Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Juli 2015

Get Your Kicks On Route Sixty-Six

Nat King Cole 1946, Chuck Berry 1961, The Rolling Stones 1964
und Depeche Mode 1987

If you ever plan to motor west, / Travel my way, take the highway that is best. / Get your kicks on route sixty-six. / It winds from chicago to LA, / More than two thousand miles all the way. / Get your kicks on route sixty-six.

Nat King Cole: "(Get Your Kicks On) Route 66", Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler 2015

Nat King Cole: “(Get Your Kicks On) Route 66″,
Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler 2015

Das im Aufbau befindliche Rock-Archiv beginnt im Jahr 1946. Es war nicht einfach einen Song aus diesem Jahr zu finden, denn die Geschichte des Rock ‘n’ Roll und damit der Rockmusik begann erst einige Jahre später. Aber es gibt den Blues, der viele Rockmusiker inspirierte und zu Cover-Versionen animierte.

Und welcher Titel ist dazu besser geeignet als “(Get Your Kicks On) Route 66″ vom “Nat King Cole Trio” aus dem Jahr 1946 und die Cover-Versionen von Chuck Berry, den Rolling Stones und Depeche Mode. Heute mache ich daher in einem Artikel Zeitsprünge von 1946, über 1961 und 1964 bis in das Jahr 1987.

Nat King Cole:
“(Get Your Kicks On) Route 66″

Hinter jedem guten Song sollte eine Geschichte stehen. Der Komponist von Route 66 Robert William Troup Jr. hatte die Idee zu diesem Song 1946 auf einer langen Fahrt auf der Route 66 nach Los Angeles, wahrscheinlich in einem amerikanischen Straßenkreuzer.

Der ab 1926 gebaute, ursprünglich 4000 Kilometer lange Highway, steht für den amerikanischen Mythos von Freiheit und Abenteuer. Er war eine der ersten durchgehend befestigten Straße von Ost nach West, von Chicago nach Santa Monica.

Heute sind nur noch Teilstücke der “Mother Road” vorhanden. Und wo eröffnete 1940 das erste McDonald’s – natürlich an der Route 66 in San Bernardino (Kalifornien). Auch der Film “Easy Rider” spielte 1969 teilweise auf der damals schon legendären Strecke.

Der Rhythm & Blues-Song “Route 66″ wurde am 15. März 1946 von Nat “King” Cole aufgenommen und erreichte die US-R&B- und die Pop-Chart. Er wurde zum bekanntesten Song des Nat King Cole Trios. Ich habe ihn, soweit im mich erinnere, erst 1961 durch Chuck Berry oder 1964 durch die Version von den Stones kennengelernt (vielleicht war es auch umgekehrt).

Chuck Berry: “(Get Your Kicks On) Route 66″  

Charles Edward Anderson „Chuck“ Berry (*1926) kann man als Pionier des Rock ‘n’ Roll betrachten. Er war der Erfinder des Duck-Walk. Seine Vorbilder waren Nat King Cole und Muddy Waters. Mit “Maybellene” hatte er 1955 seinen ersten Hit in den Billboard Charts. Weitere bekannte Hits vom King sind “Roll Over Beethoven” (1956), “Rock and Roll Music” (1957), “Sweet Little Sixteen” (1958), “Johnny B. Goode” (1958) und “My Ding-a-ling” (1972).

The Rolling Stones: “(Get Your Kicks On) Route 66″

“Route 66″ ist ebenfalls der erste Track auf dem ersten Studio-Album der Stones (britische Fassung). Es erschien 1964 (siehe auch Ein halbes Jahrhundert “Rolling Stones”). Im Song werden die folgenden Orte, in denen sich schon einige “Kicks” ergeben würden, erwähnt: St. Louis (Missouri), Joplin (Missouri), Oklahoma City (Oklahoma), Amarillo (Texas), Gallup (New Mexico), Flagstaff (Arizona), Winona (Arizona), Kingman (Arizona), Barstow (Kalifornien) und San Bernardino (Kalifornien).

