Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Juli 2013

Bogota – Wieder verschwindet ein Stück Berliner Westen

Petition “Das Hotel Bogota soll leben”

Sie schlafen in heiligen Räumen [Helmut Newton]

"Hotel Bogota in der Schlüterstraße", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

“Hotel Bogota in der Schlüterstraße”
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Nach den Kinos Gloria-Palast (jetzt: Modekette), Marmorhaus (jetzt: Modekette), Kurbel (jetzt: Öko-Supermarkt), Filmbühne Wien (jetzt: Apple-Store) und den Cafés Kranzler und Möhring soll wieder ein gewachsenes Stück West-Berlin verschwinden: Das Hotel Bogota mit seinem Forum für Fotografie, mit Lesungen und Kulturveranstaltungen in der Schlüterstraße 45, Ecke Kurfürstendamm.

Das denkmalgeschützte Gebäude in der Schlüterstraße wurde 1911 als Wohnhaus errichtet und beherbergte u.a. in den 1920er Jahren den Unternehmer Oskar Skaller, dessen legendäre Feste mit einem Auftritt von Benny Goodman gekrönt wurden. 1936 betrat Helmut Newton erstmals das Haus, um eine Fotolehre bei YVA zu beginnen.

Die auf den bürgerlichen Namen getaufte Elisabeth Neuländer und später verheiratete Neuländer-Simon, die in der Welt der Modefotografie als YVA berühmt wurde, war bekannt für ihre avantgardistischen Modeaufnahmen, die in zahlreichen Magazinen publiziert wurden. Ihr Atelier erstreckte sich über zwei Etagen und nachdem sie begonnen hatte auch berühmte Persönlichkeiten zu porträtieren, gingen diese im Atelier ein und aus. 1938 erhielt sie als Jüdin Berufsverbot und musste das Atelier schließen. Der gesamte Archiv wurde im Krieg zerstört.

Der Propriétaire des Hotels Bogota Joachim Rissmann, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Der Propriétaire des Hotels Bogota Joachim Rissmann
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Der Propriétaire des Hotels Joachim Rissmann setzt in seinem Hotel die fotografische Tradition des Hauses fort. Seit 1994 veranstaltet er mit seinem Photoplatz in mehreren Räumen wechselnde Fotoausstellungen. Er betont stets, kein Galerist zu sein, sondern möchte neben dem Hotelbetrieb die Erinnerungen an die Geschichte des Hauses lebendig halten. Und das gelingt ihm wirklich. Es herrscht eine angenehme, familiäre und wohnliche Atmosphäre im gesamten Hotel.

Gerade die Ecke Kurfürstendamm/ Schlüterstraße ist mittlerweile zum Spekulationsobjekt verkommen. Und nun ist scheinbar das Hotel Bogota “dran”. Nachdem dann die üblichen Büros und Luxusläden eingezogen sind, bleibt als Feigenblatt nur noch eine Gedenktafel übrig, die an die Geschichte des Hauses und ihrer Bewohner erinnert.

Das mindeste, was man tun kann, ist die Petition “Das Hotel Bogota soll leben” an den Regierenden Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit und Staatssekretär Dr. André Schmitz zu unterzeichnen. Viva Bogota!

Aus den Kommentaren der Unterzeichner der Petition “Das Hotel Bogota soll leben”:

In YVA's Atelier im Hotel Bogota, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

In YVA’s Atelier im Hotel Bogota
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

So einen Ort wie das Hotel Bogota wird es nie wieder geben | Das Hotel Bogota ist ein Stück der Kulturgeschichte Berlins | Berlin kann nicht einerseits eine Themenjahr “Zerstörte Vielfalt ausrufe, während es andererseits zulässt, dass diese Vielfalt munter weiter zerstört wird | Das Haus hat es nicht verdient, das seine Geschichte in Büchern verpackt vergessen wird |

