Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Januar 2015

Mutationen an einem wilden Tag in Kreuzberg

Die Mutoid Waste Company im Sommer 1989 in West-Berlin

Im Sommer 1989, am 19. August, verbrachten wir einen ganzen Tag auf dem ehemaligen Gelände des Görlitzer Bahnhofs (heute: Görlitzer Park) in Berlin-Kreuzberg. Dieser Tag war der Höhepunkt einer mehrtägigen Performance der aus London stammenden Mutoid Waste Company, man könnte auch sagen des Abfallwirtschaftsbetriebs. Die Company lebte und arbeitete mehrere Wochen auf dem wilden, aus lauter Sandhaufen bestehenden Gebiet in ihrer Wagenburg und verwandelte das Gelände in einen anarchischen Abenteuerspielplatz.

Von einem zukünftigen Görlitzer Park war noch nicht viel zu sehen. Heute kann man dort aufgrund der vielen Dealer wahrscheinlich nur noch unter Polizeischutz fotografieren. Die Mutoid Waste Company wurde Anfang der 1980er Jahre von den Punks Joe Rush und Robin Cooke in London gegründet und reiste später quer durch Europa. Sie schweißte aus Schrott von alten Autos und Motorrädern neue, verrückte Mutant Vehicles zusammen, die oft Feuer spuckten und viel Krach machten.

aus der Serie "Ein wilder Tag in Kreuzberg" (Mutoid Waste Company) , Foto © Friedhelm Denkeler 1989

aus der Serie “Ein wilder Tag in Kreuzberg” (Mutoid Waste Company) , Foto © Friedhelm Denkeler 1989

Der Morgen

Am Morgen ging es auf dem Gelände noch friedlich und idyllisch zu und man konnte sich die Landschaft in aller Ruhe anschauen. Ein einsamer Driver testete in den Sand-Dünen auf der “Rennstrecke” sein Monster-Vehikel und ein total umgebauter und aufgebockter VW-Käfer war vor der Kulisse der Kreuzberger SO 36 Gründerzeit-Häuser zu bewundern. Dies waren bereits zwei auffällige “Markenzeichen” der Mutoids: der Umbau von Schrottautos zu “fahrbaren” Untersätzen, die direkt aus einem “Mad Max”-Film hätten stammen können, sowie der Bau riesiger geschweißter Skulpturen aus Abfallstoffen. Der Rest der anarchischen Künstlerkommune schien noch selig zu schlafen.

Der Vormittag

Die Gruppe sammelte, wie sie auf einem Plakat seit Wochen mitteilte, alles Mögliche: Schrott, Plastik, Farben, T-Shirts, Staubsauger, Flipper, Kleider, Fahrräder, Küchenkram, Bettfedern und jegliche Art von fahrbaren Untersetzen. Am Vormittag sah ich mir die bisher produzierten Objekte an. Es waren in erster Linie kleinere Objekte, wie “Käfer”, “Libellen” und andere Geschöpfe sowie umfunktionierte Zweiradfahrzeuge; zum anderen legte die Gruppe mit viel Fantasie einen großen Schrott-”Friedhof” mit einzelnen “Gräbern” an. Durch die Kamera gab es bereits reichlich zu sehen.

Der Mittag

Gegen Mittag füllte sich das Areal mit Neugierigen und ein bis in die Nachtstunden dauerndes Kunsthappening, gemeinsam mit den Berlinern, begann. Kreuz und quer kreuzten in halsbrecherischer Weise die Fahrzeuge über das Gelände; dabei kippte auch schon mal ein Fahrzeug an den Hängen um. Ein alter, weißer Opel Rekord mit einem riesigen “Auspuff-Rohr” war über und über mit Bettfedern bestückt und eine Zugmaschine zog einen feuerspeienden Anhänger hinter sich her. Der TÜV gab zu diesen Gefährten ganz sicher nicht seinen Segen, wurde aber auch nicht gefragt.

