Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: April 2014

Sibylle Hoffmann und der wiedergefundene Mythos

“μοιρα – Spuren von Mythos” in der Galerie “world in a room”

Mythologien werden nicht erfunden; sie werden gefunden. Sie können genauso wenig vorhersagen, wie Ihr Traum heute Nacht aussehen wird, wie man einen Mythos erfinden kann. Mythen kommen aus dem mystischen Bereich wesenhafter Erfahrung. [Joseph Camphell]

"Sibylle Hoffmann vor ihr Serie 'Spuren von Mythos'" in der Galerie "world in a room", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Sibylle Hoffmann vor ihr Serie ‘Spuren von Mythos’” in der Galerie “world in a room”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Nach ihrer Arbeit “Nachtschattengarten” zeigt Sibylle Hoffmann nun ihr neuestes fotografisches Werk “Spuren von Mythos” in der Galerie “world in a room” in Schöneberg.

Mythen sind oft Geschichten des alltäglichen Lebens und die antiken Mythen sind Spiegelungen dieser Geschichten in der Welt der Götter, die in das Leben der Menschen eingreifen, oft unbemerkt, aber immer schicksalhaft.

Die Bilder von Sibylle Hoffmann erzählen wie zufällig den Bruchteil einer Geschichte und sind Traumbilder, die das Ungewisse und Schicksalhafte als Fiktion erahnen lassen.

Dabei geht es der Künstlerin nicht um “die Bebilderung einzelner Mythen, sondern um Ahnungen, die in den Bildern aufscheinen und dem Betrachter die Möglichkeit lassen, sein eigenes Wissen und seine eigenen Gedanken zum Thema Mythos zu entdecken” [Katalog].

Die 1947 in Berlin geborene Sibylle Hoffmann ist Dozentin für Photographie an der VHS Kreuzberg. Ihre fotografische Ausbildung hat sie an der Werkstatt für Photographie in Berlin-Kreuzberg und an der Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg (bei Dieter Appelt, Michael Schmidt und Gerald Minkoff) erhalten.

Die Galerie “world in a room” befindet sich in der Brunhildstraße 7 in 10829 Berlin-Schöneberg (Mo + Fr 14-18 Uhr, Sa 14-17 Uhr) und die Ausstellung ist noch bis zum 30.05.2014 zu sehen. μοιρα heißt übrigens Schicksal.

Eine Linie, ein Kreis und ein Dreieck im White Cube

The circle walked casually – Papierarbeiten
der Sammlung Deutsche Bank in der Kunsthalle

"The Circle Walked Casually (KunstHalle Deutsche Bank)", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“The Circle Walked Casually (KunstHalle Deutsche Bank)”
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Noch eine Ausstellung möchte ich kurz vorstellen, auch wenn sie im letzten Monat bereits zu Ende gegangen ist.

Unter dem Titel “The circle walked casually” wurden von der Kuratorin Victoria Noorthoorn in der Kunsthalle Papier-Arbeiten in einem von der brasilianischen Ausstellungsarchitektin Daniele Thomas entworfenen atemberaubenden Ausstellungsdesign ausgestellt. Sie “hat den eher brachialen Raumriegel der Kunsthalle in eine weiß strahlende, fast konturlose Wolke verwandelt, in der man sich Blatt an Blatt durch die Sammlung hangeln kann.” [Der Tagesspiegel]

Die Werke hingen nicht an den Wänden, sondern waren alle an einer Führungsschiene aufgehängt, die sich hin und zurück durch den langen, schmalen Saal mäanderte. Durch die abgerundeten Ecken des Saals und da alle sechs Seiten weiß gestrichen waren, ergab sich eine perfekte White Cube-Situation.

Man konnte fast die Künstler übersehen: an “Wertpapieren” waren Werke von Josef Albers, Hans Arp, Ernst Barlach, Georg Baselitz, Max Beckmann, Joseph Beuys, Louise Bourgeois, Hanne Darboven, Otto Dix, Günther Förg, Lucian Freud, Jörg Immendorff, Wassily Kandinsky, Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker, A.R. Penck, Gerhard Richter, Oskar Schlemmer, Kurt Schwitters, Rosemarie Trockel, u.a., ausgestellt.

Der Satz “The circle walked casually” stammt aus einer Erzählung von Felisberto Hernándes aus dem Jahr 1926, in der ein Kreis einem Dreieck zugetan ist. Die beiden wandern an einer unendlichen langen, horizontalen Linie entlang. So ähnlich erging es uns auch in der Ausstellung.

“Es war einmal eine unendliche horizontale Linie im Raum. Sie wurde von rechts nach links von einer Kreislinie durchquert … doch einmal durchbrach die Kreislinie ihren Rhythmus … Plötzlich, in einem anderen heftigeren Rhythmus kam brüsken Schrittes ein kräftiges langschenkliges Dreieck heran”. So beginnt die Lebensgeschichte “Genealogie” von Hernándes. Diese Liebesgeschichte zwischen einem Kreis und einem Dreieck entlang einer Linie, der Grundform des Zeichnens, wurde zu einer grandiosen Ausstellung in der Kunsthalle.

