Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Ausstellung

Entsprechend des Blog-Untertitels “Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst” werden in dieser Rubrik in erster Linie selbst besuchte Ausstellungen, hauptsächlich in Berlin, zur Photographie und zur Kunst besprochen. Hin und wieder wird auch eine geplante Ausstellung angekündigt.

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Rosemaries Gewohnheitstier

Rosemarie Trockel: "Gewohnheitstier 3", 1990, (Ausstellung "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia", Hamburger Bahnhof Berlin), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Rosemarie Trockel: “Gewohnheitstier 3″, 1990, (Ausstellung “Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia”,
Hamburger Bahnhof Berlin), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Rosemarie Trockel hat ein Auge für das Gewöhnliche, für Dinge wie Wolle und Herdplatten. Dieses Interesse am Alltäglichen gilt auch Tieren oder Getier, zum Beispiel Motten, für die sie einmal ein Kaschmirhaus entwarf. Trockels Kunst zeigt gern die ambivalente Beziehung zwischen Tier und Mensch. Für ihre Serie Gewohnheitstiere fertigte sie Bronzeabgüsse verschiedener Tier wie Reh oder Hund. Unter einem “Gewohnheitstier” versteht man üblicherweise eine Person mit unumstößlichen Gewohnheiten, ein Charakterzug, der gewöhnlich Tieren nachgesagt wird.

[Nationalgalerie, Staatliche Museen Berlin, Text: Ausstellungsheft "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia", Hamburger Bahnhof Berlin]

Ein Geldstein von den Yap-Inseln

Geldstein", Yap-Inseln/Karolinen, (Ausstellung "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia", Hamburger Bahnhof Berlin) Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Geldstein”, Yap-Inseln/Karolinen, (Ausstellung “Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia”, Hamburger Bahnhof Berlin)
Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Rai oder Steingeld ist ein Zahlungsmittel der zu Mikronesien gehörigen Yap-Inseln. Die Durchmesser der Steinscheiben variieren von wenigen Zentimetern bis zu über vier Metern. Der Wert eines Rai-Steins beruht aber nicht nur auf Größe und Gewicht, sondern auch auf seiner Material- und Fertigungsqualität sowie seiner Geschichte. Ende des 19. Jahrhunderts kurbelten deutsche Kolonialherren mithilfe des Steingelds die Produktion von Kopra (getrocknetem Kokosnussfleisch) an. Es gelang ihnen, einige Häuptlinge – und mit Ihnen deren Dörfer – zu Schuldnern zu machen. Die Schulden wurden in Form von Kopra zurückgezahlt.

[Ethnologisches Museum, Staatliche Museen Berlin, Text: Ausstellungsheft "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia", Hamburger Bahnhof Berlin]

Das pralle Leben – Ein Amerikaner in Paris

“William Klein – Photographs & Films” bei C/O Berlin (bis 7. Juli 2017)

Die Fotografie ist nur eine Verlängerung dessen, was wir fühlen, wenn wir Menschen, Landschaften und Situationen sehen. [William Klein]

Eröffnung "William Klein – Photographs & Films", C/O Berlin, 28. April 2017, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Eröffnung “William Klein – Photographs & Films”, C/O Berlin, 28. April 2017, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Der 89-jährige Amerikaner William Klein war zur Eröffnung seiner Retrospektive bei C/O Berlin aus Paris, wo er seit 1948 lebt, angereist. Für ihn ist eine Ausstellung auch Gespräch mit sich selbst, denn es gibt Dinge, die man vergisst und durch Fotos wieder daran erinnert wird. Legendär sind seine in den fünfziger Jahren in New York entstandenen Bilder geworden: subjektiv, intuitiv und mit unerwarteten Perspektiven. Die Stadt von Coca Cola, großen Autos und blinkenden Reklametafeln. Das Buch “New York 1954-1955″ mit dem Untertitel “Life is Good and Good for You is New York: Trance Witness Revels” zeigt die Stadt als einen dunklen, rauen und bedrückenden Ort. So ist der Titel eher eine ambivalente Empfehlung. Später folgten dann Bücher mit Fotos aus Rom (1956), Moskau (1959-1961) und Tokyo (1961).

