Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: November 2013

Wenn der Film das bessere Theater ist

“Venus im Pelz” von Roman Polanski.
Und wieder wird ein Handy zum Schweigen gebracht

Das Leben macht uns zu dem, was wir sind, wenn wir es gar nicht erwarten [Filmzitat]

"Venus ohne Pelz" (Ausschnitt aus 'Venus und Amor', Lucas Cranach d.Ä., um 1530), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

"Venus ohne Pelz" (Ausschnitt aus 'Venus und Amor', Lucas Cranach d.Ä., um 1530), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Eine langsame Kamerafahrt durch eine Allee. Schritte. Es geht immer weiter geradeaus. Innehalten, ein Schwenk nach rechts und der Blick fällt auf ein Theater. Die Türen öffnen sich ins Foyer und ins Parkett. Eine halbdunkle Bühne, einige Requisiten, eine Schauspielerin und ein Schauspieler. Das Spiel beginnt. Die Türen werden geschlossen und wieder diese Allee. Ende.

Ein Buch, eine Adaption für das Theater, ein Regisseur und ein Film. Wie aus diesen Zutaten ein grandioses Kammerspiel wird; wie sich die Rollen entwickeln und tauschen; wie Kostüme und Make-Up einen Menschen und sein Verhalten verändern und wie man zu dem wird, der man eigentlich ist, hat Polanski gekonnt in Szene gesetzt.

Die Entwicklung der Figuren ist überraschend, aber schlüssig; alle Gesten und Dialoge sind perfekt aufeinander abgestimmt. Der Zuschauer steht mit beiden Protagonisten auf der Bühne und kann sich ihrem Spiel nicht entziehen. Emanuelle Seigner (Polanskis Frau) als Venus und Mathieu Amalric (sieht aus wie der junge Polanski) als Regisseur spielen grandios und werden von Christin Marquitan und Olaf Reichmann hervorragend synchronisiert.

Ein Film, den man nicht so schnell vergessen kann und der Hinweis auf das Handy, ist nur für diejenigen bestimmt, die auch Roman Polanskis “Gott des Gemetzels” gesehen haben. Trailer “Venus im Pelz”

Der letzte Tango im Bogota

Die erste Tür im Adventskalender wird geöffnet …
und manche für immer geschlossen

“My favourite Hotel in the World” [Rupert Everett]

Es ist soweit! In der Schlüterstraße 45 entstehen die in Berlin so dringend benötigten Büroräume, Dachgeschosse verbessern bald die angespannte Wohnraumsituation und lang ersehnte Modelabel können zur Freude aller einziehen. Berlin, nun freue Dich! So wurde es einst prognostiziert und passend zur Weihnachtszeit ist es soweit.

"Das Hotel Bogota in der Schlüterstraße", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

"Das Hotel Bogota in der Schlüterstraße", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Wer nun vor lauter Freude nicht weiß, wo er mit sich hin soll oder dieses Jahr keinen Adventskalender bekommen hat, der möge am 1. Dezember in das Hotel Bogota kommen, um seiner Freude oder Trauer Ausdruck zu verleihen. Gastfreundlich wie Joachim Rissmann ist, öffnet er ab 12.00 Uhr alle Türen im gesamten Haus und lädt um 17.00 Uhr zu seinem letzten Tango in Berlin ein.

Rissmanns Engagement für die historischen und kulturellen Gegebenheiten des Hauses war beispiellos und dies ist eine letzte Möglichkeit ihm und dem Haus seine Aufwartung zu machen, bevor zumindest die Räumlichkeiten für immer der Öffentlichkeit entzogen werden. It´s time to say good bye. Man sieht sich!

www.bogota.de, siehe auch Bogota – Wieder verschwindet ein Stück Berliner Westen

Berlin ist ganz schön groß! Berlin ist ganz schön groß! Aber noch größer ist Thilo Bock als Goethe

Guten Tag, Guten Tag, sind Touristen heute da?
Steht Ihr Bus gleich vor der Tür oder kam’ Se mittem Rad?
Denn Touristen fahrn gern mit dem Fahrrad durch die Stadt,
dabei wissen die doch gar nicht,  wie man Fahrrad fährt.
[aus: Thilo Bock: "Sei laut, sei im Weg, sei nicht von hier!"]

