Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: September 2014

Wini-Wini, Wana-Wana, die Trommel ruft zum Tanz

Die Tahiti Tamourés – von Blütenketten, Baströckchen,
Palmen und den Trommeln der Südsee

Tamouré, der Tanz ist mehr als nur ein Spiel / Es sagt uns beiden viel zu viel / Uns beiden ganz allein / Tamouré, wenn tausend Zaubersterne glüh’n / Dann klingen Liebesmelodien / Sie sagen ich bin dein

"Palmenweg", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

“Palmenweg”, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Die Tahiti Tamourés waren mit diesen Zeilen vor ca. 50 Jahren für 24 Wochen in den deutschen Charts (1963). Es waren auf der einen Seite die deutschen Schlager, die mich zu dieser Zeit interessierten (zwangsweise, denn die wurden meistens im Radio gespielt), z.B. Rudi Schuricke (“Capri-Fischer”, “Florentinische Nächte”), Kilima Hawaiians (“Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand”), Fred Bertelmann (“Der lachende Vagabund”) und auf der anderen Seite die englischen Songs (AFN, Radio Luxemburg) wie Paul Anka (“Diana”, “Lonely Boy”), Chubby Checker (“The Twist”), Tony Sheridan & The Beat Brothers (“My Bonnie”) und The Rolling Stones mit “Mona”.

Ab 1964 finden sich in meiner Songliste dann hauptsächlich nur noch Rock- und Popsongs.

Heute kann man sagen, die Tahiti Tamourés waren die erste Girlgroup Deutschlands. Im englischsprachigen Raum gibt es Girlgroups bereits seit den 1950er Jahren, wie The Chordettes (“Lollipop”, “Mr. Sandman), The Shangri-Las (“Leader of the Pack”) und The Crystals (“Da Doo Ron Ron”, “Then He Kissed Me”). Die Tahiti Tamoures bestanden aus Charlotte Marian, Monika Grimm und als Leadsängerin Doris Wegener, die später als Manuela Karriere machte (“Schuld war nur der Bossa Nova”). Es war eine reine Studioband, die zwischen 1963 und 1964 vier Singles aufnahm.

“Wini-Wini” stand 1963 in Deutschland vier Wochen auf Platz 1. Leider ist der Original-Titel im gesamten Internet nicht zu finden, deshalb hier der Link auf die Cover-Version von den Waikiki-Tamoures (Pseudonym von Charlotte Marian (ja, die von den Tahiti Tamourés!), die hier im Duett mit sich selbst singt):

Waikiki Tamourés: “Wini-Wini”

1964 kam von den Tahiti Tamourés noch die Single “Mañana (Roter Mond vom Rio Negro)” heraus. An den Erfolg von “Wini Wini”, der in die Schlagergeschichte einging, kam er aber nicht mehr heran. Der Name der Gruppe soll sich vom damaligen Modetanz “Tamouré” ableiten, von dem ich aber nie etwas gehört habe. DER SPIEGEL schrieb in der ihm üblichen Weise in der Ausgabe 40/1963: “In die 60 Meter lange Rille der Tamouré-Platte sind zu angeblichen Südseeklängen insgesamt 72 verständliche Worte eingeritzt, außerdem 64-mal Wini und Wana”. Wie auch immer, heute ist der Ohrwurm eine Erinnerung an Zeiten, die man nicht mehr zurück holen möchte.

Bielefeld – Ein weites Feld für die Fotografie

“Die Bielefelder Schule. Fotokunst im Kontext”, 7. 9. – 7. 12.2014

"Die Bielefelder Schule. Fotokunst im Kontext." (Eröffnung 07.09.2014), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Die Bielefelder Schule. Fotokunst im Kontext.” (Eröffnung 07.09.2014), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Seit meiner Fotografie-Ausbildung an der “Werkstatt für Photographie” in Berlin-Kreuzberg und bei Michael Schmidt in den 1970er Jahren kenne ich die Arbeiten von Karl-Martin Holzhäuser und Gottfried Jäger unter dem Begriff “Generative Fotografie”.

