Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: März 2014

Ökoschotter

Die von der Natur zurückeroberten Gleisanlagen am Gleisdreieck gibt es nicht mehr

Oops! Was ist denn Ökoschotter? Ökologisch korrekte Steine? Das Feld auf dem Photo ist mit Grauwacke-Steinen ausgelegt und diese werden vorwiegend (in einer kleineren Körnung) als Gleisbettmaterial verwendet. Da sind wir auch schon beim Thema: Das Steinfeld befindet sich in dem neuen “Park am Gleisdreieck”. Seit einem halben Jahrhundert hat sich die Natur die alten, brachliegenden Gleisanlagen, die zum ehemaligen Anhalter-Bahnhof führten, zurückerobert.

"Ökoschotter" (Park am Gleisdreieck, im Hintergrund der Potsdamer Platz), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Ökoschotter” (Park am Gleisdreieck, im Hintergrund der Potsdamer Platz), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Und nun ist die schöne “alte” Natur nicht mehr da; die Stadt hat einen “Park” daraus gemacht, mit einer Menge Beton, versiegelten Böden, vielen gepflasterten Wegen und mit schweren Zäunen. Das Ökoschotterfeld soll laut Planung die “alte” Natur wieder herstellen. In den nächsten Jahren (dauert das wieder 50 Jahre?) soll sich das so verändern, dass sich dort Pflanzen und Tiere ansiedeln. Also eigentlich wie gehabt, nur eben planvoll. Das hätte man einfacher haben können.

Tor Einstabland und die verlorenen Identitäten

Die dänische Fotokunstgruppe “Vingesus” mit
“Identity Lost” in der Fotogalerie Friedrichshain

Die bereits zu DDR-Zeiten überregional bekannte Fotogalerie am Helsingforser Platz hätte nach der Wende beinahe ihre Identität verloren. Die Kommunale Galerie in der Trägerschaft des Bezirksamtes Friedrichshain wäre 2000 bereits dem Rotstift zum Opfer gefallen, wenn nicht der Kulturring e.V. daraufhin ein Konzept zum Weiterbetrieb der Institution vorgelegt hätte. Der Bezirk übernahm die Mietkosten und der Kulturring war für die Organisation, Öffentlichkeitsarbeit und Öffnungszeiten verantwortlich. Zwei Jahre später war selbst das dem Bezirksamt zu viel. Also übernahm der Kulturring die Galerie ganz in Eigenregie. So liegen für Fotokünstler weiter großzügige Ausstellungsmöglichkeiten vor.

Die dänische Künstlergruppe VINGESUS (“Flügelschwirren”) stellt unter dem programmatischen Titel “Identity Lost” in allen vier Räumen der Fotogalerie Friedrichshain, Helsingforser Platz 1, 10243 Berlin, (Di, Mi, Fr, Sa 14-18 Uhr, Do 10-18 Uhr, bis 2. Mai 2014) aktuell ihre Arbeiten aus. Die acht Fotografen “zeigen in einer Mischung aus Realität und fotografischer Fiktion, wie Identität und etablierte Wahrheit aufgelöst werden können und zu einer neuen Interpretation der Wirklichkeit werden” [aus: Ausstellungsbeschreibung].

Der erste Eindruck löste bei den Besuchern Begeisterung aus; auf den zweiten Blick hatte man leider bei einigen Werken den Eindruck, dass durch die digitale Bildbearbeitung zu viel des Guten getan wurde. Die erreichte farbliche Sättigung könnte trotz spannender Sujets schnell zu einer Übersättigung seitens des Betrachters führen. Die ausstellenden Künstler sind Annemette Rosenborg Eriksen, Dorte Bundesen, Else Vinæs, Erik Jørgensen, Jesper Bo Jensen, Josephine Ernst, Peder Brødstedt Pedersen und Tor Einstabland. Sie alle geben anhand ihrer Arbeiten, einen Eindruck in die unterschiedlich benutzten fotografisch-digitalen Techniken und ihre individuelle Interpretation der Wirklichkeit oder einer Fiktion wieder.

"Tor Einstabland mit 'Indistinct Contours' in der Fotogalerie Friedrichshain", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

"Tor Einstabland mit 'Indistinct Contours' in der Fotogalerie Friedrichshain", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Im letzten Raum der Galerie wurde es farblich und inhaltlich gesehen wohltuend ruhiger. Der einzige Norweger der Gruppe VINGESUS Tor Einstabland stellt dort seine Arbeit “Indistinct Contours” aus. Die “undeutlichen Konturen” beginnen bereits mit dem handgeschöpften Papier als Trägermaterial auf das Tor Einstabland in zurückhaltenden Farben seine Bilder druckt. Und die Bilder selber sind auch undeutlich (unscharf): Personen, Umgebung und Formen lassen sich nur erahnen.