Der Tagesspiegel schrieb “Klein ist für seine schockartige Schwarz-Weiß-Fotografie berühmt, für das Draufhalten der Kamera auf Menschen in weniger als einer Armlänge Entfernung. Oder besser gesagt: Nähe. Nicht der moment décisif eines Cartier-Bresson ist Kleins Methode und Ziel, sondern die chaotische Fülle des Augenblicks, das pralle Leben und seine Situationskomik.” Systematisch wie ein Sammler hat August Sander im “Antlitz der Zeit” eine Serie von repräsentativen Portraits quer durch alle Berufs- und Bevölkerungsschichten geschaffen. William Klein dagegen hat seine weitwinkelbestückte Kamera in die Menge “geworfen”; in dieser anonymen Masse werden individuelle Typen für einen Augenblick wie ein “Porträt” sichtbar.

Eröffnung "William Klein – Photographs & Films", C/O Berlin, 28. April 2017, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Eröffnung “William Klein – Photographs & Films”, C/O Berlin, 28. April 2017, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

William Klein wird 1928 in New York als Sohn immigrierter ungarischer Juden geboren. Nach einem Studium der Soziologie und dem Militärdienst reist er 1947 als GI nach Europa und macht Paris zu seinen Lebensmittelpunkt. Er beginnt eine Lehre im Atelier von Fernand Léger und stellt Anfang der 1950er-Jahre erstmals abstrakte geometrische Gemälde aus. Gleichzeitig beginnt er, sich für Fotografie und Film zu interessieren. Er führt ein fotografisches Tagebuch und arbeitet mit Federico Fellini, Pier Paolo Pasolini und Louis Malle an Filmprojekten. Bis 1965 ist er als Modefotograf für die Vogue tätig. Die Titel seiner Fotobücher wie New York 1956, Rom, 1959, Moskau, 1964, In & Out of Fashion, 1994, Close Up, 1989, Paris + Klein, 2002, sind zu festen Bestandteilen der Nachkriegsgeschichte der internationalen Fotografie geworden. Daneben entstehen über 20 Spiel- und Dokumentarfilme.

The Last Post – Das Ende der Kampfhandlungen

"Susan Philipsz: "War Damaged Musical Instruments (Shellac)" (Ausschnitt) 2015,   Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“Susan Philipsz: “War Damaged Musical Instruments (Shellac)” (Ausschnitt) 2015,
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Für diese Soundinstallation ließ Susan Philipsz eine Melodie mit Musikinstrumenten, die u.a. aus einer militärhistorischen Museumssammlung in Großbritannien stammen und die im Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie im Krimkrieg in den 1850er-Jahren beschädigt worden waren, einspielen. Das militärische Hornsignal “The Last Post” kündigte den Truppen das Ende der Kampfhandlungen an und wird heute bei Bestattungs- und Erinnerungszeremonien gespielt. Jedes Instrument ist einem Lautsprecher zugeordnet. Die Töne sind fragmentiert zu hören und fügen sich bei der Bewegung durch den Raum akustisch zusammen.

[Quelle: Ausstellungsheft "moving is in every direction. Environments – Installationen – Narrative Räume", Hamburger Bahnhof Berlin, noch bis zum 17. September 2017]

Ein Wintergarten im Hamburger Bahnhof

Marcel Broodthaers: "Un jardin d'hiver – Ein Wintergarten (Aussschnit)" 1974, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Marcel Broodthaers: “Un jardin d’hiver” (Aussschnit) 1974, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Für eine Gruppenausstellung im Palais des Beaux-Art in Brüssel entstand 1974 “Un jardin d’hiver” als erste raumgreifende Arbeit von Marcel Broodthaers. Naturhistorische Stiche spielen auf den enzyklopädischen Anspruch des modernen Naturkunde- und Universalmuseums an, für das die Beutezüge des Kolonialismus eine wesentliche Voraussetzung darstellten. Die domestizierte Natur wird hier zum “Décor”. Der Wintergarten als bourgeoiser (Museums-) Raum steht für die Zähmung und Entpoetisierung des Exotischen in der westlichen Welt.