Holzhäuser und Jäger lehrten jahrzehntelang an der Fachhochschule Bielefeld. Darüber hinaus sind die weiteren Lehrenden und Schüler bundesweit weniger bekannt geworden. Mit der aktuellen Foto- Ausstellung in der Alten Stadtbibliothek in der Wilhelmstraße 3 in Bielefeld – so hoffe ich – wird sich dies ändern.

Am 7. September 2014 waren wir bei der Eröffnung, der von dem Berliner Foto-Historiker Dr. Enno Kaufhold hervorragend kuratierten Ausstellung “Die Bielefelder Schule. Fotografie im Kontext” in Bielefeld. Und wir sahen die meisterlichen Arbeiten von 24 herausragenden Fotografen, die in den vergangenen 50 Jahren an der Fachhochschule Bielefeld gelehrt und gelernt haben.

Genau so stelle ich mir eine perfekte Gruppenausstellung vor: Der passende Ort (die Alte Stadtbibliothek), gut bespielte Stellwände, die so aufgestellt sind, dass sie stets den Blick für das Ganze zulassen und 24 fotografische Arbeiten, die jeweils für sich sprechen. Website

"Die Bielefelder Schule. Fotografie im Kontext" (Eröffnung 07.09.2014), Grafik © Friedhelm Denkeler 2014

“Die Bielefelder Schule. Fotografie im Kontext” (Eröffnung 07.09.2014), Grafik © Friedhelm Denkeler 2014

Allen 24 Fotografen gerecht zu werden und sie hier vorzustellen, würde jeden Rahmen sprengen. Sie sollen aber zumindest alle in meiner Grafik mit ihren ganz unterschiedlichen Werken genannt werden. Hierbei habe ich eine subjektive “Zuordnung” zu drei Themenblöcken, die in der Ausstellung so nicht genannt werden, vorgenommen. Ich nenne sie experimentelle, journalistische/soziale und fotografische Arbeiten. Sechs Künstler aus den unterschiedlichen Kategorien werde ich im Folgenden mit ihren Arbeiten vorstellen.

Katharina Bosse: “A Portrait of The Artist As A Young Mother”, 2005 – 2007

In ihren großformatigen (125 cm x 160 cm) Farbbildern richtet Bosse mit Hilfe von Assistenten den Kamerablick auf sich selber. An ausgesuchten Orten in der freien Natur, mit jeweils wechselnden Accessoires und mit ihren beiden Kleinkindern, setzt sie sich mit den “Widersprüchlichkeiten zwischen der wertebewahrenden Rolle der Mutter und der normbrechenden Künstlerin” in Szene. Die ikonografischen Vorbilder, wie Maria mit dem Kind oder Maria im roten Mantel, setzt sie sparsam ein. Sie müssen vom Betrachter selbst erkannt und interpretiert werden.

Die 1968 in Finnland geborene Künstlerin studierte 1988 -1994 an der FH Bielefeld Fotografie und ist seit 2003 ebenda Professorin für Fotografie. Sie lebt in Bielefeld. Website

Katharina Bosse: "A Portrait of The Artist As A Young Mother", 2005 – 2007, aus "Die Bielfelder Schule. Fotografie im Kontext" (Alte Stadtbibliothek Bielefeld), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Katharina Bosse: “A Portrait of The Artist As A Young Mother”, 2005 – 2007, aus “Die Bielfelder Schule. Fotografie im Kontext” (Alte Stadtbibliothek Bielefeld), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Andrea Diefenbach: “Land ohne Eltern”, 2008 – 2010

Diefenbachs farbigenAufnahmen (30 cm x 40 cm) entstanden in Moldawien und befassen sich mit den sozialen Verhältnissen im Land. Armut ist das beherrschende Thema, das immer mehr Erwachsene in das westliche Ausland treibt. Ihre eigenen Kinder lassen die Eltern oftmals, wenn auch nur vorübergehend, in der Heimat zurück. Diesen schmerzhaften Zustand der längeren Trennung gibt Diefenbach in ihren Fotografien wieder. Aus der Sicht der Eltern und aus der Sicht der Kinder.