Es wäre schön, wenn einmal nicht die Geldvermehrung das Wichtigste wäre | Erinnerung braucht lebendige Orte | Atmosphäre entsteht nicht mit einem Fingerschnips, sie bildet sich über einen langen Zeitraum hinweg durch die Menschen, die einen Ort lieben und beleben | Bitte nicht alleine Raum für Konsum schaffen, sondern auch zum leben lassen |

Ohne das Hotel Bogota würde diese Stadt einen weiteren Ort der Ausstrahlung und Wärme verlieren | Hier begegnet man Globetrottern, Künstlern, Intellektuellen und Genießern aller Art | Ein wunderbarer Ort, betrieben von einer engagierten Familie mit einem Auge für Kunst und Fotografie.

www.bogota.de

Neun Tage Liebe und Frieden im Kalten Krieg

X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten
vom 28. Juli bis zum 5. August 1973 in Ost-Berlin

"Munteres Treiben unter der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz", Foto © Friedhelm Denkeler 1973

"Munteres Treiben unter der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz", Foto © Friedhelm Denkeler 1973

Acht Millionen Besucher und 25.000 geladene Gäste aus 140 Ländern feierten im Sommer 1973 das “Woodstock des Ostens” in Ost-Berlin. Auf 95 Bühnen waren Lieder der Singeklubs zu hören; es spielten Jugendblasorchester und Beatbands.

Bis in die frühen Morgenstunden herrschte auf den Straßen und Plätzen der Stadt ein munteres Treiben. Die DDR-Führung wollte sich unter Honecker liberal und weltoffen präsentieren. Nach den Spielen war es damit bald wieder vorbei.

Die Volkspolizisten und natürlich auch die Stasi sollten sich möglichst zurückhalten, bzw. unauffällig bleiben. So nutzten die DDR-Jugendichen ihre ungewohnte Freiheit zum Austausch politischer und kultureller Meinungen mit der Jugend der Welt.

Regierungskritische Jugendliche wurden bereits vor den Spielen an der Teilnahme gehindert, wurden festgesetzt oder erhielten ein Einreiseverbot nach Ost-Berlin. Regierungsfeindliche Transparente oder Flugblätter waren natürlich nicht zu sehen und es gab – wie erwartet – keine Zwischenfälle.

Auch das DDR-Fernsehen zeigte sich international und freizügig: Um Mitternacht liefen erotische Filme aus Italien im Programm und im Jugendstudio DT64 des Radios wurden internationale Hits gespielt. Beides sahen und hörten wir natürlich auch in West-Berlin.

"Demonstration der DDR-Jugend", Foto © Friedhelm Denkeler 1973

"Demonstration der DDR-Jugend", Foto © Friedhelm Denkeler 1973

"X. Weltfestspiele in Ost-Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 1973

"X. Weltfestspiele in Ost-Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 1973

"Blaue Hemden", Foto © Friedhelm Denkeler 1973

"Blaue Hemden", Foto © Friedhelm Denkeler 1973

Mick “Lonely at the Top” Jagger

Angel in My Heart – Zum 70. Geburtstag von Sir Mick Jagger

Mick Jagger verkörpert das Versprechen darauf, dass die Party nie zu Ende geht. [taz]

Heute wird er 70 Jahre und steht seit 50 Jahren den Rolling Stones als Frontmann vor: Mick Jagger. 2003 wurde er für seine “Verdienste um die populäre Musik” zum Ritter geschlagen und darf jetzt den Titel “Sir” tragen.

"Angel in My Heart", Foto © Friedhelm Denkeler 1984

“Angel in My Heart”, Foto © Friedhelm Denkeler 1984

Zum Ehrentag habe ich einen weniger bekannten Song aus seinem dritten Soloalbum “Wandering Spirit” aus dem Jahr 1993 herausgesucht:

Mick Jagger: “Angel in My Heart”

Im Video ist die Studioaufnahme zu hören und der Songtext wird eingeblendet. Eine Liveaufnahme finden Sie hier. Seinen letzten Auftritt hatte Mick mit den Rolling Stones kürzlich im Londener Hyde-Park. Sie spielten hier bereits schon einmal vor 44 Jahren.

