Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Juli 2014

Durch das Ehrenamt in die Insolvenz

Theater O-TonArt in Schöneberg in Not – Ein Spendenaufruf

“Durchs Ehrenamt in die Insolvenz”, so fasst Theaterleiter Bernd Boßmann seine aktuelle Situation zusammen. Vor fünf Jahren gründet er das Theater O-TonArt in der Schöneberger Kulmer Straße 20a. Ohne jegliche Subventionen und mit Hilfe von zehn Ehrenamtlichen bringt Boßmann seitdem Shows, Solo-Abende und klassische Stücke auf die Bühne. Die auftretenden Künstler erhalten ihre Gage,  die Ehrenamtlichen machen ihrem Namen alle Ehre und das Publikum liebt die Bühne. Soweit so gut.

Eine kräftige Mieterhöhung seitens der Gewobag, Gema-Gebühren und Nachzahlungen an die Künstlersozialkasse bedrohen ganz akut diese noch einzig im Kiez verbliebene Spielstätte. Um sie zu retten, hat Theaterleiter Boßmann eine Pressemitteilung veröffentlicht und bittet mit einer guten Idee ganz dringend um Spenden engagierter Berliner und Idealisten. Wer mehr als 1 Euro für das Theater O-TonArt spendet, bekommt zum Dank und gegen Vorlage des Einzahlungsbelegs im nahe gelegenen Café finovo auf dem St. Matthäus-Kirchhof eine von ihm kreierte Berliner Brause, die Berlinade, geschenkt.

Bernd Boßmann habe ich 2013 als Finalisten beim Deutschen Engagementpreis vorgestellt. Seit acht Jahren ist er in Schöneberg sozial und kulturell engagiert. Urkunden hat er mittlerweile genügend; was er nun braucht ist Geld, um den Pfändungsbescheid vom Finanzamt abzuwenden. Wer mit mindestens 1 Euro dabei sein möchte, der notiert sich bitte die folgenden Kontaktdaten: Bernd Boßmann, Commerzbank 100 400 00, Konto-Nr. 273 3939 00, Stichwort Berlinade. Im Gegensatz zu den subventionierten Bühnen leistet sich das Theater O-TonArt übrigens keine Sommerpause, sondern bringt im August “Felix Krull”, “Allerdings Ringelnatz” und “An Evening with Marlene D.” auf die Bühne. Und wie heißt es so schön in der Dreigroschenoper: “Ist das nötige Geld vorhanden, ist das Ende meistens gut”. Wir wünschen es Bernd von Herzen.

"Oma Kläre's Kabinett der kuriosen Köstlichkeiten”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Oma Kläre’s Kabinett der kuriosen Köstlichkeiten”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Mein Foto ist gestern Abend im Theater O-TonArt bei “Oma Kläre’s Kabinett der kuriosen Köstlichkeiten” entstanden. Oma Kläre (Bernd Boßmann) präsentierte illustre Überraschungsgäste, unter anderem Tima die Göttliche, Dieter Rita und Schmidtke der zerfallene Engel. Zukünftig will Oma Kläre immer am letzten Montag des Monats in “Berlins Hoftheater für königliche Unterhaltung” einladen.

www.o-tonart.de | www.cafe-finovo.de | www.berlinade.com | www.rbb-online.de

Himmelszauber

Otto Pienes “Sky Art Event” auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie

Es war wahrscheinlich das schönste Kunst-Event nach Christos Reichstagsverhüllung. Samstagnacht stiegen die mit Helium gefüllten und mit einem turmhohen Schweif versehenen Sterne des “Zero”-Künstlers Otto Piene im Abend-Himmel über dem Kulturforum auf. Der starke Wind machte den Veranstaltern zunächst einen Strich durch die Rechnung, dann aber, kurz nach Mitternacht, waren alle drei Sterne gemeinsam zu sehen.

Diese “Sternschnuppen” mutierten für manche Besucher zu Palmen, passend zur tropischen Berliner Sommernacht. Noch nie war das Kulturforum so voll wie in dieser Nacht und endlich einmal war es dank Otto Pienes Geschenk an Berlin kein unwirtlicher Ort mehr, sondern wurde mit Kunst gefüllt, bespielt und dankend angenommen. Eine unvergessliche Sommernacht.

Über die Doppel-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie und in der Kunsthalle und über die Gruppe “Zero” demnächst mehr in diesem Journal.   ottopieneinberlin.de

"Himmelszauber", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Himmelszauber”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Die Fine Yang Artists

Nach der Einzelausstellung von Lee Young-Sik Anfang des Jahres (siehe “Lee und das schöne Krododil“) war jetzt in der Kreativagentur KOMET in der Prinzenstraße die neu gegründete Künstlergruppe “Fine Yang Artists.Berlin” zu Gast. Die Gruppe besteht aus Vitali Geyer, Lee Young-Sik und Björn Vizelberg (Foto v.l.n.r.). Sie verschmelzen Traum-, Medien- und Alltagsbilder zur neuen “Fantastischen Sachlichkeit”. Die Ausstellung ging letzten Freitag mit einer Finissage zu Ende: Alle drei Künstler beteiligten sich am Livepainting, das musikalisch untermalt wurde mit Livemusik der Gruppe Mujay.

