Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

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Pistoletto und das Second Hand Model

Michelangelo Pistaletto vor den Photographien »Second Hand Modell«  von Friedhelm Denkeler im LichtSpielTheater KLICK-O-TonArt, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Michelangelo Pistoletto vor den Photographien »Second Hand Modell« von Friedhelm Denkeler
im LichtSpielTheater KLICK-O-TonArt, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Das Italienische Kulturinstitut ehrt jedes Jahr einen Künstler mit einer Veranstaltungsreihe und einer Ausstellung. „Michelangelo Pistoletto und Cittadellarte – Spiegelungen und Widerspiegelungen“ (bis zum 29. September 2018) heißt die diesjährige Hommage an Pistoletto, den Wegbereiter der Arte Povera. Im Zuge der Veranstaltungen fand im LichtSpielTheater KLICK-O-TonArt eine Präsentation des Dokumentarfilms in Anwesenheit des Künstlers statt. Kurz nach dem Film und dem anschließenden Künstlergespräch wurde es privater und so konnte ich Michelangelo Pistoletto vor einem Teil meiner fotografischen Arbeiten der Serie „Second Hand Model“ ablichten. Ausführliches finden Sie im Artikel „Second-Hand-Model – Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über vier Jahre„. Die Ausstellung im Theater ist noch bis zum 31. Juli 2018 zu sehen.

Second-Hand-Model

Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über vier Jahre
Ausstellung im „Theater O-TonArt“ in Berlin Schöneberg

Einladung zur Besichtigung am 15. und 24. März 2018 von 18 bis 19.30 Uhr

Wir sind im „Theater O-TonArt“. Während André Fischer auf der großen Bühne in dem Solo-Stück „Maman und Ich“ 32 verschiedene Rollen in zwei Stunden spielt, findet auf der kleinen Bühne, im Foyer, eine „One-Woman-Performance-Show“ statt. Zwischen dem 5. Januar 2003 und dem 13. Juni 2007 habe ich mit meiner ersten Digital-Kamera an 52 Tagen die Schaufensterpuppe im Second-Hand-Geschäft ET CETERA in der Berlinickestraße am Eingang zum S-Bahnhof Rathaus Steglitz fotografiert.

Nach meinen früheren Schwarzweiß-Bildern gab es nun einen Rausch an Farben, prächtiger Mode und Accessoires. Eine wahre Performance entfaltete sich entsprechend der Jahreszeiten und Festtage: Zu Weihnachten z.B. bekam das Model Engelsflügel oder trug ein T-Shirt mit der Heiligen Madonna. Wöchentlich dekorierte die Inhaberin ihre Schaufensterpuppe neu. Kleidung, Perücken, Brillen, Hüte, Ketten, Handtaschen und Gürtel wechselte sie, je nach ihrer Lust und Laune. Die schöne „Unbekannte“ in den Jugendstil-Einbauten des Geschäfts wurde zu einer vertrauten, aber geheimnisvollen Nachbarin, die die Neugier erweckt hatte und an der ich nicht einfach vorbei gehen konnte.

"5. Januar 2003", aus der Serie "Second Hand Model – Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über vier Jahre", Foto © Friedhelm Denkeler 2003

„5. Januar 2003“, aus der Serie „Second Hand Model
Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über 4 Jahre“
Foto © Friedhelm Denkeler 2003

Modepüppchen, Schaufensterpuppe oder Mannequin genannte Figuren entstanden um 1850 in Paris. Schneidereien stellten in ihren Schaufenstern eigene Entwürfe an kopflosen Schneiderpuppen zur Schau, um Kunden anzulocken. Im Bereich der Bildenden Kunst sind maßstabsgetreue, bewegliche Glieder- oder Gelenkpuppen seit der Antike bekannt. Sie werden verstärkt mit Beginn der Renaissance in Italien um 1500 von Bildhauern und Malern eingesetzt.

Proportionslehre und Bewegungsstudien bestimmten den Tenor der Zeit und nicht jeder Künstler konnte sich ein lebendes Modell leisten. Anfang des 20. Jahrhunderts begann die Zeit der großen Warenhäuser mit entsprechenden Fensterfronten, die je nach Jahres- oder Festzeit mit lebensgroßen Schaufensterpuppen dekoriert wurden. Der „Schaufensterbummel“ war erfunden und die Modepuppen wurden immer realistischer dargestellt. Identifikation, Präsentation, Träumerei und Verführung zum Kauf vereinen sich noch heute in ihnen.