[F. C. Flick Collection, Text: Ausstellungsheft "moving is in every direction. Environments – Installationen – Narrative Räume", Hamburger Bahnhof Berlin, noch bis zum 17. 09.2017]

Marcel Broodthaers: "Un jardin d'hiver – Ein Wintergarten" (Aussschnit) 1974, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Marcel Broodthaers: “Un jardin d’hiver” (Aussschnit) 1974, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

 

Marcel Broodthaers: “Un jardin d’hiver” (Aussschnit) 1974, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Der Blinde, der die Blinden führt

Peter Buggenhout: "The Blind Leading The Blind; #68", 2015 (Ausschnitt), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Peter Buggenhout: “The Blind Leading The Blind; #68″, 2015 (Ausschnitt),
Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Peter Buggenhouts Skulpturen sind sorgfältig konstruierte Assemblagen aus verworfenen Materialien: Industrieschrott, Alltagsmüll, Bauschutt, überzogen von Staubschichten, die sich scheinbar seit Ewigkeiten angesammelt haben. Seine 2009 begonnene und inzwischen mehr als siebzig Arbeiten umfassende Serie “The Blind Leading The Blind” ist nach dem 1568 entstandenen Gemälde Pieter Bruegels d. Ä. benannt, das einen Zug von sechs gebrechlichen älteren Blinden zeigt, von denen es im biblischen Gleichnis heißt: “Lasset sie fahren! Sie sind blinde Blindenleiter. Wenn aber ein Blinder den anderen leitet, so fallen sie beide in die Grube.”

[Courtesy Galerie Konrad Fischer, Text: Ausstellungsheft "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia", Hamburger Bahnhof Berlin]

Sonnenschein oder: Fighting in a concrete Jungle

Christian Schulz mit Fotografien aus den 1980er Jahren in der Collection Regard

Dagmar Stenschke (1947 – 2011), in den einschlägigen Kreuzberger Kneipen nur “Sunshine” genannt, soll ihre Anrede auf den Namen ihres Lieblings-LSD bezogen haben. Jetzt ist sie großformatig auf einer Fotografie von Christian Schulz in der Galerie “Collection Regard” von Marc Barbey in der Steinstraße 12 in der Ausstellung “Christian Schulz – Fotografien. West-Berlin 1981–1989″, noch bis zum 25. Mai 2017 zu sehen. Schulz (*1961) kam 1981 aus Nord- Deutschland nach West-Berlin, in die Halbstadt, die viele junge Leute wegen ihres besonderen Status als Freiraum begriffen und gestalteten. Schulz fotografierte für die “tageszeitung (TAZ)”, “Zitty”, später auch für die “Berliner Zeitung” und arbeitet als Standfotograf u.a. bei den Filmen von Christian Petzold.

Christian Schulz mit der Arbeit "Dagmar Stenschke, genannt Sunshine", 1982, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Christian Schulz mit der Arbeit “Dagmar Stenschke, genannt Sunshine”, 1982, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Es war die Zeit der Demonstrationen, CSD-Paraden, der besetzten Häuser in Kreuzberg und Schöneberg, die Zeit der Konzerte von “Ton, Steine, Scherben” mit Rio Reiser, den Bands Malaria oder IDEAL an den inzwischen legendären Orten wie dem SO36, der Brauerei Zehlendorf oder dem Tempodrom. Christian Schulz war immer mit der Kamera dabei. Seine ehrlichen und persönlichen Porträts von Penelope Cruz, Michelangelo Antonioni, Emmanuelle Béart, Maria Schrader, Johnny Depp, Jane Birkin oder Wim Wenders, die während der Internationalen Filmfestspiele in Berlin entstehen, lichten die Porträtierten nicht als unnahbare Stars, sondern als uns berührende Menschen ab.

