Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Denis Côté mit „Boris sans Bèatrice“ auf der 66. Berlinale (II)

"James Hyndman als Boris Malinowski in: Boris sans Bèatrice", Foto © Friedhelm Denkeler 2016
„James Hyndman als Boris Malinowski in: Boris sans Bèatrice“, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Ein Mann steht, mit dem Rücken zur Kamera, auf einer mit hohem Gras bewachsenen Wiese; im Hintergrund sieht man den Rand eines Waldes. Plötzlich vibriert das ganze Kino; mit ohrenbetäubendem Lärm nähert sich dem Mann ein schwerer Hubschrauber, der scheinbar zur Landung ansetzen will; das Gras wird in Wellenbewegungen auf den Boden gedrückt.

Sowas kann man nur im Kino in bester Qualität auf einer riesengroßen Leinwand beinahe körperlich selbst erleben. Man denkt unwillkürlich an „Another Brick In The Wall Part 1“ von Pink Floyd. Im Hubschrauber selbst kann man keinen Menschen erkennen, auch keinen Piloten; am Ende des Films sieht man diese Szene noch einmal, aber so richtig über die Bedeutung wird der Zuschauer nicht aufgeklärt. Man muss sich seinen Teil denken.

Kurz die Geschichte: Es geht um die zerbrochene Ehe zwischen dem reichen Unternehmer Boris und einer Ministerin der kanadischen Regierung namens Beatrice, die in Depressionen verfallen ist. Eines Nacht trifft sich Boris (James Hyndman) im Wald mit einem mysteriösen Unbekannten (Denis Lavent, bekannt aus Leos Carax „Die Liebenden von Pont-Neuf). Ob es den nun wirklich gibt oder ob es sein eigenes Gewissen, eine Stimme aus dem Jenseits oder ein Psychoanalytiker ist, sei dahingestellt. Jedenfalls sagt der Unbekannte, wenn du deine Frau noch liebst, musst du dich ändern. Boris, ein Macho par exellence, geht immer mehr in sich und ändert so langsam sein Leben. Er wirft die Geliebte hinaus, versöhnt sich mit Mutter und Tochter. Und langsam findet sich Bèatrice (Simone-Èlise Girad) wieder in die Welt zurück.

"Simone-Èlise Girad als Bèatrice Malinowsky in: Boris sans Bèatrice", Foto © Friedhelm Denkeler 2016
„Simone-Èlise Girad als Bèatrice Malinowsky in: Boris sans Bèatrice“, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Auf der Pressekonferenz wurde neben dem Tantalus-Mythos, in dem der „Held“, nachdem er gegen die Götter frevelte, einen Fluch auf sich lud, wie auch Dantes Inferno von der Hölle, auf dem Läuterungsweg zum Paradies (übrigens auch mit einer Beatrice) angesprochen.

In der Eingangsszene mit dem Hubschrauber wird das bereits angedeutet: Die Ruhe im Paradies und der Lärm der Hölle. Gut, ganz so intellektuell, wie sich das jetzt anhört, ist der Film nicht, eher eine zeitgenössische „Rock“-Version der griechischen Mythologie.

Neben der Hubschrauber-Szene finden wir viele herrlich „fotografische“ Bilder im Film, Tableau vivants, die auf das Innenleben des Protagonisten hindeuten. Er stellt sich den Versäumnissen seines Lebens und gewinnt langsam die Kontrolle über das Leben zurück. Meine Empfehlung: Wenn „Boris sans Bèatrice“ in die Kinos kommt unbedingt ansehen, allein schon wegen der herrlichen Bilder (Kamera: Jessica Lee Gagnè).