Depeche Mode: “(Get Your Kicks On) Route 66″

Die englische Band wurde 1980 gründet und hat seitdem dreizehn Studioalben aufgenommen und 52 Singles veröffentlicht. Sie wurde eine der erfolgreichsten Synthie-Pop-Bands der Welt und hat nicht nur bei den Metal-Fans Anhänger. Angeblich soll es über hundert Cover-Versionen von “Route 66“ geben und damit wird das Lied zum meistgecoverten Roadsong. Zum Schluss noch eine Version von Van Morrisson und seiner Band “Them”:

Them: “(Get Your Kicks On) Route 66″

Der Song stammt aus ihrem ersten Album “The Angry Young Them” aus dem Jahr 1965.

Good Morning, California

Good Morning, Vietnam mit Robin Williams
und The Rivieras mit California Sun

Well, I’m goin’ out west out on the coast/ Where the California girls are really the most/ Where they walk and I’ll walk/ They twist and I’ll twist/ They shimmy and I’ll shimmy/ They fly and I’ll fly/ Well they’re out there a’havin’ fun/ In that warm California sun

Vor fünfzig Jahren (1965) kam der AFN-Diskjockey der Air Force, Adrian Cronauer (*1938), von Kreta nach Saigon zum dortigen amerikanischen Soldatensender. Mit seinen lockeren Sprüchen sollte er mehr Schwung in die morgendlichen Sendungen bringen und die Moral der US-Truppen stärken. Seine Erlebnisse verarbeitete er in einem Film-Drehbuch, aus dem der Anti-Kriegs-Film “Good Morning, Vietnam” (1987), von Barry Levinson entstand. Die Hauptrolle erhielt Robin Williams als Adrian Cronauer, der in dem Film mit überschäumender Komik agiert und gleichzeitig ernste Szenen mit Bravur meistert.

Der Film lief gestern Abend auf ARTE. Er steht auf einer Ebene mit den bekannten Filmen über den Vietnam-Krieg, wie Apocalypse Now, Platoon und Full Metal Jacket. Allerdings stellt er weniger das Kampfgeschehen in den Mittelpunkt, sondern die GIs und die damalige Zivilbevölkerung von Saigon. Vielleicht kann man von einer Komödie mit nachdenklich stimmenden Szenen sprechen. Der Film will nicht dokumentarisch wirken, aber wie Cronauer sagte, stimmen die Fakten an die 50%.

Foto © Friedhelm Denkeler 1975

Foto © Friedhelm Denkeler 1975

Ein wichtiger Teil des Films ist natürlich der Soundtrack – Cronauer brachte schließlich den Rock ‘n’ Roll nach Vietnam. Einige der authentischen Songs aus dem Jahr 1965 möchte ich aufzählen: Them “Baby Please Don’t Go”, The Beach Boys “Don’t Worry Baby” und “I Get Around”, The Marvelettes “Danger, Heartbreak Dead Ahead”, James Brown “I Got You (I Feel Good)”, Wilson Pickett “In the Midnight Hour” und The Searchers “Sugar and Spice”. Während die Ballade von Louis Armstrong “What a Wonderful World” lief, waren im Film lautlos Bombenexplosionen und Kriegshandlungen zu sehen.

Zum Ende des Films war noch einer meiner Lieblingssong aus dem Jahr 1964, “California Sun” von den Rivieras, zu hören.

The Rivieras: “California Sun” (Audio)

Die Band wurde Anfang der 1960er Jahre in Indiana (USA) gegründet. Ihr Song „California Sun“ war in den Staaten ein großer Erfolg und erreichte Platz 5 der US-Charts. In Deutschland kam er immerhin bis auf Platz 15 der Single-Charts. Mein erster Favorit der Gruppe war aber “Let’s Have a Party”, ebenfalls aus dem Jahr 1964. Von beiden Liedern gibt es diverse Cover-Versionen (Ramones, Beach Boys, Frankie Avalon, Shondells, etc.) Die Band trennte sich bereits 1966, von den Bandmitgliedern war nie wieder etwas zu hören.

Kunstbanause

"Aufstehen – Einfallen“ von Christian Roehl, 2003, Insel Ziegenwerder, Frankfurt/Oder, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

“Aufstehen – Einfallen“ von Christian Roehl, 2003, Insel Ziegenwerder, Frankfurt/Oder,
Foto © Friedhelm Denkeler 2009

 

Fünfzig wilde Kongoweiber

oder: Macht zu viel Sex verrückt? Eine Abhandlung in elf Kapiteln.