Der Nachmittag

Am Nachmittag wurde es musikalisch. Die Mutoids brachten damals eine uns noch unbekannte Musik aus London mit und zwar “Acid House”, einen “Ableger” der House-Musik. House ist eine Stilrichtung der elektronischen Tanzmusik, die wiederum die Grundlage für die spätere noch populärere Techno-Musik und Techno-Szene wurde. Die Band trat “very crazy” auf, beispielsweise trug der Drummer eine schräge Fantasie-Vogel-Maske.

Der Abend

Am Abend ging das wilde Happening mit den “rasenden”, endzeitlich anmutenden Monster-Vehicles und dem “Hightech-Schrott” weiter. Während des Festivals hatten die Mutoids einen “Peace Bird” zusammengeschweißt, montierten ihn auf ein Schienenfahrzeug und schoben ihn auf den noch teilweise vorhandenen, alten Schienen in Richtung Ost-Berlin zur Brücke über den Landwehrkanal direkt bis vor die Mauer der Görlitzer Straße auf der anderen Seite. Es sollte ein “Geschenk” an Ost-Berlin werden. Ein Grenzbeamter sprach daraufhin zur Freude der Zuschauer ins Megaphon den legendären Satz: “Ich fordere Sie auf, die provokatorischen Handlungen zu unterlassen!”.

Die Nacht

In der Nacht wurde von den Grenztruppen der Friedensvogel wieder auf West-Berliner Gebiet zurückgeschoben und sicherheitshalber alle Schienen auf Ost-Berliner Seite der Brücke demontiert; ganze drei Monate vor dem Ende der Berliner Mauer. Im schaurigen Schein von Fackeln und Scheinwerfern war die laue Sommernacht noch lange nicht beendet, denn Kreuzberger Nächte sind bekanntlich lang.

Aus den Photographien habe ich das Portfolio “Ein wilder Tag in Kreuzberg” (1989) mit 64 Aufnahmen zusammengestellt (Fotopapier 30×45 cm, im Passepartout 50×60 cm). Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch (Book-on-Demand) mit 84 Seiten im Format 40×30 cm erschienen (2015). Es besteht aus den o.a. sechs Kapiteln. Eine Auswahl von 30 Photographien finden Sie auf meiner Website “Lichtbilder“. Drei Links mit Videos der Mutoid Waste Company und ihren Arbeiten habe ich zusammengestellt (Video 1, Video 2, Video 3).

Fahr’n, Fahr’n auf der Autobahn …

Jetzt schalten wir das Radio an und legen die Kassette ein

Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn/ Vor uns liegt ein weites Tal/ Die Sonne scheint mit Glitzerstrahl/ Die Fahrbahn ist ein graues Band/ Weisse Streifen, grüner Rand/ Jetzt schalten wir ja das Radio an/ Aus dem Lautsprecher klingt es dann:/ Wir fahr’n auf der Autobahn … [aus Kraftwerk: "Autobahn"]

1984 habe ich mir für die anstehenden Autobahn-Fahrten von Berlin nach West-Deutschland eine Compact-Kassette (ich hoffe, die Leser wissen noch, was das ist) zusammengestellt. Schwerpunkt der Cassette waren meine damaligen Top Five von Kraftwerk: passenderweise als Einstiegs-Song Autobahn (1974), dann Radioaktivität (1975), Trans Europa Express (1977), Das Model (1978) und Die Roboter (1978). Herausgesucht habe ich im Netz die über vierzig Jahre alte Single-Version mit 3:27 Minuten:

Kraftwerk: “Autobahn”

Das vierte Studioalbum von Kraftwerk aus Düsseldorf kam 1974 heraus. Weltbekannt wurde es durch das die gesamte A-Seite der LP füllende, hypnotische Stück “Autobahn”. Angeblich kam die Idee Ralf Hütters Band im VW-Bus auf der Fahrt über die Autobahn. Es beginnt mit den Startgeräuschen eines Autos, gefolgt von dichterem Verkehr und hupenden Fahrzeugen; sozusagen die musikalische Interpretation einer monotonen Autobahnfahrt. Melodie und auch der über einen Vocoder laufende Sprechgesang sind minimalistisch; das oben angeführte Zitat gibt bereits den ganzen Text des Songs wieder. Kraftwerk legte hiermit den Grundstein für das Genre Techno-Pop.