Veränderung der Skulptur durch Fotografie und Film

“lens-based sculpture” in der Akademie der Künste am Hanseatenweg

Die Kuratoren der Ausstellung möchten anhand der ausgewählten Exponate die Fragen “Gibt es so etwas wie skulpturale Formen, die ohne die fotografische und filmische Optik undenkbar sind?” und “Seit wann haben Bildhauer die Fotografie nicht nur zur Reproduktion ihrer Werke eingesetzt, sondern lassen fotografische Prinzipien in ihr skulpturales Arbeiten direkt einfließen?” beantworten. Duane Hanson ist mit seiner Arbeit “Man with Camera” ein sehr evidentes Beispiel, in den anderen Arbeiten ist das nicht immer so offensichtlich.

"Trauriger Fotograf" (Duane Hanson: "Man with Camera", 1991), aus "Sonntagsbilder", Foto © Friedhelm Denkeler 2003

“Trauriger Fotograf” (Duane Hanson: “Man with Camera”, 1991), aus “Sonntagsbilder”, Foto © Friedhelm Denkeler 2003

Am Hanseatenweg werden rund 200 Arbeiten von über 70 internationalen Künstlern wie Marcel Duchamp, Valie Export, Gilbert & George, Rebecca Horn, Martin Honert, Bruce Nauman und Giuseppe Penone ausgestellt. Zu sehen gibt es z. B. eine Rekonstruktion von Marcel Duchamps “Porte Gradiva” aus dem Jahr 1937 und zwar in der ursprünglichen Form, als zu durchschreitender Türdurchgang. Hat das etwas mit Fotografie zu tun?

Das art-magazin drückt dies auf seine Weise sehr diplomatisch aus: “Bei der Spurensuche öffnet sich ein spielerischer Denkraum – und in dem trifft man eben nicht auf klare Logik, sondern auf Indizien, mit denen sich eine Behauptung umkreisen lässt. Ob der Begriff “lens-based sculpture” in die Kunstgeschichte eingehen wird, ist zweifelhaft, aber in Zeiten von flüchtiger Blockbuster-Ästhetik ist er ein klares Bekenntnis zum genauen Hinschauen.”

Die Bildhauer Bogomir Ecker und Raimund Kummer integrierten in die von ihnen entwickelte Ausstellungsarchitektur zwei Bauten, die einem multimedial bestückten Archiv ähneln. Sie sollen “Einblicke in die komplexe künstlerische Recherche zu den Phänomenen von lens-based sculpture geben.” Hier wurde allerdings zu viel des Guten getan: die Bauten samt Inhalt wirken völlig überfrachtet und das dort herrschende Dämmerlicht lädt nicht unbedingt zum genauen Betrachten ein.

Die Ausstellung ist nur noch bis Ostermontag geöffnet. Weitere Informationen in diesem Video.

Galerien jenseits der “Kunstmeilen”

Hildegard Ochse in der “18m Galerie”

Neben den bekannten Ausstellungs-Locations gibt es in Berlin immer wieder neue Orte zu entdecken, an denen Fotografen der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Es sind Standorte, die sich im Hinterhof oder im ersten Stock einer Berliner Altbau-Wohnung befinden. Sie liegen meist abseits der üblichen Kunstmeilen und sind teilweise nur an wenigen Stunden in der Woche oder nur nach Vereinbarung geöffnet. Das eigentliche “Event” ist aber immer die Vernissage, manchmal gibt es noch einen Artist-Talk und oft auch eine Finissage. Vier Kunstorte sollen heute genannt werden:

Das “Fotoatelier Am schönen Berg (FASB)” in der Nähe der Yorckbrücken (Mansteinstraße 16, 10783 Berlin) wird geführt von einer Fotogruppe um die Dozentin Sibylle Hoffmann. Hier war zuletzt die hervorragende Gruppenausstellung “Flusslandschaften” mit exzellent geprinteten Fotos (an den Wänden) und selbstgestalteten und -produzierten Künstler-Fotobüchern als Unikate zu sehen.

Die “Galerie im Seitenflügel” betreibt Guenther Eck von der EDITION-G (Bochumer Str.12, 10555 Berlin-Moabit). Hier stellt zurzeit Wolfgang Ritter seine “Subjektive Fotografien” aus (demnächst mehr).

Sibylle Hoffmann ist mit der Einzel-Ausstellung “μοιρα – Spuren von Mythos” in der Galerie “world in a room” (Brunhildstraße 7, 10829 Berlin-Schöneberg) zu Gast (Besprechung folgt).

Julie August betreibt in ihrer Privatwohnung in der Akazienstraße 30, 10823 Berlin, die “18m Galerie“. Hier zeigt sie, leider nur noch bis heute, eine kleine, feine Auswahl noch nicht gezeigter Vintage-Prints aus dem umfangreichen Fotoarchiv der Autorenfotografin Hildegard Ochse (1935-1997). Ochses Sohn Benjamin hat drei Serien zusammengestellt: “Der Eid auf die Verfassung – Beamte” (Berlin 1987, hier sind hauptsächlich die Bilder der Beamtinnen zu sehen), “KPM Königliche Porzellan-Manufaktur” (1987, zu sehen sind insbesondere die bei der Porzellanherstellung anfallenden handwerklichen Arbeiten) und unter dem Titel “Reisefotografie” Bilder aus Dänemark (1980) und Jerusalem (1996).

