glaubens. Im oberen Teil wird mit Adam und Eva die Idee der Erbsünde eingeführt, darunter werden Verehrung und Erlösung dargestellt: Propheten, Apostel und Märtyrer versammeln sich mit anderen um das Lamm Gottes.

[Gemäldegalerie Staatliche Museen Berlin, Text: Ausstellungsheft "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia", Hamburger Bahnhof Berlin, in der Ausstellung ist je ein Gemälde von Eva und Adam zu sehen]

Rosemaries Gewohnheitstier

Rosemarie Trockel: "Gewohnheitstier 3", 1990, (Ausstellung "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia", Hamburger Bahnhof Berlin), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Rosemarie Trockel: “Gewohnheitstier 3″, 1990, (Ausstellung “Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia”,
Hamburger Bahnhof Berlin), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Rosemarie Trockel hat ein Auge für das Gewöhnliche, für Dinge wie Wolle und Herdplatten. Dieses Interesse am Alltäglichen gilt auch Tieren oder Getier, zum Beispiel Motten, für die sie einmal ein Kaschmirhaus entwarf. Trockels Kunst zeigt gern die ambivalente Beziehung zwischen Tier und Mensch. Für ihre Serie Gewohnheitstiere fertigte sie Bronzeabgüsse verschiedener Tier wie Reh oder Hund. Unter einem “Gewohnheitstier” versteht man üblicherweise eine Person mit unumstößlichen Gewohnheiten, ein Charakterzug, der gewöhnlich Tieren nachgesagt wird.

[Nationalgalerie, Staatliche Museen Berlin, Text: Ausstellungsheft "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia", Hamburger Bahnhof Berlin]

Ein Geldstein von den Yap-Inseln

Geldstein", Yap-Inseln/Karolinen, (Ausstellung "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia", Hamburger Bahnhof Berlin) Foto © Friedhelm Denkeler 2016

“Geldstein”, Yap-Inseln/Karolinen, (Ausstellung “Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia”, Hamburger Bahnhof Berlin), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Rai oder Steingeld ist ein Zahlungsmittel der zu Mikronesien gehörigen Yap-Inseln. Die Durchmesser der Steinscheiben variieren von wenigen Zentimetern bis zu über vier Metern. Der Wert eines Rai-Steins beruht aber nicht nur auf Größe und Gewicht, sondern auch auf seiner Material- und Fertigungsqualität sowie seiner Geschichte. Ende des 19. Jahrhunderts kurbelten deutsche Kolonialherren mithilfe des Steingelds die Produktion von Kopra (getrocknetem Kokosnussfleisch) an. Es gelang ihnen, einige Häuptlinge – und mit Ihnen deren Dörfer – zu Schuldnern zu machen. Die Schulden wurden in Form von Kopra zurückgezahlt.

[Ethnologisches Museum, Staatliche Museen Berlin, Text: Ausstellungsheft "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia", Hamburger Bahnhof Berlin]

Das pralle Leben – Ein Amerikaner in Paris

“William Klein – Photographs & Films” bei C/O Berlin (bis 7. Juli 2017)

Die Fotografie ist nur eine Verlängerung dessen, was wir fühlen, wenn wir Menschen, Landschaften und Situationen sehen. [William Klein]

Eröffnung "William Klein – Photographs & Films", C/O Berlin, 28. April 2017, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Eröffnung “William Klein – Photographs & Films”, C/O Berlin, 28. April 2017, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Der 89-jährige Amerikaner William Klein war zur Eröffnung seiner Retrospektive bei C/O Berlin aus Paris, wo er seit 1948 lebt, angereist. Für ihn ist eine Ausstellung auch Gespräch mit sich selbst, denn es gibt Dinge, die man vergisst und durch Fotos wieder daran erinnert wird. Legendär sind seine in den fünfziger Jahren in New York entstandenen Bilder geworden: subjektiv, intuitiv und mit unerwarteten Perspektiven. Die Stadt von Coca Cola, großen Autos und blinkenden Reklametafeln. Das Buch “New York 1954-1955″ mit dem Untertitel “Life is Good and Good for You is New York: Trance Witness Revels” zeigt die Stadt als einen dunklen, rauen und bedrückenden Ort. So ist der Titel eher eine ambivalente Empfehlung. Später folgten dann Bücher mit Fotos aus Rom (1956), Moskau (1959-1961) und Tokyo (1961).

Der Tagesspiegel schrieb “Klein ist für seine schockartige Schwarz-Weiß-Fotografie berühmt, für das Draufhalten der Kamera auf Menschen in weniger als einer Armlänge Entfernung. Oder besser gesagt: Nähe. Nicht der moment décisif eines Cartier-Bresson ist Kleins Methode und Ziel, sondern die chaotische Fülle des Augenblicks, das pralle Leben und seine Situationskomik.” Systematisch wie ein Sammler hat August Sander im “Antlitz der Zeit” eine Serie von repräsentativen Portraits quer durch alle Berufs- und Bevölkerungsschichten geschaffen. William Klein dagegen hat seine weitwinkelbestückte Kamera in die Menge “geworfen”; in dieser anonymen Masse werden individuelle Typen für einen Augenblick wie ein “Porträt” sichtbar.

Eröffnung "William Klein – Photographs & Films", C/O Berlin, 28. April 2017, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Eröffnung “William Klein – Photographs & Films”, C/O Berlin, 28. April 2017, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

William Klein wird 1928 in New York als Sohn immigrierter ungarischer Juden geboren. Nach einem Studium der Soziologie und dem Militärdienst reist er 1947 als GI nach Europa und macht Paris zu seinen Lebensmittelpunkt. Er beginnt eine Lehre im Atelier von Fernand Léger und stellt Anfang der 1950er-Jahre erstmals abstrakte geometrische Gemälde aus. Gleichzeitig beginnt er, sich für Fotografie und Film zu interessieren. Er führt ein fotografisches Tagebuch und arbeitet mit Federico Fellini, Pier Paolo Pasolini und Louis Malle an Filmprojekten. Bis 1965 ist er als Modefotograf für die Vogue tätig. Die Titel seiner Fotobücher wie New York 1956, Rom, 1959, Moskau, 1964, In & Out of Fashion, 1994, Close Up, 1989, Paris + Klein, 2002, sind zu festen Bestandteilen der Nachkriegsgeschichte der internationalen Fotografie geworden. Daneben entstehen über 20 Spiel- und Dokumentarfilme.

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