Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Februar 2015

Die Macht der Bilder

Berlinale 2015 (V): “Eisenstein in Guanajuato”
von Peter Greenaway mit Elmer Bäck

Sergej Eisenstein – er machte aus dem Kinofilm eine Kunst (“Panzerkreuzer Potemkin”, 1925, “Iwan, der Schreckliche”, 1944) und dazu Peter Greenaway – Kultregisseur der 1980er Jahre (“Der Kontrakt des Zeichners”, 1982, “Der Bauch des Architekten”, 1986) und beide gemeinsam in Guanajuato, einer Stadt in Mexiko mit dem berühmten Mumienmuseum (Geburtsort von Diego Rivera).

Aus diesen Zutaten zaubert Peter Greenaway in seinem neuen Film “Eisenstein in Guanajuato” ein lebenspralles, farbenfrohes und verspieltes Kino, das sich mit Lust und Neugier an den Möglichkeiten der digitalen Post-Produktion berauscht. Das dürfte auch Eisenstein schon gespürt haben, als er die Möglichkeit entdeckte, zwei Bilder an- und übereinander zu montieren und dabei ein drittes Bild entstehen zu lassen.

"Fetisch", aus "Macht zu viel Sex verrückt?", Foto © Friedhelm Denkeler 2003

“Fetisch”, aus “Macht zu viel Sex verrückt?”,
Foto © Friedhelm Denkeler 2003

1931 reist Eisenstein nach Guanajuato, um seinen Film “Que viva México” zu drehen, den er nie beenden wird, auch weil er Probleme mit seinem amerikanischen Finanzier, dem Schriftsteller Upton Sinclair, bekommt.

Auf der neobarocken Treppe in Guanajuato wird er vom Künstlerpaar Diego Rivera und Frida Kahlo empfangen (und von drei “Bodyguards” mit vollen Patronengürteln und Gewehren ebenfalls).

Er entdeckt eine fremde, sinnenfrohe Kultur, einen völlig anderen Umgang mit dem Tod und beginnt über seine Heimat und das Stalin-Regime nachzudenken.

Greenaway zeigt, dass Künstlerleben nicht langatmig und historisch korrekt nacherzählt werden müssen, sondern selbst Kunstwerke sein können. Sein Eisenstein ist ein kindisches, aufbrausendes Genie mit wirrem Haar, das sich selbst als traurigen Clown bezeichnet.

Unter seinem neugierigen Blick setzen sich die religiösen und heidnischen Symbole der mexikanischen Kultur neu zusammen. Dazu gehört auch, dass er seine sexuelle Bestimmung finden und ausleben kann.

Bereits beim Einzug ins Hotel findet ein Zimmermädchen Bild-Postkarten, unter anderem mit dem nackten, lasziven Amor von Caravaggio (aus der Berliner Gemäldegalerie).

Wie es der Zufall will, lief am gleichen Tag “Fifty Shades Of Grey” an, sowohl die US-Amerikanischen als auch die russischen Zensoren dürften mit dem keuschen “Sado-Maso”-Film keine Probleme haben. Die russische Filmförderung hingegen verweigerte die Finanzierung von “Eisenstein in Guanajuato”. Das sagt alles!!

Also: den neuen Greenaway unbedingt ansehen und die Lust am Kino wieder entdecken, die war in den ersten Filme auf der Berlinale schon beinahe verloren gegangen. Ich hoffe, wir haben einen Bärenkandidaten gesehen, allein Elmer Bäck als Eisenstein ist eine Wucht.

Peter Greenaway bringt Leben in die Berlinale |Montagemeister von hinten | Sex, Tod und Triptychon | Rote Fahne im Hintern | Peter Greenaway begeistert Berlinale mit Eisenstein-Hommage | Ein intensives, impulsives Gesamtkunstwerk | Jungfrau, 33, männlich, sucht … [Headlines zum Film]

Die nicht enden wollende Utopie vom großen Glück

Berlinale 2015 (IV): “Als wir träumten” von Andreas Dresen
Ein Techno-Musikfilm mit dem Sound von Marusha

Als wir träumten war der Stadtrand von Leipzig die Welt. Die DDR war weg und wir waren noch da. Pitbull war noch kein Dealer. Mark war noch nicht tot. Rico war der größte Boxer und Sternchen war das schönste Mädchen, doch sie hat mich nicht so geliebt, wie ich sie. Alles kam anders. Aber es war unsere schönste Zeit. [Prolog von Dani in "Als wir träumten"]

