Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Kleine Presseschau zu den drei Ausstellungen zur Geschichte der
„Werkstatt für Photographie“ (1976-1986) in Berlin, Essen und Hannover

RuhrNachrichten: Mit Geschichte und Wirkung der einflussreichen Berliner „Werkstatt für Photographie“ befassen sich von diesem Wochenende an drei Foto-Ausstellungen in Essen, Hannover und Berlin. Anlass ist die Gründung dieser Institution der Volkshochschule Berlin-Kreuzberg vor 40 Jahren. Sie bestand zehn Jahre lang. Laut Sprengel Museum wurde sie „zu einer der folgenreichsten Schaltstellen des Austausches zwischen deutscher und US-amerikanischer Fotografie“. Das Museum Folkwang nennt die Werkstatt „eine künstlerische ‚Luftbrücke‘ in Richtung USA, ein demokratisches Experimentierfeld jenseits traditioneller Ausbildung und politisch-institutioneller Vorgaben“.

Plakat der Werkstatt für Photographie: "Larry Clark", 1981, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Plakat der Werkstatt für Photographie: „Larry Clark“, 1981, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Art Kunstmagazin: Ein vergessenes Kapitel der deutschen Fotografie-Geschichte kommt ans Licht: In der Werkstatt für Photographie an der VHS Kreuzberg wurde ab 1976 eine direkte, subjektive und schonungslose Bildsprache entwickelt. … Es ging um die Haltung des Fotografen, nicht um perfekte Technik. … Die Akteure der Werkstatt waren keine Lehrer, aber sie unterrichteten. …

Man spürt, dass hier junge Fotografen mutig genug waren, ihren Weltausschnitt selbst zu wählen. Es war eine Rebellion der Subjektivität, gegen die Idee der objektiven Darstellung von Wirklichkeit. Diese Selbstermächtigung der Fotografie fand an einem denkbar unscheinbaren Ort statt: An der Volkshochschule in Berlin-Kreuzberg.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Vor dreißig Jahren aber, als die Fotokunst gerade erst dabei war, sich in Museen und auf dem Kunstmarkt zu etablieren, war die Vormachtstellung der Düsseldorfer Schule alles andere als ausgemacht.

Deutsche Fotografie trat mit rebellischer Härte auf, betonte den subjektiven Blick, warf sich hitzig ins Geschehen, wählte den Ausschnitt statt des Überblicks und provozierte mit exzentrischer Körperlichkeit. Drastisch gesagt: Sie hatte „etwas von der fiebrigen, halluzinatorischen Vehemens eines Schwerkranken“, wie die „Washington Times“ 1984 anlässlich der Ausstellung „Fotografie aus Berlin“ bei Castelli Graphics in New York befand.

Berliner Morgenpost: Die Fotografen der Werkstatt standen in engem Austausch mit amerikanischen Kollegen. Beide Seiten inspirierten sich gegenseitig und beeinflussten mit ihrem dokumentarischen Ansatz die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen. … Später experimentieren Schmidt und die junge Fotografenszene mit neuen Formen des Dokumentarischen, die die subjektive Sicht des Autors betonen. „Das ist eines der Paradoxe der Werkstatt für Photographie. Beim dokumentarischen Ansatz nimmt sich der Fotograf zurück und bildet die Realität ab. Wenn man die Fotos in Serie betrachtet, wird jedoch eine künstlerische Handschrift sichtbar“, sagt Weski. „Der Begriff des Autorenfotografen entstand im Umfeld der Werkstatt und beschreibt die Herangehensweise der Beteiligten gut.“

Plakat der Werkstatt für Photographie: "Paul Caponigro", 1980, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Plakat der Werkstatt für Photographie: „Paul Caponigro“, 1980, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

tip Berlin: Dieses Stück Fotografie-Geschichte konnte sich so nur im West-Berlin des kalten Krieges zutragen. Nur im Schatten des historischen Meteoriteneinschlags Mauerfall in Vergessenheit geraten. Um nun, 30 Jahre nach dem Ende, mit gleich drei zusammenhängenden Ausstellungen wiederentdeckt zu werden.

Und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die deutsche Fotografie-Geschichte jetzt nicht nur ergänzt, sondern eigentlich umgeschrieben werden muss. … Michael Schmidt, 2014 verstorben, gehört zu den ganz großen unter den deutschen Fotografen. Doch Leute wie Gosbert Adler, Ulrich Görlich, Uschi Blume, Hildegard Ochse, Friedhelm Denkeler und Ursula Kelm sind zu entdecken.

PHOTONEWS: Aber worin besteht die besondere Leistung der „Werkstatt“? Thomas Weski unterstreicht, dass sie „ein Ort der Selbstermächtigung“ gewesen sei, Inka Schube spricht vom vorbildhaften „Emanzipationsprozess“.

Hier fotografierte man, analysierte seine Arbeit in der Gruppe, setzte sich mit anderen Positionen auseinander, kuratierte Ausstellungen mit den Bildern von Schülern, Dozenten und amerikanischen Gästen, veröffentlichte Kataloge und knüpfte gemeinsam neue Kontakte, so auch zu Fotoszenen in Ost-Berlin.

Taz: Mit ihrer Mischung aus hochkarätigen Ausstellungen und Workshops, Vorträgen und der künstlerisch orientierten Ausbildung gelang es, Volksbildung auf höchstem Niveau zu betreiben. … Die Liste der Ausstellungen liest sich heute wie ein Who’s who der Fotografie-Geschichte. Selbst so berühmte Fotografen wie Robert Frank, Diane Arbus, Stephen Shore oder Ralph Gibson fanden den Weg in die Kreuzberger Schule, bzw. wurden dort erstmals gezeigt.

DIE ZEIT: Auch William Eggleston, Larry Fink, Lee Friedlander und Robert Frank, all die angesagten Vertreter der Autorenfotografie, kamen in den Jahren bis zum Ende der Werkstatt 1986 nach Kreuzberg, um Vorträge zu halten und zu lehren. Die Fotos dieser Vorbilder aus den USA sind jetzt wieder in Berlin zu sehen, die Entdeckung der drei parallelen Museumsausstellungen in Hannover, Berlin und Essen sind allerdings die Mitstreiter Michael Schmidts, die heute weitaus weniger bekannt sind. … Diese künstlerisch-dokumentarische Fotografie ist es, die heutige Kollegen neu fasziniert.

Radioeins: Die Werkstatt für Photographie erlangt mit engagierter Vermittlungsarbeit durch Ausstellungen, Workshops und Kurse internationales Niveau und etabliert sich zu einem wichtigen Ort des transatlantischen fotografischen Dialogs zwischen Kreuzberg, Deutschland und Amerika. Eine einzigartige Pionierleistung!

www.co-berlin.org