Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: November 2014

Acht Berliner Diven plus eine im Theater O-TonArt

Der Olymp hat seine neun Musen – Berlin hat seine Diven

"Berliner Diven", Foto & Grafik Theater O-TonArt

“Berliner Diven”, Foto & Grafik Theater O-TonArt

Die neun Musen des Olymp sind die Schutzgöttinen der Künste. Und ganz nahe bei den Göttinnen thronen die Diven. Und Diven hatten und haben in Berlin immer ihren festen Platz. Und nun stehen sie endlich wieder auf einer Bühne und dürfen sich feiern lassen. Und sie werden gefeiert.

Wenn vermeintliche Diven abspringen, dürfen echte Diven ihr wahres Gesicht zeigen. Was aus einer real geplatzten Produktion werden kann und wenn Künstler mit Können und Engagement die Sache selbst in die Hand nehmen, um eine angesetzte Premiere zu retten, zeigt sich im Schöneberger Theater O-TonArt.

Hier geben sich acht Diven unter der Regie von Gregor Mönter ein Stelldichein. In die Rollen und den Habitus von Fritzy Massary und Claire Waldoff, Zarah Leander und Marlene Dietrich, Marika Rökk und Evelyn Künneke, Hildegard Knef und Helga Hahnemann schlüpfen Sabine Schwarzlose und André Fischer.

Florian Ludewig begleitet den Abend am Flügel und dank seines ausgeglichenen Charakters und Charmes, eskaliert der Zickenkrieg am Abend nur ansatzweise. Sabine und André machen den Diven alle Ehre und zelebrieren sie samt ihrer Exzentrik und Empfindlichkeit mit einem echt Berliner Augenzwinkern und voller Esprit.

Denn eigentlich hat “sie” absolut keine Lust mehr auf Diven und Angst, ihre Stimme damit zu ruinieren – keine Angst, “sie” schafft den Abend spielend; “er” hingegen fühlt sich gefordert, alles und noch mehr zu geben und wird als Moderator/in und Interpret/in der Diven größte/r Konkurrent/in.

Einen solch grandios unterhaltsamen Abend hat Berlin schon lange nicht mehr gesehen und weil neben der Unterhaltung auch die einzelnen Biografien beleuchtet werden, werden die “Berliner Diven” von mir als Bildungsprogramm empfohlen. Das Geheimnis, der nicht im Programm erwähnten neunten Diva, müssen Sie selber erkunden. Der griechische Olymp ist jedenfalls ganz nahe und der Mythos lebt in der Stadt, die gerne auch Spree-Athen genannt wird, weiter. Kommen, Sehen, Staunen und bitte achten Sie auf die Kostüme!

Am 13.12.2014 um 19.30 Uhr und 14.12.2014 um 15.00 Uhr im “Theater O-TonArt” und wieder am 23., 24. und 25. Januar 2015. Website Theater O-TonArtBerliner Diven bei Facebook

Im Labyrinth des Schweigens

Wirtschaftswunder statt Vergangenheitsbewältigung: Wie ein junger Staatsanwalt gegen die Etablierten rebelliert

Wenn ein deutscher Staatsanwalt nicht weiß, was in Auschwitz passiert ist – das ist eine Schande [Der Journalist Thomas Gnielka (André Szymanski)]

Besser kann man eine Geschichte im Film nicht erzählen – eine Geschichte, die die Vorgeschichte des Frankfurter Auschwitz-Prozesses thematisiert. Der Film “Im Labyrinth des Schweigens” des Deutsch-Italieners Giulio Ricciarelli spielt in der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders Ende der 1950er Jahre bis zum Beginn des Auschwitz-Prozesses am 20. Dezember 1963.

Der Spielfilm fängt die Atmosphäre der fünfziger Jahre mit ihren Häusern, Wohnungen, der Kleidung, Musik und den zeitgemäßen Dialogen überzeugend ein. Die Dialoge sind einmalig – jeden zweiten Satz hätte man in diesem Artikel als Zitat verwenden können.

