Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: April 2017

Eine Mallorquinische Nacht

Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

Es fällt mir schwer zu schreiben; mein Denken ist optisch [Rodtschenko]

Mit dem Beginn des massenhaften Reisens entstand zwangsläufig die Reisefotografie. Das verwundert nicht, denn der Fotografie wird ihre vermeintliche Fähigkeit der authentischen Wiedergabe der Wirklichkeit nachgesagt. Genau das habe ich während eines Aufenthalts auf Mallorca zur Osterzeit, in der sogenannten Vorsaison, versucht. Entgegen aller Vermutungen war das Leben in Cala Ratjada (“Rochenbucht”) noch verschlossen, bzw. es “erwachte” erst langsam und stellte sich auf die zu erwartenden Osterbesucher ein.

Nicht die allseits bekannten Mallorca-Impressionen des deutschen Urlaubsparadieses, sondern die zahlreichen, noch geschlossenen Geschäfte, Cafés und Hotels und die “ruhenden” Baumaßnahmen prägten sich nunmehr als “typisch” ein. Unter diesem Einfluss entstanden die scheinbar unwirklichen, zu Bildpaaren arrangierten, Tag- und Nachtaufnahmen auf den täglichen und nächtlichen Spaziergängen. Der Titel der Serie lehnt sich an die “Amerikanische Nacht” an, bei der im Film mit entsprechenden Techniken, Nachtaufnahmen auch am Tage produziert werden.

Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”, Foto © Friedhelm Denkeler 1993

Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”,
Foto © Friedhelm Denkeler 1993

In den 1930er-Jahren wurde Cala Ratjada in der Gemeinde Capdepera durch eine Kolonie von antifaschistischen deutschsprachigen Exilanten bekannt; die Schriftsteller Karl Otten, Franz Blei und Herbert Schlüter, der Maler Rudolf Levy, der Philosoph Walter Benjamin und der Dadaist Raoul Hausmann sind zu nennen. Nach dem Franco-Putsch im Juli 1936 gelang es den meisten, die Insel wieder zu verlassen.

Die vorliegenden Fotografien entstanden im März/ April 1993 im Ort Cala Ratjada, auf der Baleareninsel Mallorca. Die gesamte Serie besteht aus 121 Photographien auf Fotopapier im Format 30×45 cm, davon sind 102 zu Bildpaaren im Passepartout 50×60 zusammengestellt. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 136 Seiten im Format 40×30 cm erschienen (2017).

Erstmalig war die Serie “Eine Mallorquinische Nacht” in der Ausstellung “Begrenzte Grenzenlosigkeit” in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), Oranienstraße 25, 10999 Berlin, vom 19. Oktober bis 1. Dezember 1996 und im gleichnamigen Katalog, zu sehen. Auf meiner Website finden sie 20 ausgewählte Doppelbilder aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”.

Jede Fotografie ist eine Art memento mori. Fotografieren bedeutet teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Wandelbarkeit anderer Menschen (oder Dinge). Eben dadurch, dass sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit. [Susan Sontag]

Die Zeit der Kapuzen, Kreuze und Fackeln

Unter Büßern – die Karfreitagsprozession in Artà

"Karfreitagsprozession in Artá", Foto © Friedhelm Denkeler 1993

“Karfreitagsprozession in Artá”, Foto © Friedhelm Denkeler 1993
Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison

In der gesamten Semana Santa, der heiligen Osterwoche, finden auf Mallorca diverse religiöse Feste statt. In der Nähe von Cala Ratjada, in Artà, konnten wir am Karfreitag, den 9. April 1993 die Kreuzabnahme Christi auf dem Burggelände des Klosters Sant Salvador verfolgen. Die Beleuchtung der Festungsmauern durch Pechfackeln, die als römische Soldaten verkleideten Bewohner, die Teilnahme zahlreicher Zenturien, die langsam getragene Marschmusik der Kapellen und das Bühnenbild machten das Ganze zu einem spektakulären Ereignis.

Die anschließende Karfreitagsprozession im Fackelschein, unter dem Geläut der Kirchenglocken und unter den dumpfen Trommelschlägen durch die mittelalterliche Stadt, war durch die Costaleros, die Heiligenbilder trugen, nicht weniger eindrucksvoll. Die teilnehmenden Cofraríes, die Bruderschaften, die lange, weiße Büßergewänder und hohe spitze Kapuzen trugen, die nur die Augen freiließen, komplettierten die mysteriöse Ausstattung dieser Vereinigungen, die zum Teil seit mehreren Hundert Jahren bestehen.

