Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: August 2015

Ein Ei-Sprung im Sommer 1983 auf Møn

Das Portfolio “Møns Klint” auf der Website “Lichtbilder

"Spannender Eisprung", aus der Serie “Møns Klint”, Foto © Friedhelm Denkeler 1983

“Spannender Eisprung”, aus der Serie “Møns Klint”, Foto © Friedhelm Denkeler 1983

“Zu der Zeit, in der die Serie “Møns Klint” entstanden ist (1983), war ich mitten in meiner Ausbildung an der “Werkstatt für Photographie” und bei Michael Schmidt als Privatschüler. Meine ersten vier großen Portfolios “Im Wedding” (1978), “Tempelhofer Kreuz” (1979), “Der Elmgeist” (1980) und “Photographien” (1982) waren abgeschlossen. Die ersten drei standen jeweils unter einem Thema und sind im engeren Zeiträumen entstanden. Das Portfolio “Photographien” besteht als Einzelbildern, die aus mehreren Jahren stammen. Gleichwohl vermittelt es eine einheitliche Stimmungslage. “Møns Klint” dagegen kann man als inszenierte Serie betrachten. Diese “verschiedenen” Arbeitsweisen habe ich bis heute in den nachfolgenden Arbeiten beibehalten.” Quelle: “Der Große Handschmeichler“.

Das Portfolio “Møns Klint” ist 1983 auf der Insel Møn in Dänemark entstanden. Die gesamte Serie besteht aus 58 Photographien, davon sind 35 auf der Website “Lichtbilder” zu sehen.

Ziegelwand

"Ziegelwand in der Zitadelle Spandau", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

“Ziegelwand in der Zitadelle Spandau”, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Wenn eine Punkerin umzieht …

"Walkman" von Ludmila Seefried-Matejcová (Julius-Morgenroth-Platz in Wilmersdorf), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

“Walkman” von Ludmila Seefried-Matejcová (Julius-Morgenroth-Platz in Wilmersdorf), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Seit über zwanzig Jahren saß eine Punkerin vor dem Bürgeramt am Hohenzollerndamm in Wilmersdorf. In der Stadt sind Punks immer seltener zu sehen und nun ist die Wilmersdorferin auch “umgezogen”. Ihren Sitz aus einem Betonblock hat sie gleich mitgenommen. Meine Aufnahme der Bronzeskulptur, für die eine Kreuzberger Punkerin Modell gestanden hat, stammt aus dem Herbst 2013. Eine zweite Punkerin, die “Schlafende” ist ebenfalls in die Heimat der Künstlerin Ludmila Seefried-Matejková nach Tschechien zurückgekehrt. Die dritte Skulptur “Der Mime” hingegen wurde vom Kulturamt angekauft. Alle drei Skulpturen waren ursprünglich als Leihgaben gedacht; sie sollten regelmäßig mit Werken anderer Künstlern ausgetauscht werde, was aber nicht geschah. So blieben sie 22 Jahre in der Nähe des Fehrbelliner Platzes stehen. Ludmila Seefried-Matejková lebte und arbeitete von 1967 bis 2014 in Berlin.

Website

Die fliegenden Pinguine von Sebastião Salgado

Ausstellung “Genesis” bei C|O Berlin noch bis zum 16. August 2015

Gleich vor dem Eingang des Amerika-Hauses zur C|O-Galerie wird der Besucher von der riesigen Schwanzflosse eines Glattwals, die aus dem Südatlantik vor Argentinien auftaucht, begrüßt. Weitere spektakuläre Fotografien des französisch-brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado erwarten uns in den Ausstellungsräumen. Beim ersten Ausstellungsbesuch war ich nach 245 gesehenen Fotos regelrecht erschlagen. Deshalb erfolgte kurz vor Ausstellungsende ein zweiter Besuch. Es hat sich gelohnt. Die meisten Bilder haben das Riesenformat verdient, erst bei näherem Herantreten sieht man die zu Hunderten auftretenden “Zügelpinguine auf Saunders Island”, die den Gletscher-Abhang herunterrutschen und zum Schluss ins Wasser “fliegen”. Irgendwie auch ein witziges Suchbild.

Plakat zur Ausstellung "Genesis" von Sebastião Salgado, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Plakat zur Ausstellung “Genesis” von Sebastião Salgado, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Der Ausstellungsführer beschreibt die Werke wie folgt: “Archaische Vulkanlandschaften, arktische Eismassen, mäandernde Fluss-Canyons, nebelumhüllte Gebirgsketten, ursprüngliche Regenwälder und endlose Sanddünen – “Genesis” ist eine visuelle Hommage an den blauen Planeten. Salgado dokumentiert in opulenten Schwarz-Weiß-Fotografien die überwältigende Schönheit und die Artenvielfalt unberührter Flora und Fauna sowie indigener Völker. Sein ästhetisch beeindruckender, großformatiger Bilderzyklus ist das Ergebnis einer langjährigen Expedition mit dem Ziel, über das Medium Fotografie das Bewusstsein für die Kostbarkeit der letzten unberührten Winkel der Erde zu schärfen. Das Genesis-Projekt ist Salgados Appell an die Zivilisation, einen Teil des Planeten in seiner Ursprünglichkeit und faszinierenden Diversität zu bewahren.”