Der Journalist Thomas Gnielka will im Gericht mit Hilfe eines Überlebenden einen ehemaligen Wärter des Vernichtungslagers Auschwitz anzeigen. Er stößt auf gnadenlose Ablehnung bei der Staatsanwaltschaft, die bis in die höchsten Kreise geht. Nur der junge Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling) wird aufmerksam und befasst sich, mit Unterstützung des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (Gert Voss), mit dem Fall.

Aber er braucht Beweise für Mord oder Beihilfe zum Mord und natürlich etliche Zeugen. Die Recherchen gestalten sich mehr als schwierig, weil er allseits auf eine Mauer des Schweigens stößt. Er, sowie Kollege Otto Haller (Johann von Bülow) und Sekretärin Schmittchen (Hansi Jochmann) finden endlich eine Liste mit SS-Leuten, die Gefangene getötet haben und dies akribisch notierten. Weitere Beweise sammeln sie im Document Center der Amerikaner in Frankfurt.

"Elf Uhr unter der Normaluhr: Die erste Liebe", Archiv © Friedhelm Denkeler 1947

“Elf Uhr unter der Normaluhr: Die erste Liebe”,
Archiv © Friedhelm Denkeler 1947

In der Reaktion der Menschen auf die vorgelegten Beweise, vor allem auch derjenigen, die die Möglichkeit gehabt hätten etwas zu verändern, zeigt sich wenig Interesse, das Geschehen aufzuarbeiten.

Gleichzeitig zeigt der Film auch die Leichtigkeit, die viele suchten, um zu vergessen. Eine Liebesgeschichte zwischen Radmann und Marlene (Friederike Becht), die aber letztendlich an seinem beruflichen Engagement scheitert; ein bonbonfarbenes Transistorradio spielt Vico Torrianos “Kalkutta liegt am Ganges …”, private Feiern und Swing-Tänze mit Petticoat zwischen den Nierentischen spiegeln das Bild der 1950er Jahre perfekt wider.

Aber in einem Unrechtsstaat kann es keine Entlastung wegen Pflichterfüllung geben (“Ich habe nur Befehle ausgeführt”). Viele sind untergetaucht und haben sich eine neue Maske zugelegt, in der man nicht mehr Herr über Leben und Tod sein konnte, aber immer noch als Lehrer Schüler selektieren und schlagen konnte. Hier liegen auch einige der Wurzeln, für die Rebellion der “1968er”. Die Lehre aus Auschwitz kann nur sein kann, selbst das Richtige zu tun.

Die Lager sind zwar vor über sieben Jahrzehnten befreit worden und die meisten Täter wie Opfer sind inzwischen verstorben, aber das “Labyrinth des Schweigens” ist ein Plädoyer dafür, dass man Ausschwitz und den nationalsozialistischen Terror nie vergessen sollte. Deshalb und weil es ein sehenswerter Film mit hervorragend besetzten Rollen ist, sollte ein jeder ihn sich ansehen.

Übrigens: Vor kurzem lief Christian Petzolds Film “Phoenix” im Kino, der von der Verdrängung des Holocaust in der unmittelbaren Nachkriegszeit berichtet; Petzold hat den Film Fritz Bauer gewidmet und mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld die beiden Hauptrollen für diesen gleichfalls sehenswerten Film ebenso hervorragend besetzt.

Ich will, dass diese Lügen und das Schweigen endlich aufhören [Der Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling) im Film]

Film-Website

Die Nacht, in der die Mauer in die Luft ging

"Die Lichtgrenze am Potsdamer Platz", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Die Lichtgrenze am Potsdamer Platz”,
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Die Lichtgrenze zum 25jährigen Mauerfall-Jubiläum in Berlin

Vor 25 Jahren, am Abend des 9. November 1989 begann die Nacht der offenen Mauer in Berlin und gestern Abend fiel, 25 Jahre später, die symbolische Mauer aus Licht ein zweites Mal.

Die Kunstaktion “Lichtgrenze” verlief vom 7. bis 9. November 2014 von der Bornholmer Straße, über den Mauerpark, Nordbahnhof, das Brandenburger Tor, den Potsdamer Platz, den Checkpoint Charlie, die East Side Gallery bis zur Warschauer Brücke.

