Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: August 2014

Die Achtundsechziger – heute sind sie selber welche

Ein Drei-Stationen-Rückblick auf die Achtundsechziger.

“Was tun?” (Lenin) fragen sich die Alt-Achtundsechziger heute ein zweites Mal – keinesfalls ein sauberes Treppenhaus putzen.

Aber die Melancholie über verpasste Chancen und der leise Zweifel an der Richtigkeit des eigenen Tuns bleiben und machen aus Westhoff “Wir sind die Neuen” ein kleines Komödien-Juwel … Nicht seicht und gefällig, sondern leicht, lustig und lebensklug; eine Kunst, die einfach aussieht und so schwierig zu bewerkstelligen ist. [ZEIT ONLINE].

Der Lietzensee mit dem dazugehörigen Park ist ein Kleinod mitten im Charlottenburger Ortsteil Witzleben und irgendwie wirkt er wie ein Relikt aus alten West-Berliner Zeiten. Zu Wohngemeinschaftszeiten in Halensee war ich häufiger hier, aber seit gefühlten 40 Jahren nicht mehr. Jetzt stand ein Spaziergang rund um den sichelförmigen See beidseitig der Neuen Kantstraße an, verbunden mit einem Besuch im “Bootshaus Stella am Lietzensee”.

"Lietzensee mit Bootshaus Stella", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Lietzensee mit Bootshaus Stella”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Als Rückweg wählten wir die Strecke durch das schöne, gründerzeitliche Wohngebiet Suarez-, Holzensdorf- und Leonhardtstraße bis zum Stuttgarter Platz. Hier an der Ecke Kaiser-Friedrich-Straße/Leonhardtstraße gibt es Gasthäuser wie das Dollinger oder das Lentz. Insbesondere in letzterem scheint man auf die gleichen Leute wie vor 40 Jahren zu treffen, die meisten sind also um die achtundsechzig herum.

An unserer dritten Station ging die Reminiszenz an die 68er weiter: Im Delphi-Filmpalast an der Kantstraße sahen wir den Film von Ralf Westhoff “Wir sind die Neuen”. Mit den “Neuen” sind die Alt-68er Anne (Gisela Schneeberger), Johannes (Michael Wittenborn) und Eddie (Heiner Lauterbach) gemeint. Sie wollen ihre alte Studenten-WG aus Wohnungsnot, Einsamkeit und Kostengründen wieder neu beleben. Die Mieten sind inzwischen für einen Rentner-Single-Haushalt zu hoch geworden. Zu dritt finden sie eine Wohnung und zwar direkt unter einer Jung-Studenten-WG. Damit ist der “Clash” der Generationen, drei gegen drei, vorgezeichnet.

"Delphi-Filmpalast", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Delphi-Filmpalast”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Die “Neuen” ziehen fröhlich und lärmend ein, feiern und tanzen eine Nacht im Club durch und trinken reichlich Wein in der Gemeinschaftsküche. Dabei wirken sie jugendlicher als die Jung-Studenten. Diese basteln an ihrer Karriere, sind aber in Alltagsdingen komplett untauglich und haben leider keine “Kapazitäten” für das Zwischenmenschliche mehr frei. Sie sind zu früh “Spießer” geworden, wollen alles perfekt machen und haben Angst vor dem Kontrollverlust. Den “Wählscheibentelefon-Benutzern” drücken sie die regelmäßige Treppenhaus-Reinigung auf, die Eddie mit den Worten “Ich putze doch kein sauberes Treppenhaus” empört ablehnt.

Die höhere Sympathie liegt bei den Alt-68ern, also bei den “Neuen”, das hat Westhoff (Jahrgang 1969!) im Film bereits so angelegt: Er betrachtet sie länger und herzlicher. Eine empfehlenswerte, melancholische Komödie zum Lächeln; wer aber ablachen möchte ist hier fehl am Platz. Das Delphi ist nebenbei gesagt bekannt für ein anspruchsvolles Publikum, mehrheitlich auch Alt-68er.

Ralf Westhoffs beherrscht die seltene Begabung, Dialoge glaubwürdig wirken zu lassen und sie gleichzeitig komisch zuspitzen zu können. Dass “Wir sind die Neuen” visuell nicht viel hergibt, fällt bei diesen Dialogen beinahe nicht auf [Süddeutsche.de]

Und vor allem weiß Westhoff, was jede wirklich gute Komödie auszeichnet: Die handelt eigentlich von der Vergeblichkeit der menschlichen Existenz und von all den elementaren Ängsten, mit denen man sich so durchs Leben schleppt. Eine wirklich gute Komödie muss ihre Figuren als Menschen erst mal ernst nehmen, damit man dann über sie lachen kann, und sie macht die, die sie zeigt, niemals lächerlich. Sie hat Mitgefühl. [DIE WELT]

Film-Trailer

Eine Dreiecks-Geschichte um den jungen Schiller

“Die geliebten Schwestern” von Dominik Graf – eine berauschender “Brieffilm”

Vor kurzem noch in Weimar davor gestanden – Schillers Geburtshaus – und gestern als Schluss-Einstellung in Dominik Grafs Film “Die geliebten Schwestern” erneut in der Jetzt-Zeit gesehen. Zunächst ohne Menschen, aber dann kommen die Touristen von allen Seiten herbei. Der Film spielt um 1788 und die fernmündliche Kommunikation zwischen Friedrich Schiller, hier noch ohne ‘von’ (Florian Stetter), Charlotte von Lengefeld (Henriette Confurius) und deren Schwester Caroline (Hannah Herzsprung) wird ausschließlich durch verschlüsselte Briefchen hergestellt. Und das oft mehrmals am Tag. Jeden SMS-Tipper sehe ich ab sofort mit ganz anderen Augen.