"Karfreitagsprozession in Artá", Foto © Friedhelm Denkeler 1993

“Karfreitagsprozession in Artá”, Foto © Friedhelm Denkeler 1993
Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”

Der Schatten des Photographen …

oder: Die Erfindung der Malerei

"Einbein-Schatten", aus der Serie "Schatten und Spiegel", Foto © F'riedhelm Denkeler 1979

“Einbein-Schatten”, aus der Serie “Schatten und Spiegel”, Foto © Friedhelm Denkeler 1979

Der römische Gelehrte und Geschichtsschreiber Plinius der Ältere (*23 n. Chr., †79 n. Chr.) erzählt in seinem bekanntesten Werk “Naturalis historia” die Geschichte der Tochter des korinthischen Töpfers Dibutates. Ihr Geliebter ging auf eine lange Reise und sie suchte verzweifelt nach einer bleibenden Erinnerung. Heutzutage hätte sie schnell mit ihrem Smartphone ein Foto gemacht, das gibt es bekannterweise aber erst seit 2000 n. Chr. Da sah sie plötzlich den durch eine Lampe verursachten Schatten ihres Geliebten auf der Wand und sie hatte eine Idee.

Die Tochter zeichnete die Umrisse vom Schatten ihres Geliebten im Profil auf der Wand nach. Und wie das in Künstlerfamilien nun einmal ist, hatte ihr Vater noch eine weitere Idee: Er machte anhand des Schattenrisses ein Relief aus gebrannter Tonerde. Der Tochter blieb so die Erinnerung an ihren Geliebten gewahrt. Für Plinius war dies die Geburtsstunde aller Malerei und Plastik.

Den deutschen Maler Eduard Daege (*1805, †1883) kennt nicht unbedingt jeder; seine Malerei kann man als akademisch bezeichnen, aber die Nationalgalerie Berlin besitzt sein bekanntestes Werk: “Die Erfindung der Malerei” aus dem Jahr 1832. Hier hat sich Daege die Erzählung von Plinius zum Vorbild genommen. Der Jüngling scheint kurz davor zu sein, in einen Krieg zu ziehen. Darauf deutet der bereitgelegte Helm am unteren Bildrand hin und seine Scham wird von einem Schwert bedeckt, ansonsten ist der Grieche wie immer nackt und seine Geliebte zumindest halbnackt.

Die deutschen Maler des Klassizismus liebten die Plinius-Geschichte, denn auch sie waren der Meinung, dass sich die Malerei von der scharfen Linie der Zeichnung und nicht von der Farbe herleitete. Man könnte das Bild von Daege aber auch die “Erfindung des Modells” nennen, denn mit der linken Hand richtet die Dibutates-Tochter den Kopf ihres Modells so aus, das sie ihn im Profil zeichnen kann. Zusammengefasst lässt sich sagen: vom Schattenwurf ausgehend kam es zur Zeichnung, dann zum Gemälde und, wenn man so will, zur Photographie, die es nun auch schon seit fast 200 Jahren gibt.

Und die Moral von der Geschicht‘: Erst kommt die Malerei, dann die Photographie [FD]

Eduard Daege: "Erfindung der Malerei" (1832), Foto © Friedhelm Denkeler 2008

Eduard Daege: “Erfindung der Malerei”, 1832 (Ausschnitt)
Foto © Friedhelm Denkeler 2008

Blaues Fenster – Vom Sturm verweht

Das Felsentor “Azure Window” auf Malta ist eingestürzt

"Azur Window (Blaues Fenster)", Malta, Nebeninsel Gozo, Foto © Friedhelm Denkeler 2001

“Azur Window (Blaues Fenster)”, Malta, Nebeninsel Gozo, Foto © Friedhelm Denkeler 2001

Heute vor 16 Jahren, am 6. April 2001, bin ich noch “todesmutig” über das Felsentor “Azure Window” auf Gozo, der Nebeninsel von Malta an der Küste vor der Ortschaft San Lawrenz, gegangen. Im April 2012 war ein größerer Teil der Decke bereits weggebrochen und das Betreten der Brücke wurde verboten. Während eines Sturms am 8. März 2017 stürzte die 100 Meter lange und 20 Meter hohe Naturattraktion nun komplett ein. Eines der wichtigsten Wahrzeichen von Malta ist dadurch unwiederbringlich verloren gegangen. Die Felsenformation entstand hier vor Millionen Jahren und der Torbogen bildete sich durch das Einstürzen einer Höhle. Der gesamte Komplex der Steilküste war bis vor ungefähr 13.000 Jahren ein Teil der ehemaligen Landbrücke zwischen Europa und Afrika.

"Am Azur Window", Malta, Nebeninsel Gozo, Foto © Friedhelm Denkeler 2001

“Am Azur Window”, Malta, Nebeninsel Gozo, Foto © Friedhelm Denkeler 2001