Die 1974 in Wiesbaden geborene und heute dort lebende Künstlerin hat zwischen 2000 und 2006 an der FH Bielefeld studiert. Sie lehrt seit 2013 an der Hochschule Darmstadt. Ihre Arbeit “Land ohne Eltern“ ist 2012 als Buch erschienen. Sie arbeitet als Freie Fotografin unter anderem für “GEO”, “STERN” und “Zeit”. Website

Karl-Martin Holzhäuser: “Licht-Bilder”, 1969 – 2005

Der Kontakt zu Gottfried Jäger, dem Begründer der “Generativen Fotografie“, brachte Holzhäuser zur Lichtmalerei mit gegenstandslosen Bildern, die zu seiner Handschrift wurden. “Technisch gesprochen trägt er mit einem von ihm erfundenen Lichtpinsel farbiges Licht auf fotografisches Farbpapier. Ästhetisch eröffnet dies einen Kosmos möglicher Bildgestaltungen“.

Der 1944 geborene Holzhäuser absolvierte im Museum Dahlem in Berlin eine Lehre als Fotograf und studierte an den Kunstschulen in Darmstadt, Saarbrücken und Hamburg. Zwischen 1970 und 2006 lehrte er als Professor an der FH Bielefeld. Er lebt heute in Bielefeld. Bilder

SebastianDenz: “Skateboarding.3D”, 2066 – 2007

Mit einer eigens konstruierten 3D-Großformatkamera reiste Denz berühmten Skateboard-Fahrern durch halb Europa hinterher und fotografierte sie an außergewöhnlichen “Locations“. Bedingt durch die Stereo-Technik und ihren Überlappungen in Rot und Cyan haben die Großfotografien (180 cm x 90 cm) ihren eigenen Reiz. Der 3D-Effekt erschließt sich dann mit den bereit liegenden Stereo-Brillen.

Der 1974 geborene Denz lebt zurzeit in Berlin und ist seit 2011 Professor an der Design-Akademie in Berlin. Sein Studium in Architektur und Fotografie absolvierte er in Hannover und Bielefeld. Bilder

Roman Bezjak: “Socialist Modernism”, 2005 – 2011

An den Schnittstellen zwischen Vergangenheit und Zukunft liegt der Fokus von Bezjaks großformatigen Farbbildern (176 cm x 140 cm). Die einstige Utopie für den neuen, sozialistischen Menschen in den osteuropäischen Ländern spiegelt sich noch heute in der Wirklichkeit der vorhandenen Nachkriegsarchitektur. Die Uniformität der kolossartigen Wohngebäude trifft auf verspielte ornamentale Verzierung, die eine individuelle Prägung erzeugen.

Der 1962 in Slowenien geborene und heute in Hamburg lebende Fotograf ist seit 2000 Professor an der FH Bielefeld. Bilder

Andrea Sunder-Plassmann: "Tableaux Vivants", 2012 ("Die Bielfelder Schule. Fotografie im Kontext" (Alte Stadtbibliothek Bielefeld), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Andrea Sunder-Plassmann: “Tableaux Vivants”, 2012 (“Die Bielfelder Schule. Fotografie im Kontext” (Alte Stadtbibliothek Bielefeld), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Andrea Sunder-Plassmann: “Tableaux Vivants”, 2012 und “Larva”, 1986 – 2009

In Bielefeld ist Sunder-Plassmann mit zwei Arbeiten vertreten. Die ausgestellten Selbstporträts stammen aus ihrer Serie “Larva”. Dem gegenüber steht eine Videoarbeit aus dem Jahr 2012. Dieses “Tableau Vivant” lässt sich im weiteren Sinne als eine Gruppenaufnahme mit verlangsamt projizierten Personen beschreiben. In dem etwa 10minütigen Video werden Personen in mehreren Einstellungen aufgenommen und zeigen unterschiedliche Emotionen.