“Die Schwarz-Weiß-Fotografien von Christian Schulz sind fesselnde Erzählungen. Die Bilder sind informell und en passant aufgenommen, nichtdestotrotz gelingt es Schulz, die Essenz des Moments, der Bewegung und des Geschehens erzählerisch einzufangen. Die Bilder ermöglichen uns, in diese festgehaltenen Momente einzutauchen, sie wahrhaftig zu erleben und einzelnen Menschen zu begegnen. Ob mitten in einer Demonstration, im Konzertsaal oder im Privaten eines besetzten Hauses, erlauben uns die Bilder mit seltener, erfrischender Leichtigkeit und Respekt nah dran zu sein. Die eingefangene Welt wird lebendig und bringt uns zum Staunen, zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken oder zum Erschrecken.” [Marc Barbey]. Die Ausstellung wird durch die Publikation aus dem Lehmstedt Verlag “Christian Schulz – Die wilden Achtziger. Fotografien aus West-Berlin” begleitet.

www.collectionregard.de

Der Schatten des Photographen …

oder: Die Erfindung der Malerei

"Einbein-Schatten", aus der Serie "Schatten und Spiegel", Foto © F'riedhelm Denkeler 1979

“Einbein-Schatten”, aus der Serie “Schatten und Spiegel”, Foto © Friedhelm Denkeler 1979

Der römische Gelehrte und Geschichtsschreiber Plinius der Ältere (*23 n. Chr., †79 n. Chr.) erzählt in seinem bekanntesten Werk “Naturalis historia” die Geschichte der Tochter des korinthischen Töpfers Dibutates. Ihr Geliebter ging auf eine lange Reise und sie suchte verzweifelt nach einer bleibenden Erinnerung. Heutzutage hätte sie schnell mit ihrem Smartphone ein Foto gemacht, das gibt es bekannterweise aber erst seit 2000 n. Chr. Da sah sie plötzlich den durch eine Lampe verursachten Schatten ihres Geliebten auf der Wand und sie hatte eine Idee.

Die Tochter zeichnete die Umrisse vom Schatten ihres Geliebten im Profil auf der Wand nach. Und wie das in Künstlerfamilien nun einmal ist, hatte ihr Vater noch eine weitere Idee: Er machte anhand des Schattenrisses ein Relief aus gebrannter Tonerde. Der Tochter blieb so die Erinnerung an ihren Geliebten gewahrt. Für Plinius war dies die Geburtsstunde aller Malerei und Plastik.

Den deutschen Maler Eduard Daege (*1805, †1883) kennt nicht unbedingt jeder; seine Malerei kann man als akademisch bezeichnen, aber die Nationalgalerie Berlin besitzt sein bekanntestes Werk: “Die Erfindung der Malerei” aus dem Jahr 1832. Hier hat sich Daege die Erzählung von Plinius zum Vorbild genommen. Der Jüngling scheint kurz davor zu sein, in einen Krieg zu ziehen. Darauf deutet der bereitgelegte Helm am unteren Bildrand hin und seine Scham wird von einem Schwert bedeckt, ansonsten ist der Grieche wie immer nackt und seine Geliebte zumindest halbnackt.

Die deutschen Maler des Klassizismus liebten die Plinius-Geschichte, denn auch sie waren der Meinung, dass sich die Malerei von der scharfen Linie der Zeichnung und nicht von der Farbe herleitete. Man könnte das Bild von Daege aber auch die “Erfindung des Modells” nennen, denn mit der linken Hand richtet die Dibutates-Tochter den Kopf ihres Modells so aus, das sie ihn im Profil zeichnen kann. Zusammengefasst lässt sich sagen: vom Schattenwurf ausgehend kam es zur Zeichnung, dann zum Gemälde und, wenn man so will, zur Photographie, die es nun auch schon seit fast 200 Jahren gibt.

Und die Moral von der Geschicht‘: Erst kommt die Malerei, dann die Photographie [FD]

Eduard Daege: "Erfindung der Malerei" (1832), Foto © Friedhelm Denkeler 2008

Eduard Daege: “Erfindung der Malerei”, 1832 (Ausschnitt)
Foto © Friedhelm Denkeler 2008

Der traurige Frühling

"Der traurige Frühling" (Ausschnitt), 1933, Wilhelm Lachnit, 1899-1962, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“Der traurige Frühling” (Ausschnitt), 1933, Wilhelm Lachnit, 1899-1962,
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Wilhelm Lachnit malte 1933 nach einer sechswöchigen Gestapo-Haft ein Bild, das er “Der traurige Frühling” nannte. Lachnit als “wacher” Künstler, sah, was kommen würde, während die Deutschen noch mehrheitlich dem “Führer” zujubelten. Teile seines Werkes wurden von den Nationalsozialisten als “Entartete Kunst” eingestuft und beschlagnahmt. Lachnit konnte nur noch eingeschränkt arbeiten und stand unter ständiger Beobachtung der Gestapo.

