Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Dezember 2014

Die Kraft der Liebe

“The Power of Love” von Frankie Goes to Hollywood

The power of love / A force from above / Cleaning my soul / Flame on burnt desire / Love with tongues of fire / Purge the soul / Make love your goal [aus: Power of Love]

"Tizian: Maria Himmelfahrt", Hochaltar für Santa Maria Gloriosa dei Frari in Venedig, 1516–1518", Quelle: Wikipedia

“Tizian: Maria Himmelfahrt”, Hochaltar Santa Maria Gloriosa dei Frari, Venedig, 1516–1518″, Quelle: Wikipedia

Anstelle einer Weihnachtsgeschichte habe ich für Heiligabend den Song Power of Love von Frankie goes to Hollywood herausgesucht. Das Lied kenne ich seit dreißig Jahren. Nach dem Erscheinen des Albums Welcome to the Pleasuredome wurde es am 19. November 1984 als Single veröffentlicht.

Eigentlich ist es kein direktes Weihnachtslied, obwohl es sich auf zahlreichen Weihnachts-Samplern befindet; es handelt aber von der Macht der Liebe und die Wörter Engel und Himmel tauchen auf, also passt es auch zu Weihnachten.

Die Nähe zu Weihnachten wird durch die auf dem Cover abgebildete Maria Himmelfahrt von Tizian unterstrichen und natürlich durch das Video, das im Dezember 1984 auf allen Musikkanälen lief. Der Clip zeigt die Geburt Jesu und gibt das zeitgenössische Umfeld in künstlerischer Form wieder.

Die Band Frankie goes to Hollywood mit ihrem Leadsänger Holly Johnson spielte sonst eher härtere Musik, aber wie bei anderen Rockbands auch, machen sie oft auch die schönsten Balladen.

The Power of Love war nach Relax und Two Tribes die dritte Single der britischen Band und der dritte Nummer-eins-Hit der Gruppe in Großbritannien.

Die Band löste sich 1987 auf. Ein Magazin-Cover mit der Headline über Frank Sinatras Aufbruch ins kalifornische Hollywood inspirierte Holly Johnson zum Bandnamen.

Zwei Videos habe ich herausgesucht, das Original und eine Audio-Version mit dem Liedtext:

Frankie Goes to Hollywood: “The Power of Love”  (Audio mit Text)

Siehe auch der Weihnachtsartikel 2010: David Bowie besucht Bing Crosby zu Hause

Siehe auch der Weihnachtsartikel 2011: Früher war mehr Lametta!

Der große Abschied von der Zeit: Merci, Udo Jürgens

Ich mache Musik aus unendlicher innerer Begeisterung, das ist meine Triebfeder und sonst gar nichts [Udo Jürgens]

Udo Jürgens: "Siebzehn Jahr, blondes Haar" (1965), Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler 2014

Udo Jürgens: “Siebzehn Jahr, blondes Haar” (1965),
Foto & Grafik © Friedhelm Denkeler 2014

Dass er niemals mehr singen wird, kann man sich kaum vorstellen; vergessen wird man ihn nicht – gestern starb der letzte große, deutsch singende Chansonnier und Komponist Udo Jürgens im Alter von achtzig Jahren in der Schweiz.

Praktisch begleitete er mich mit seinen Chansons ein Leben lang: Es begann im Oktober 1965 mit “Siebzehn Jahr, blondes Haar”.

Udo Jürgens:
“Siebzehn Jahr, blondes Haar”

Ein Jahr später erreichte er am 5. März 1966 beim Grand Prix Eurovision de la Chanson in Luxemburg im dritten Anlauf für Österreich mit “Merci Cherie” den ersten Platz.

So ging es Jahr für Jahr weiter: “Immer wieder geht die Sonne auf” (1967),  “Der große Abschied” (1967), “Mathilda” (1968), “Der Teufel hat den Schnaps gemacht” (1973), “Griechischer Wein” (1974), “Ein ehrenwertes Haus” (1975), “Aber bitte mit Sahne” (1976), “Mit 66 Jahren” (1978), “Ich war noch niemals in New York” (2001), um nur einige Songs zu nennen.

Er hat mehr als 1000 Songs komponiert, mehr als 50 Alben eingespielt und mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft.