"Schillers Wohnhaus in Weimar", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Schillers Wohnhaus in Weimar”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Die Liebe bleibt … nach den träumerischen Wirren jenes Sommers 1788 letztlich doch so unfrei, dass sie weiter versteckt werden muss hinter fassadenwahrenden Arrangements … Ob die jüngere Charlotte durch die Ehe mit Schiller auch die Beziehung der älteren Caroline zu ihm ermöglicht, und ob Carolines zweite Ehe mit dem dann doch irgendwann auftauchenden von Wolzogen (Freund von Schiller) womöglich nichts als ein weiteres Arrangement ist, Schiller nahe zu sein?” [DIE WELT]. Ob die Utopie einer Liebe, die Ménage-à-trois, sich wirklich so abgespielt hat, ist nicht überliefert. Nur ein Brief soll übrig geblieben sein, so der Erzähler (Dominik Graf) aus dem Off. So könnte es gewesen sein. Ein empfehlenswerter Film und mit 170 Minuten keine Minute zu lang.

Filmtrailer

Ein Kind der Zeit wartet auf die Querschläger

Child in Time – Einer der besten Songs der Rockgeschichte

Sweet child in time, you’ll see the line/ Line that’s drawn between good and bad/ See the blind man shooting at the world/ Bullets flying, ooh taking toll/ If you’ve been bad – Oh Lord I bet you have/ And you’ve not been hit oh by flying lead/ You’d better close your eyes, aahaouho bow your head/ Wait for the ricochet

"Deep Purple in Rock", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Deep Purple in Rock”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Einer der schönsten Songs der Rockgeschichte aus dem Jahr 1970 ist “Child in Time” von Deep Purple mit Ritchie Blackmore, Ian Gillan und Jon Lord. Die Musiker verstehen es, mit der Kraft der Musik und dem Gesang die Zuhörer zu faszinieren. Der Sinn des Liedes ist allerdings schwer nachzuvollziehen: Es geht um die Grenze zwischen Gut und Böse, um den Baum der Erkenntnis und um Mord, bei dem selbst wegducken sinnlos ist, denn es folgen noch die Querschläger. Einige Erklärungsversuche hingegen versuchen sich an der „Erbsünde“ und das sie wohl nicht zu besiegen sei; gleichzeitig ist es aber auch ein Anti-Kriegs-Song. Wie auch immer: Musikalisch gesehen, ist es ein Meisterwerk.

Deep Purple: “Child in Time”  [Ersatzlink Audio-Video]

Das Stück beginnt mit einer leisen Einleitung auf der Hammond-Orgel. Nach und nach setzt der Gesang ein, zusammen mit dem Bass wird er immer lauter und zum Schluss des Intros gibt es eine Reihe von hilferufähnlichen Schreien, die in rein ekstatischen Schreien enden. Nach einem Drittel des Songs beginnt ein dreiminütiges Solo von Gitarre und Orgel, dabei wird das Tempo laufend gesteigert, bis es abrupt abbricht. Und es beginnt wieder mit der Orgel-Einleitung des Intros. Das Ganze über zehn Minuten!

Damit gehört “Child in Time” zusammen mit Led Zeppelins “Stairway To Heaven” und Black Sabbaths “Paranoid” zu den bekanntesten Hardrock-Hymnen. “Die drei Bands gelten als Gründer des Genres und kommen oft im gleichen Satz vor. Von vergleichsweise härteren Tönen abgesehen, haben Deep Purple jedoch wenig mit den anderen zwei gemeinsam. Einerseits, weil ihre Musik eher in der Klassik als im Blues wurzelt, andererseits, weil die Orgel wesentlicher Bestandteil ihrer Stücke ist.” [Laut.de].

Insbesondere wurde Deep Purple durch ihre perfekten Live-Auftritte bekannt. In diesem Zusammenhang ist das 1972er Album “Deep Purple – Live in Japan” zu erwähnen: mit harten Klängen und bisher in der Rockmusik nicht üblichen Tonleitern. Die Verbindung von Rock und Klassik zeigte sich auch an ihrem Auftritt mit dem Royal Philharmonic Orchestra: Livealbum “Concerto for Group and Orchestra”, 1969 und dem Studioalbum “Deep Purple in Rock”, 1970. Alle drei LPs enthalten den zehnminütigen Song “Child in Time”. Einer meiner All-Time-Favoriten.