“Alles Lebendige ist hier gewichen, der Gesichtsausdruck wirkt wie versteinert. Lachnit bedient sich eines allegorischen Vokabulars: In Anspielung auf Botticellis berühmte Primavera verkehrt er die frohe Botschaft mit neusachlicher Nüchternheit in ihr Gegenteil – unterhalb der blutroten Rose sind zwei Äste eines Dornenkranzes zu erkennen, denen auf der anderen Seite die sonderbar makellose, fast wie eine Antenne hervorragende Kugel einer Pusteblume entspricht. Nicht Tod und Wiedergeburt, sondern Passion und Vergeblichkeit sind die traurige Botschaft.” [Quelle: "Räume, Dinge, Menschen – ein Ausstellungsrundgang"]

Wilhelm Lachnit (*1899, † 1962) arbeitete hauptsächlich in Dresden. Nach dem Studium war er als freischaffender Künstler tätig und begann sich für den Sozialismus zu begeistern; 1925 trat er in die KPD ein und gründete die Dresdner ASSO (Assoziation revolutionärer bildender Künstler) mit, die 1933 verboten wurde. Ein großer Teil seines Werkes wurde während eines Bombenangriffes auf Dresden zerstört.

1945 entstand das großformatige Gemälde “Der Tod von Dresden”, das eine weinende Mutter inmitten eines symbolischen Trümmerinfernos zeigt. Die DDR-Kulturfunktionäre lobten das Gemälde als “starke Leistung”, so dass er 1947 als Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden tätig sein konnte. Wegen seines als “formalistisch” bezeichneten Stils fiel er zunehmend in Ungnade und gab 1954 schließlich resigniert seine Professur auf.

Lachnit ist fast ein unbekannter Meister des zwanzigsten Jahrhunderts, insbesondere im Westen Deutschlands ist sein Werk kaum bekannt. “Der traurige Frühling” wurde zu DDR-Zeiten von der ostdeutschen Nationalgalerie angekauft und ist zurzeit in der Ausstellung “Surreale Sachlichkeit – Werke der 1920er- und 1930er-Jahre aus der Nationalgalerie” in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in der Schloßstraße in Charlottenburg noch bis zum 23. April 2017 zu sehen.

Die Flora-Büste im Bode-Museum

Der 100jährige Streit um eine Wachsbüste:
Stammt sie von Leonardo da Vinci oder nicht?

Unabhängig davon, ob sie nun von Leonardo da Vinci oder viel später von einem anderen Künstler geschaffen wurde, die Flora-Büste ist eines meiner Lieblingsobjekte im Bode-Museum auf der Berliner Museumsinsel. Trotz oder gerade wegen ihrer Morbidität strahlt die Abgebildete eine innere und äußere Schönheit aus und das ist natürlich auch von photographischem Interesse.

“In lebensgroßer Halbfigur erscheint die kräftige junge Frau; das mit einem Blumenkranz geschmückte Haupt nach rechts gewendet und leicht gesenkt. Ein leises Lächeln bestimmt ihre klassisch schönen, klassizistisch überarbeiteten Züge. Ein blauer Mantel bedeckt die linke Schulter, fällt am Rücken zur rechten Hüfte herab und betont vorne den Abschluss der Figur.” [Zitat Sammelblatt Bode-Museum]

Risse durchziehen die Büste, große Teile der Oberfläche sind abgeblättert oder zerschabt; die Unterarme sind abgebrochen. Das Gesicht hingegen ist einwandfrei, wurde aber nachträglich bearbeitet. Woher die Halbfigur kommt, wer sie geschaffen hat, darüber gehen die Meinungen seit dem Erwerb der Büste 1909 durch Wilhelm von Bode, dem Generaldirektor der Berliner Museen, für das Berliner Kaiser-Friedrich-Museum (heute: Bode-Museum), auseinander.