Obwohl die Aufnahmeperspektive fast immer gleich war, spiegelte sich in der Schaufensterscheibe des Geschäfts die Umgebung des S-Bahnhofs Steglitz. Je nach Tageszeit, im vollen Sonnenlicht oder am Abend mit Blitzlicht, sieht man auf den Bildern mal die Mülltonen, die später hinter einer spanischen Wand versteckt waren, mal die Werbung eines Frisiersalons, wildes Plakatieren, zerkratzte Schaufensterscheiben, die Graffitis und das Straßenpflaster mit den beiden Gullydeckeln direkt vor dem Laden.

Die Serie „Second-Hand-Model“ passt ideal in ein Theater mit seinem Kostümfundus und der Lust der Schauspieler am Verkleiden. Die Besucher werden den Aufführungen entsprechend, ihren Teil dazu beitragen. Mit dem letzten Bild, der unbekleideten Schaufensterpuppe im Juni 2007 wurde der Verkauf des Geschäftes annonciert. Es bekam neue Inhaber, aber nie wieder wurde das Model so geschmackvoll, erotisch und phantasievoll eingekleidet wie in den vier Jahren meiner Aufnahmesession.

Die Werke sind vom 9. März bis zum 4. Juni 2018 im Foyer des „Theaters O-TonArt“ in der Kulmer Straße 20a, 10783 Berlin-Schöneberg, erstmalig öffentlich zu sehen. Die Ausstellungsräume sind immer an den Spieltagen eine Stunde vor Beginn der Vorstellung geöffnet (siehe www.o-tonart.de). Der Künstler ist am 15. und 24. März 2018 von 18 bis 19.30 Uhr anwesend.

Wenn die Hand in der Natur zur Skulptur wird …

Auf vertrauten Wegen – »Sommer in einer Hand« von Friedhelm Denkeler

Die fünf Künstler der »momenta« im Roxypalast Berlin-Friedenau (5)

Friedhelm Denkeler: "Sommer in einer Hand", Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin-Friedenau, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Friedhelm Denkeler: »Sommer in einer Hand«, Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin-Friedenau
Foto © Friedhelm Denkeler 2018

In loser Reihenfolge stelle ich die fünf Künstler der Ausstellung “Die Künstlergruppe »momenta« zu Gast im Roxy-Palast – Malerei | Fotografie – Fünf Künstler – ein Ort – vier Wochen” vor.

Und nun zum Abschluss der Vorstellung der fünf Künstler der »momenta«, ein paar Worte zu Friedhelm Denkelers Arbeit »Sommer in einer Hand«. 1985 fuhr er mit dem Fahrrad die Spuren seiner Kinderzeit und Jugendjahre auf dem Lande in Ost-Westfalen ab. Auch wenn er seit Jahren in der Stadt lebt, spielte in dieser Serie die Natur, so wie er sie auch heute noch in Erinnerung hat, die Hauptrolle. Seine eigene Hand in den Bildern deutet den persönlichen Bezug an, aber auch ein fremder Betrachter kann sich in den Bildern sicherlich wieder finden. Es geht nicht nur um das visuelle Erlebnis auf dem Lande und die Ursprünglichkeit, sondern auch um eine haptische Wahrnehmung der Natur. Die große Rolle der Hand, etwa durch Überstreichen der Oberfläche und Nachfahren der Konturen, bedeutet die sinnliche Erfahrung als Ergänzung zu der visuellen Wahrnehmung. Die Bilder habe ich erst 30 Jahre später entwickelt und ausgewertet. Sie sind in der »momenta« erstmalig öffentlich ausgestellt.