"Thilo Bock", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

“Thilo Bock”, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Letzte Woche konnten wir den Ur-Berliner Autor Thilo Bock bei einer Lesung in der Agentur “Komet” erleben: Politisch inkorrekt, aber immer mit einem Augenzwinkern und herrlich erfrischend.

2009 erschien sein erster Roman “Die geladene Knarre von Andreas Baader – Historischer Gegenwarts-Roman”, 2011 “Senatsreserve: Ein Provinzroman” und “Dichter als Goethe: Heiligenlegenden und Geschichten aus Spaß” erschien 2013.

Weil Thilo sowieso alles besser ausdrücken kann, zitiere ich aus dem Klappentext der “Senatsreserve”: “Thilo Bock, 1973 in Berlin geboren, verbrachte seine lange Jugend im Außenbezirk Reinickendorf. Das Märkische Viertel besuchte er nur stundenweise.

Inzwischen lebt er zentraler. Regelmäßig liest, singt und trinkt er vor Publikum. So bei seiner monatlichen Randveranstaltung Dichter als Goethe. Im Wedding ist er weltberühmt. Er leitet eine Schreibwerkstatt und ex-perimentiert mit Nahrungsmitteln”.

Fein nuanciert setzt Thilo Bock seine Pointen und es folgt eine auf die andere. Geistreich und mit scharfsinnigem Witz und nicht ohne schauspielerische Ambitionen verführt er sein Publikum.

Dieses lag ihm längst zu Füßen als er sich vor den Füßen desselben niederließ und auf einem Harmonium, einem traditionellen indischen Musikinstrument (siehe Foto) seine Sangeskunst zum Besten gab. Wir lauschten der dramatischen Darbietung “Nacktmulle kennen keinen Schmerz” mit großer Andacht. Am Ende konnten keine Bücher mehr erworben werden, Thilo hatte zu wenig mitgebracht. Wer aber eines mit nach Hause nehmen durfte, den wird seine persönliche Widmung noch lange erfreuen. Sabine dankt herzlich!

Für heute habe ich den folgenden Song bei YouTube herausgesucht:

Thilo Bock: “Sei laut, sei im Weg, sei nicht von hier!”

www.thilo-bock.de

BubeDameKönigAss

Vier Positionen zeitgenössischer Malerei in der Neuen Nationalgalerie

Im Rahmen der Reihe “Painting Forever”, die in vier Einrichtungen in Berlin zu sehen war, sind in der Neuen Nationalgalerie noch bis zum 24. November 2013 in den vier Ecken der oberen Halle die Werke von den vier zeitgenössischen, in Berlin lebenden Künstlern Martin Eder, Michael Kunze, Anselm Reyle und Thomas Scheibitz zu sehen. Die im Titel der Ausstellung versprochene Dame befindet sich allerdings nicht unter den Ausstellenden, sondern kommt nur als Bildmotiv vor.

"Blick in die Neue Nationalgalerie (mit der Arbeit "Ein Jahr ohne Licht", Martin Eder 2005)", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

“Blick in die Neue Nationalgalerie (mit der Arbeit “Ein Jahr ohne Licht”, Martin Eder 2005)”
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Die vier Werkgruppen mit ihren unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen sollen formal und inhaltlich in den Dialog treten. Soweit die Theorie; in der Praxis werden die vier Positionen aber eher getrennt betrachtet. Da sind zum einen die Katzenbilder mit nackten Nympchen von Martin Eder und auf der anderen Seite das sechs Meter breite Gemälde “Vormittag” von Michael Kunze mit vielschichtigen Bezügen zu Philosophie, Film und Kunstgeschichte zu sehen. Bei beiden Positionen handelt es sich um figurative Werke. Dagegen sind die Arbeiten von Thomas Scheibitz und Amseln Reyles eher als abstrakt einzuordnen.