Kurz nachdem Bode die Büste zum für die damalige Zeit horrenden Preis von 175.000 Goldmark im Londoner Handel erworben hatte, meldete die Londoner Times das Werk sei nicht von Leonardo (16. Jahrhundert), sondern vom Wachsbildner Richard Cockle Lucas (19. Jahrhundert).

"Florabüste" (aus der Werkstatt des Leonardo da Vinci, Wachs, Hohlguss, Bode-Museum Berlin), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

“Florabüste” (aus der Werkstatt des Leonardo da Vinci, Wachs, Hohlguss, Bode-Museum Berlin), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

“Alle herstellungstechnischen Erkenntnisse sprechen dafür, dass die Flora-Büste bereits als ruinöses Fragment in die Werkstatt von Richard Cockle Lucas kam und offenbar dort restauriert werden sollte. Lucas Senior hat die Büste mit verschiedenen Materialien von innen befestigt und die Oberfläche an einzelnen Stellen überarbeitet. An diesen Arbeiten dürfte sein damals 18-jähriger Sohn beteiligt gewesen sein. Der weitere Weg der Büste ist nicht rekonstruierbar. Erst im frühen 20. Jahrhundert tauchte sie wieder auf. “[Zitat Sammelblatt Bode-Museum]

Der Streit um die Florabüste ist bis heute nicht entschieden und dessen ungeachtet empfängt die junge Frau weiterhin die Besucher mit einem süffisanten, angedeuteten Mona-Lisa-Lächeln.

Die drei Ausstellungen zur Werkstatt für Photographie

Führung mit den Kuratoren durch die Berliner Ausstellung “Kreuzberg – Amerika” bei C/O Berlin am 10. Februar 2017

Die große Ausstellung über die Geschichte der Kreuzberger “Werkstatt für Photographie” bei C/O Berlin im Amerika-Haus neigt sich dem Ende zu. Am Freitag, den 10. Februar 2017, um 16 Uhr, führen die Kuratoren Inka Schube (Sprengel Museum Hannover), Thomas Weski (Michael-Schmidt-Stiftung) und Felix Hoffmann (C/O Berlin) noch einmal durch die Berliner Ausstellung. Weitere Informationen unter www.co-berlin.org.

Die Geschichte, Einflüsse und Auswirkungen dieser legendären Berliner Fotografie-Institution und ihrer Akteure werden erstmals und zugleich in einer städteübergreifenden Kooperation präsentiert (Berlin, Hannover, Essen). Diese drei Stationen skizzieren die Situation eines Mediums im Aufbruch, welches – ermutigt durch das Selbstbewusstsein der amerikanischen Fotografie – auf die eigenständige, künstlerische Autorenschaft setzt.

 Drei Stationen und eine Publikation

Plakat der Werkstatt für Photographie: "Diane Arbus", 27.04. bis 22.05.1981

Plakat der Werkstatt für Photographie: “Diane Arbus”,
27.04.1981 bis 22.05.1981

C/O Berlin arbeitet in seinem Beitrag Kreuzberg – Amerika die Geschichte der Werkstatt für Photographie auf. Hier entstand im Rahmen der Erwachsenen-Bildung ein einzigartiges Forum für zeitgenössische Fotografie. Einen besonderen Schwerpunkt bildeten die Ausstellungen amerikanischer Fotografen, die in der Werkstatt oft erstmalig gezeigt wurden und eine enorme Auswirkung auf die Entwicklung einer künstlerischen Fotografie in Deutschland hatten. Die Ausstellung vereint Arbeiten von Dozenten, Hörern und Gästen zu einem transatlantischen Dialog. Robert Adams, Diane Arbus, Lewis Baltz, Larry Clark, William Eggleston, Larry Fink, John Gossage, Stephen Shore, Gosbert Adler, Friedhelm Denkeler, Wolfgang Eilmes, Thomas Florschuetz, Ulrich Görlich, Ursula Kelm, Wilmar Koenig, Thomas Leuner, Christa Mayer, Eva Maria Ocherbauer, Hildegard Ochse, Gundula Schulze Eldowy, Michael Schmidt, Hermann Stamm, Klaus-Peter Voutta, Manfred Willmann und Ulrich Wüst. [Quelle: Presseerklärung]