Einige seiner Hits wurden zu regelrechten Volksliedern und gruben sich in das Gedächtnis ganzer Generationen ein, wie “Siebzehn Jahr, blondes Haar” oder “Griechischer Wein”.

Legendär waren die Zugaben in seinen unzähligen Konzerten: dort trat er regelmäßig im schneeweißen Bademantel auf.

Sein 51. Studioalbum kam Anfang diesen Jahres auf den Markt unter dem Titel: “Mitten im Leben”.

Dann kommt Der große Abschied von der Zeit. / Es gibt kein Wiedersehen, / war sie auch noch so schön. / Dann kommt Der große Abschied, sei bereit. / Denn alles wird vergehen, / die Welt, die muss sich drehen. [aus Udo Jürgens: Der große Abschied, 1967]

Die Stimmnägel von Plettenberg

Im Jahr 2014 habe ich mein Portfolio “Köbbinghauser Hammer” abgeschlossen. Die gesamte Serie mit 186 Photographien von Gewerbegebieten, Fabrikationsgebäuden und deren Einbettung in die Berg-, Hang- und Wald-Landschaften des südlichen Westfalens sind in den Jahren 2008 bis 2014, hauptsächlich im Landschaftsgebiet Sauerland, entstanden (siehe ausführlicher mein Artikel “Wenn man vor lauter Bäumen, die Fabrik nicht mehr sieht” und eine Auswahl von 30 Photographien auf meiner Website “Lichtbilder“). Mit der Photographie der Stimmnägel-Fabrik W. Wagner jr. GmbH in Plettenberg begann im Jahr 2008 meine Serie “Köbbinghauser Hammer”.

"Stimmnägel-Fabrik W. Wagner jr. GmbH mit der Schutzmarke 'Biene'", aus der Serie "Köbbinghauser Hammer",  Foto © Friedhelm Denkeler 2008

“Stimmnägel-Fabrik W. Wagner jr. GmbH’”, aus der Serie “Köbbinghauser Hammer”,
Foto © Friedhelm Denkeler 2008

Die Firma W. Wagner jr. GmbH ist ein Beispiel für eine größere Industrieansiedlung innerhalb der Stadtgrenzen von Plettenberg. Zum Zeitpunkt meiner Aufnahme im Jahr 2008, stand allerdings nur noch das Büro- und Verwaltungsgebäude des Unternehmens. Die eigentlichen Fertigungshallen mussten 1995 zu Gunsten des Baus von Wohn- und Seniorenhäusern weichen. Und zum Abschluss meiner Serie im Jahr 2014 war nur noch eine Baugrube vorhanden, das schöne Ensemble musste Platz für weiteren Wohnungsbau machen.

Das Unternehmen wurde 1853 in Plettenberg gegründet und begann mit der handwerklichen Fertigung von Stimmnägeln und Stiften für die Klavierindustrie zunächst am Kirchplatz und bedingt durch die Umstellung auf die industrielle Fertigung zog das Unternehmen später in das größere Areal an der Kaiserstraße. Neben der Wasserkraft durch die Else als Energiequelle, wurde eine Dampfmaschine angeschafft. Die Stimmnägel unter dem Markennamen “Biene” (der auf meinem Bild immer noch vorhanden war) wurden in der ganzen Welt gerne gekauft. Seit 1930 wurden auch Holzschrauben gefertigt und in den 1950er Jahren wurde der Betrieb durch eine weitere Halle für die Blechschraubenproduktion erweitert.

Will McBride war verliebt in diese Stadt

Foto-Ausstellung in der neu eröffneten Galerie C|O im Amerika Haus. Monat der Fotografie 2014 in Berlin (7)

Ein Fotograf sollte in seinen Bildern nur eine Sache ausdrücken: sein ganzes Selbst.
[Will McBride]

Am 30. Oktober 2014 war die große, komplett überlaufene Eröffnung von C|O Berlin am neuen Standort im Amerika Haus. Zwischen der letzten Ausstellung im Postfuhramt in Mitte und der jetzigen Eröffnung in Charlottenburg im umgebauten und denkmalgerecht instandgesetzten neuen Haus vergingen fast zwei Jahre (siehe C|O Berlin muss das Postfuhramt verlassen und Von der Mitte in den Westen). Zu sehen sind drei Ausstellungen, über die ich nach und nach berichten möchte.