Im Gegensatz zur letztjährigen Documenta zeigt die “Viererbande”, dass die Malerei (das Tafelbild) nicht tot ist, im Gegenteil, sie lebt. “Painting Forever!” Eine empfehlenswerte Ausstellung und auch beim Umrunden der Neuen Natinalgalerie ergeben sich reizvolle Ansichten.

Video “BubeDameKönigAss”

Splush, Splodge, Spittle, Splat

Der Turner-Preisträger Anish Kapoor im Martin-Gropius-Bau

Aus "Selbst: Schatten und Spiegel", Foto © Friedhelm Denkeler 1976

Aus "Selbst: Schatten und Spiegel", Foto © Friedhelm Denkeler 1976

1992 auf der documenta IX erstmals gesehen (“Descent into Limbo”) und 2013 sogleich wieder erkannt. Anish Kapoor bespielt noch bis zum 24. November 2013 das gesamte Untergeschoss des Martin-Gropius-Baus inklusive Lichthof.

Bespielen ist für diese Ausstellung das passende Wort. Der Betrachter schrumpft förmlich angesichts der monumentalen Arbeiten. “The Death of Leviathan“ allein erstreckt sich über drei Ausstellungräume und “Symphony for a Beloved Sun” im Lichthof ist nur mit einer kompletten Umrundung desselben zu erfassen.

Kapoor spielt wieder einmal gekonnt mit optischen Täuschungen, die den Begriff “Realität” hinterfragen. Über-dimensionale Spiegel verzerren und irritieren die gewohnte optische Wahrnehmung des Selbst und des Raumes; schwarze Löcher ziehen den Betrachter magisch an und gleichzeitig in die Tiefe (wenn diese denn überhaupt real vorhanden ist); Objekte aus Tonnen von Zement suggerieren fragile Sandhaufen (“Splush”, “Splodge”, Spittle”, “Splat”); organisch anmutende und uns bekannte Formen werden aus Kunstharz nachgebildet und riesenhaft vergrößert.

Und immer wieder die Farbe Rot. Im Gegensatz zu den oben genannten Beispielen, die eher statisch wirken und trotz visueller Irreführung ihre Ausgangsformen behalten, ist das Rot stets mit Bewegung und Aktion verbunden. Es sind Objekte aus Wachs, die – maschinell bewegt- verkleinert, geschliffen oder geschleudert werden und sich im Laufe der Ausstellung immer wieder neu formieren.

Video “Anish Kapoor in Berlin”

Deutschland als Auswanderungsland oder: Humboldt auf der Durchreise in Schabbach

“Die andere Heimat” – Ein “Kurzfilm” von Edgar Reitz

Der Blick durch eine geschliffene Achatscheibe kann die Sicht auf die Welt verändern. Die Kunst des Lesens vermag dies ebenso. Und auch wenn Jakob am Ende des fast vierstündigen Schwarz-Weiß-Films (mit symbolisch-verspielten Farbeinsprengseln) von Edgar Reitz noch immer in Schabbach im Hunsrück lebt, so ist seine Welt nun eine andere. Ein Träumer ist er und in seinem Wunsch denkt er sich nach Brasilien. Das verheißungsvolle Land sucht Handwerker und Bauern auch in der fernen deutschen Provinz, die um 1840 nur ein karges Überleben in Not, Armut und Krankheit bereit hält.