Andreas Dresen zeigt eine “filmische Parabel über Freundschaft und Verrat, Zuversicht und Illusion, Brutalität und Zärtlichkeit. Sie erzählt die Geschichte einer verlorenen Jugend und präsentiert zugleich ein Spiel um Rebellion und die nicht enden wollende Utopie vom großen Glück”. Und das alles mit viel Techno-Musik und Stroboskop-Geflacker unterlegt. Der Film ist ein paar Jahre nach der Wende angelegt und spielt in Leipzig.

Fünf junge “Nachtgestalten”, vor nicht allzu langer Zeit noch Pioniere mit rotem Halstuch, testen aus, was man im wiedervereinigten Land so alles mit der neuen “Freiheit” anstellen kann. Zwei Ereignisse ragen dabei heraus: die Gründung des (illegalen) Techno-Clubs “Eastside” und der Kampf mit den Neonazis. Dazwischen werden Autos geklaut, Drogen ausprobiert (einer stirbt daran), eine Boxer-Karriere scheitert, zwischendurch gibt es mal 4 Wochen Jugendarrest und die Sehnsucht nach der großen Liebe, dem schönsten Mädchen von Leipzig, bleibt unerfüllt. Wie schon bei Sebastian Schippers “Victoria” ist auch hier kein Happy-End in Sicht.

Dresen verfilmte mit “Als wir träumten” den gleichnamigen Bestseller von Clemens Meyer aus dem Jahr 2006. “Er würde jedes Festival der Welt zieren. Weil es sich um Weltklassekino handelt” [FAZ]. Am 26.Februar 2015 kommt der Film dann in die regulären Kinos.

"Verlassene Industriehalle", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

“Verlassene Industriehalle”, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Das Ansehen von “Als wir träumten” lohnt sich in jedem Fall, allein wegen der Musik, denn es ist auch ein großer Musik-Film. Das beginnt mit der Titel-Melodie Moderat: “A New Error” und den mir weniger bekannten DJs Trentemøller: “Nightwalker” und Josh Wink “Higher State of Consciousness”.

Eng war die Zusammenarbeit zwischen Dresens Musikberater Jens Quandt und der DJane (wie man weibliche DJs im deutschen Sprachraum oft nennt) Marusha. Die beiden kannten sich vom Jugendsender DT 64. Zwei Marusha-Tracks sind im Film zu hören: einmal der neuere von 2012 Marusha: “Club Arrest” und der mehr zeitbezogene Song aus dem Jahr 1992:

Marusha: “Rave Channel”

DJ Marusha (Marusha Aphrodite Gleiß, geb. 1966 in Nürnberg) wurde 1990 mit einer der ersten Techno-Musik-Sendungen “Dancehall” im DDR-Radio-Sender DT64 bekannt. Ein Jahr später begann sie mit der Produktion von eigenen Musikstücken und 1994 startete ihre Weltkarriere in den Techno-Clubs und den Raves mit dem Titel “Somewhere over the Rainbow”, einer Coverversion des gleichnamigen Songs aus dem Film-Soundtrack “Der Zauberer von Oz” aus dem Jahr 1939. Die Single verkauft sich über eine halbe Million Mal. Auf Radio “Fritz” (vom RBB) moderierte Marusha 17 Jahre lang (bis 2007) die Sendung “Rave Satellite”.

Die Ritter der Kelche waren früher selber welche

Berlinale 2015 (III): “Knight of Cups” von Terrence Malick
mit Christian Bale, Cate Blanchett, Natalie Portman

"Wasser, das vom Hochhaus fällt" (Expo 2000, Hannover), Foto © Friedhelm Denkeler 2000

“Wasser, das vom Hochhaus fällt” (Expo 2000, Hannover), Foto © Friedhelm Denkeler 2000

Wie man an der Überschrift sieht – so richtig ernst kann ich den Film von Malick nicht nehmen. Zwei Stunden “esoterische” Selbstgespräche des Protagonisten und dazu noch die “Gedanken” der genormten Hollywood-Schönen, die er hören kann; das Alles in der Kulisse von Los Angeles, das nur aus Wohnungen aus dem Designer-Laden zu bestehen scheint, in denen nur perfekte Menschen leben ist doch zu viel des Guten. Oder ist der ganze Film am Ende eine Satire?