Das Schweigen, das über der zerbombten Stadt liegt, und die Gruppen armseliger Ruinen, die noch stehen, erzeugen in mir Ehrfurcht vor dem Baustein und der Arbeit, die alles aneinander gereiht und aufgestapelt hat. Nun braucht man neue Träume und ein neues großes Aufstapeln dort, wo die alten Träume im Schutt begraben liegen. [Will McBride]

Aktuell präsentieren viele Ausstellungen das Berlin der Vergangenheit in Photographien. Da sind zum einen die zehn Ausstellungen von Karl-Ludwig Lange (Berlin ist ganz anders als Ihr denkt!) und Ulrich Wüst (Mitte, Morgenstraße und fremdes Pflaster), die beide die Zeit vor und nach der Wende zeigen; bei Siebrand Rehberg sieht man mit Kreuzberg wie es einmal war … die Zeit in den frühen 1970er Jahren und Will McBride bei C|O Berlin geht noch einmal zwanzig Jahre weiter zurück und präsentiert Berlin in den 1950er Jahren.

Blick aus der Galerie C|O auf den Bahnhof Zoo (Ausstellung Will McBride), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Blick aus der Galerie C|O auf den Bahnhof Zoo (Ausstellung Will McBride), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

McBride zeigt das brodelnde Leben inmitten bleierner Nachkriegszeit in Berlin: Wir sehen die Trümmerfrauen beim Steine aufschichten und die Bauarbeiter beim Renovieren der Ruine der Gedächtniskirche (so wie heute auch!!); ein Kriegsversehrter fährt im Rollstuhl an einer Ruinenlandschaft entlang; die Kinder spielen und die Halbstarken kurven auf ihren Mopeds vor dem Strandbad Wannsee herum; Panzer der US-Armee und der Roten Armee stehen sich am Checkpoint Charlie gegenüber; über die provisorische Mauer winken Berliner ihren Verwandten auf der anderen Seite zu und die Häuser im Grenzgebiet zwischen Ost und West sind zugemauert.

Aus der Ruine des Palais Tiele-Winckler im Bezirk Tiergarten sehen uns im ersten Stock links und rechts zwei überlebensgroße Skulpturen mit den Bildnissen von Herrschern an, in der Mitte steht ein zeitgenössischer und lebendiger Mann mit Trommel in der leeren Fensterhöhle. Vor einer riesigen Brandmauer an der Bernauer Straße geht ein einsamer Mensch entlang und versetzt den Betrachter in eine kafkaeske Stimmung.

Aber McBride zeigt uns auch persönliche Fotos von den Festen und Feiern in seiner Wohnung, von seiner Frau und seinen Kumpels beim Raufen. Auch Fotos mit Prominenten wie Horst Buchholz mit Ehefrau oder Willy Brandt, Adenauer und Kennedy vor der Mauer am Brandenburger Tor, sind zu entdecken. Mit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 war die Leichtigkeit von McBride dahin und er zog nach München.

Will McBride, geboren 1931 in St. Louis, Missouri/USA, studierte Malerei, Illustration und Kunstgeschichte in New York und Philologie in Berlin. Er war als Reportage-Fotograf von Weltruf für deutsche und internationale Magazine tätig und veröffentlichte zahlreiche Fotobücher, darunter das legendäre Aufklärungsbuch “Zeig mal” (1974). Die Zeitschrift twen veröffentlichte 1960 McBrides Porträt seiner schwangeren Frau Barbara im Profil, was einen Skandal auslöste. Seit Mitte der 1970er Jahre ist er überwiegend als Maler und Bildhauer tätig. Er lebt und arbeitet jetzt wieder in Berlin.

Die Ausstellung “Will McBride – Ich war verliebt in diese Stadt” ist auch die Erinnerung an ein Jubiläum: 1957 waren McBride-Bilder die ersten Fotos, die je im Amerika-Haus gezeigt wurden. Diese neue Werkauswahl erinnert daran. Die Ausstellung bei C|O Berlin, Hardenbergstraße 22-24, ist noch bis zum 16. Januar 2015 zu sehen. Gleichzeitig laufen die Ausstellungen “Magnum – Contact Sheets” und “Picture Yourself – Magnum Photomaton”. Dazu demnächst mehr im Journal.

