Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Mai 2017

Der verschmähte Liebhaber

Siurells – auch Joan Miró liebte die magischen Tonfiguren

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

Was kann man typischerweise von einem Aufenthalt auf Mallorca als Souvenir mitbringen? Natürlich die berühmten Siurells. Sie bestehen aus einzelnen aus Ton geformten Teilen, einschließlich einer Pfeife, die miteinander verbunden werden. Sie werden getrocknet, gebrannt und erhalten in einem Kalkbad ihre weiße Farbe. Beim Färben werden sie an der Pfeife aufgehängt, dadurch behält dieser Teil der Figur sein natürliches Aussehen. Anschließend werden die Tonpfeifen mit grünen und roten Pinselstrichen verziert.

Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”, Foto © Friedhelm Denkeler 1993

Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”,
Foto © Friedhelm Denkeler 1993

Der Ursprung und die Bedeutung der Siurells sind unbekannt, aber es gibt verschiedene Annahmen: Es könnte sich um eine Pfeife für Hirten handeln, auch als Spielzeug für Kinder wären sie einsetzbar. Vor Jahrhunderten sollten die Siurells mit ihrem Pfeifton verheerende Stürme auf der Insel bezwingen. Den Touristen wird auch gerne die Story vom verschmähten Liebhaber erzählt: Wenn er seiner Angebeteten die Tonfigur überreicht und sie diese fallen lässt, so hat er sicherlich keine Chance, andernfalls würde sie die Pfeife benutzen.

Die Siurells kommen hauptsächlich aus einer der traditionellen Töpfereien in Sa Cabaneta. Traditionell stellen die Figuren Männer mit Stierköpfen, Frauen mit langem Rock und rundem Hut, Reiter, Teufel oder Hunde dar. Ein begeisterter Sammler und Liebhaber der Siurells war der katalanische Maler und Bildhauer Joan Miró, der jahrzehntelang auf Mallorca lebte und arbeitete. Man vermutet, dass die Siurells auch eine Vorlage für seine Skulpturen waren. Seinem Kollegen Pablo Picasso soll er immer wieder diese Tonfiguren geschenkt haben.

Die vorliegenden Fotografien entstanden im März/ April 1993 im Ort Cala Ratjada, auf der Baleareninsel Mallorca. Die gesamte Serie besteht aus 121 Photographien auf Fotopapier im Format 30×45 cm, davon sind 102 zu Bildpaaren im Passepartout 50×60 zusammengestellt. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 136 Seiten im Format 40×30 cm erschienen (2017).

Erstmalig war die Serie “Eine Mallorquinische Nacht” in der Ausstellung “Begrenzte Grenzenlosigkeit” in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), Oranienstraße 25, 10999 Berlin, vom 19. Oktober bis 1. Dezember 1996 und im gleichnamigen Katalog, zu sehen. Auf meiner Website finden sie 20 ausgewählte Doppelbilder aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”.

Die Keks-Kamera

"Die Welt der Fotografie" (Café der Fotopioniere, Frankfurter Allee, Berlin), Foto © Friedhelm Denkeler 20017

“Die Welt der Fotografie” (Café der Fotopioniere, Frankfurter Allee, Berlin)
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

 

Sonnenschein oder: Fighting in a concrete Jungle

Christian Schulz mit Fotografien aus den 1980er Jahren in der Collection Regard

Dagmar Stenschke (1947 – 2011), in den einschlägigen Kreuzberger Kneipen nur “Sunshine” genannt, soll ihre Anrede auf den Namen ihres Lieblings-LSD bezogen haben. Jetzt ist sie großformatig auf einer Fotografie von Christian Schulz in der Galerie “Collection Regard” von Marc Barbey in der Steinstraße 12 in der Ausstellung “Christian Schulz – Fotografien. West-Berlin 1981–1989″, noch bis zum 25. Mai 2017 zu sehen. Schulz (*1961) kam 1981 aus Nord- Deutschland nach West-Berlin, in die Halbstadt, die viele junge Leute wegen ihres besonderen Status als Freiraum begriffen und gestalteten. Schulz fotografierte für die “tageszeitung (TAZ)”, “Zitty”, später auch für die “Berliner Zeitung” und arbeitet als Standfotograf u.a. bei den Filmen von Christian Petzold.

Christian Schulz mit der Arbeit "Dagmar Stenschke, genannt Sunshine", 1982, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Christian Schulz mit der Arbeit “Dagmar Stenschke, genannt Sunshine”, 1982, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Es war die Zeit der Demonstrationen, CSD-Paraden, der besetzten Häuser in Kreuzberg und Schöneberg, die Zeit der Konzerte von “Ton, Steine, Scherben” mit Rio Reiser, den Bands Malaria oder IDEAL an den inzwischen legendären Orten wie dem SO36, der Brauerei Zehlendorf oder dem Tempodrom. Christian Schulz war immer mit der Kamera dabei. Seine ehrlichen und persönlichen Porträts von Penelope Cruz, Michelangelo Antonioni, Emmanuelle Béart, Maria Schrader, Johnny Depp, Jane Birkin oder Wim Wenders, die während der Internationalen Filmfestspiele in Berlin entstehen, lichten die Porträtierten nicht als unnahbare Stars, sondern als uns berührende Menschen ab.

“Die Schwarz-Weiß-Fotografien von Christian Schulz sind fesselnde Erzählungen. Die Bilder sind informell und en passant aufgenommen, nichtdestotrotz gelingt es Schulz, die Essenz des Moments, der Bewegung und des Geschehens erzählerisch einzufangen. Die Bilder ermöglichen uns, in diese festgehaltenen Momente einzutauchen, sie wahrhaftig zu erleben und einzelnen Menschen zu begegnen. Ob mitten in einer Demonstration, im Konzertsaal oder im Privaten eines besetzten Hauses, erlauben uns die Bilder mit seltener, erfrischender Leichtigkeit und Respekt nah dran zu sein. Die eingefangene Welt wird lebendig und bringt uns zum Staunen, zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken oder zum Erschrecken.” [Marc Barbey]. Die Ausstellung wird durch die Publikation aus dem Lehmstedt Verlag “Christian Schulz – Die wilden Achtziger. Fotografien aus West-Berlin” begleitet.

www.collectionregard.de