Malick soll sich seit “Tree of Life” komplett vom traditionellen Kinoerzählen zurück gezogen haben. Eine Handlung hat der Film eher nicht. Die Akteure schwadronieren symbolträchtig über den Sinn des Lebens. Die Bilder und Worte sollen wohl zu einer Art Meditation zusammenfließen.

DER SPIEGEL fasst den Inhalt in dem Satz zusammen “Ein Hollywoodschauspieler um die vierzig (Bale) sucht in der Illusionsmetropole Los Angeles nach seiner Identität. Dabei durchstreift er neue und alte Liebschaften, tastet im Ozean, zwischen Betonhochhäusern und in öden Wüsteneien nach Wahrhaftigkeit in einer Welt aus Lug und Trug”.

Was das Ganze mit Tarotkarten zu tun hat? Die dienen im Film zur Gliederung der einzelnen Kapitel. Das Ganze wirkte dann eher wie der berühmte “Bullshit-Bingo” aus den Management-Seminaren, immer wenn das Wort Gott, Liebe, Tod, etc. fiel oder eine Wolke, Meereswelle, Felsengruppe ins Bild rückte, war man hier geneigt “Bingo” zu rufen.

Die Berliner Zeitung schreibt dazu “Das kann einem schon mal auf die Nerven gehen, keine Frage. Und dennoch: Kaum ein Filmemacher der Gegenwart verhandelt die Entfremdungserfahrungen, Sinnmüdigkeit und Kreatürlichkeit des Menschen so berückend und hypnotisch, wie Terrence Malick das tut … Malick gibt dem Kino indes zurück, was ihm mitunter verloren geht in all seinem Engagement: die großen Bilder, die reine Schönheit des Augenblicks und der Ewigkeit.” Also doch keine Satire? Um Klarheit zu schaffen sollten wir uns vielleicht die beiden Vorgänger-Filme “Tree of Life” und “To the Wonder” ansehen.

Die TAZ meint “Malick würde allen einen großen Gefallen tun, wenn er einfach offiziell die Koyaanisqatsi-Reihe fortsetzte. Dieses prätentiöse Gemurmel über erneut solch umwerfend guten Bildern macht kirre. Der existentialistische Grundtenor, den ‘Knight Of Cups’ anschlägt, wäre im Grundsatz schon interessant, wenn er nicht mit so einer quasispirituellen Sinnsuche … zugekleistert würde. Warum so viel Können und Talent für so wenig einsetzen?”

Victoria, Sonne, Boxer, Fuß und Blinker nachts in den Clubs und Straßen von Berlin unterwegs

Berlinale (II): “Victoria” von Sebastian Schipper mit Frederik Lau

Sebastian Schippers zweieinhalb-Stunden-Film in den Holzsitzen der engen Stuhlreihen im Friedrichstadt-Palast und dann noch in einer einzigen Kameraeinstellung (“One Take”) anzusehen, war Schwerstarbeit. Hat sich der Aufwand denn wenigstens gelohnt? Für Schipper war jedenfalls der Dreh “traumatisch”, danach war er zwei Monate lang zu nicht zu gebrauchen – Entspannungs-Depression. Bei uns hielt sie nur ein paar Stunden an.

Die Story handelt von vier Berliner Jungs (“We’re not zugezogen, you know – we’re real Berliners”), die in der Nacht “ordentlich Party machen” und einem Mädel aus Spanien, das seit vier Monaten in Berlin lebt und die alle gemeinsam im Morgengrauen eine Bank überfallen und durch die Stadt fliehen.

"Polizeieinsatz in der Weserstraße", Foto © Friedhelm Denkeler 1980

“Polizeieinsatz in der Weserstraße”, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

Hervorzuheben ist die große Leistung des Kameramanns (Sturla Brandth Grøvlen); in der Pressekonferenz wurde der Jubel besonders groß als er vorgestellt wurde. “Man sitzt und schaut und ist völlig überwältigt von dem, was man da sieht. Und schon bald auch von dem, was man nicht sieht, weil man sich vorstellt, wie das alles entstanden sein muss. Es ist es, als würde endlich ein großer Hunger gestillt” [DIE ZEIT].