"Die 'Fine Yang Artists.Berlin' in der Kreativagentur KOMET", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Die ‘Fine Yang Artists.Berlin’ in der Kreativagentur KOMET”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Tage wie diese …

Ich wart seit Wochen, auf diesen Tag/ und tanz vor Freude, über den Asphalt/ Als wär’s ein Rhythmus, als gäb’s ein Lied/ Das mich immer weiter, durch die Straßen zieht/ Komm dir entgegen, dich abzuholen, wie ausgemacht/ Zu der selben Uhrzeit, am selben Treffpunkt, wie letztes mal/ … / An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit [Campino/ Birgit Minichmayer]

Mit dem Song “Tage wie diese” von den “Toten Hosen” feierte die Deutsche Nationalmannschaft ihren Sieg im Finale gegen Argentinien bei der Fußballmeisterschaf in Brasilien in Rio de Janeiro mit dem Siegtreffer durch Mario Götze. Er war auch der beliebteste Song der Mannschaft während der Europameisterschaft 2012. Und heute auf der Fan-Meile wurde er während der Abschlussfeier natürlich auch gespielt.

"Harley Davidson-Treffen am Brandenburger Tor", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Harley Davidson-Treffen am Brandenburger Tor”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Der Song ist eine Single-Auskopplung aus dem Album “Ballast der Republik” und wurde am 23. März 2012 veröffentlicht. Die Single enthält drei weitere Lieder und ist versehen mit einem Cover-Foto von Andreas Gursky unter dem Titel “May Day III”, das Gursky auf dem Techno-Umzug im Jahr 1998 in Berlin aufgenommen hat.

Die Toten Hosen: “Tage wie diese”

Die Single erreichte in Deutschland Platz 1 der Charts. In dem Musik-Video trifft sich eine Gruppe von Graffiti-Sprayern, unterbrochen von Szenen auf dem Studio, von Live-Auftritten der Gruppe und mit Fans von Fortuna Düsseldorf.

Wir waren immer eine Band, die in der Gegenwart lebt und nach vorne blickt. Letztendlich geht es auch darum, den Moment zu zelebrieren. So wie du mit einem Freund auf ein Konzert oder eine Party gehst und weißt, das ist ein Abend, ein Moment, der so vielleicht nicht mehr wieder kommt. Eine solche Situation beschreibt das Lied. [Campino]

“Very Yao” – der Fahrrad-Turm des Ai Weiwei

Im Lichthof des Martin-Gropius-Baus zeigt Ai Weiwei sein über alle Stockwerke reichendes, monumentales Installationskunstwerk “Very Yao”, 2009. Hierfür verwendete er 150 Fahrräder in unterschiedlichen Größen der in China am weitesten verbreiteten Fahrradmarke “Forever Bicycles”. Die Skulptur erinnert an einen zum Tode verurteilen Radfahrer, dem vorgeworfen wurde, ein nicht registriertes Fahrrad dieser Marke gefahren zu haben.

"Ai Weiwei im Martin-Gropius-Bau, 'Very Yao', 2009", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Ai Weiwei im Martin-Gropius-Bau, ‘Very Yao’, 2009″, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

DER TAGESSPIEGEL schrieb zu seinen Arbeiten: “In seinem Werk überkreuzt sich Minimal-Kunst mit Marcel Duchamps Idee des Ready-mades. Beide Strömungen lernte Ai Weiwei während seines Aufenthalts in den USA von 1981 bis 1993 kennen (seine Fotos aus der Zeit zeigte der Gropius-Bau 2011).” Die Ausstellung geht morgen zu Ende.

Siehe auch die Artikel “Freiheit für Ai Weiwei” vom 13.06.2011, “Für die sofortige Freilassung von Ai Weiwei – China setzt ein weiteres Zeichen gegen die Meinungsfreiheit” vom 09.04.2011, “Blumen für Ai Weiwei” vom10.07.2014 und “So geht Widerstand“, Artikel auf ZEIT ONLINE vom 20.03.2014.

Blumen für Ai Weiwei

Nur noch bis zum Sonntag, den 13. Juli 2014, ist “Evidence” die große Retrospektive von Ai Weiwei im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen. Der Künstler selber hat die Ausstellung bisher nicht besuchen können, die chinesischen Behörden verweigern ihm nach wie vor die Ausreise. Seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis am 22. Juni 2011 erhält er seinen Reisepass nicht zurück. Auch Merkel konnte bei ihrem Besuch in China scheinbar nichts ausrichten (wenn sie es denn überhaupt angesprochen hat).

"Ai Weiweis Fahrrad vor dem Martin-Gropius-Bau", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Ai Weiweis Fahrrad vor dem Martin-Gropius-Bau”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Seit November 2013 steht vor Ai Weiweis Studio in Peking ein Fahrrad. Jeden Morgen legt der Künstler einen Strauß frische Blumen in den Korb des Rades – so lange bis er seinen Reisepass zurückbekommt. Das Fahrrad vor dem Martin-Gropius-Bau ist ein Zeichen der Solidarität; solange Ai Weiwei daran gehindert wird, seine eigene Ausstellung zu besuchen.

Siehe auch die Artikel “Freiheit für Ai Weiwei” vom 13.06.2011, “Für die sofortige Freilassung von Ai Weiwei – China setzt ein weiteres Zeichen gegen die Meinungsfreiheit” vom 09.04.2011 und “So geht Widerstand“, Artikel auf ZEIT ONLINE vom 20.03.2014.