Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: März 2015

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben …

Aus der Serie “Gestern Abend im Theater”: Berliner Ensemble

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Die Köchin der Frau Grubach, seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Das war noch niemals geschehen …

"Kafkas Prozeß im Berliner Ensemble", Foto © Friedhelm Denkeler 2015

“Kafkas Prozeß im Berliner Ensemble”, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

… Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinander gelehnt, die Entscheidung beobachteten. „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.

[Anfang und Ende des postum 1925 erschienenen Romanfragments "Der Prozess" von Franz Kafka]

Der leidende Mensch am Europa-Center

"Der leidende Mensch am Europa-Center" (von Michael Ostwaldt, 20. bis 22. September 1969), Foto © Friedhelm Denkeler 1969

“Der leidende Mensch am Europa-Center”
(von Michael Ostwaldt, 20. bis 22. September 1969),
Foto © Friedhelm Denkeler 1969

Meine ersten Jahre in Berlin nutze ich 1968 und 1969 – vor allem, wenn man aus Ost-Westfalen kommt – natürlich zuerst dazu, eine Großstadt kennenzulernen. Das war in erster Linie die Gegend um den Kurfürstendamm mit seinen Urauffüh-rungskinos und alle Straßen rund um den Savignyplatz. Das Nachtleben spielte sich anfangs zwischen Sperlingsgasse und Loretta in der Lietzenburger Straße (beides gibt es heute nicht mehr) und später dann in Kreuzberg ab.

Die Stadterkundungen hielt ich in der Regel fotografisch fest und so entstand auch die folgende Aufnahme auf DIA-Film-Material, mit der ich 1969 eine spektakuläre Kunstaktion am Europa-Center festhielt.

Das Europa-Center war gerade erst vier Jahre alt, als die Fassade des Büro-Hochhauses mit einem 72 Meter hohen, 12 Meter breiten und 500 Kilo schweren Gemälde teilweise verdeckt wurde. In einer fünfstündigen Aktion wurde mit Hilfe des Technischen Hilfswerks (THW) in der Nacht vom 19. auf den 20. September das größte Gemälde der Welt angebracht. Es wurde in das Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen; allerdings dürften es nur wenige Berliner gesehen haben, denn nur zwei (!) Tage blieb es hängen.

Das Bild wurde vom Berliner Maler Michael Ostwald (*1925, †1995) geschaffen. Er arbeitete mit Atemschutzmaske ein ganzes Jahr daran und verbrauchte 80 Kilo Farbe. Das Bild sollte an das Elend in der Welt erinnern. Ostwald hoffte, dass sich das Leiden z.B. in Biafra und Vietnam dadurch verändern würde. Eingefädelt hatte die Kunstaktion Konrad Jule Hammer, der auf dem Dach des Europa-Centers einen Skulpturengarten betrieb und mit dem Hausherrn des Centers, Karl H. Pepper auch bei anderen Aktionen eng zusammenarbeitete.

Heute hatte die Sonne einen Schatten

"Partielle Sonnenfinsternis", Schloßpark Babelsberg, 11. August 1999, Foto © Friedhelm Denkeler 1999

“Partielle Sonnenfinsternis”, Schloßpark Babelsberg, 11. August 1999, Foto © Friedhelm Denkeler 1999

Die Sonnenfinsternis-Brillen aus dem Jahr 1999 waren leider in unserem Archiv nicht mehr zu finden und in den Geschäften waren sie ausverkauft. Also blieb ich sicherheitshalber vormittags am Schreibtisch sitzen und suchte ein 16 Jahre altes Foto heraus. Es entstand am 11. August 1999 im Schloßpark Babelsberg in Potsdam. Glücklicherweise war der Himmel leicht bewölkt und die Gefahr nicht ganz so groß; die analoge Kamera hat die Aufnahmen ebenfalls schadlos überstanden.

Die Sonne wurde zu 89 Prozent in der Hauptstadtregion verfinstert (in Süddeutschland bis zu 100%). Ein merkwürdiges Gefühl, als es mitten im Sommer um die Mittagszeit dieses “komische” Licht gab. Die heutige Verschattung wird in Berlin maximal 74 Prozent betragen. Die nächsten Sonnenfinsternisse gib es am 3. September 2081 (80 bis 100% in Deutschland) und am 7. Oktober 2135 (100% in Mitteldeutschland).

Das HiFi-Mädel aus Tallahassee

Well, she comes from Tallahassee | She got a hi-fi chassis | Maybe looks a little sassy | But to me, she’s real classy | Yeah, my Tallahassee Lassie | Down in F-L-A
[Freddy Cannon in Tallahassee Lassie]

Freddy Cannon: "Tallahassee Lassie", 1959, Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler 2015

Freddy Cannon: “Tallahassee Lassie”, 1959,
Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler 2015

Als letzten Song stellte ich im Rock-Archiv Roy Orbisons “In Dreams” aus dem Jahr 1963 vor (In Dreams I Walk With You. In Dreams I Talk To You). Seinen ersten Hit hatte er 1956, passend zur damaligen Rock ‘n’ Roll-Zeit, mit “Ooby Dooby”.