Zusammengefasst: Die fünf Protagonisten, wie in der Überschrift genannt, treten auf, die Kamera heftet sich an ihre Fersen und verlässt sie bis zum Filmende nicht mehr und dann schaltet die Kamera ein für allemal ab. So erwartungsvoll die Geschichte für die Berliner Ghettobrother beginnt – zum Schluss kann man von einem Happy-End nicht sprechen. Vielleicht kommt dieser bei der Vergabe der Bären.

Die ungekrönte Königin der Wüste

Berlinale 2015 (I): “Queen of the Desert” von Werner Herzog

"Felszeichnung in der tunesischen Sahara" (nahe Sousse), Foto © Friedhelm Denkeler 1999

“Felszeichnung in der tunesischen Sahara” (nahe Sousse), Foto © Friedhelm Denkeler 1999

Herzog erzählt die Geschichte der realen Gertrude Bell (Nicole Kidman), die in Oxford studiert hat und als Historikerin, Archäologin, Ethnologin und Schriftstellerin um 1915 nach Teheran reist und nach der tragisch endenden Liebe zu dem Diplomaten Henry Cadogan (James Franco) als Forschungsreisende das zusammen-brechende Osmanische Reich erkundet.

Sie gewinnt mit Mut und Respekt das Vertrauen von muslimischen Würdenträgern und war 1920 als Vermittlerin zwischen dem Orient und dem British Empire entscheidend an der Weichenstellung für die politische Neuordnung des Nahen Ostens beteiligt.

Die herrlich weiten Wüstenlandschaften werden im Film zum “Seelenraum” von Herzogs Hauptfiguren, überdeckt durch das Brüllen der Dromedare, ihre aufgerissenen Mäuler und ihren schaukelnden Gang.

Ein vielleicht zu perfekter Film, ein mit Hollywood-Glanz veredelter, wie man ihn von Herzog nicht erwartet hätte. Und die Kidman bleibt trotz Wüsten-Strapazen den ganzen Film über die schöne Frau, die sogar in der Wüsten-Oase ein Vollbad nimmt.

“Vielleicht macht Herzog, das alte Schlitzohr, auch eines Tages eine Dokumentation über die Dreharbeiten zu ‘Queen of the Desert’. Die ist dann wahrscheinlich der echte Abenteuerfilm” [DIE ZEIT], ähnlich wie sein Dokumentarfilm ‘Mein liebster Feind’ über die Dreharbeiten zu ‘Fitzcarraldo’ mit Klaus Kinski.

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

Das Film-Jahr 2015 startet mit einem fantastischen Film

Pieter Bruegel der Ältere: „Die Jäger im Schnee“ (1556), Quelle: Wikipedia

Pieter Bruegel der Ältere: „Die Jäger im Schnee“ (1556), Quelle: Wikipedia

Ich habe Vampirzähne zum halben Preis im Angebot.

Unser Filmjahr 2015 startete mit dem fantastischen Film “Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach” von Roy Andersson. So wie der Titel, so sind auch Anderssons Filme: In vierzig Jahren hat der Regisseur (“Songs from the Second Floor” und “Das jüngste Gewitter” aus seiner Trilogie über die Natur des Menschen) nur fünf Filme gedreht; jeweils ohne durchgehende, nachvollziehbare Handlung, dafür aber einzigartig, sehr komisch und mit überbordender Phantasie. Seinen eigentümlichen Stil hat er in über 400 Werbespots entwickelt und die wiederum haben mit den üblichen Spots, wie wir sie kennen, nichts gemein.

Ist es denn sinnvoll, um diese Uhrzeit über so etwas nachzudenken?

Wenn man so will, nutzt der Film als Rahmenhandlung zwei Handelsvertreter, die durch die schwedische Provinz ziehen und drei Scherzartikel verkaufen: Vampirzähne, Lachsäcke und die Masken “Gevatter Tod” – sie bleiben allerdings erfolglos. Mit einem Todesfall beginnt auch der Film. Aber einzelne Szenen hier nach zu erzählen, bringt wenig, man muss sich den Film anschauen. Die Standfotos der Film-Website und der Trailer geben einen Vorgeschmack. Zum Filmtitel ließ sich Andersson durch ein Gemälde von Pieter Bruegel inspirieren: Er stellte sich vor, wie die Vögel auf den Zweigen dem Treiben der Menschen zusehen und sich darüber wundern.