"Hildegard Ochse während des Workshops mit Andre Gelpke in der Werkstatt für Photographie", Berlin-Kreuzberg, 06.12.1980, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

“Hildegard Ochse während des Workshops mit Andre Gelpke in der Werkstatt für Photographie”, Berlin-Kreuzberg, 06.12.1980, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

Nach ersten autodidaktischen Versuchen beginnt Hildegard Ochse (1935-1997) ihre fotografische Ausbildung 1979 in der seit einigen Jahren etablierten Werkstatt für Photographie in der Friedrichstraße. Neben dem regulären Unterricht besucht sie die Workshops der Amerikaner Lewis Baltz, John Gossage, Ralph Gibson und Larry Fink. Zur selben Zeit kommt im Zusammenhang mit dem fotografischen Dokumentarismus der von Klaus Honnef eingeführte Begriff der Autorenfotografie auf.

“Kleben ist mein Leben!”

“Papp – Pop”, die unglaublichen Papierobjekte der Julia Büttelmann

"Julia Büttelmann 'Achat-Pokal aus der Medici-Sammlung (Fälschung)'", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Julia Büttelmann ‘Achat-Pokal aus der Medici-Sammlung (Fälschung)’”, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Die Arbeiten der Papierkünstlerin und Buchbindemeisterin Julia Büttelmann sind zurzeit in der Kreativagentur Komet in der Prinzenstraße 7 (Do-Sa 15 bis18 Uhr) zu sehen. Seit über 20 Jahren fertigt Büttelmann wunderbare Objekte aus Papier und Pappe; auf ihrer Website sind viele Arbeiten zu sehen.

Aktuell beschäftigt sie sich mit dem Thema Sammlungen; dabei imitiert sie historisch anmutende Sammlungskästen und füllt sie mit neuen Inhalten. Weitere Serien sind Mäusekostüme, Reliquienschreine, Handtaschen, Schuhe, Uhren, vorher-nachher-Serien, etc. und das alles aus Papier und Pappe.

Und in allen Arbeiten steckt auch immer ein Stück Ironie, wie der Achat-Pokal, der aus mit Wurstscheiben bedrucktem Papier besteht.

Das Wort “Kunsthandwerk” hat im Zusammenhang mit künstlerischen Arbeiten oft einen Beigeschmack; bei Büttelmann trifft künstlerisches Schaffen und geistige Auseinandersetzung auf exzellentes handwerkliches Können, eben “Kleben ist mein Leben”, wie sie sagt.

Am 4. Mai 2014 um 17 Uhr endet die Ausstellung mit einer Finissage und Julia Büttelmann wird, wie bei der Vernissage, in einer Vorführung ihre Objekte  für sich sprechen lassen.

"vorher – nachher, rosa Objekt mit Goldhaaren" von Julia Büttelmann, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“vorher – nachher, rosa Objekt mit Goldhaaren” von Julia Büttelmann, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Der Alte Flecken

"Der Alte Flecken" (Historischer Stadtkern in Freudenberg, Siegerland), Foto © Friedhelm Denkeler 2004

"Der Alte Flecken" (Historischer Stadtkern in Freudenberg, Siegerland), Foto © Friedhelm Denkeler 2004

Franz Ackermann: “Hügel und Zweifel” in der Berlinischen Galerie

Ein riesiges Tableau aus Wandbildern, Tafelbildern und Fotografien

"Die Eingangshalle der Berlinischen Galerie mit 'Hügel und Zweifel' von Franz Ackermann", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Die Eingangshalle der Berlinischen Galerie mit ‘Hügel und Zweifel’ von Franz Ackermann”
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Mit dem Vorstellen der zahlreichen Ausstellungen, die wir zurzeit in Berlin sehen, bin ich stark in Rückstand geraten. So bleibt nur, die nächsten Besprechungen in aller Kürze vorzustellen. Der in Berlin und Karlsruhe lebende Franz Ackermann hat die 40 Meter lange und 10 Meter hohe Eingangshalle der Berlinischen Galerie mit seiner raumgreifenden Installation, bestehend aus Wandmalerei und Tafelbildern, optimal bespielt. Diese “Hügellandschaften” lassen sich in ihrer ganzen Monumentalität beim Eintritt in die Halle gut erfassen (Bild oben) und ein Blick aus dem ersten Stock (Bild unten) zeigt den Detailreichtum der Arbeit, aber auch einige Störelemente, wie dem Istanbuler Stadtviertel, das kurz vor dem Abriss steht und somit die im Titel der Ausstellung genannten “Zweifel” repräsentiert. In einem Video erklärt Ackermann sein Konzept und man sieht, wie die Installation aufgebaut wurde. Die Ausstellung ging bereits am 31.03.2014 zu Ende.

"Hügel und Zweifel" von Franz Ackermann, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Hügel und Zweifel” von Franz Ackermann, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Archiv