Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Mai 2015

Der Wolf und der Mensch

Denn der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, kein Mensch. Das gilt zum Mindesten so lange, als man sich nicht kennt.
[aus "Asinaria" von Titus Maccius Plautus, 254-184 v.Chr.]

"homo homini lupus", Foto © Friedhelm Denkeler 2015

“homo homini lupus”, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Wenn ein Betrachter vor lauter Oberfläche den eigentlichen Inhalt einer Photographie nicht mehr sieht

“Der Elmgeist” – Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler
auf der Website “Lichtbilder” (1)

Nur die Phantasielosen flüchten in die Realität! [Arno Schmidt]

Beim Betrachten von Photos sieht der ungeschulte Rezipient meist nur den vordergründigen Inhalt; er lässt sich durch die vermeintlich dokumentarische Aufzeichnung oft vom eigentlichen Inhalt des Bildes ablenken. Die Photographie gilt seit jeher als das Medium, das ein exaktes Abbild der Wirklichkeit darstellt. Der Betrachter dringt gar nicht erst tiefer in die Bedeutung des Bildes ein, sondern im Gegenteil, vor lauter vordergründigem Inhalt sieht er den eigentlichen Inhalt nicht mehr.

“Baumalb II”, aus der Serie “Der Elmgeist”, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

“Baumalb II”, aus der Serie “Der Elmgeist”, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

Erst mit einer ausführlichen Beschäftigung, also mit mehr als einem flüchtigen Hinsehen, wird die Doppeldeutigkeit einer Photographie erkennbar. Trotz der täglich millionenfach geschossenen Bilder, kann man heutzutage sicherlich noch deutlicher als zu Laszlo Moholy-Nagys Zeiten vom fotografischen Analphabetismus ausgehen. Die Photographie ist eine “Lichtschrift”, die man erst mal lesen lernen muss. In Ausstellungen hat man allerdings auch häufig den Eindruck, dass der Photograph seine eigenen Bilder nicht lesen kann.

Eine gute Photographie erschließt beim Betrachter einen Erfahrungsraum, der sich nicht allein auf den Bildgegenstand beschränkt, sondern seine eigenen Gefühle, Erfahrungen und das Unbewusste mit einschließt, dann erst verliert der fotografierte Gegenstand seine Bedeutung. Ob diese Wahrnehmung zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen Oberfläche und dem dahinter liegenden Inhalt, auch für die Photographien der Serie “Der Elmgeist” zutrifft, möge der Rezipient für sich selbst entscheiden. Auch wenn die Überschrift “Der Elmgeist” falsch verstanden werden könnte, es geht in den Bildern nicht um esoterisches Gedankengut, sondern um die Gefühle, die sie beim Betrachter auslösen.

Die Photographien “Der Elmgeist” sind vor 35 Jahren entstanden und jetzt erstmalig öffentlich auf meiner Website “Lichtbilder” zu sehen. Das dazugehörige Portfolio besteht aus 90 Photographien im Format 30×45 cm im Passepartout 50×60 cm. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 104 Seiten im Format 40×30 cm erschienen. Alle Aufnahmen entstanden 1980 im Naturpark Elm-Lappwald bei Helmstedt.

Im strengsten Sinne sind alle Bewusstseinsinhalte unnennbar. Selbst die einfachste Wahrnehmung ist in ihrer Totalität unbeschreibbar. Jedes Kunstwerk muss daher nicht nur als etwas Dargestelltes verstanden werden, sondern gleichzeitig als ein Versuch, das Unsagbare auszudrücken. In den größten Kunstwerken schwingt stets etwas mit, das sich nicht in Worte fassen lässt, etwas von dem Widerspruch zwischen dem Ausdruck und der Gegenwart des Unausdrückbaren. Stilmittel sind immer auch Methoden der Vermeidung. Das wirksamste Element im Kunstwerk ist nicht selten das Schweigen. [Susan Sontag, in “Against Interpretation”]

Ein Pferd ohne Pferdefuß

Die traurigen Pferde von Gustavo Aceves auf dem Pariser Platz

Gustavo Aceves: "Lapidarium – Grenzen überwinden" (Pariser Platz), Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Gustavo Aceves: “Lapidarium – Grenzen überwinden” (Pariser Platz), Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Der Mexikaner Gustavo Aceves hat aus archäologischen Resten zwanzig überlebensgroße “Pferde” aus Bronze, Marmor und Beton geschaffen und unter dem Titel “Lapidarium – Grenzen überwinden” direkt vor der Quadriga auf dem Pariser Platz aufgestellt. Nur die Skulptur, die direkt vor dem Brandenburger Tor steht ist halbwegs intakt. Je weiter man vom Tor weggeht, desto unvollständiger sind die folgenden neunzehn Skulpturen, die sich alle in Richtung Brandenburger Tor bewegen bis zum Ende hin nur noch die Wirbelsäule eines Pferdes zu sehen ist. Und hier, in einer Art Boot, befinden sich auch die fehlenden Pferdebeine.

Die hoch erhobenen Pferde der Quadriga von Johann Gottfried Schadow stehen symbolisch für den Sieg der Göttin Victoria; Aceves Pferde lassen hingegen den Kopf hängen, drücken Unterwerfung und Angst aus. Ihnen fehlen nicht nur die Beine, manchmal fehlt auch ein Teil des Kopfes oder in der Oberfläche sind Risse, blanke Rippen und die Wirbelsäule zu sehen. Laut Aceves soll sein Werk an die vielen afrikanischen Flüchtlinge und die Einwanderungswelle nach Europa erinnern. Die Skulpturen sind nur noch bis zum 10. Mai 2015 vor dem Brandenburger Tor zu sehen.

Gustavo Aceves: "Lapidarium – Grenzen überwinden" (Pariser Platz), Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Gustavo Aceves: “Lapidarium – Grenzen überwinden” (Pariser Platz), Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Auf frischer Tat ertappt …

… wie ein Street-Art-Künstler seinen eigenen Schatten sprüht.
Stadtverschönerung in der Bülowstraße

"Auf frischer Tat ertappt …", Bülowstraße 31, Schablonenkünstler Brüder "Icy and Sot", Foto © Friedhelm Denkeler 2015

“Auf frischer Tat ertappt …”, Bülowstraße 31, “Icy and Sot”, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Ein dreißig Meter hoher in schwarzweiß und mit Kapuzenpullover bekleideter Sprayer sprayt seinen eigenen, knallbunten Schatten auf die Häuserfront in der Bülowstraße 31. Die Arbeit stammt von den beiden Schablonenkünstlern (stencils artists) und Brüdern “Icy and Sot”. Die Iraner leben mittlerweile in New York. In der Bülowstraße, in der viele Häuser der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Gewobag gehören, befinden sich zurzeit viele professionelle Tags von Künstlern aus der internationalen Street-Art-Scene. Die Gewobag fördert das Netzwerk Urban Nation, das es sich zur Aufgabe macht, das an einigen Ecken recht triste Berliner Straßenbild mit Farbe zu bereichern.  Website Icy And Sot

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