Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: September 2013

Unbekanntes Objekt

"Unbekanntes Objekt auf dem Pariser Platz", aus "Sonntagsbilder", Foto © Friedhelm Denkeler 2003

"Unbekanntes Objekt auf dem Pariser Platz", aus "Sonntagsbilder", Foto © Friedhelm Denkeler 2003

Das Geheimnis des roten Steines und der Schatten

Es gibt Möglichkeiten für mich, gewiss,
aber unter welchem Stein liegen sie? [Franz Kafka]

Du, dessen Schatten Schatten licht macht, sag.
Was zeigt dein Schatten für Bilderwelt [Shakespeares Sonett 43]

Die Serie “Ich Binz” ist noch bis zum 27. September 2013 im Kabinett des “Katharinenhof am Preußenpark” zu sehen (siehe hier). Sie besteht aus sechs Triptychen, die in Binz auf Rügen entstanden sind. Ein in Jahrhunderten durch Wind und Wetter geformter und geschliffener Stein; das in jeder Sekunde sein Aussehen verändernde Wasser und ein Schatten, der langsam mit dem Stand der Sonne weiter wandert. Das Ewige, das sich Bewegende und die Vergänglichkeit des Augenblicks.

Triptychon aus der Serie "Ich Binz", Foto © Friedhelm Denkeler 2007

Triptychon aus der Serie "Ich Binz", Foto © Friedhelm Denkeler 2007

Die kleinste Bewegung ist für die ganze Natur von Bedeutung; das ganze Meer verändert sich, wenn ein Stein hineingeworfen wird. [Blaise Pascal, Gedanken]

Der Stein, das Wasser und der Schatten sind ständige Begleiter in der Welt der Kunst und der Philosophie. Der Stein behält über Jahrhunderte seine Form bei, nur durch Wind und Wetter wird er weiter geformt und geschliffen (oder durch den Bildhauer). Aber der Volksmund sagt auch, jeder Tropfen höhlt den Stein. Damit sind wir beim Wasser. Es verändert jede Sekunde sein Aussehen und wenn es besonders still ist, ist es auch besonders tief. Nur durch die Fotografie wird es eingefroren, wie hier als Fontäne. Und der Schatten? Er verändert langsam mit dem Stand der Sonne (wenn sie denn scheint) sein Aussehen und seine Lage. Hier ist der Schatten quasi die Unterschrift des Fotografen, er ist das einzige Immaterielle, das eine sichtbare Form hat.

“Zunächst erscheinen die Arbeiten fast identisch. Die Fotos erschließen sich erst aus der Serie, aus der Reihe. Beim aufmerksamen Betrachten erkennt man die verschiedenen Bildinszenierungen. Die Veränderungen, die kleinen und die großen werden dann sichtbar und verstehbar. Es sind unterschiedliche Facetten des Selbstporträts, inszeniert mit der Gestalt des Fotografen und ihm wichtigen Elemente: das Wasser in Form einer Fontäne und der Stein. Das Sprichwort “Steter Tropfen höhlt den Stein“ wäre hier viel zu banal und doch sind es diese beiden Gegenspieler, die ihn u.a. faszinieren, mit denen er in seinen Fotografien spielt.” [Beate Spitzmüller während der Eröffnungsrede im Katharinenhof]. Die sechs Triptychen sind auf meiner Website denkeler-foto zu sehen.

Suche nicht von vornherein nach einem Licht,
das ein Gegenstand unter anderen Gegenständen wäre:
Das Licht des Tempels krönt die Steine. [Antoine de Saint-Exupéry]

Eine Theaterphantasie von Robert Wilson

“Shakespeares Sonette” mit der Musik von Rufus Wainwright im Berliner Ensemble

Tag ist wie Nacht mir, kann ich dich nicht sehn,
Doch Nacht wird Tag, lässt Traum dein Bild erstehen [Sonett 43]

Robert Wilson (*1941) hat bisher am “Berliner Ensemble” vier Stücke inszeniert: “Die Dreigroschenoper” mit der Musik von Bertold Brecht/Kurt Weil (siehe hier), Matthew/ Kästners “Peter Pan” (siehe hier) mit der Musik und den Songs von CocoRosie (Bericht folgt), Wedekinds “Lulu” (bisher nicht gesehen) mit der Musik und den Songs von Lou Reed und jetzt “Shakespeares Sonette” mit der Musik von Rufus Wainwright. Bei allen Aufführungen war Wilson ebenfalls verantwortlich für die Bühnenausstattung und die einmaligen, für ihn typischen, magischen Lichtkonzepte.