Der einstige Todesstreifen war die ganzen Nächte hell erleuchtet und Berliner und Berlin-Besucher aus aller Welt spazierten drei Tage lang friedlich entlang der “Lichtgrenze” über Straßen, Brücken und Plätze.

Die Installation bestand aus etwa 7000 mit Helium gefüllten Ballons, die den Verlauf der Berliner Mauer auf 15 Kilometer nachzeichneten. Drei Tage lang hatten die auf drei Meter hohen, leicht schwingenden Stelen sitzenden Ballons ununterbrochen geleuchtet.

Gestern Abend wurden sie, beginnend auf dem Bürgerfest vor dem Brandenburger Tor, vor Hunderttausenden Besuchern Stück für Stück in den Berliner Himmel entlassen. Jeder der Leuchtbälle hatte einen Paten, der seinen “Ballon” mit einem persönlichen Wunsch versah, bevor er die Reißleine zog. Wie ein leichter Schneeflockenwirbel löste sich die Mauer im abendlichen Himmel über Berlin auf und spontaner Applaus begleitete die Ballons samt ihrer Wünsche in die Nacht vom 9. auf den 10. November 2014.

"Die Lichtgrenze" (Bösebrücke am S-Bhf. Bornholmer Straße), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Die Lichtgrenze” (Bösebrücke am S-Bhf. Bornholmer Straße), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

"Die Lichtgrenze" (Norweger Straße/ Ecke Bornholmer), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Die Lichtgrenze” (Norweger Straße/ Ecke Bornholmer), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

"Die Lichtgrenze auf dem Schwedter Steg" (Verbindung Behmstraße zur Schwedter Straße), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Die Lichtgrenze auf dem Schwedter Steg” (Verbindung Behmstraße zur Schwedter Straße),
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

"Die Lichtgrenze an der Bernauer Straße" (Gedenkstätte Berliner Mauer), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Die Lichtgrenze an der Bernauer Straße” (Gedenkstätte Berliner Mauer), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

"Die Lichtgrenze am Potsdamer Platz", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Die Lichtgrenze am Potsdamer Platz”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

"Lichtgrenze im Regierungsviertel: Marie-Elisabeth-Lüders-Haus", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Lichtgrenze im Regierungsviertel: Marie-Elisabeth-Lüders-Haus”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.”

Die Nacht der offenen Mauer in Berlin

Mit den Worten “Das tritt nach meiner Kenntnis …  ist das sofort, unverzüglich” antwortete heute vor 25 Jahren Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros des ZK der SED, am Abend des 9. November 1989 auf die Frage eines Journalisten, ab wann die neue Reiseregelung in Kraft trete. Und es setzte eine beispiellose Nacht ein, in der West-Berlin durch die Mauer hindurch von den Ost-Berlinern gestürmt wurde und sie – wie mein Bild zeigt – entsprechend von den West-Berlinern empfangen wurde.

“9. November 1989, Grenzübergang Sonnenallee”, aus dem Portfolio “9. November 1989 - Berlin nun freue dich”, Foto © Friedhelm Denkeler 1989

“9. November 1989, Grenzübergang Sonnenallee”, aus dem Portfolio “9. November 1989 – Berlin nun freue dich”, Foto © Friedhelm Denkeler 1989

Den unten abgebildeten “Zettel” hat Schabowski von Egon Krenz am Rande der Sitzung des Zentralkomitees erhalten und auf seiner Pressekonferenz verlesen. Er enthält keinen Hinweis darauf, dass die neue Regelung erst am folgenden Tag, dem 10. November, in Kraft treten soll. Mit der Bekanntgabe dieser Pressemitteilung im Internationalen Pressezentrum in der Berliner Mohrenstraße wird das Signal zur friedlichen Überwindung der Mauer gegeben. Alle Regularien und Vorbehalte, die dieses Papier durchaus noch enthält, werden in den folgenden Stunden ignoriert. Wahrgenommen wird nur die Botschaft: Die Grenze ist offen. [Quelle: BStU]

Pressemitteilung der ADN am 9. November 1989, Quelle: BStU

Pressemitteilung der ADN am 9. November 1989, Quelle: BStU

9. November 1989 – Berlin, nun freue dich” unter diesem Titel habe ich die Fotos, die ich in der Nacht vom 9. auf den 10. November am Grenzübergang Sonnenallee und am Brandenburger Tor gemacht habe, anlässlich der 20. Wiederkehr der Maueröffnung im Jahr 2009, als Portfolio und Autorenbuch neu zusammengestellt. Eine Auswahl finden Sie auf meiner Website “Lichtbilder“.