Die Künstlerin wurde 1959 in Münster geboren und lebt heute in Berlin. Von 2001 bis 2006 war sie Professorin an der FH Bielefeld. Website

"Die Bielefelder Schule. Fotografie im Kontext" (Alte Stadtbibliothek Bielefeld), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Die Bielefelder Schule. Fotografie im Kontext” (Alte Stadtbibliothek Bielefeld), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Wunschtraum

Stadtverschönerung in der Oberbaumstraße (East-Side-Gallery)

"Wunschtraum" (Oberbaumstraße), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Wunschtraum” (Oberbaumstraße), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Alles kommt aus dem Schwarz und verliert sich im Weiß

Betrachtungen zum photographischen Bild

“Alles kommt aus dem Schwarz und verliert sich im Weiß” [Louis-Bertrand Castel, Mathematiker]

2001 ging bei mir das “analoge Zeitalter” in der Photographie mit einer letzten Serie “Sechsundreißig Tower” (die auf Malta entstanden ist) auf einem KODAK Tri-X-Film zu Ende. Heute kann ich jederzeit wählen, ob eine Serie in Farbe oder Schwarzweiß dem gewählten Thema am nächsten kommt. Übrigens: Mittlerweile hat Leica eine reine schwarzweiße-Digital-Kleinbildkamera im Programm.

Die herkömmliche Schwarzweiß-Fotografie hat allerdings heute als Massenmedium ihre Bedeutung verloren, aber ein hohes Maß an Ansehen erhält sie nach wie vor in der künstlerischen Fotografie und im Film. Seit dem Oscar-Erfolg 2012 des Films “The Artist” wird das Schwarz-Verfahren wieder sehr geschätzt. Schon vorher haben Regisseure wie Jim Jarmusch, Woody Allen (“Manhattan”), Michael Haneke (“Das weiße Band”) oder die Coen-Brüder in Schwarzweiß gedreht und besonders in sogenannte Arthouse-Filme werden immer wieder einzelne Sequenzen eingebaut.

"Fünf Schlafende", aus "Der Elmgeist", Foto © Friedhelm Denkeler 1980

“Fünf Schlafende”, aus “Der Elmgeist”, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

Die bewusste Wahl von Schwarzweiß-Bildern zwingen zu konzentriertem Sehen. Dabei werden Licht und Schatten, sowie Flächen, Linien und Strukturen präsenter. Durch die betont grafische Wahrnehmung wirken die Bilder authentischer und glaubwürdiger, die Farbe lenkt oft von der eigentlichen Bildaussage ab. Und sie heben sich wohltuend von den Reklame- und Modebildern und von Amateur- und Hobby-Bildern ab. Ihre stärkere künstlerische Wirkung wird geschätzt.

Dabei geht es nicht um das Nachahmen aus nostalgischen Gründen oder um das extreme Übertreiben der heutigen Hobbyfotografen mit ihren schwarzweißen Aufnahmen, die unnatürlich scharf und zu kontrastreich sind, sondern um den Inhalt – die Bildaussage.

Beim Betrachten von Schwarzweiß-Bildern spürt der Betrachter eher als bei Farbe, dass dies nicht die Realität ist, sondern ein Bild und dass es bei der Bildaussage weniger um Dokumentation geht, sondern um die Stimmungen im Foto. Siehe auch der Artikel “Schwarzweiß hat viele Farben“.

 Die ganze Vielfalt, der ganze Reiz, die ganze Schönheit des Lebens besteht aus Schatten und Licht [Lew Nikolajewitsch Tolstoi]

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