Man kann doch nicht fühlen, was für ein Wochentag es ist.

SPIEGEL online schreibt “Der Film ist ein komplexes Kunstwerk, in dem man sich verlieren kann wie in einem Labyrinth. Er ist bitterböse, aber ohne Demagogie. Er ist liebevoll, aber ohne falsche Zuckrigkeit. Man sitzt und staunt, und dann wünscht man sich, dass sich auch hierzulande ein paar Menschen finden, die bereit sind, sich den Geist von so einem Film durchlüften zu lassen, anstatt immer nur das zu gucken, was man eigentlich sowieso schon kennt.” Oder zusammengefasst: Wir konnten den Menschen beim Existieren zuschauen.

Können Sie mir bitte bestätigen, dass ich es war, der den Fehler gemacht hat?

Rückblick auf das Film-Jahr 2014

Das Ende eines perfekten Films kommt immer zu früh

2014 habe ich die Vorstellung der gesehenen Filme in diesem “Journal” vernachlässigt. Deshalb folgt jetzt eine Übersicht der Filme (mit den Links zu den entsprechenden Artikeln), sowie eine Auswahl mit Kurzbeschreibungen der restlichen, gesehenen, aber nicht beschriebenen Filme. Alle Filme würde ich weiter empfehlen.

“Only Lovers Left Alive” von Jim Jarmusch: Nur Menschen mit einer großen Liebe zu Musik und Büchern bleiben am Leben – so könnte man den Film auch beschreiben, denn er lebt zu großen Teilen von der Musik und den Leidenschaften eines Rock-Nerds und seiner Bücher verschlingenden und überaus gebildeten Gattin. Ist es nun ein vampiristischer Musikfilm oder ein musikalischer Vampirfilm für Bildungsbürger?

“Blancanieves” von Pablo Berger: Eine leidenschaftliche Geschichte von Liebe und Tod, voller überraschender Wendungen in einer Welt der Schönheit, Grausamkeit, Perversion und Eifersucht als Stummfilm. Das Märchen von Schneewittchen im Sevilla der 20er-Jahre, in der Welt der gefeierten Toreros und Flamenco-Tänzerinnen, der Schausteller, Freaks und Komödianten.

"A Long Way Down", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“A Long Way Down”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Nebraska” von Alexander Payne: Ein genervter Sohn fährt seinen teilweise dementen Vater in einer aufwendigen Autofahrt in die väterliche Vergangenheit, um einen gefakten Gewinn einzulösen. Was dann folgt, ist ein Kabinettstück hohen Filmschaffens mit herrlichen schwarzweißen, breitwandigen Bildern der Landschaft Nebraskas und seiner ländlichen Bewohner Die Geschichte ist eigentlich nicht erzählbar, aber dafür ist sie eine der schönsten Kinoreisen überhaupt.

“A Long Way Down” von Pacal Chaumeil nach dem Roman von Nick Hornby: Vier Typen wollen in der Nacht der Nächte ihrem Leben ein Ende setzen. Überrumpelt von der unerwarteten Gesellschaft, springt allerdings keiner vom Hochhaus. Stattdessen verbringen sie den Rest der ereignisreichen Nacht gemeinsam und schließen bei Sonnenaufgang einen Pakt: Neuer Selbstmordtermin ist der Valentinstag und bis dahin bringt sich niemand um.

“Boyhood” von Richard Linklater: Man kann schon misstrauisch werden, wenn man so einen perfekten Film gesehen hat. Die Schauspieler agieren, als wenn es das richtige Leben wäre, die warmen Farben unterstützen das Wohlfühl-Feeling, die Story ist logisch und knapp aufgebaut; man möchte keine Minute des Films missen, in dem es eigentlich nur um das Aufwachsen eines Jungens über den Zeitraum von zwölf Jahren geht.

“The Grand Budapest Hotel” von Wes Anderson: Der Film spielt in der Zwischenzeit der beiden Weltkriege und das hauptsächlich im Foyer des Grand Budapest Hotels als einem Theater der Welt in einem fiktiven osteuropäischen Land. Phantastisch barocke Bildtableaus und ein skurriles Personenarsenal, dazu eine irrwitzige Handlung.