FRIEDHELM DENKELER lebt und arbeitet seit 1968 in Berlin. Neben seiner Technischen Ausbildung an der Beuth-Hochschule Berlin hat er an der Werkstatt für Photographie Kreuzberg und als Privat-Schüler von Michael Schmidt seine Fotografische Ausbildung erhalten. Seit 1978 stellt er freie fotografische Arbeiten in Form von Portfolios und Autorenbüchern her. Seine Arbeiten sind auf der Website www.denkeler-foto.de und auf dem Blog »Journal – Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst« zu sehen. Denkelers Arbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen: Rudolf Kicken Galerie, Köln, the ffoto gallery, Cardiff, Wales, Fotogalerie, Oslo, Castelli Graphics, New York, Jones/Troyer Gallery, Washington D.C., Galerie Fotohof, Salzburg, Centre de la photographie, Genf, Berlinische Galerie, Berlin, Neue Gesellschaft für bildende Kunst, Berlin, Yale University Art Galerie, New Haven und C/O Berlin. Die Serie »Sommer in einer Hand« besteht aus insgesamt 64 Bildern in den Maßen 45 x 30 cm. 25 Bilder aus dieser Serie werden in der Ausstellung gezeigt. www.denkeler-foto.de.

Denkelers Werke sind zur Zeit in Friedenau in der Ausstellung »momenta« im ehemaligen Roxy-Palast in der Hauptstraße 78/79, 12159 Berlin, Donnerstag/Freitag 15–20 Uhr und Samstag/Sonntag 12–17 Uhr, noch bis zum 12. Mai 2018 zu sehen. www.momenta-berlin.de. Friedhelm Denkeler ist am 10. Mai 2018 (Feiertag!), 15–20 Uhr und am 12. Mai 2018 (letzter Tag!), 12–17 Uhr, in der Ausstellung anwesend.

Außerdem zeigt Friedhelm Denkeler noch bis zum 4. Juni 2018 seine Arbeit „Second Hand Model“ im Theater O-TonArt in Berlin-Schöneberg.

Heute im Theater O-TonArt in Schöneberg

Einladung zur Besichtigung des Portfolios „Second Hand Model“
von 18 bis 19.30 Uhr

"20. Januar 2007", aus der Serie "20. Januar 2007", aus der Serie "Second Hand Model" – Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über 4 Jahre”, Foto © Friedhelm Denkeler 2007

„20. Januar 2007“, aus der Serie „Second Hand Model“ –
Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über vier Jahre”,
Foto © Friedhelm Denkeler 2007

Die Werke sind vom 9. März bis zum 4. Juni 2018 im Foyer des “Theaters O-TonArt” in der Kulmer Straße 20a, 10783 Berlin-Schöneberg, erstmalig öffentlich zu sehen. Die Ausstellungsräume sind immer an den Spieltagen eine Stunde vor Beginn der Vorstellung geöffnet (siehe www.o-tonart.de). Der Künstler ist heute von 18 bis 19.30 Uhr anwesend.

Einen ausführlichen Artikel zum “Second Hand Model” finden sie hier.

Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über 4 Jahre

Ausstellung „Second-Hand-Model“ im “Theater O-TonArt” in Schöneberg. Einladung zur Besichtigung am 24. März 2018 von 18 bis 19.30 Uhr

"9. Oktober 2006", aus der Serie "Second Hand Model – Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über 4 Jahre”, Foto © Friedhelm Denkeler 2006

„9. Oktober 2006“, aus der Serie „Second Hand Model
Eine One-Woman-Performance in 52 Rollen über 4 Jahre”,
Foto © Friedhelm Denkeler 2006

Die Serie “Second-Hand-Model” passt ideal in ein Theater mit seinem Kostümfundus und der Lust der Schauspieler am Verkleiden. Die Besucher werden den Aufführungen entsprechend, ihren Teil dazu beitragen. Mit dem letzten Bild, der unbekleideten Schaufensterpuppe im Juni 2007 wurde der Verkauf des Geschäftes annonciert. Es bekam neue Inhaber, aber nie wieder wurde das Model so geschmackvoll, erotisch und phantasievoll eingekleidet wie in den vier Jahren meiner Aufnahmesession.

Die Werke sind vom 9. März bis zum 4. Juni 2018 im Foyer des “Theaters O-TonArt” in der Kulmer Straße 20a, 10783 Berlin-Schöneberg, erstmalig öffentlich zu sehen. Die Ausstellungsräume sind immer an den Spieltagen eine Stunde vor Beginn der Vorstellung geöffnet (siehe www.o-tonart.de). Der Künstler ist am 24. März 2018 von 18 bis 19.30 Uhr anwesend.

Einen ausführlichen Artikel zum „Second Hand Model“ finden sie hier.