Jakob stürzt sich auf jedes verfügbare Buch über Südamerika; er studiert verschiedene Dialekte und spielt im Geiste die Begegnungen mit Einheimischen durch. Er ist bestens vorbereitet. Aber das Leben spielt ihm nicht nur einen Streich. Er verliert viel und letztendlich ist es sein Bruder, der die ersehnte Reise antreten wird. Jakob bleibt in Schabbach, aber die wirklich großen Reisen finden letztendlich immer im Kopf statt und das hat er erkannt.

Diesen Film zu beschreiben, würde jeden Rahmen sprengen. Nur eine zauberhafte Begegnung zwischen einem Bauern (Edgar Reitz) und Alexander von Humboldt (Werner Herzog) sei noch erwähnt. Hervorragende Schauspieler und eine kameratechnisch betörend aufgenommene Landschaft – unbedingt ansehen!

"Heimat", aus "Selbst: Schatten und Spiegel", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Heimat", aus "Selbst: Schatten und Spiegel", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Wie lang ist eigentlich ein Kurzfilm von Edgar Reitz? 230 Minuten dauert sein neuer Film “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (2013) und die zogen wie im Fluge vorrüber. Seine bisherige Filmtrilogie aus der Heimat-Reihe “Heimat – Eine deutsche Chronik” (1984), “Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend” (1992), “Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende” (2004) besteht aus 30 Episoden und hat eine Gesamtlänge von 52(!) Stunden. Hinzu kommen noch der “Prolog: Geschichten aus den Hunsrückdörfern” (1981) und der “Epilog: Fragmente – Die Frauen” (2006). Die jetzige “Andere Heimat” spielt zeitlich vor diesen Filmen in der Zeit der Auswanderungswelle zwischen 1840 und 1843 – natürlich wieder im fiktiven Hunsrück-Dorf Schabbach.

www.dieandereheimat.de

Der Teppich ist ausgerollt … für das Gorki-Theater

"Der Teppich ist ausgerollt …" ("Läufer" von Nevin Aladag, Palais am Festungsgraben), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

"Der Teppich ist ausgerollt …" ("Läufer" von Nevin Aladag, Palais am Festungsgraben), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Das Maxim Gorki Theater unter der neuen Leitung von Shermin Langhoff eröffnet nicht mit einer Premiere (Tschechows “Kirsch-garten” startet erst am 15.11.2013), sondern mit dem “Berliner Herbstsalon”: einem “Haus der offenen Tür” und bezieht die Nachbargebäude das Palais am Festungsgraben und die Neue Wache gleich mit ein.

In den herrlichen Räumen des Palais in der ersten Etage (der Festsaal geht über zwei Stockwerke) zeigen 30 internationale Künstler ihre Werke “die sich mit der Vergangenheit und Gegenwart des Ortes” (Gorki-Theater, Palais am Festungsgraben, Neue Wache) beschäftigen. Dazu gehören Performances, Installationen und Videoarbeiten.

Der Läufer mit einem orientalischen Muster vor der neoklassizistischen Fassade des Palais am Festungsgraben von Nevin Aladag ist bereits von weitem zu sehen und “spielt auf die Debatte über kulturelle Diversifizierung innerhalb der westlichen Gesellschaft an und führt symbolisch Möglichkeiten eines Zusammenlebens mit Unterschieden vor” [Zitat Programmheft].

Wer der stofflichen Einladung in das Gebäude folgt und sich auf die Spuren der weiteren Künstler durch das Gebäude begibt, der fühlt sich gleichzeitig in eine spannende neue Spielzeit am Maxim Gorki Theater eingeladen. Der Herbstsalon geht noch bis zum 17. November 2013.

Santa Maria im November

"Santa Maria im November" (St. Marienkirche mit Fernsehturm, Alexanderplatz), aus "Sonntagsbilder", Foto © Friedhelm Denkeler 2006

"Santa Maria im November" (St. Marienkirche mit Fernsehturm, Alexanderplatz), aus "Sonntagsbilder", Foto © Friedhelm Denkeler 2006