Heute war ich auf der Suche nach einem ungewöhnlichen Rock ‘n’ Roll-Song aus den 1950er Jahren. Und ich wurde fündig.

Dieses Mal kommt zuerst der Song in einem Video aus dem Jahr 1959 aus dem US-amerikanischen Fernsehen. Bereits bei den ersten Takten rastet der Moderator voller Begeisterung aus – und dann kommt Freddy Cannon auf die Bühne …

Freddy Cannon: “Tallahassee Lassie”  (Ersatzlink, Audio)

… und rockt los, was das Zeug hält. Wenn man jemandem erklären möchte, was Rock ‘n’ Roll ist, dann sollte man ihm diesen Song vorspielen.

Und weil es so schön ist, kommt noch ein weiteres Video mit dem Song aus der berühmten Musik-Tanz-Schau “American Bandstand” aus Philadelphia vom 12. Dezember 1964.

Tallahassee ist übrigens die Hauptstadt des US-Bundesstaats Florida (FLA). Wusste ich bisher auch nicht.

Freddy Cannon (Frederico Anthony Picariello, *1940) war mir völlig unbekannt, das hat sich seit heute geändert. Er kommt aus einem musikalischen Haus; sein Vater spielte Trompete und die Mutter war Songwriterin und schrieb für Freddy den Song “Rock and Roll Baby”. Ein Demo-Tape stellte er dem Musikproduzenten Bob Crewe vor, der dann den Song zu “Tallahassee Lassie” umschrieb.

Ebenfalls hörenswert ist auch ein Song aus dem Jahr 1962: Palisades Park.

In Dreams I Walk With You. In Dreams I Talk To You

Das bewegte Leben von Roy Orbison spiegelt sich in seinen Songs wieder. “Roys Songs handelten weniger von Träumen, seine Songs waren Träume” [Tom Waits]

I close my eyes, Then I drift away | Into the magic night. I softly say | A silent prayer like dreamers do. | Then I fall asleep to dream My dreams of you. | In dreams I walk with you. In dreams I talk to you. | In dreams you’re mine. All of the time we’re together | In dreams, In dreams [Roy Orbison in "In Dreams]

“Ich hasse es zuzugeben, aber Sie können eine Rolle nur spielen, wenn sie irgendwo in Ihrer Psyche steckt. Die Leute realisieren nicht, wie groß das Unterbewusstsein ist. Es ist wie die Unendlichkeit.” [Dean Stockwell]

Gleich drei Mal hörte ich in dieser Woche Songs von Roy Orbison in Darbietungen der darstellenden Künste:

Roy Orbison: "(Oh) Pretty Woman", 1964, Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler

Roy Orbison: “(Oh) Pretty Woman”, 1964
Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler

Einmal war Roy Orbisons Stimme im Kultfilm “Blue Velvet” von David Lynch mit Isabella Rossellini und Dennis Hopper aus dem Jahr 1986 zu hören. Ben (Dean Stockwell) performed hier den Song “In Dreams” im Playback, solange bis Frank Booth (Dennis Hopper) es vor Schmerz ob des melancholischen Liedes nicht mehr aushält und den Stecker des Kassetten-Recorders zieht.

Die unheimliche Lippensynchronisation von Ben lässt darauf schließen, dass nicht nur bei Frank Booth, sondern auch im Inneren des Zuhälters etwas im Verborgenen liegt. Nach dieser Performance klingt der Song nicht mehr wie vorher. Und im Hintergrund tritt Dorothy Vallens (Isabella Rossellini) in ihrem Morgenrock aus blauem Samt in das Zimmer…

Ein zweites Mal hörten wir In Dreams im Theater O-TonArt in der Kulmer Straße. Hier trat der in Frankfurt geborene Sänger Bastian Korff zusammen mit dem Berliner Pianisten Florian Ludewig unter dem Titel “Rock ‘n’ Roll & Remmidemmi” auf. Neben den dargebrachten eigenen Kompositionen coverten die beiden Künstler verschiedenste Rock-Balladen von Roy Orbison (“In Dreams”), über Dion and The Belmonts (“A Teenager in Love), Elvis Presley, David Bowie bis zu Bonnie Tyler (“Turn Around – Bright Eyes”).

Korff als Sprecher, Schauspieler, Sänger und Texter und Ludewig als Pianist und Komponist sind wahre Multitalente für sich, aber auf der Bühne waren sie als Team unschlagbar: spontan, witzig und so herrlich unperfekt wie man nur sein kann, wenn man die Perfektion beherrscht, bescherten sie dem begeisterten Publikum ein Feuerwerk an Ideen und Gefühlen. Einer der schönsten Theaterabende der letzten Zeit. Im September wollen sie wieder gemeinsam in Berlin im Theater O-TonArt auftreten. Wir freuen uns sehr!