Acht Jahre war Salgodo an den Enden der Welt unterwegs. Herausgekommen sind Fotografien, die in der Ausstellung in die fünf Kapitel “Planet South” (Galapagosinseln mit Seelöwen, Kormoranen, Pinguinen sowie Wale in der Antarktis und im Südatlantik), “Sanctuaries” (isolierte und artenreiche Zonen wie Madagaskar, Sumatra und West-Papua, einschließlich der Bewohner der Mentawaiinseln vom Stamm der Korowai), “Africa” (Großwild, Dünenwogen, Lava, Okavango-Fluss, inmitten des Nomadenvolks der Dinka im Sudan), “Northern Spaces” (große Rentierherden am Polarkreis, die Kamtschatka-Halbinsel, die zerrissenen Bergmassive Alaskas und die Menschen, vom Eis überkrustet samt ihrer Schlitten, Hunde und Zelte) und “Amazônia” (Jaguare an den Flussläufen des Amazonas, Negro und Juruá sowie das Volk der Zo’é im Dschungel Brasiliens), eingeteilt sind.

www.co-berlin.org

Der Große Handschmeichler

Møns Klint – eine “gefährliche” Foto-Exkursion

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

Meine vermeintlich gefährlichste Foto-Exkursion fand 1983 auf der Ostseeinsel Møn statt. Die Insel weist die höchste Steilküste Dänemarks auf, die riesige Kalksteinwand, genannt Møns Klint, ist sechs Kilometer lang und bis zu 128 Meter hoch. Gefährlich deshalb, weil es immer wieder zu massiven Abstürzen aus der Kreidewand kommen kann. Zuletzt brachen 2007 um den Store Taler an die 500.000 Tonnen Kreide aus der Kreidewand heraus; es war der schwerste Absturz seit 50 Jahren. Bereits 1952 bildete sich eine 500 Meter lange Halbinsel als dutzende Tonnen Kreide abgingen. Da ich damals um der Gefährlichkeit “nicht wusste”, konnte ich die Wanderung oberhalb und insbesondere am Fuß der Steilküste, direkt am Meer, genießen.

In einer Tageswanderung ist spontan die vorliegende Serie mit Landschaften der Steilküste, mit am Strand gefundenen natürlichen Requisiten und kleinen Inszenierungen entstanden. Es ging nicht nur um das visuelle Erlebnis am Strand sondern auch um die haptische Wahrnehmung der Dinge. Damit spielte die Hand eine große Rolle, etwa durch Überstreichen der Oberfläche, Nachfahren der Konturen und Umfassen und Drücken. Typisches Beispiel ist die Photographie des “Großen Handschmeichlers”. Gleichzeitig werden die Objekteigenschaften, wie Größe, Gewicht, Festigkeit und Temperatur erfasst. Die haptische Wahrnehmungsschwelle soll beim aktiven “Untersuchen” bei rund 1 µm, das sind 0,001 mm (sic!) liegen; beim passiven (taktilen) “Erkunden” liegt die Reizschwelle lediglich im Bereich um 1 mm.

Durch das tastende Begreifen und die visuelle Wahrnehmung werden beim Betrachten der Dinge entsprechende Assoziationen ausgelöst. Beim Betrachter der vorliegenden Photographien können diese Assoziationen unterschiedlich sein, aber die meisten Rezipienten sehen mehr oder weniger direkte oder indirekte erotische Symbole. Der Ausdruck “hinter vorgehaltener Hand” bekommt hier eine doppelte Bedeutung.

"Großer Handschmeichler" aus der Serie "Møns Klint", Foto © Friedhelm Denkeler 1983

“Großer Handschmeichler”, aus der Serie “Møns Klint“, Foto © Friedhelm Denkeler 1983

Zu der Zeit, in der die Serie “Møns Klint” entstanden ist (1983), war ich mitten in meiner Ausbildung an der “Werkstatt für Photographie” und bei Michael Schmidt als Privatschüler. Meine ersten vier großen Portfolios “Im Wedding” (1978), “Tempelhofer Kreuz” (1979), “Der Elmgeist” (1980) und “Photographien” (1982) waren abgeschlossen. Die ersten drei standen jeweils unter einem Thema und sind im engeren Zeiträumen entstanden. Das Portfolio “Photographien” besteht als Einzelbildern, die aus mehreren Jahren stammen. Gleichwohl vermittelt es eine einheitliche Stimmungslage. “Møns Klint” dagegen kann man als inszenierte Serie betrachten. Diese “verschiedenen” Arbeitsweisen habe ich bis heute in den nachfolgenden Arbeiten beibehalten.