Die Tatsache, dass ich Amerikaner war und studierte, macht aus mir einen Helden, ohne dass ich viel dazu beigetragen habe. Ich verliebt in diese Stadt und in das Leben, das sie mir bot. [Will McBride]

C|O Berlin | Will McBride

Eine Dame. Ein Herr. Ein Pianeur.

Ein weihnachtliches Märchen als Vorgeschichte zu den Berliner Diven

Es war einmal eine Druckerei in der Kulmer Straße 20a.  Im Märchen kommt spätestens jetzt die gute Fee, schwingt dreimal ihren Zauberstab und kurz darauf sind alle Wünsche in Erfüllung gegangen. Alternativ ließe sich auf die “Sieben Zwerge“ oder “Das tapfere Schneiderlein“ hoffen. Nein, es war alles ganz anders. Also ziemlich harte Arbeit.

Nach etlichen Jahren auf Tournee und Gastspielen an verschiedenen Bühnen, suchten die legendären O-TonPiraten eine feste Spielstätte und fanden sie, wie im Märchen, direkt vor ihrer eigenen Tür im Schöneberger Kiez. Nebenbei gesagt, glaube ich, dass eine gute Fee eventuell hier doch ihre Hände im Spiel gehabt hat, aber das bleibt unter uns. In Eigenregie und weil viele ihrer Freunde schon lange einmal Keller und Dachboden aufräumen wollten, zauberten sie das Theater O-TonArt hervor, das mit seinem Mobiliar nicht nur Charme und Patina verschiedener Epochen ausstrahlt, sondern seit nunmehr fünf Jahren Stammpublikum und Gäste verzaubert.

Auf der Bühne stehen bekannte und noch weniger bekannte Künstler; es gibt Eigenproduktionen, Gastspiele und bunte Abende und noch mehr Pläne für kommende Zeiten. Was dieses Theater aber besonders liebenswert macht, sind seine Gastgeber. Wo sonst wird man noch mit freundlichen Worten persönlich an seinen Platz geleitet? Alle Zauberwesen, die Sie dort abendlich sehen, sind ehrenamtlich tätig. Also doch wie im Märchen?

"Ein Pianeur, eine Dame und ein Herr" (Berliner Diven, Florian Ludewig, Sabine Schwarzlose, André Fischer v.l.n.r), Foto © Frank Wesner & Theater O-TonArt

“Ein Pianeur, eine Dame und ein Herr” (Berliner Diven, Florian Ludewig, Sabine Schwarzlose, André Fischer v.l.n.r), Foto © Frank Wesner & Theater O-TonArt

Nicht ganz oder fast doch, denn auch im Märchen müssen die Helden gegen das Böse kämpfen und sei es auch nur, dass es in Form nicht bewilligter Förderanträge und anderer Widrigkeiten daher kommt. Wahre Helden besinnen sich auf ihre eigenen Kräfte und so geschah es auch in diesem Jahr als eine Produktion platzte. Aller guten Dinge sind drei und so nahmen “Eine Dame. Ein Herr. Ein Pianeur“ sich mutig der Sache an und stellten innerhalb kürzester Zeit die Berliner Diven so genial auf die Bühne, dass man wünscht, der Abend würde nie enden.

Die Brüder Grimm, die nur wenige Meter entfernt auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof ihre Ehrengräber haben, wären mächtig stolz auf diese heldenhaften Retter der darstellenden Kunst gewesen. Und weil bald Weihnachten ist und weil ohne Märchen, Träume und gute Feen das Leben ärmer wäre, soll noch einmal dezent auf die aktuelle Produktion hingewiesen werden. Und Helden sollen genannt werden: Sabine Schwarzlose, André Fischer und Florian Ludewig haben unter der Regie von Gregor Mönter die Diven zum Leben erweckt und dies so zauberhaft, wie es eigentlich nur im Märchen sein kann. Auf dass es heißen möge: “Und sie spielen vergnügt bis an ihr Ende!”

Am 13.12.2014 um 19.30 Uhr und 14.12.2014 um 15.00 Uhr im “Theater O-TonArt”, Kulmer Straße 20a, 10783 Berlin und wieder am 23., 24. Januar 2015 (je 19.30 Uhr) und 25. Januar 2015 (15 Uhr). Siehe auch: Acht Berliner Diven plus eine im Theater O-TonArt.

Website Theater O-TonArtBerliner Diven bei Facebook

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