Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Wirtschaftswunder statt Vergangenheitsbewältigung: Wie ein junger Staatsanwalt gegen die Etablierten rebelliert

Wenn ein deutscher Staatsanwalt nicht weiß, was in Auschwitz passiert ist – das ist eine Schande [Der Journalist Thomas Gnielka (André Szymanski)]

Besser kann man eine Geschichte im Film nicht erzählen – eine Geschichte, die die Vorgeschichte des Frankfurter Auschwitz-Prozesses thematisiert. Der Film „Im Labyrinth des Schweigens“ des Deutsch-Italieners Giulio Ricciarelli spielt in der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders Ende der 1950er Jahre bis zum Beginn des Auschwitz-Prozesses am 20. Dezember 1963.

Der Spielfilm fängt die Atmosphäre der fünfziger Jahre mit ihren Häusern, Wohnungen, der Kleidung, Musik und den zeitgemäßen Dialogen überzeugend ein. Die Dialoge sind einmalig – jeden zweiten Satz hätte man in diesem Artikel als Zitat verwenden können.

Der Journalist Thomas Gnielka will im Gericht mit Hilfe eines Überlebenden einen ehemaligen Wärter des Vernichtungslagers Auschwitz anzeigen. Er stößt auf gnadenlose Ablehnung bei der Staatsanwaltschaft, die bis in die höchsten Kreise geht. Nur der junge Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling) wird aufmerksam und befasst sich, mit Unterstützung des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (Gert Voss), mit dem Fall.

Aber er braucht Beweise für Mord oder Beihilfe zum Mord und natürlich etliche Zeugen. Die Recherchen gestalten sich mehr als schwierig, weil er allseits auf eine Mauer des Schweigens stößt. Er, sowie Kollege Otto Haller (Johann von Bülow) und Sekretärin Schmittchen (Hansi Jochmann) finden endlich eine Liste mit SS-Leuten, die Gefangene getötet haben und dies akribisch notierten. Weitere Beweise sammeln sie im Document Center der Amerikaner in Frankfurt.

"Elf Uhr unter der Normaluhr: Die erste Liebe", Archiv © Friedhelm Denkeler 1947
„Elf Uhr unter der Normaluhr: Die erste Liebe“,
Archiv © Friedhelm Denkeler 1947

In der Reaktion der Menschen auf die vorgelegten Beweise, vor allem auch derjenigen, die die Möglichkeit gehabt hätten etwas zu verändern, zeigt sich wenig Interesse, das Geschehen aufzuarbeiten.

Gleichzeitig zeigt der Film auch die Leichtigkeit, die viele suchten, um zu vergessen. Eine Liebesgeschichte zwischen Radmann und Marlene (Friederike Becht), die aber letztendlich an seinem beruflichen Engagement scheitert; ein bonbonfarbenes Transistorradio spielt Vico Torrianos „Kalkutta liegt am Ganges …“, private Feiern und Swing-Tänze mit Petticoat zwischen den Nierentischen spiegeln das Bild der 1950er Jahre perfekt wider.

Aber in einem Unrechtsstaat kann es keine Entlastung wegen Pflichterfüllung geben („Ich habe nur Befehle ausgeführt“). Viele sind untergetaucht und haben sich eine neue Maske zugelegt, in der man nicht mehr Herr über Leben und Tod sein konnte, aber immer noch als Lehrer Schüler selektieren und schlagen konnte. Hier liegen auch einige der Wurzeln, für die Rebellion der „1968er“. Die Lehre aus Auschwitz kann nur sein kann, selbst das Richtige zu tun.

Die Lager sind zwar vor über sieben Jahrzehnten befreit worden und die meisten Täter wie Opfer sind inzwischen verstorben, aber das „Labyrinth des Schweigens“ ist ein Plädoyer dafür, dass man Ausschwitz und den nationalsozialistischen Terror nie vergessen sollte. Deshalb und weil es ein sehenswerter Film mit hervorragend besetzten Rollen ist, sollte ein jeder ihn sich ansehen.

Übrigens: Vor kurzem lief Christian Petzolds Film „Phoenix“ im Kino, der von der Verdrängung des Holocaust in der unmittelbaren Nachkriegszeit berichtet; Petzold hat den Film Fritz Bauer gewidmet und mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld die beiden Hauptrollen für diesen gleichfalls sehenswerten Film ebenso hervorragend besetzt.

Ich will, dass diese Lügen und das Schweigen endlich aufhören [Der Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling) im Film]

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