Natural Woman

Berlinale die Dritte: “Una mujer fantástica” von Sebastian Lélio mit Daniela Vega

“Una mujer fantástica” ist ein Plädoyer für die sexuelle Selbstbestimmung. Die Trans-Frau Marina (Daniela Vega) ist nach dem Tod ihres Freundes Orlando (Francisco Reyes) dem blanken Hass seiner Familie ausgesetzt. Und wenn schon nicht ihre Umgebung, so ist doch der Film ganz auf ihrer Seite und zeigt die zunehmend ins Abseits gedrängte Protagonistin als starke, lebenskluge, fantastische Frau.

Aus der Serie"Second Hand Model", Foto © Friedhelm Denkeler 2003

Aus der Serie“Second Hand Model“, Foto © Friedhelm Denkeler 2003

„Marina sitzt auf ihrem Sofa, die Beine leicht angewinkelt. Sie ist nackt, doch ein Spiegel verdeckt ihre Scham. Die nächste Einstellung zeigt Marina von oben: Man sieht nur ein Stück Beine, etwas Bauch – und mitten im Bild ihr Gesicht im Spiegel zwischen ihren Beinen. Es ist ein eindringliches, berührendes Bild. Gerade in seiner Einfachheit und Wortlosigkeit macht es klar, worum es Lélio geht: Was die geschlechtliche Identität eines Menschen bestimmt, ist nicht zwingend das, was zwischen seinen Beinen ist.“ [rbb]

Passend zum Film hat Lélio als Soundtrack unter anderem Aretha Franklin mit „A Natural Woman“ aus dem Jahr 1967 ausgesucht.

Aretha Franklin: „(You Make Me Feel Like) A Natural Woman“

Der Song wurde 1967 von Carole King und Gerry Goffin geschrieben und 2015 von Aretha Franklin zum Gala-Empfang im Opera House des Kennedy Centers zu Ehren der Preisträgerin Carole King performt. Diese Ehrung umfasste zahlreiche Feierlichkeiten, unter anderem verfolgten die Geehrten die Gala gemeinsam mit dem US-Präsidenten Obama in der Präsidenten-Loge. Ihren ersten Nummer-eins-Hit hatte Carole King als 18jährige mit dem Lied „Will You Love Me Tomorrow?“ Sie schrieb ihn für die Girlgroup „The Shirelles“ (1960).

„The Shirelles“: Will You Love Me Tomorrow?“

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

Das Film-Jahr 2015 startet mit einem fantastischen Film

Pieter Bruegel der Ältere: „Die Jäger im Schnee“ (1556), Quelle: Wikipedia

Pieter Bruegel der Ältere: „Die Jäger im Schnee“ (1556), Quelle: Wikipedia

Ich habe Vampirzähne zum halben Preis im Angebot.

Unser Filmjahr 2015 startete mit dem fantastischen Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ von Roy Andersson. So wie der Titel, so sind auch Anderssons Filme: In vierzig Jahren hat der Regisseur („Songs from the Second Floor“ und „Das jüngste Gewitter“ aus seiner Trilogie über die Natur des Menschen) nur fünf Filme gedreht; jeweils ohne durchgehende, nachvollziehbare Handlung, dafür aber einzigartig, sehr komisch und mit überbordender Phantasie. Seinen eigentümlichen Stil hat er in über 400 Werbespots entwickelt und die wiederum haben mit den üblichen Spots, wie wir sie kennen, nichts gemein.

Ist es denn sinnvoll, um diese Uhrzeit über so etwas nachzudenken?

Wenn man so will, nutzt der Film als Rahmenhandlung zwei Handelsvertreter, die durch die schwedische Provinz ziehen und drei Scherzartikel verkaufen: Vampirzähne, Lachsäcke und die Masken „Gevatter Tod“ – sie bleiben allerdings erfolglos. Mit einem Todesfall beginnt auch der Film. Aber einzelne Szenen hier nach zu erzählen, bringt wenig, man muss sich den Film anschauen. Die Standfotos der Film-Website und der Trailer geben einen Vorgeschmack. Zum Filmtitel ließ sich Andersson durch ein Gemälde von Pieter Bruegel inspirieren: Er stellte sich vor, wie die Vögel auf den Zweigen dem Treiben der Menschen zusehen und sich darüber wundern.

Man kann doch nicht fühlen, was für ein Wochentag es ist.

