Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Januar 2016

Die Fotos sind die Stars

Retrospektive des Pop-Fotografen Anton Corbijn bei C/O Berlin

Eigentlich fotografiert man so nicht: Schatten auf den Gesichtern der Porträtierten, raue Körnigkeit, harte Kontraste, nichts wird extra ausgeleuchtet und unscharf sind die Fotos oft auch, dafür aber poetisch und suggestiv; Anton Corbijn “enthüllt” auf diese Weise das Wesen der Rockstars hinter den üblichen Glanzbildern. Einige Bilder, in denen er nach Charakter, Schönheit und kreativer Auseinandersetzung des Porträtierten sucht, wurden zu Ikonen der Rockkultur, wie das mit Nick Cave vor der Backsteinmauer (siehe Foto). Nick Cave wollte im Studio aufgenommen werden und nicht draußen im nass-kalten englischen Wetter. Aber Corbijn ist kein Freund von Studioaufnahmen. Das Foto kam dann auf das Album-Cover von “The Boatman’s Call” (1997). Eher Street Photography als klassische Porträts.

"Ausstellung Anton Corbijn" (C/O im Amerika-Haus, Berlin), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

“Ausstellung Anton Corbijn” (C/O im Amerika-Haus, Berlin), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Bei C/O-Berlin sind jetzt zu Corbijns 60. Geburtstag noch bis zum 31.01.2016 über 600 Künstlerporträts, eng gehängt, aus seinem 40-jährigen Schaffen zu sehen. Stars über Stars; er hatte sie alle vor der Kamera: Rolling Stones, Metallica, REM, Joy Division, Johnny Cash, David Bowie, Tom Waits, Depeche Mode, U2, Herbert Grönemeyer und viele andere, doch kaum Starfotos – die Fotos selbst sind die Stars; sie haben ihn großgemacht – und er die Stars. Die Ausstellung gliedert sich in zwei Teile: Hollands Deep gibt einen Überblick über sein gesamtes Werk im Erdgeschoss und in 1-2-3-4 sind seine Arbeiten aus der Rockwelt im 1. Stock zu sehen und “zu hören”.

“Wir sind dann Helden für einen Tag!”

“And the guns, shot above our heads”

Du/ Könntest du schwimmen/ Wie Delphine/ Delphine es tun/ Niemand gibt uns eine Chance/ Doch können wir siegen/ Für immer und immer/ Und wir sind dann Helden/ Für einen Tag [aus: David Bowie "Helden"]

Zwischen 1976 und 1978 erlebte David Bowie im damaligen West-Berlin eine seiner kreativsten Phasen. In der ersten Zeit wohnte er bei Edgar Froese von Tangerine Dream im Bayrischen Viertel, wo er einen harten Entzug von kalten Drogen machte. Anschließend zog er in die Hauptstraße 155 in Berlin-Schöneberg in eine große Altbauwohnung, in der er zeitweise mit Iggy Pop zusammen lebte. Nach Bowies Tod am 10. Januar 2016 wurde die Hauptstraße 155 zum “Wallfahrtsort” seiner Fans; ein Meer von Blumen und Lichtern entstand in den folgenden Tagen auf dem Bürgersteig vor dem Haus. Die Hauptstraße wurde provisorisch in David-Bowie-Straße umbenannt.

"David-Bowie-Straße" (Hauptstraße 155 in Berlin Schöneberg), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

“David-Bowie-Straße” (Hauptstraße 155 in Berlin Schöneberg), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Drei Alben, die sogenannte Berlin-Trilogie: Low, “Heroes” und Lodger entstanden während Bowies West-Berliner Zeit. Produziert wurden sie in den direkt an der Berliner Mauer gelegenen Hansa-Studios in der Köthener Straße in Berlin-Kreuzberg. Aus dem Kontrollraum des Meistersaals hatte man einen unverbauten Blick auf die Mauer und den Todesstreifen. Internationale Künstler wie Falco, Depeche Mode, Nick Cave, U2, Iggy Pop, waren vom Studio by the wall und die gute Akustik des Meistersaals fasziniert; allen voran David Bowie, der sich zum Song “Heroes” 1977 durch die Mauer inspirieren ließ. Die Anführungszeichen bei “Heroes” sind Teil des Songtitels und sollten eine gewisse ironische Distanz zum romantisch-pathetischen Songtext zum Ausdruck bringen.