Liebe – Hass, Sehnsucht – Überdruss, Leidenschaft – Langeweile, Männlichkeit – Weiblichkeit, Gesicht – Maske, Bewegung – Stillstand, Jugend – Alter, Leben – Tod sind die Themen in Shakespeares Gedichten. Diese Assoziationen erweckt Wilson mit Hilfe der Musik von Wainwright in 25 Sonetten (von 154) zum Leben – und das ist das Leben. Zwei schöne Szenen möchte ich hier darstellen, eine vor der Pause und eine danach:

Ein Liebender (oder eine Liebende, Frauenrollen werden von Männern gespielt und umgekehrt) auf einem Riesenfahrrad kann nicht zu seiner Angebeteten auf einem winzigen Kinderfahrrad herunterkommen. Beide radeln ständig aneinander vorbei. Das andere Szenenbild zeigt drei gewaltige Tankstellen mit Zählwerken und mit den drei singenden Tankwarten wird die Musik entprechend der Geschwindigkeit der Zählwerke rockiger und lauter. Hier hat sich dann Rufus Wainwright stärker durchgesetzt. Letztendlich deutet sich auch der Auszug aus dem Paradies an: Mit dem Baum der Erkenntnis, einem Apfel und einer Schlange.

"Kochtopf im Hamburger Bahnhof", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

“Kochtopf im Hamburger Bahnhof”, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Rufus Wainwright (*1973) ist ein kanadisch-US-amerikanischer Singer-Songwriter und Komponist und veröffentliche 1998 unter dem Titel “Rufus Wainwright” sein erstes Album. Ich habe die Single “Hallelujah” herausgesucht. Das Original ist von Leonard Cohen:

Rufus Wainwright: “Hallelujah”  (Ersatzlink)

Weitere sechs Alben sind inzwischen erschienen. Neben kleineren Filmrollen komponierte er 2006 die Oper “Prima Donna” und 2009 die Musik für die “Shakespeares Sonette”. Er hat mehrere Auszeichnungen und Nominierungen erhalten.

Your faith was strong but you needed proof/ You saw her bathing on the roof/ Her beauty and the moonlight overthrew you [aus "Hallelujah"]

Vorsicht Kunst!

ARTE POSTALE. Bilderbriefe, Künstlerpostkarten, Mail Art
in der Akademie der Künste am Pariser Platz

Mail-Art ist keine museale Kunst per Post, sondern ein Austausch, eine ästhetische Kommunikationsform und für viele Teilnehmer auch ein Vergnügen. [Rosa von der Schulenburg]

 "Mail-Art", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

"Mail-Art", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Kennengelernt habe ich die Mail-Art durch die Holzpostkarten von Josef Beuys aus dem Jahr 1977. Damals hat die Post sich noch die Mühe gemacht, auch einmal originelle “Briefe” zu befördern.

Vor und nach Beuys haben Künstler neben ihren eigentlichen Werken immer wieder einmal illustrierte Künstlerpost, d.h. beklebte und übermalte Ansichtskarten, aquarellierte Liebesbriefe, wild bestempelte Postkarten oder politische Statements auf gedruckten Postkarten an Freunde und Künstlerkollegen versandt.

Die Akademie der Künste zeigt aus ihren Archiven noch bis zum 8. Dezember 2013 an die 700 politische und ästhetische Exponate von Georg Grosz, Else Lasker-Schüler, Max Pechstein, Bernhard Heisig, Bernhard Schultze, Werner Stötzer, Hans Scharoun, Sarah Kirsch, Einar Schleef, Robert Wilson, Hanne Darboven, Lyonel Feininger, Andy Warhol, Jonathan Meese und vielen Anderen.

Schwerpunkte der Ausstellung sind jene Postsendungen, die an die Akademie der Künste perönlich gerichtet waren, die Protagonisten der Mail-Art-Szene aus der ehemaligen DDR und die Edition Staeck.

Die Kuratorin Rosa von der Schulenburg führte uns dankenswerter Weise anlässlich eines “Salons” persönlich durch die Ausstellung; die 90 Minuten gingen viel zu schnell vorbei und fanden einen diskussionsfreudigen Abschluss in einem Restaurant am Brandenburger Tor.