Das Museum Folkwang Essen (noch bis zum 19. Februar 2017) entdeckt unter dem Titel Das rebellische Bild in der eigenen Folkwang-Geschichte die Widerspiegelung des allgemeinen Aufbruchs jener Jahre. Nach dem Tod des einflussreichen Fotolehrers Otto Steinert (1978) herrschte eine offene und produktive Situation der Verunsicherung. Nach und nach wurde Essen zu einem Brückenkopf für den Austausch mit Berlin und zum Kristallisationspunkt für die junge zeitgenössische Fotografie in der Bundesrepublik. Neben Michael Schmidt, der in seiner Zeit als Lehrbeauftragter an der GHS Essen provokante Akzente in der Lehre setzte, gehörte Ute Eskildsen als Foto-Kuratorin am Museum Folkwang seit 1979 zu den wichtigen Akteuren. Die junge Essener Fotografie setzte sich mit Urbanität und Jugendkultur auseinander, sie entdeckte die Farbe als künstlerische Ausdrucksweise, stellte Fragen nach neuen Formen des Dokumentarischen, nach authentischen Bildern und Haltungen und stellte der objektivierenden Distanz der Düsseldorfer Schule einen forschenden, subjektiven Blick entgegen. [Quelle: Presseerklärung]

Katalog zur Ausstellung "Werkstatt für Photographie 1976-1986”, C/O Berlin, Museum Folkwang Essen, Sprengel Museum Hannover,   Buchhandlung Walter König, Köln 2016

Katalog zur Ausstellung “Werkstatt für Photographie 1976-1986”, C/O Berlin, Museum Folkwang Essen,
Sprengel Museum Hannover

Das Sprengel Museum Hannover (noch bis 19. März 2017) ergänzt beide Ausstellungen um eine Perspektive, in deren Mittelpunkt Publikationen, Institutionen und Ausstellungen stehen, die den transatlantischen Austausch seit Mitte der 1960er Jahre beförderten. Anhand exemplarischer Beispiele erzählt Und plötzlich diese Weite von der Entwicklung jener Infrastrukturen, die die Emanzipation der Fotografie im Kontext des Dokumentarischen vorbereiteten und begleiteten. Das Fotomagazin Camera nimmt dabei eine ebenso zentrale Rolle ein wie die ersten deutschen Fotogaleriegründungen Galerie Wilde in Köln, Lichttropfen in Aachen, Galerie Nagel in Berlin und die Initiative Spectrum Photogalerie in Hannover. Auch der documenta 6, 1977, und den in den ausgehenden 1970er Jahren entstehenden Fotozeitschriften, insbesondere der Camera Austria, sind gesonderte Kapitel gewidmet. [Quelle: Presseerklärung]

Zum gemeinsamen Ausstellungsprojekt erscheint in der Verlagsbuchhandlung Walther König die gemeinsame Publikation “Werkstatt für Photographie 1976–1986″ Herausgegeben von: Florian Ebner, Felix Hoffmann, Inka Schube, Thomas Weski. Mit Texten von: Florian Ebner, Ute Eskildsen, Carolin Förster, Christine Frisinghelli, Virginia Heckert, Felix Hoffmann, Klaus Honnef, Jörg Ludwig, Inka Schube und Thomas Weski. Koenig Books, 2016, 392 Seiten, 24 x 27 cm, zahlreiche Abbildungen (S/W und Farbe). Euro 39,80 / ISBN 978-3-96098-042-1 (deutsche Ausgabe), ISBN 978-3-96098-043-8 (englische Ausgabe)

Die Harmonie eines Augenblicks

Die “Rheinische Post” 1982 zu meinem Portfolio “Photographien”