"Fahr'n, Fahr'n auf der Autobahn …" (aus: On The Road: Berlin – Hamburg: Der Berliner Ring kurz vor dem Abzweig Rostock), Foto © Friedhelm Denkeler 1984

“Fahr’n, Fahr’n auf der Autobahn …” (aus: On The Road: Berlin – Hamburg: Der Berliner Ring kurz vor dem Abzweig Rostock), Foto © Friedhelm Denkeler 1984

 

Die Neue Nationalgalerie Berlin ist seit Ende letzten Jahres geschlossen (siehe Artikel Stützen für die Neue Nationalgalerie). Für den 6. Bis 13. Januar 2015, vor dem Beginn der Bauarbeiten, war die obere Halle für acht Konzerte der Band Kraftwerk unter dem Titel Der Katalog – 1 2 3 4 5 6 7 8 leergeräumt. An Karten für alle acht ausverkauften Konzerte war kaum heranzukommen. Und was spielten sie am ersten Tag? Natürlich Autobahn, aus ihrem nach eigener Lesart ersten Album. In diesem legten sie Querflöte und Hammondorgel beiseite und machten Musik mit einem für ihre Zwecke umgebauten Synthesizer.

“Sie entlockten den Maschinen Emotionen. Die Spannung zwischen einer laienhaft gesungenen Textzeile und einer sauber eingespielten Keyboard-Melodie provozierte ungeahnte Gefühle. Vielleicht haben sie damit der Welt ein wenig gezeigt, wozu wir Deutschen fähig sind: Präzision, Exzellenz, und ja, Robotertränen.” [Der Tagesspiegel]

Übrigens gibt es noch die längere LP-Version mit über 22 Minuten – für die längeren Autobahnfahrten. Sie hätte sich für eine Fahrt durch die damalige DDR eigentlich besser geeignet. Eine Live-Version mit 8:52 Minuten finden Sie hier.

Stützen für die Neue Nationalgalerie

David Chipperfield – Sticks and Stones, eine Intervention

Sticks and Stones may break my bones, but words will never hurt me
[englischer Kinderreim]

Vor der Schließung der Neuen Nationalgalerie für ein halbes Jahrzehnt (sic!) verwandelte der britische Architekt David Chipperfield die obere, gläserne Halle der Neuen Nationalgalerie für drei Monate in einen deutschen Fichten-Wald mit 143 entrindeten, acht Meter langen Baumstämmen. Chipperfield will damit auf die Architektur des Ludwig Mies van der Rohe-Baus hinweisen: Säulen und Steine. Wobei das monumentale Dach auf nur acht Stützen zu schweben scheint. Viele Besucher haben vor lauter Bäumen die Ausstellung nicht gefunden. Chipperfield spricht daher auch nicht von einer Ausstellung, sondern von einer Intervention.

David Chipperfield – Sticks and Stones, eine Intervention in der Neuen Nationalgalerie Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

David Chipperfield – Sticks and Stones, eine Intervention in der Neuen Nationalgalerie Berlin,
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Die 143 Stämme fügen sich in das klare Raster der Stahldecke und des Granitfußbodens ein. Gleichzeitig ist für Chipperfield die Installation eine Metapher für die kommende Baustelle zur Generalsanierung, für die er in den kommenden Jahren verantwortlich ist. Inmitten des Stützenwaldes befindet sich übrigens eine “Lichtung” auf der verschiedene Veranstaltungen stattfanden. Fotografisch ist der “Wald” in der Nacht besonders schön anzusehen und durch die riesigen Glasscheiben wird die Außenwelt surreal wieder gegeben. Die Ausstellung ging am 31. Dezember 2014 zu Ende.

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