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

Im Jahr 1913 zeigte das Berliner “Passage Panopticum” eine Kolonialschau unter dem heutzutage nicht mehr zeitgemäßen Titel “Fünfzig wilde Kongoweiber – Männer und Kinder in ihrem aufgebauten Kongodorfe”. Die Zurschaustellung “exotischer” Menschen war damals gang und gäbe und ein großer Publikumsrenner.

In den Panoptiken der Jahrhundertwende wurden insbesondere Wachsfiguren, Röntgenapparate (sic!), mechanische Automaten ausgestellt und die ersten Filme vorgeführt. Seit 1870 gab es im Zoologischen Garten in Hamburg die “Hagenbeck´schen Völkerschauen”, die anschließend durch das ganze Land tourten. “Echte” Amazonen, Aboriginals, Sioux-Indianer, Fakir-Gruppen wurden zur Schau gestellt oder mussten im damaligen Sprachgebrauch “unsittliche Tänze” aufführen.

Das Plakat zur Ausstellung “Fünfzig wilde Kongoweiber” entdeckte ich 1999 im Historischen Museum Berlin. Zusammen mit dem Foto “Macht zu viel Sex verrückt?”, das ich zur Weihnachtszeit 1996 auf dem Kurfürstendamm aufnahm, bildeten diese beiden Fotos die Grundlage meiner Sammlung und Zusammenstellung von Fotos für das Portfolio “Macht zu viel Sex verrückt? Oder: Fünfzig wilde Kongoweiber”, das ich 2012 abgeschlossen habe. Alle Fotos sind im Zeitraum 1981 bis 2010 entstanden.

"Macht zuviel Sex verrückt?", Foto © Friedhelm Denkeler 1996

“Macht zuviel Sex verrückt?”, Foto © Friedhelm Denkeler 1996

Die 186 Fotos der Serie sind in die elf Kapitel “Im Lustgarten”, “Fetisch”, “You Have Nothing”, “Pippi auf Taku Tuka”, “Adam und Eva”, “Fünfzig wilde Kongoweiber”, “Macht zu viel Sex verrückt?”, “Schamkrabben”, “Weniger ist besser”, “Nicht mit den Händen greifen” und “Middlesex” eingeteilt. Ein Großteil der Fotos entstand im öffentlichen Straßenraum, hierunter fällt insbesondere die sexualisierte Werbung; weitere Fotos entstanden in Ausstellungen, im privaten Bereich und in der Natur. Die Schlagwort-Wolke zeigt einen ersten Eindruck.

Kurioses wie der “ZEIT”-Artikel “Die Entdeckung der Anus-Vulva-Achse” , das Filmplakat “Fickende Fische”, ein “Sklavinnen der Liebe-Express” auf dem Christopher-Street-Day, der Aufruf des Media Marktes “Sei so Sexistisch” oder die Graffiti-Dame im S-Bahnhof, die beteuert “Ich komm nur in der S-Bahn”, die Bestellung eines Super-Angebots “Striptease-Kegelschreiber” für 0,99 DM bei der Beate Uhse AG per Bildschirmtext BTX (ja, das war 1984 der neueste Schrei), der Grabstein des Marquis de Sade oder die Plakate “Ich komm’ aus Kreuzberg, du Muschi” und die “Vagina-Monologe” runden die Auswahl ab. 35 ausgewählte Photographien sind auf der Website Lichtbilder zu sehen.

wild [mhd. wilde, ahd. wildi, eigtl.: im Wald wachsend, nicht angebaut]: 1. nicht domestiziert; nicht kultiviert, nicht durch Züchtung verändert; wild lebend; wild wachsend; Er stürzte sich auf sie wie ein – es Tier (völlig enthemmt u. nur dem Trieb folgend); 2. a) nicht zivilisiert; auf niedriger Kulturstufe stehend: -e Stämme; b) unzivilisiert, nicht gesittet: ein -er Haufen; -e Gesellen; dort herrschen -e Sitten 3. unkontrolliert, nicht reglementiert [u. oft ordnungswidrig od. gesetzwidrig]; offiziell nicht gestattet [Jan Diebold und Philmon Ghirmai auf www.schwarzweiss-hd.de]

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