Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Ein Sittengemälde der Zeit nach dem Mai 1968 von Olivier Assayas

Wer mit Politik umgeht, hat mit klaren Ideen zu tun. Wer seine Kunst ausübt, hat mit widersprüchlichen, mit mysteriösen, ja vielleicht obskuren Ideen zu tun. Er darf mit mehreren Stimmen sprechen. [Olivier Assayas]

Der Sponti-Spruch aus den 1970er Jahren „Gefühl und Härte“ beschreibt die Grundtendenz des neuen Films von dem französischen Regisseur Olivier Assayas „Die wilde Zeit“ schon sehr gut. Er spielt in der Zeit des „Après Mai“ (so der französische Original-Titel) und handelt von einer Generation Anfang der 1970er Jahre, die zu spät für die 1968er Mai-Revolte in Frankreich kam.

"Gefühl und Härte", Foto © Friedhelm Denkeler 1981
„Gefühl und Härte“, Foto © Friedhelm Denkeler 1981

Gleich zu Beginn des Films beginnt die Härte: Polizisten schlagen auf protestierende Gymnasiasten ein und treiben sie durch die Straßen einer französischen Provinzstadt. Nachts werden sie beim Graffiti-Sprühen an der Schule von Wachleuten entdeckt und mit Eisenstangen gejagt, Molotowcocktails fliegen und plötzlich liegt ein Wachmann im Koma.

Und mittendrin ist Gilles. Aber er versteht sich weniger als Revolutionär, der für die Weltrevolution kämpft, sondern als Künstler. Genau das wird ihm von seinen Genossen, die wie er eher aus bürgerlichen Verhältnissen kommen, auch vorgeworfen: „Kunst, das ist Einsamkeit. Du bist außerhalb des Kampfes“. Er muss sich auch entscheiden zwischen Laure, die seine Kunst versteht, ihn aber verlässt (die Eltern ziehen weg) und Christine, die sich dem politischen Kampf angeschlossen hat, ihn aber liebt.

Der Zuschauer geht, läuft, wirft und flüchtet mit der starken Musik von Captain Beefhardt, Nick Drave und Syd Barrett gleichsam mit den Protagonisten mit. Gilles hört im Film Booker T. & The M.G.’s. Hier hat der Regisseur auch die Erlebnisse seiner eigenen Jugend verarbeitet. Andere Filmemacher haben diese Zeit als „bleiern“ bezeichnet, bei Assayas ist sie wild und gefühlvoll. Am Ende hat einer die Kunst, eine den Tod, eine die Rückkehr in die Familie und andere haben das Filmkollektiv gewählt.

Die Kinder von Marx und Coca Cola glauben nicht an Gott, aber an Bildung, Freiheit und Kino: „In ihrem Pathos des Lesens, des Lernens liegt einer der größten Unterschiede zu heute: Welcher Schüler kauft sich schon am Morgen fünf Zeitungen? … Assayas ruft uns eine Epoche ins Gedächtnis, in der die Menschen kein Internet und kein Smartphone hatten, dafür viel Zeit, nicht nur zum Lesen“ (Rüdiger Suchsland im „Rolling Stone“).

Das Sittengemälde erzählt von der Überlegenheit des Privaten über das Politische. Die Kunst hat viele vor dem Abrutschen vom legalen Widerstand in den illegalen Terror gerettet. Meine Empfehlung: unbedingt ansehen; zum Vergleich vielleicht auch noch einmal Michelangelo Antonionis Klassiker „Zabriskie Point“ (von 1970).

Die siebziger Jahre waren in dem Sinne hegelianisch, als es einen Glauben in die Zukunft gab, ein Vertrauen in die Transformation der Welt. Den haben wir verloren. Von einer Welt, die eine Vergangenheit und eine Zukunft hatte, haben wir uns in eine Welt ohne Vergangenheit und ohne Zukunft begeben. [Olivier Assayas]

Trailer – Die wilde Zeit