Berlin ist ganz anders als Ihr denkt!

Karl-Ludwig Lange “Der Photograph in seiner Zeit. Berliner Jahre 1973 –2004″. Monat der Fotografie 2014 in Berlin (5)

Das dürfte bisher und zukünftig einmalig sein – eine Werkschau von einem Fotografen zu gleicher Zeit in zehn (sic!) Ausstellungsorten, verteilt über sieben Berliner Bezirke mit ihren Kommunalen Galerien. Dieses “Kunststück” hat der in Minden, Westfalen, geborene und seit 1967 in Berlin lebende und fotografierende Karl-Ludwig Lange mit dem Ausstellungsprojekt “Der Photograph in seiner Zeit. Berliner Jahre 1973 –2004″ mit seinen mehr als 1000 Handabzügen aus der eigenen Dunkelkammer, die in 25 Kapitel eingeteilt sind, zustande gebracht.

Jede der zehn Ausstellungen zeigt die Topografie eines anderen Stadtteils als den, in dem sie zu sehen ist. So sind zum Beispiel in der “Alten Feuerwache” in Berlin-Friedrichshain Bilder aus der Serie “Im Westen 1973 –1986” zu sehen. Hier zeigt Lange einige seiner früheren Bilder, die 1973/74 im neuerbauten Märkischen Viertel entstanden sind. Mit der Arbeit “Schöneberger Gasometer” (1981) nähert er sich räumlich langsam dem Bauwerk und endet mit Fotos von der Besteigung des Gasometers. 1976 hat Lange Läden in der Kreuzberger Oranienstraße fotografiert (siehe Foto), die gleichfalls in Friedrichshain zu sehen sind.

"Karl-Ludwig Lange in der Alten Feuerwache in Friedrichshain (mit der Arbeit 'Kreuzberg. Oranienstraße', 1977)", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Karl-Ludwig Lange in der Alten Feuerwache in Friedrichshain (mit der Arbeit ‘Kreuzberg. Oranienstraße’, 1977)”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Lange hat weniger die touristischen Highlights der Stadt fotografiert oder zumindest nicht so, wie sie von den Touristen erlebt werden, sondern er ruft den Betrachter gleichsam zu: “Berlin ist ganz anders als Ihr denkt!”. Im “Museum Reinickendorf” sind Bilder aus dem Ost-Teil der Stadt unter dem Titel “Die 100 Ansichten des Fernsehturms” ausgestellt. Die Serie “The Gate Is Open” ist nach der Wende entstanden und zeigt die anarchische Situation in den Straßen während der Übergangszeit. Auf vielen Bildern ist der Fernsehturm zu sehen. Ein weiteres Thema in dieser Ausstellung ist der Potsdamer Platz, den Lange über ein Vierteljahrhundert fotografiert hat.

Alle zehn Ausstellungen finden Sie in meiner Übersicht “Der Europäische Monat der Fotografie in Berlin“. Wer sie alle an einem Tag sehen will, hat dazu am 15. November 2014 auf der moderierten Bustour “Lange LANGE Bustour” zu allen Ausstellungsorten Gelegenheit (Start: Alte Feuerwache, 10 Uhr, Voranmeldung: 030/293 47 94 26, Kosten: 8 EURO). Begleitend zu den Ausstellungen erscheint das Buch “Karl-Ludwig Lange. Der Photograph in seiner Zeit. Berliner Jahre 1973-2004″, herausgegeben von Matthias Harder für die Kommunalen Galerien (Nicolai-Verlag , 35 Euro).

Karl-Ludwig Lange

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