Der “focus” meint: “Unbestritten der Pfau auf der Bühne aber war Jagger. Sein Mund so groß wie der Eingang zum Gotthard-Tunnel, die Stimme fordernd und arrogant, federnd und tänzelnd der Gang. Ein Mann, so mager wie ein indischer Asket, aber mit der Präsenz eines ungeschlagenen Gladiators”.

Arne Willander schreibt im “Rolling Stone”: “In der Skandalbiografie ‘Mick’ führt Christopher Andersen neben den bekannten turbulenten Ehen mit Bianca Jagger und Jerry Hall Affären sowie bekannten Amouren mit Marianne Faithfull und Uschi Obermaier auch Affären mit Angelina Jolie, Sophie Dahl, Carly Simon, Linda Ronstadt, Uma Thurman, Carla Bruni, Madonna und David Bowie auf.”

Zum Schluss noch ein Song aus Jaggers ersten Soloalbum “She’s the Boss” aus dem Jahr 1985: Mick Jagger: “Lonely at the Top”

I can feel the salt on my skin
I can hear the birds on the wing
I can smell the wood on the fire
I can see the smoke of desire
Let me in your dreams
Angel in my heart, Angel in my heart

Siehe auch “Ein halbes Jahrhundert ‘Rolling Stones’

Gefangen in der Standstelle

"Gefangen in der Standstelle"  aus "Selbst: Hand und Fuß", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

"Gefangen in der Standstelle" aus "Selbst: Hand und Fuß", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Die Arbeit “Standstelle und ein Schritt seitwärts, gegenüber” von Franz Erhard Walther aus dem Jahr 1975 befindet sich zur Zeit in der Ausstellung “Body Pressure – Skulptur seit den 1960er Jahren” im “Hamburger Bahnhof”.

Bewegende und ästhetische Kampfkunst

Ein Liebesgefecht zwischen Mann und Frau im
neuen Film “Grandmaster” von Wong Kar-Wai

Kung Fu – Zwei Worte, waagerecht und senkrecht; nur der gewinnt der stehen bleibt (wenn alle anderen am Boden liegen)

"Die fliegenden Menschen" (Tomás Saraceno: Cloud Cities), Foto © Friedhelm Denkeler 2011

“Die fliegenden Menschen” (Tomás Saraceno: Cloud Cities), Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Wong Kar-Wai setzt in seinem aktuell in den Kinos laufenden Martial-Arts-Film die Biografie von Ip Man (Tony Leung), dem Kung-Fu-Lehrer von Bruce Lee, in Szene. Die Geschichte erzählt von Ip Man, der durch seinen Widerstand gegen die Japaner in China zum Volkshelden wurde und von seiner romantischen, aber unmöglichen Liebe zu Gong Er (Zhang Ziyi).

Der Film eröffnete wenige Tage nach seiner endgültigen Fertigstellung (und nach einer Drehdauer von einigen Jahren) die diesjährigen Berliner Filmfestspiele.

Die Bilder des Films wird man nicht so schnell vergessen: Die Kämpfe im Schneetreiben und nächtlichen Regen sind aber nicht Wong Kar-Wais eigentliches Anliegen, sondern Stimmung, Sinnlichkeit und Sehnsucht. In den 123 Minuten wird nicht in der realen Welt gekämpft, sondern in den Gefühlsbereichen der Akteure. Die Außenräume sind deshalb auch nur schemenhaft auszumachen.

Hier wird Martial Arts ästhetisch zum Ballett in Zeitlupe stilisiert. Kaum Gewalt, nur ein einziger Tropfen Blut fällt in extremer Zeitlupe in Großaufnahme in eine Wasserpfütze. Der Film wird nicht das große Publikum finden: Für Zartbesaitete gibt es zu viel Kampf, der durch die Zeitlupe monoton wirken kann und für die Action-Fans ist der Film zu harmlos.

