Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Januar 2014

A Tribute To Lou Reed

A butterfly heart flies right past you.

Wedekinds “Lulu”konzertant als Rockkonzert im Berliner Ensemble

Kein anderer Musiker hat sich wie Lou in seiner goldenen Zeit in unsere Träume und Albträume geschlichen: Er war das dreiste Klanggenie, er war zornig und widerspenstig und wimmerte doch innerlich vor Verletzlichkeit [Rufus Wainwright über Lou Reed]

Robert Wilson (*1941) hat bisher am Berliner Ensemble (BE) vier Stücke inszeniert: “Die Dreigroschenoper” mit der Musik von Bertold Brecht/Kurt Weil (siehe hier), “Shakespeares Sonette”mit der Musik von Rufus Wainwright (siehe hier) Matthew/ Kästners “Peter Pan” mit der Musik und den Songs von CocoRosie (Bericht folgt) und Wedekinds “Lulu” mit der Musik und den Songs von Lou Reed.

"Lulu konzertant: A Tribute to Lou Reed", Foto © Friedhelm Denkeler 2014

“Lulu konzertant: A Tribute to Lou Reed”
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Wedekinds “Lulu” habe ich noch nicht gesehen, aber am Sonnabend gab es im komplett ausverkauften BE zur Erinnerung an den am 27. Oktober 2013 im Alter von 71 Jahren in New York verstorbenen Lou Reed eine konzertante Aufführung. Schauspieler traten in ihren Kostümen aus Lulu auf; Robert Wilson persönlich stand auf der Bühne, gab eine Einführung und gedachte gemeinsamer Begegnungen und die Musiker lieferten ein feines Rockkonzert ab. Wir hörten und “sahen” die Songs, die Reed für Lulu komponierte. Herausgesucht habe ich den schönsten Song “Iced Honey”, den Lou Reed mit der Band Metallica für das Doppel-Album “Lulu” einspielte:

Lou Reed & Metallica: “Iced Honey”

Alle Songs des Albums können Sie hier hören und auch die entsprechenden Texte dazu finden. Die Geschichte von Lou Reed zu erzählen, der seit 2008 mit Laurie Anderson verheiratet war, bleibt einem weiteren Artikel vorbehalten; aber einige Stichwörter will ich nennen: Reed trat zusammen mit John Cale und zwei weiteren Musikern in der von Andy Warhol geförderten Band unter dem Namen “The Velvet Underground” ab 1965 auf. Sie war kommerziell nicht erfolgreich, man kann sie aber als einflussreichste Underground-Band bezeichnen. Ihr erstes Album war “The Velvet Underground & Nico” – das berühmte mit dem Bananencover. Ab den 1970er Jahren arbeitete Reed als Solist, besonders bekannt wurde der Song “Walk on the Wild Side”. 2011 arbeitete er mit der Band “Metallica” zusammen.

No matter what you say, no matter what you do/ A butterfly heart flies right past you/ There’s nothing to say, nothing to do/ See if the ice will melt for you/ Iced honey [aus "Iced Honey"]

Am Ende ist die Bühne genauso leer wie am Anfang [Botho Strauss]

Hotel Tausend Sterne

Fotografien von Benjamin Ochse in der Caritas-Galerie Berlin

Caritas-Galerie Berlin, Foto © Benjamin Ochse 2013

Caritas-Galerie Berlin, Foto © Benjamin Ochse 2013

Auf einer Reise durch zahlreiche Länder hat Benjamin Ochse die Not-Behausungen von Obdachlosen in dokumentarischen Bildern festgehalten. Das fotografische Ergebnis ist jetzt in der Caritas-Galerie Berlin, Residenzstraße 90 (Eingang Reginhardstraße), 13409 Berlin, noch bis zum 1. März 2014 (verlängert) zu sehen.

“Auf meiner Recherchereise rund um Europa im Herbst 2011 sind die Behausungen in den meisten Städten direkt vor mir aufgetaucht, ohne dass ich sie suchen musste. Sie waren überall, lagen quasi vor mir, mal zurückhaltend kaschiert, dann wieder klar ersichtlich und offen. Ich fragte mich, ob ich vorher meine Augen vor ihnen verschlossen, oder wie ich sie aus meinem Bewusstsein weggefiltert hatte” schreibt Ochse in der Einleitung zur Ausstellung.