SPIEGEL online schreibt „Der Film ist ein komplexes Kunstwerk, in dem man sich verlieren kann wie in einem Labyrinth. Er ist bitterböse, aber ohne Demagogie. Er ist liebevoll, aber ohne falsche Zuckrigkeit. Man sitzt und staunt, und dann wünscht man sich, dass sich auch hierzulande ein paar Menschen finden, die bereit sind, sich den Geist von so einem Film durchlüften zu lassen, anstatt immer nur das zu gucken, was man eigentlich sowieso schon kennt.“ Oder zusammengefasst: Wir konnten den Menschen beim Existieren zuschauen.

Können Sie mir bitte bestätigen, dass ich es war, der den Fehler gemacht hat?

Von der Punkpoetin zur Chefin einer Rock ‘n’ Roll-Band: Patti Smith mit “Gloria”

Die Geschichte einer Freundschaft mit Robert Mapplethorpe

Jesus died for somebody’s sins but not mine/ Meltin‘ in a pot of thieves/ Wild card up my sleeve/ Thick heart of stone/ My sins my own/ They belong to me, me  [aus: Patti Smith „Gloria“]

"Anruf von Patti", Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1988

„Anruf von Patti“, Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1988

Es war einmal im „Summer of Love“ 1967, in dem eine zehn Jahre währende, tragische Liebes-geschichte zwischen Rock und Kunst beginnen sollte: Die damals 21jährige Patti traf den gleichaltrigen Robert in New York und beide wollten Künstler werden.

Bald zogen sie zusammen; lebten mehr schlecht als recht von ihren Gelegenheitsjobs. Ins Kunst-Museum ging jeweils nur einer von beiden; zwei Eintrittskarten konnten sie sich nicht leisten, nach dem Besuch beschrieben sie sich gegenseitig die gesehenen Ausstellungsstücke.

Abends und nachts dichtete Patti, beeinflusst von der Beat-Genration, ihre wilde Punk-Prosa und Robert bastelte an seinen Collagen. Im März 1968 sahen sie gemeinsam das Doors-Konzert im Fillmore East, in dem Robert als Kartenabreißer jobbte. Patti beobachtete Jim Morrisson ganz genau und in ihr setzte sich der Gedanke fest „Das kann ich auch“.

Zehn Jahre später war Patti Smith ein berühmter Rock ’n‘ Roll-Star und Robert Mapplethorpe ein berühmter Fotograf. Im September 1975 nahm Patti Smith mit ihrer Band ihr erstes Album „Horses“ im Electric-Lady-Studio von Jimi Hendrix auf. Es wurde zum Vorbild der englischen und amerikanischen Punk- und New Wave-Bewegung. Herausgesucht habe ich den folgenden, von Van Morrisson geschriebenen Song:

Patti Smith: „Gloria“.

Es ist eine Aufzeichnung der Rockpalast-Nacht vom 22. April 1979. Wie jedes Mal, wenn der Rockpalast vom WDR aus Essen übertragen wurde, sahen wir im Freundeskreis, ich glaube es war bereits spät nach Mitternacht, den Auftritt von Patti Smith und ihrer Band. Es war eine reichlich chaotische Darbietung. Deshalb habe ich noch zwei weitere Videos herausgesucht:

Patti Smith mit Gloria 1976Patti Smith in der Jools Holland Show 2007.

  • Cover: Das Cover zu „Horses“ wurde mit einem S/W-Foto von Patti Smith, fotografiert von Robert Mapplethorpe, gestaltet.
  • Bedeutung: Die Rockzeitschrift „Rolling Stone“ führt das Album „Horses“ in ihren „500 Greatest Albums of All Time“ auf Platz 44. 2007 wurde Patti Smith in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen. Für ihre schriftstellerischen Arbeiten erhielt sie 2010 den National book Award, den wichtigsten amerikanischen Buchpreis.
  • Literatur: Patti Smith „Just Kids – Die Geschichte einer Freundschaft“, 2010
  • Album: „Horses“, 1975; Erste Seite: 1. Gloria: In Excelsis (Smith), Gloria (Van Morrisson), 2. Redondo Beach (Smith, Sohl, Kaye), 3. Birdland (Smith, Sohl, Kaye, Kral), 4. Free Money (Smith, Kaye); Zweite Seite: 1. Kimberly (smith, Lanier, Kral), 2. Break It Up (Smith, Tom Verlaine), 3. Land: Horses (Smith), Land of Thousend Dances (Chris Kenner), La Mer(de) (Smith), 4. Elegie (Smith, Lanier).
  • Besetzung: Patti Smith (Gesang, Gitarre), Lenny Kaye (Gesang, Gitarre), Jay Dee Daugherty (Schlagzeug), Ivan Kral (Bass, Gitarre, Gesang), Richard Sohl (Keyboard).
  • Daten: Patti Smith: geb. 30.12.1946 in Chicago, Robert Mapplethorpe: geb. 04.11.1946, gest. 09.03.1986