Ganz am Ende erinnern sich die beiden unglücklich verliebten Kampfkünstler an ihre Kindheit, an ihre ersten Übungsstunden beim Meister bzw. beim Vater. Die Möglichkeit der Liebe ist vorhanden, aber sie erfüllt sich nicht, wie in allen Filmen von Wong Kar-Wai. Ein großer, sehenswerter Kampfkunst-Kunst-Film, natürlich wieder mit der Musik von Shigeru Umebayashi.

Trailer

Ein Lebenszeichen von C|O Berlin … am Amerikahaus

Der neue Platz für Photographie ab Frühjahr 2014

"Open-Air-Ausstellung von C|O vor dem Amerika-Haus", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

“Open-Air-Ausstellung von C|O vor dem Amerika-Haus”
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Die C|O-Galerie musste bekanntlich das Postfuhramt in Mitte im März 2013 räumen. Aber es geht weiter.

Gestern Abend meldeten sich die Galeristen zurück und eröffneten Open Air vor der Baustelle des Amerika-Hauses in der Hardenbergstraße am Bahnhof Zoo eine Ausstellung unter dem Titel “Bourgeoisie, Swing und Molotow-Cocktails”.

Die Ausstellung mit 15 doppelseitigen Displays und 120 Fotografien zeigt die Geschichte des Amerikahauses im Wandel von über fünfzig Jahren. Sie ist noch bis zum 15. September 2013 zu sehen. Weitere werden folgen.

Das Amerika-Haus wurde 1957 als Kultur- und Informationszentrum der USA, einschließlich Kino, Bibliothek und Ausstellungsflächen eröffnet. Zu sehen waren hier u.a. die Werke von Robert Rauschenberg, Frank Lloyd Wright, Jackson Pollock, Lyonel Feininger und William Eggleston, dem Wegbereiter der künstlerischen Farbfotografie.

In den 1968er Jahren war das Haus Ziel vieler antiamerikanischer Demonstra-tionen, aber bereits am 5. Februar 1966 wurde das Haus anlässlich einer Anti-Vietnamkriegs-Demo mit Eiern beworfen, später folgten Molotov-Cocktails. Seitdem gehörten Polizei, Kontrollen und Zaunsysteme zum Besuch des Hauses. 2006 übergaben die USA das Gebäude der Stadt Berlin, die es nun für 16 Jahre an C|O vermietet hat.

"Stephan Erfurt präsentiert das aus dem Postfuhramt gerettete Schild", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

“Stephan Erfurt präsentiert das aus dem Postfuhramt gerettete Schild”, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

In der Nähe zum Museum für Fotografie/der Newton Foundation (Jebensstraße), der Galerie Camera Work (Kantstraße), der Universität der Künste (Hardenbergstraße) und dem Hotel Bogota (dazu demnächst mehr) entsteht nun ein einzigartiger Kultur-Cluster für fotografische Ausstellungen und Veranstaltungen.

Einzug und Eröffnung von C|O im Amerika-Haus mit einer Ausstellungsfläche von 2.000 Quadratmetern (ähnlich wie im bisherigen Postfuhramt) sind nach der Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes für das Frühjahr 2014 geplant.

Im Stil der 1950er Jahre wird behutsam renoviert; so sollen auch die Solnhofer Fliesen, die sich unter diversen Bodenschichten befinden, wieder freigelegt werden.

“Erstmals in unserem Leben können wir über ein Jahr hinaus planen” freute sich der Leiter von C|O Berlin bei der gestrigen Eröffnung, während er stolz das “gerettete” Schild vom Postfuhramt präsentierte.

www.co-berlin.info,
siehe auch:
Von der Mitte in den Westen

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