Durch diese Undeutlichkeit wird der Betrachter eingefangen und sucht nach der Identität der Personen und der sie umgebenden Umwelt. Er darf sich seine Geschichte und Interpretation selber aussuchen: nichts ist vom Künstler vorgegeben. Man wird bei Einstablands Arbeit “mit der Frage nach etwas oder jemand zurückgelassen, aber auch mit etwas Unruhe und Freude” [aus: Brennpunkt 1/2014]. In unserem Gespräch benutzte Tor Einstabland das Wort “Melancholie” und wer diesem Wort nicht mit Abneigung gegenüber steht, der wird in diesen Arbeiten eine große Schönheit und etwas Unaussprechliches entdecken.

Brandt Parker und die Kachinas

Mit der Finissage von “‘Brandt’s World’ – Bilder und Zeichnungen von Brandt Parker” ging die Ausstellung in der “Kreativagentur Komet” mit einer kleinen Festlichkeit heute viel zu früh zu Ende. Der 1972 in Arizona geborene Brandt Parker lebt und arbeitet seit 14 Jahren in Berlin, kehrt aber immer wieder in seine Heimat zurück und genau dieses Heimatgefühl findet sich auch in seinem neuesten Werk “Kachinas” (siehe Foto) wieder.

"Brandt Parker mit 'Kachinas'", 2014, in der Kreativagentur Komet, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

"Brandt Parker mit 'Kachinas'", 2014, in der Kreativagentur Komet, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Die Hopi-Indianer im Südwesten der USA verbinden mit Kachina den Geist einer Naturerscheinung in Form eines Tieres, einer Pflanze oder eines Ahnen. Dazu gehören der maskierte Tänzer und auch die figürlichen Darstellungen, die diesen Geist verkörpern. Heute befinden sich viele der Kachina-Puppen in den Museen der USA, aber auch im “Ethnologischen Museum Berlin” sind sie in großer Zahl vorhanden.

Parkers wundersame Tiere, seine Fabelwesen und Kreaturen aus der Zwischenwelt spiegeln eine innere Traumwelt, die mit Kuriositäten und Absurditäten gefüllt ist, die fremd und gleichzeitig vertraut ist. Aus Träumen, Legenden und Mythen holt sich Parker die Anregungen für seine surrealen Gemälde und Illustrationen; er lässt sich von Hieronymus Bosch, Francisco de Goya, Franz Marc, Arnold Böcklin, Giorgio de Chirico und Max Ernst inspirieren.

Wenn man sich in Parkers Welten einmal eingesehen hat, lassen sie einen nur schwer wieder los; zu gerne würde man auch einmal dort umher wandeln und die Sprache dieser geheimnisvollen Wesen verstehen. Orlops fühlen sich nebenbei gesagt überall wohl. Einen guten Einblick in Parkers fantastische Welten erhält man in diesem Video und auf seiner Website.

Kripoes geballte Fäuste

Stadtverschönerung in Mitte

Alles fing 1986 mit den Spray-Bananen an, die der Kölner Künstler Thomas Baumgärtel in Berlin verteilte und zwar nicht willkürlich, sondern mit System als besondere Auszeichnung für Galerien und Kultureinrichtungen. Kunstinsider kennen deren mittlerweile international gewordene Bedeutung. Seit Jahren sieht man in Berlin nun auch die gelben Fäuste, ein Zeichen für Rebellion und Anarchie, deren Platzierung oft so hoch ist angebracht ist, dass man sich wundert, wie der Sprayer dort hingekommen ist.

"Kripoes geballte Fäuste" (Gewerbehof an der Planckstraße), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

“Kripoes geballte Fäuste” (Gewerbehof an der Planckstraße), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Der Streetart-Sprayer nennt sich Kripoe (von der früheren CBS-Crew), mehr ist über den Künstler im Netz nicht in Erfahrung zu bringen. Ein Arm, eine Hand, fünf Finger – dieses Motiv taucht in Mitte, an den Bahnhöfen, den Bahnanlagen und den Häusern der Umgebung hauptsächlich auf, aber immer in unterschiedlicher Ausdrucksweise. Mal erscheint die gelbe Faust drohend, mal mahnend oder auch einladend. Das sollte jeder selbst interpretieren.

Kripoe sprayt aber nicht nur sein “Markenzeichen”, die gelben Fäuste an, sondern auch seine blauen oder roten Rollschuhe sind bekannt, manchmal zusätzlich mit Text versehen.

Alle Fotos aus der Serie “Stadtverschönerung” finden Sie hier.