Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Oktober 2014

Anspruch und Wirklichkeit im Martin-Gropius-Bau

Monat der Fotografie 2014 in Berlin (4)

Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist zurzeit die zentrale Gruppenausstellung “Memory Lab: Die Wiederkehr des Sentimentalen” unter dem Motto “Fotografie konfrontiert Geschichte” anlässlich des Monats der Fotografie (MdF) 2014 zu sehen. Die Kuratoren fragen: “Wie werden geschichtliche Ereignisse, wie werden kulturelle Besonderheiten und deren Veränderungen oder soziale Verhältnisse heute von Fotografen und Künstlern, welche sich der Mittel von Fotografie und Video bedienen, dargestellt? Wie wird die Distanz zwischen damals und heute, zwischen aktuellen Lebensverhältnissen und dem Gegenstand des Interesses, fotografisch konstruiert und welche “Wirklichkeit” entsteht dabei? Wie wird Erinnerung formuliert und dem Vergessen entgegengewirkt?”

"Zelle 235" (Untersuchungshaftanstalt  der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen), Foto © Friedhelm Denkeler 2009

“Zelle 235″ (Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen), Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Wir sehen in der Schau weniger Fotojournalismus, dokumentarische Fotografie oder “reine” Fotografie (Straight Photography), sondern essayistisch arbeitende Künstler, die in Serien und mit filmischen Mittel inszenieren, oder theatralische Effekte nutzen und manchmal auch mit Spielereien fotografisch agieren. Zwischen dem Anspruch der Kuratoren und ihren Texten in der Ausstellung und der Wirklichkeit der gezeigten Werke klafft aber oft eine größere Lücke. Fünf von 17 ausgestellten Arbeiten möchte ich hier vorstellen.

Mitten in einem der acht großen Ausstellungsräume hat Nasan Tur eine Zelle der ehemaligen Stasi-Untersuchungs-Haftanstalt Bautzner Straße 112, Dresden, nachgebaut und an die Wände über ein Dutzend Fotografien von geschlossenen Metalltüren in beiger, leicht vergilbter Farbe gehängt. Die 1,90 x 3,40 Meter große Zelle (hier waren zwei Menschen inhaftiert) lösen beim Besucher ein Gefühl von Enge und Machtlosigkeit aus, obwohl hier die “Zellentür” offen steht.

Andreas Mühe zeigt seine bereits bekannte Serie “Obersalzberg”. Durch groß aufgezogene Nachinszenierungen der Fotos von Walter Frentz, dem Kameramann von Leni Riefenstahl, versucht er den propagandistischen Teil der Fotos vom Hitler-Fotografen Walter Frentz darzustellen, zeigt aber auch gleichzeitig die Faszination, die diese Bilder damals wie heute haben. “Der Betrachter ist verantwortlich für das, was in seinem Kopf passiert, nicht der Photograph” sagte Mühe in einem Interview dazu.

Zu empfehlen ist die sehenswerte, 20-minutige Videoarbeit “Scopophilia” von Nan Goldin. In dieser Arbeit konfrontiert Goldin ihre eigenen, persönlichen Bilder von Freunden mit Fotos von Gemälden aus dem Louvre. Dabei stellt sie “Gesten und Posen, Haltungen und Gebärden gegenüber und entwickelt so eine Ästhetik der Nähe …, die sie in der Malerei und Skulptur ebenso wiederentdeckt, wie in den Augenblicken des Entstehens ihrer eigenen Werke”.

Erwin Olaf ist mit der Serie “Berlin” vertreten. Er hat in den ehemaligen Sportstätten der Olympischen Spiele 1936 und im Logenhaus Berlin sonderbare Gegenstände und Personen, die in eine dunkle, historisierende Einfarbigkeit (bräunlich) getaucht sind, fotografiert. Die Fotos weisen, bedingt durch die Pigmentdrucke (Carbon Prints), einen fantastischen “Sound” auf.

"Untersuchungshaftanstalt  der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

“Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen”, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Wie Anspruch und Wirklichkeit auseinander driften kann man anhand Pablo Zuleta-Zahrs Arbeit “Puppies in Torture Chambers” gut sehen. Eine Schulklasse ist in die Kellergewölbe eines ehemaligen, geheimen Untersuchungsgefängnisses der chilenischen Junta gestiegen und Zuleta-Zahr fotografiert in Schnappschüssen mit langen Belichtungszeiten das Erkunden der Gewölbe durch die Kinder. Die Aufnahmen hätten überall auf der Welt in einem Abbruchhaus stattfinden können. Der Anspruch, die Aufregung und den Schock der Kinder zu zeigen, ist in den verwischten, schwarzweißen Bildern nicht zu erkennen; nur aufgrund des begleitenden Textes lässt sich eine Verbindung herstellen.

Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau ist noch bis zum 15.12.2014 zu besichtigen. Siehe auch meine Übersicht “Der Europäische Monat der Fotografie in Berlin“.

Martin-Gropius-Bau| MdF

Ulrich Wüst – Mitte, Morgenstraße und fremdes Pflaster

Monat der Fotografie 2014 in Berlin (3)

Die Ausstellung “Übergänge” in der Loock Galerie in der Potsdamer Straße präsentiert Ulrich Wüst mit drei Werkgruppen, die in Berlin im “alten” Bezirk Mitte (1995 -1997), in seiner Geburtsstadt Magdeburg (1998-2000) und auf “fremdem Pflaster” in Köln (2004-2005) entstanden sind. Alle drei Städte sind durch die Zerstörungen des letzten Krieges stark in Mitleidenschaft gezogen worden und die Auswirkungen sind bis heute direkt oder indirekt im Stadtbild zu erkennen.

In der Serie “Mitte” geht Wüst, bevor die massiven Umgestaltungspläne für das Zentrum Berlins in die Tat umgesetzt werden, noch einmal durch den Bezirk und fotografiert den Abriss einer alten und den Aufbau einer fast “neuen” Stadt. In der Morgenstraße in Magdeburg hat Wüst die kurz vor dem Verfall stehende Industriearchitektur mit ihren Backsteinfabriken und Schloten noch einmal im Bild festgehalten. Dagegen sind in Köln die Kriegslücken längst gefüllt, aber man ahnt sie dennoch; die “neuen” Häuser strahlen den Charme (oder Un-Charme) der 1950er und 1960er Jahre aus – eine Stadt zwischen Tradition und Wiederaufbau zur Zeit des Wirtschaftswunders.

"Ulrich Wüst in der Loock Galerie" (Ausstellung: "Übergänge", hier: Magdeburg), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Ulrich Wüst in der Loock Galerie” (Ausstellung: “Übergänge”, hier: Magdeburg),
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Ulrich Wüsts Fotografie folgt auch einem klaren Bildprinzip. Es ist ausformuliert, in den Kompositionen bis ins Detail durchdacht und im Wortsinn architektonisch – auch und gerade dann, wenn die Aufnahmen Un-Architektur abbilden. Im Spektrum gegenwärtiger Möglichkeiten einer sachlich-künstlerischen Fotografie, wie sie in Deutschland seit den 70er Jahren vor allem durch die Schule von Bernd und Hilla Becher geprägt wird, stehen diese Bilder ohne direkten Vergleich.“ [Matthias Flügge]

Die Fotos sind von Wüst exzellent auf 18×24 cm großem Baryt-Papier abgezogen und werden hinter Glas und im Passepartout in 30×40 präsentiert. Ulrich Wüst, 1949 in Magdeburg geboren, lebt und arbeitet seit 1972 in Berlin. Die Ausstellung findet im Rahmen des Monats der Fotografie in Berlin statt und sie gehört zu den sehenswerten fotografischen Arbeiten in diesen Wochen in Berlin. Die Ausstellung in der Loock Galerie ist noch bis zum 20.12.2014 zu besichtigen. Siehe auch meine Übersicht “Der Europäische Monat der Fotografie in Berlin“.

Ulrich Wüst | Loock Galerie

After Walker Evans after Wolfgang Vollmer

Monat der Fotografie 2014 in Berlin (2)

Dass ich mich in meiner Arbeit über die Kunstwelt lustig mache, heißt nicht, dass ich meine Arbeit nicht ernst nehme [Sherrie Levine, Konzeptkünstlerin (Appropriation Art)]

Gestern Abend zitierte Christine Frisinghelli, Graz, die Künstlerin Sherrie Levine am Ende ihrer Einführung zur Ausstellungseröffnung von Wolfgang Vollmer, Köln, in der oca Gallery in der Potsdamer Straße. Und diese Worte charakterisieren die Arbeiten “Meisterwerke der fotografischen Kunst – Die Sammlung Vollmer – 175 Jahre Erfindung der Fotografie” sehr treffend.

Sherrie Levine wurde mit ihrer aneignenden Arbeit “After Walker Evans” berühmt: Sie fotografierte aus Evans Bildbänden Fotos ab und stellte sie unter ihrem Namen aus. Inzwischen hat ein Michael Mandiberg (sozusagen ein Appropriationist der zweiten Generation) wiederum Levines Kopien abfotografiert und als “After Sherrie Levine” veröffentlicht. Das reizte natürlich auch Wolfgang Vollmer: Er schuf ein Foto, das in der Ausstellung wie folgt beschrieben ist: “Unbekannter Fotograf. Original-Reproduktion einer Foto-Arbeit von Louise Lawler, Sammlung Eaine Stuyvsant, 1995 mit “After Walker Evans” von Sherry Levine, 1981, hier: Walker Evans, Penny Picture Display, 1936, 2014″. Das Original von Walker Evans ist übrigens zurzeit im Martin-Gropius-Bau zu sehen.