Übrigens: Der abgebildete Stempel “Vorsicht Kunst!” stammt von Klaus Staeck und ist neben einer Postkarten-Edition mit Mail Art-Motiven in der Ausstellung erhältlich. Nun steht er auf meinem Schreibtisch und wartet auf seinen Einsatz. Auf einer SMS jedenfalls dürfte das nicht möglich sein.  Fotostrecke Spiegel Online

Die falschen Soldaten vom Checkpoint Charlie

"Checkpoint Charlie", aus "In den Straßen von Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

"Checkpoint Charlie", aus "In den Straßen von Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

In den Straßen von Berlin (16)

Der bekannteste Grenzübergang zwischen West- und Ost-Berlin war der im amerikanischen Sektor liegende Checkpoint Charlie. Heute ist er einer der beliebtesten Treffpunkte für Touristen geworden. Die künstlerische Installation des russischen Soldaten stammt von Frank Thiel. Auf der Rückseite des Leuchtkastens ist ein amerikanischer Soldat zu sehen.

Der Grenzübergang in der Friedrichstraße markierte die Trennlinie zwischen den ehemaligen Einflussbereichen der beiden Weltmächte. 1961 standen sich hier sowjetische und amerikanische Panzer gefechtsbereit gegenüber. Heute halten hier nur zwei “Schauspieler” als alliierte Soldaten Wache und stellen sich den Touristen gegen einen kleinen Obolus als Fotomotiv zur Verfügung.

Noch bis zum 29. September 2013 sind neben zwei weiteren Serien (“Ich Binz”, “Im Wedding”) die großformatigen Fotos aus der Serie “In den Straßen von Berlin” aus dem Nach-Wende-Berlin im Foyer des “Katharinenhof am Preußenpark” zu sehen. Sie zeigen den Wandel des Stadtbildes in den letzten zehn Jahren: Abriss des Palastes und neue Hotels im Osten, Bautätigkeiten im alten Westen, Touristenströme am Checkpoint Charlie, am Hauptbahnhof und im Lustgarten in Mitte. (ausführlich siehe hier).

Eine Nacht in Bogota

Ein Hotel – Eine Nacht – Zehn Fotografen

Die Berliner Fotografin Ursula Kelm hat eine Aktion zur Rettung des geschichtsträchtigen Hotels Bogota am Berliner Kurfürstendamm initiiert (siehe “Bogota – Wieder verschwindet ein Stück Berliner Westen“). Zehn Fotografen verbrachten eine Nacht im Hotel und jeder hielt seine Eindrücke auf ganz persönliche Weise fotografisch fest.

Die Bilder werden jetzt in einer gemeinsamen Fotoausstellung präsentiert. Die Eröffnung findet am 8. September 2013 um 17 Uhr im Hotel Bogota statt (Photoplatz Hotel BOGOTA, auf allen Etagen Schlüterstraße 45, 10707 Berlin). Die Ausstellung ist bis zum 30. Oktober 2013 zu sehen.

Ursula Kelm fungiert bei diesem Projekt als Kuratorin und sagt dazu: “Was können wir tun, außer die Petition zu unterzeichnen, was kann ich tun? Diese Frage stellte sich mir. Eine Möglichkeit bleibt uns Fotografen: Fotos! Sehr kurzfristig habe ich eine Aktion initiiert mit zehn Fotografen. Zwei Tage, eine Übernachtung. Fotografieren im gesamten Haus, auf allen Ebenen: tags, abends, nachts, morgens. Das ist unser Beitrag.“ Petition “Das Hotel Bogota soll leben”

"Bogota darf nicht sterben" (Artikel des Tagesspiegel im "Bücherbogen"), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

"Bogota darf nicht sterben" (Artikel des Tagesspiegel im "Bücherbogen"), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

In dem hochherrschaftlichen Altbau in der Schlüterstraße 45 befand sich über zwei Etagen das Atelier der Fotografin YVA (Elisabeth Neuländer), bei der Helmut Newton 1936 seine Fotolehre begann. “Sie schlafen in heiligen Räumen”, sagte er, als er im Jahr 2002 Berlin das letzte Mal besuchte und im Bogota übernachtete. Dieses Zitat ist inzwischen zum Leitspruch des Hauses geworden. Joachim Rissmann setzt in seinem Hotel die fotografische Tradition des Hauses fort: Seit 1994 veranstaltet er mit dem Photoplatz in mehreren Räumen wechselnde Fotoausstellungen, um die Erinnerungen an die Geschichte des Hauses lebendig zu halten.

www.bogota.de

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