“Obdach” bedeutet Unterkunft oder Wohnung. Bei den vorliegenden Fotografien können wir nicht von unseren Maßstäben ausgehen. Wir müssen gewohnte Kategorien neu überdenken. Die “Wohn-Ecken” der obdachlosen Menschen unter den Brücken oder auf Parkbänken sind oft abgegrenzt und die wenigen Habseligkeiten werden unauffällig zusammengelegt, in große Plastikbeutel verpackt oder in einem Einkaufswagen deponiert. Ochse zeigt nicht die Menschen selber, sondern lässt ihre Habe für sich sprechen. Die Fotos zeigen, wie die Obdachlosen, die im Alltag mit wenigen und einfachsten Mitteln auskommen müssen, sich ein Minimum an Privatsphäre schaffen und sich vor der Umwelt schützen.

aus "Hotel 1000 Sterne", Foto © Benjamin Ochse 2011

aus "Hotel 1000 Sterne", Foto © Benjamin Ochse 2011

“Die Serie soll zum Nachdenken anregen, die eigene Situation und die der Anderen, die auf der Straße ums Überleben kämpfen, reflektieren” [Ochse] und das gerade in diesen Tagen – mitten im Winter. Bisher ist Ochse hauptsächlich durch seine dokumentarischen Filme hervorgetreten; jetzt zeigt er auch seine fotografischen Arbeiten. Die Foto-Serie “Hotel 1000 Sterne” ist zum ersten Mal in der Öffentlichkeit zu sehen. Zwei kurze Trailer finden Sie hier und hier.

www.pixeltransfer.com,  www.caritas-berlin.de

Unter dem Pflaster liegt der Strand

Das Tempelhofer Kreuz wurde auf Sand gebaut

Mit dem Slogan der 1968er Protestjahre “Unter dem Pflaster liegt der Strand” war die Hoffnung verbunden, die eingefahrenen Strukturen der Gesellschaft und der Stadt freizulegen. Aber viel früher schon verspotteten die süddeutschen Fürsten des “Heiligen Römischen Reiches” das sandige und unfruchtbare Land Brandenburg als “Märkische Streusandbüchse”.

Woher kommt eigentlich dieser Berliner Sand? Die Gletscher der Eiszeit und später die abfließenden Wassermassen brachten den Sand aus Skandinavien in die Märkische Region. Wie man damals auf die Idee kam in dieser Sandwüste, in der nur Bäume und Gras wuchsen, eine Stadt zu gründen, war schon bemerkenswert.

Der geologisch eher junge Boden bestand nun aus unter Moränenschutt und Geschiebemergel unter Druck zerriebenem und ausgewaschenem Sand. Er wurde unterbrochen von zahlreichen Morasten, die von den Nebenarmen der Spree gespeist wurden. Das Land glich eher einer Wüste und je nach Windrichtung entstanden verschiedene Hügel aus dem Flugsand.

Aus der Serie "Tempelhofer Kreuz", Foto © Friedhelm Denkeler 1978

Aus der Serie "Tempelhofer Kreuz", Foto © Friedhelm Denkeler 1978

In der Hauptstadt ist heute nichts mehr von der eigentlich märkischen Natur zu sehen und in der Umgebung von Berlin wiederum nichts von einer Großstadtstimmung zu spüren. Nur bei großen Bauvorhaben, wie dem Bau des geplanten Tempelhofer Autobahn-Kreuzes tritt er noch zutage: der märkische Sand. Und unter diesem ist das Tempelhofer Kreuz dann wieder begraben worden.

In Rom kann man an jeder Ecke den geschichtsträchtigen, aufgegrabenen Boden in seiner starken Verdichtung sehen: Überall stößt man auf Gebäudereste, Grundmauern und kulturelle Ablagerungen; in Berlin hingegen findet man Fossilien, Werkzeuge aus der Bronzezeit oder manchmal Pfähle (auf denen einst das Schloss stand), aber meist nur Sand, Sand und nochmals Sand, der manchmal zu Lehm verdichtet ist. Vielleicht stößt in der Zukunft auch jemand beim Buddeln einmal auf ein Stück des Tempelhofer Kreuzes, das im Märkischen Sand versunken ist.

Das Portfolio “Tempelhofer Kreuz”, 1979, 30×45 cm, Fotopapier im Passepartout 50×60 finden Sie unter www.denkeler-foto.de. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 83 Seiten im Format 40×30 cm erschienen (2013). Das gesamte Portfolio besteht aus 74 Photographien.

Siehe auch “Tempelhofer Kreuz – Eine Autobahn im Märkischen Sand“.