“Will man herausfinden, wie etwas funktioniert, gibt es ein probates Mittel – man zerlegt es. Man versucht ein Drei-Männer-Porträt vor einer weiten Landschaft zu verstehen – man findet drei Männer, eine weite Landschaft und stellt sie wie in der Vorlage auf. (Gemeint ist hier das berühmte Foto “Drei Jungbauern auf dem Weg zum Tanz” von August Sander. Anmerkung F.D.) Und dann erkennt man, dass einige Elemente Wirkung haben, andere nicht. Am Ende weiß man, wie jedes Detail dieser Fotografie wirkt, weil man jedes Detail in der Hand hatte. Man hat die Szene durchlebt (Reenactment), hat sie sich angeeignet (Appropriation), hat sie nachgeahmt (Mimikry). Will man also herausfinden, wie etwas funktioniert, gibt es ein probates Mittel, man setzt es wieder zusammen” [Wolfgang Vollmer].

"Wolfgang Vollmer vor 'Fotografien des Committee of Unknown Planes (CUP)' in der oca Gallery", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Wolfgang Vollmer vor ‘Fotografien des Committee of Unknown Planes (CUP)’ in der oca Gallery”,
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Die “Sammlung Vollmer” begann vor 30 Jahren als “Sammlung Tillmann und Vollmer”. In der Werkstatt für Photographie in Kreuzberg sahen wir zur Vernissage am 20. September 1985 erstmals diese Bilder. Inzwischen hat Vollmer seine Serie alleine weiter geführt; etwa ein Viertel der ausgestellten Arbeiten stammt noch aus der Ursprungs-Sammlung.

Die Ausstellung läuft nicht offiziell unter dem Logo des Monats der Fotografie in Berlin, aber sie gehört ganz sicher zu den sehenswerten fotografischen Arbeiten dieser Wochen in Berlin. Die Ausstellung in der oca Gallery ist noch bis zum 29.11.2014 zu besichtigen. Siehe auch meine Übersicht “Der Europäische Monat der Fotografie in Berlin“.

Fotografiert ruhig weiter, aber verletzt euch nicht dabei! [Martin Kippenberger, zitiert von Bernd Dicke in der Zeitung "Meisterwerke der fotografischen Kunst", die zur Ausstellung erschienen ist.]

Wolfgang Vollmer | oca GALLERY

Die Bielefeld-Verschwörung

Das gibt’s doch gar nicht!

Aufgewachsen bin ich in Ost-Westfalen, aber in Bielefeld bin ich nie gewesen. Seit circa zehn Jahren kursiert das Gerücht, dass es Bielefeld gar nicht gibt. Hinzu kommt, dass die Autobahn-Abfahrten nach Bielefeld auf der “A2″ vor ein paar Jahren mit orangefarbenen Klebestreifen durchgestrichen wurden.

Seit dieser Zeit hält sich hartnäckig das Gerücht der “Bielefeld-Verschwörung”, die die Existenz der Stadt in Frage stellt. Außerdem wird Bielefeld als “Running Gag” mindestens einmal in jeder Folge der Fernsehserie “Wilsberg”, die in Münster spielt, erwähnt oder der Name steht irgendwo geschrieben. Angeblich wohnt der zuständige ZDF-Redakteur in Bielefeld. Wer’s glaubt …

"Bielefeld – Nach dem Weinfest", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Bielefeld – Nach dem Weinfest”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Überzeugen wir uns von den Gegebenheiten einmal selbst. TomTom kennt Bielefeld, aber das kann bereits Teil der Verschwörung sein. Kennen Sie etwa jemanden aus Bielefeld? Na bitte! Dann die Überraschung: Im Hotel wurden wir bereits erwartet. Mit dem Auto ging es im Fahrstuhl (sic!) in die Tiefgarage und unser Zimmer hatte einen herrlichen Blick auf die Altstadt. Rund um die Nicolaikirche fand zudem ein Weinfest statt. Alle 328.316 Bielefelder schienen am Samstagabend hier vertreten zu sein. So “voll” ist es nicht einmal in Berlin.

Am Sonntag besuchten wir die große Eröffnung der Ausstellung “Die Bielefelder Schule. Fotokunst im Kontext”, eine der besten Ausstellungen, die ich in der letzten Zeit gesehen habe (siehe “Bielefeld – Ein weites Feld für die Fotografie“). Der Beweis war erbracht: Bielefeld gibt es wirklich und zwar seit 800 Jahren. Es scheint also nichts dran zu sein – an der Bielefeld-Verschwörung. Oder? Die 800-Jahr-Feier der Stadt steht übrigens unter dem Motto “Das gibt’s doch gar nicht!”.