Der Fotohistoriker Enno Kaufhold schrieb in der “Photo-News” (Oktober 1991): “Friedhelm Denkeler gehörte während der Werkstatt-Zeit nebst anderen … zu den Protagonisten eines subjektiven photographischen Ansatzes. Das verdient insofern Beachtung, als die Werkstatt gegen Ende der 1970er Jahre noch ganz unter dem Einfluss des Dokumentarismus stand. Dieser wurde an der Werkstatt – und nicht nur dort – in dem Sinn verstanden, als hätten sich die Dinge selbst aufgenommen … Mit dem vermehrt seriellen Charakter der Arbeiten verlor das gut gelungene Einzelbild zugunsten der schlüssigen Serie an Gewicht.”

Die Serie Møns Klint mit 16 Photographien war vom 24. Oktober bis 25. November 1983 in der Werkstatt für Photographie im Rahmen der Ausstellung “Arbeiten 83” mit zehn Teilnehmern zu sehen. Alle Aufnahmen sind im gleichnamigen Katalog abgebildet. Am 9. Mai 1985 wurde das Portfolio Møns Klint vom Landesmuseum Berlinische Galerie unter dem damaligen Leiter der Photographischen Sammlung Janos Frecot erworben. Elf Jahre später (1996) waren zehn Bilder im Martin-Gropius-Bau in der Ausstellung “Noch nie gezeigt – Aktuelle Positionen aus der Sammlung der Berlinischen Galerie” zu sehen.

Møns Klint”, 1983, 30×45 cm, Fotopapier im Passepartout 50×60 cm. Die Aufnahmen entstanden 1983 auf der Insel Møn in Dänemark. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 68 Seiten im Format 45×30 cm erschienen (2015). Die gesamte Serie besteht aus 58 Photographien.

16 Photos aus der Serie "Møns Klint", Fotos © Friedhelm Denkeler 1983

16 Photographien aus der Serie “Møns Klint”, © Friedhelm Denkeler 1983

Die Gerichtslaube

Auf der Lennéhöhe wird kein Gericht mehr gehalten

Eine Gerichtslaube aus dem 13. Jahrhundert mitten im Wald, auf einem Hügel? Im Schlosspark Babelsberg ist das möglich, Gericht wird hier allerdings nicht mehr gehalten. Es ist das einzige, einigermaßen original gotische Gebäude in Potsdam. Wie kommt es dorthin? Das ist ganz einfach: Berlin hatte um 1300 ein gotisches Rathaus, die Gerichtslaube gehörte dazu. Um 1860 wurde das zu klein geratene Rathaus zugunsten des heutigen Roten Rathauses am Alexanderplatz abgerissen. Die Stadt Berlin machte Kaiser Wilhelm I., der eine Vorliebe für das Mittelalter hegte, die Originalteile der Laube zum Geschenk. 1871 wurde das Gebäude aus den alten Teilen neu errichtet.

"Die Gerichtslaube im Park Babelsberg" (Potsdam), Foto © Friedhelm Denkeler 2015

“Die Gerichtslaube im Park Babelsberg” (Potsdam), Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Der zweigeschossige Bau hat ein Kreuzrippengewölbe mit einem Mittelpfeiler, der die Eiche oder Linde der mittelalterlichen Verhandlungsstätte symbolisieren soll. Rund um den Pfeiler sind auf einem Steinrelief Schweine, sie stehen für Unmäßigkeit und Unkeuschheit, Adler (Raubgier) und Affen (Raubsucht) zu sehen. Zwei Engel symbolisieren die Sirenen der Versuchung. Zu DDR-Zeiten war die Laube stark verfallen und wurde durch Spenden nach der Wende wieder sehr gut rekonstruiert. Der formvollendete rote Bausteinbau auf der Lennéhöhe ist bei einem Spaziergang durch den Park nicht zu verfehlen. Von hier oben hat man eine gute Aussicht auf die Potsdamer Kulturlandschaft. Diese lässt sich nur durch den Panorama-Blick vom 46 Meter hohen Flatowturm übertreffen.

"Blick vom Flatowturm auf die Gerichtslaube" (Potsdam), Foto © Friedhelm Denkeler 2015

“Blick vom Flatowturm auf die Gerichtslaube” (Potsdam), Foto © Friedhelm Denkeler 2015