Anlässlich meiner Einzelausstellung in der Galerie Kicken in Köln vom 19. März bis 24. April 1982 schrieb Paul Behrens am 1. April 1982 die folgende Kritik zu meinen Arbeiten “Photographien” in der “Rheinischen Post”:

Das Photo zeigt einige Metallklammern, Bestandteile eines Akkumulators möglicherweise. Symmetrisch angeordnet, wirken sie fast schon wie Kunstobjekte. Der stilisierende Zugriff auf die Arbeitswelt ist typisch für Friedhelm Denkeler; er schafft Distanz und lässt so das bloß Private als Persönliches interessant werden. Dem 35jährigen Berliner Ingenieur bedeutet die Photographie ein Spiegelbild der Reflexion mithin.

Die Kölner Galerie Rudolf Kicken unternimmt mit dieser Ausstellung ein Novum. Sechs Dozenten deutscher Hochschulen haben Gelegenheit, einen jungen Photographen ihrer Wahl vorzustellen. Den Anfang macht Ulrich Görlich, Leiter der Werkstatt für Photographie an der Volkshochschule Kreuzberg, dessen Kurse Friedhelm Denkeler seit 1978 besucht.

"Die Harmonie des Augenblicks", Ausstellung in der Galerie Kicken, Köln, 19. März bis 24. April 1982 (Einzeklausstellung Friedhelm Denkeler), Foto © Friedhelm Denkeler 1982

“Die Harmonie des Augenblicks”, Ausstellung in der Galerie Kicken, Köln, 19. März bis 24. April 1982 (Einzeklausstellung Friedhelm Denkeler), Foto © Friedhelm Denkeler 1982

Beim Betrachten der – ausnahmslos schwarzweißen – Photographien fällt zunächst auf, dass ihnen alles Glatte, Gefällige, Geschönte fehlt. Das Porträt eines jungen Mannes zeigt diesen vor kleinbürgerlichen Hintergrund; man erkennt Kakteen in Plastik-Übertöpfen, Gardinenfransen, eine grell ornamentierte Tapete. Der Gesichtsausdruck des so Portraitierten ist skeptisch, verhärtet, fast mürrisch. Auf einem Bild sieht man den Fotografierten, an einem Baum gelehnt – unrasiert, mit melancholischem Blick. Selbst die Natur, wie sie uns in der Freizeit begegnet und wie sie Denkeler in Photos von Wochenendausflügen festhält, scheint die Verhärtung nicht zu lösen.

Und doch erkennt Denkeler in der Natur am ehesten Gleichmaß und Harmonie. Er deutet darauf, indem er einfach einen Zweig vors Objektiv hält. Oder er fängt die Harmonie eines Augenblicks ein: durch Spiegelung einer halbkreisförmigen Baumgruppe im Wasser entsteht ein dunkles Oval, auf dessen unterem Rand eine Gruppe weißer Gänse die Figur im Kleinen wiederholt.

Solches bedürfnislose In-sich-Ruhen versagt sich Denkeler in der Darstellung menschlicher, zumal erotischer Beziehungen. Dort wird Nähe stets von Distanz durchbrochen. Eine Hand greift nach einem Photo, verdeckt es zum Teil und gibt zugleich, zwischen Daumen und Zeigefinger, den Blick frei auf eine halbentblößte Frau – hinter Maschendraht.

Das schönste Photo zeigt den Unterarm einer Frau, der sich, auf einem Gaststättentisch ruhend, an den Arm eines Mannes anschmiegt; formal verdoppelt wird diese Konstellation, durch einen weiteren Tisch, der rechts, nahezu spiegelbildlich, an den ersten anstößt. Die zärtliche Geste erscheint so als bloß vorrübergehend, kann gleichsam jederzeit zurückgenommen werden – und das Bild wird eines Verlangens nach Nähe, das sich zugleich des Unüberbrückbaren bewusst ist.

Eine Auswahl der Werke aus meinem Portfolio ist zurzeit bei C/O Berlin in der Ausstellung “Kreuzberg – Amerika: Werkstatt für Photographie 1976–1986″ zu sehen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 12. Februar 2017 (weitere Informationen bei C/O Berlin).

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