David Bowie: “Heroes” (Ersatzlink)

David Bowie: “Helden”

David Bowie: “Heroes/Helden” (englisch/deutsch)

I, I can remember (I remember)/ Standing, by the wall (by the wall)/ And the guns, shot above our heads (over our heads)/ And we kissed, as though nothing could fall (nothing could fall)/ And the shame, was on the other side/ Oh, we can beat them, forever and every [aus: David Bowie "Heroes"]

Interview mit David Bowie in der Harald-Schmidt-Show am 11. Juli 2002

Siehe auch Artikel “In der Villa von Ormen steht eine einzelne Kerze”

In der Villa von Ormen steht eine einzelne Kerze

“Where Are We Now?”

In the villa of Ormen/ Stands a solitary candle/ In the centre of it all/ Your eyes/ Something happened on the day he died/ Spirit rose a metre and stepped aside/ Somebody else took his place, and bravely cried: “I’m a blackstar, I’m a blackstar” [aus: David Bowie "Blackstar"]

"Blackstar", Foto © Friedhelm Denkeler 2016

“Blackstar”, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Am 8. Januar 2016, an David Bowies 69. Geburtstag, wurde sein 28. Studioalbum “Blackstar” veröffentlicht. Zwei Tage später starb er in New York. Von seiner Krebserkrankung, die er nicht öffentlich machte, wusste er bereits seit eineinhalb Jahren.

Diese Gewissheit hat die sieben Songs des Albums entscheidend geprägt; erschöpfte Atemgeräusche, eine kraftlose, brüchige Stimme und verstörende Videos stehen für die letzten Monate seines Lebens und seine künstlerische Auseinandersetzung damit.

David Bowie: “Blackstar”

David Bowie: “Lazarus”

Fast vierzig Jahre hat David Bowie, mal mehr und mal weniger, auch meine eigene Rockgeschichte begleitet: Es begann 1969 mit Space Oddity, das wiederum von Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey inspiriert war und führte die Kunstfigur des Major Tom in sein Werk ein.

Es folgte 1972 das Konzeptalbum The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars, in dem die Geschichte von Ziggy Stardust, dem Sinnbild eines sexuell promiskuitiven, von Drogenexzessen gezeichneten Rockstars vorgestellt wurde, der letztlich an seinem ausschweifenden Lebensstil scheiterte.

1976 erschien das Album Station to Station, in dem er sich sein Alter Ego, Thin White Duke, zulegte; eine schattenhafte Figur, die von Amerika zurück nach Europa kehrt, um ihre Wurzeln zu erkunden.

Während Bowies West-Berliner Jahre nahm er 1977 in den Hansa-Studios, direkt an der Mauer in Kreuzberg, sein vielleicht bestes Album Heroes auf; die Berliner Jahre sind aber einen eigenen Post wert.

Let’s Dance und das gleichnamige Album machten 1983 dann Bowie endgültig Disco tauglich. Nach Reality von 2003 legte er eine zehnjährige Schaffenspause ein, die er vor zwei Jahren (2013) mit The Next Day und der ausgekoppelten Single Where Are We Now, die inhaltlich Bezug auf Berlin nimmt und in der Tilda Swinton die weibliche Hauptrolle spielt, beendete.

Look up here, I’m in heaven/ I’ve got scars that can’t be seen/ I’ve got drama, can’t be stolen/ Everybody knows me now/ Look up here, man, I’m in danger/ I’ve got nothing left to lose/ I’m so high it makes my brain whirl/ Dropped my cell phone down below/ Ain’t that just like me? [aus: David Bowie "Lazarus"]

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