“Im August in Orange Country” von John Wells: Großes Schauspielerkino mit wunderbaren Darstellern, allen voran Meryl Streep als depressive, tablettenabhängige Witwe, die ihre Töchter auf der Beerdigungsfeier gegeneinander ausspielt. Hätte Shakespeare das Skript geschrieben, wären am Ende alle tot.

“Das finstere Tal” von Andreas Prochaska: Ein düsteres Geheimnis, ein entlegenes Hochtal und ein schweigsamer Fremder, der sich als Fotograf ausgibt. Nachdem der Schnee das Dorf eingeschlossen hat und kaum ein Sonnenstrahl mehr das Tal erreicht, kommt es zu tragischen “Unfällen”, bei denen nach und nach die Söhne des Patriarchen umkommen – Begleichung einer Rechnung aus längst vergessen geglaubten Zeiten. Der Alpenwestern schlechthin.

“Zeit der Kannibalen” von Johannes Naber: Zwei taffe Unternehmensberater, die seit Jahren um die Welt touren, um den Profithunger ihrer Kunden zu stillen, erhalten im Luxus-Hotel in Nigeria Besuch von einer Kollegin, die sich als ihre Vorgesetzte herausstellt. Ihr Ziel scheint nah: endlich in den Firmenolymp aufsteigen. Dann bricht der Kampf um das Überleben in der Company aus und die Rebellen stürmen das Hotel. Wer diesen Film gesehen hat, wird niemals mehr sagen, er sei Unternehmensberater.

Die geliebten Schwestern von Dominik Graf: Der Film spielt um 1788 und die fernmündliche Kommunikation zwischen Friedrich Schiller, Charlotte von Lengefeld und deren Schwester Caroline wird ausschließlich durch verschlüsselte Briefchen hergestellt. Ob die Ménage-à-trois, sich wirklich so abgespielt hat, ist nicht überliefert. Ein empfehlenswerter Film und mit 170 Minuten keine Minute zu lang.

"Delphi-Filmpalast", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Delphi-Filmpalast”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Wir sind die Neuen von Ralf Westhoff: Die “Neuen” Alt-68er wollen ihre alte Studenten-WG aus Wohnungsnot, Einsamkeit und Kostengründen wieder neu beleben. Eine melancholische Komödie zum Lächeln; wer aber ablachen möchte, ist hier fehl am Platz.

Im Labyrinth des Schweigens von Giulio Ricciarelli: Besser kann man eine Geschichte im Film nicht erzählen – eine Geschichte, die die Vorgeschichte des Frankfurter Auschwitz-Prozesses thematisiert. Sie fängt die Atmosphäre der fünfziger Jahre mit ihren Häusern, Wohnungen, der Kleidung, Musik und den zeitgemäßen Dialogen überzeugend ein.

“Blue Jasmine” von Woody Allen: Geld-Society-Frau verlässt ihren untreuen Ehemann, der sein ganzes Vermögen verloren hat. Jetzt taucht sie ohne Geld bei ihrer gutmütigen Schwester auf. Sie, die nie im Leben gearbeitet hat, nimmt eine Arbeit an der Rezeption an und lernt auf einer Party einen angesehenen Politiker kennen. Cate Blanchetts Rolle als neurotische Selbsttäuschung ist der Mittelpunkt dieser wunderbar entlarvenden Tragikomödie. Nie spielte sie besser.

“Phoenix” von Christian Petzold: Petzolds Muse Nina Hoss brilliert in der Hauptrolle als Auschwitz-Überlebende, die sich wie der titelgebende Feuervogel, über die Vergangenheit erhebt. Als sie ihrem Vorkriegs-Ehemann, der sie verraten hat, gegenübersteht, erkennt dieser sie aufgrund ihrer schweren Gesichtsverletzungen nicht, will aber mit ihr ein Erbe erschleichen. Die psychologisch bis zum Zerreißen spannende Handlung findet ein unerwartetes Ende.

Jenseits von Eden

Prolog zur Berlinale (3)

"Wenn man in der Wüste ist, hat man Sehnsucht nach Kuchen, nach dem Kino, nach Menschen" [Vincenzo in: ANNA], Foto © Friedhelm Denkeler 2015

“Wenn man in der Wüste ist, hat man Sehnsucht nach Kuchen, nach dem Kino, nach Menschen”
[Vincenzo in: ANNA], Foto © Friedhelm Denkeler 2015