Aber insgeheim wusste ich, dass ich völlig umgekrempelt war, bewegt von der Erkenntnis, dass Menschen Kunst hervorbringen, dass Künstler etwas sehen, was andere nicht sehen [aus: Patti Smith „Just Kids“, nach dem Besuch als Zwölfjährige im Museum of Art Philadelphia]

Wir schnitten unsere langen Röcke minikurz wie die von Vanessa Redgrave in Blow Up, und suchten in Second Hand-Läden nach Paletots, wie Oscar Wild und Baudelaire sie getragen haben [aus: Patti Smith „Just Kids“]

“Forever In Blue Jeans!”

Geld gibt den Ton an, doch es singt und tanzt nicht

In diesem Jahr feierten sieben Rocklegenden ihren 70. Geburtstag: Bob Dylan, Neil Diamond, Art Garfunkel, Chubby Checker, David Crosby, Charlie Watts und Eric Burdon. Eric Burdon “Am Anfang war es tierisch …“, Bob Dylan “Wie ein Rollender Stein, der kein Moos ansetzt …“, Chubby Checker “Vom Rock ‘n’ Roll zum Twist – Let’s twist again”, David Crosby “If I Could Only Remember My Name … David Crosby” und Art Garfunkel „Spion im Gabardine-Anzug und Kamera in der Fliege“ habe ich bereits vorgestellt. Heute soll es um „Neil Diamond“ gehen.

Money talks / But it don’t sing and dance / And it don’t walk / And long as I can have you here with me / I’d much rather be / Forever in blue jeans

"Second Hand Model", Foto © Friedhelm Denkeler 2007

„Second Hand Model“, Foto © Friedhelm Denkeler 2007

Seinen ersten selbst geschriebenen Songtext „I’m a Believer“ von 1967, der zum Welterfolg wurde, ließ Neil Diamond von den Monkees interpretieren. Diese Single wurde auch ihre erfolgreichste und stand sechs Wochen auf Platz 1 in Deutschland. Diamonds erster persönlicher Nummer-1-Hit war 1970 „Cracklin‘ Rosie“, dann folgte ein Jahr später „I Am… I Said“ und 1972 „Song Sung Blue“.

1976 erreichte sein Album „Beautiful Noise“ (mit der ausgekoppelten gleichnamigen Single) auch in Deutschland die Spitze der Album-Charts.

Zum Film „Die Möwe Jonathan (Jonathan Livingston Seagull)“ lieferte er 1973 die Filmmusik. Trotz der tollen Naturaufnahmen floppte der Film, aber die Filmmusik wurde weltberühmt. Er erhielt dafür 1974 den höchsten Musikpreis, den Grammy.

In alle Songs, die sich in meinem Rock-Archiv von Neil Diamond befinden, habe ich noch einmal hineingehört, aber „Forever In Blue Jeans“ aus dem Jahr 1978 bleibt mein Lieblingssong, dicht gefolgt von „I Am … I Said“ und „Song Sung Blue“, die alle eine melancholische Grundlage haben.

Neil Diamond: „Forever In Blue Jeans“

In diesem Video aus dem Jahr 2010 ist Neil Diamond in der BBC-Musik-Sendung „Later with Jools Holland“ mit „Forever In Blue Jeans“ zu sehen. In der letzten Szene sieht man übrigens Paul McCartney, der neben Elvis Costello ebenfalls in der Sendung auftrat. Diese Kultsendung ist in Deutschland auf ZDF.Kultur zu sehen (z.B. 2. bis 6. Januar 2012, jeweils 18.50, in Berlin leider nicht über DVB-T und DVB-C, aber im Netz finden wir’s).

Pünktlich zu seinem 70. Geburtstag wurde Diamond auch in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen. Für immer Blue Jeans!

Mein heutiges Foto stammt aus dem 2007 entstandenen Portfolio »Second Hand Model«.

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