Im Berliner Ensemble gab es in der von Leander Haußmann inszenierten Soldatenstudie Woyzeck nach Georg Büchner eine Szene, die Roy Orbisons “Blue Bayou” enthielt. Und zwar in einer Szene in der Militär und Jahrmarkt zusammenfließen. Die Soldaten lassen sich von der Marktschreierin wie dressierte Pferde im Kreis herumführen. Unter den Klängen von “Blue Bayou” besteigen sie bunte Ballontiere zu einer Karussellfahrt in perfekt inszenierter Slow Motion. So schön haben wir das im Theater noch nie gesehen.

Die “schwarze” Bühne ist vollkommen leer, das Bühnenbild stellen allein die dreißig Soldaten dar, die im stampfenden Rhythmus über die Bretter ziehen. Laufend werden exzessiv Songs eingespielt, wie Nancy Sinatras” These Boots Are Made For Walking” oder Melanies “Nickel Song”, denn bei Leander Haußmann gehört die Musik dazu. Wir erlebten einen großen Theatermoment. Hier habe ich die beiden Originale von Roy Orbison herausgesucht:

Roy Orbison: “In Dreams” (1963) (Ersatzlink, nur Audio)
Roy Orbison: “Blue Bayou” (Ersatzlink, nur Audio)

Roy Orbison merkte zu “In Dreams” an: “Ich wachte morgens auf und der Traum war immer noch da und nach 20 Minuten hatte ich den Song fertig”. Der Song weist keine der üblichen Strophen mit einem Refrain auf, sondern ist eher als Mini-Epos in drei Minuten anzusehen. Seine unvergleichliche melancholische Stimme kommt hier besonders gut zur Geltung. Seine Songs handeln von der Seele und ihrem Schmerz und so entstehen oft komplette Dramen der Leidenschaften in Kurzform.

Roy Kelton Orbison (* 23. April 1936, Texas; † 6. Dezember 1988, Tennessee) hatte ein bewegtes und nicht immer einfaches Leben hinter sich. Seinen ersten Hit hatte Roy 1956, passend zur damaligen Rock ‘n’ Roll-Zeit, mit “Ooby Dooby”. Den Durchbruch erreichte er 1960 mit “Only The Lonely”. Warum trug Roy immer eine Sonnenbrille? Angeblich hatte der stark kurzsichtige Roy bei einem Konzert 1963 seine Brille vergessen und musste notgedrungen mit einer Sonnenbrille auftreten; von da an wurde sie zu seinem “Markenzeichen”.

Seinen größten Hit hatte er 1965 mit “Pretty Woman”. Eine schwierige Phase folgte in seinem Leben. Er wurde von privaten Schicksalsschlägen betroffen: Seine erste Frau starb bei einem Motorrad-Unfall und zwei seiner drei Söhne kamen bei dem Brand seines Landhauses ums Leben. Nach Pretty Woman blieben die großen Erfolge aus; eine Ausnahme bildet das nach seinem Tod erschienene “I Drove All Night”. 1987 wurde er in die “Rock and Roll Hall of Fame” augenommen und 2010, also zwanzig Jahre nach seinem Tod, erhielt Orbison einen Stern auf dem “Hollywood Walk of Fame”.

Aus den 52 Songs, die sich zurzeit in meinem Rockarchiv befinden, habe ich meine Top-Ten von Roy Orbison zusammengestellt:

  1. “I Drove All Night” (1992)
  2. “California Blue” (1989)
  3. “It’s Over” (1964)
  4. “In Dreams” (1963)
  5. “Crawling Back” (1966)
  6. “Blue Bayou” (1963)
  7. “Only The Lonely” (1960)
  8. “You Got It” (1989)
  9. “Running Scared” (1962)
  10. “(Oh) Pretty Woman” (1965)

Es wurde Zeit, dass ich im “Journal” einen meiner Lieblingssänger vorgestellt habe. “I Drove All Night” steht, seit ich den Song kenne, unangefochten an der Spitze, aber auf eine einsame Insel würde ich alle zehn mitnehmen.

 

Wann wird’s mal wieder richtig Winter?

… dieses Jahr in Berlin sicherlich nicht mehr – heute soll es 15 Grad warm werden! Aber ein  letztes Winterbild muss noch einmal sein: Dazu habe ich ein vierzig Jahre altes Foto herausgesucht, das während eines Urlaubs im Februar 1975 im Harz entstanden ist. Das im Herbst letzten Jahres gesammelte Holz werden wir dann wohl nicht mehr brauchen, die Indianer haben es vorausgesagt (siehe “Warum sammeln die Indianer so viel Holz?“)

"Schneesturm bei Langelsheim" (Harz), Foto © Friedhelm Denkeler 1975

“Schneesturm bei Langelsheim” (Harz), Foto © Friedhelm Denkeler 1975