Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Mai 2013

Das Tempelhofer Feld

"Das Tempelhofer Feld", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Das Tempelhofer Feld", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

In den Straßen von Berlin (13)

Die Geschichte des Fliegens auf dem Tempelhofer Feld begann um 1900 mit der Stationierung der militärischen Luftschifferabteilung. Im August 1909 startete hier während einer mehrwöchigen Flugschau der erste Zeppelin und landete anschließend in der Jungfernheide. Der Luftfahrtpionier Orville Wright führte Demonstrationsflüge durch und stellte dabei den Höhenweltrekord von 172 Metern auf. Der Ruf nach einem richtigen Flugplatz wurde immer lauter und es entstand ein erster in Johannisthal. Zu weit von der Stadtmitte entfernt, stellte man bald darauf fest und so begann 1922 der Bau eines Flughafens in Tempelhof.

1923 wurde der Flughafen Tempelhof offiziell in Betrieb genommen. Im ersten Jahr starteten 150 Flüge mit insgesamt 100 Passagieren. Tempelhof entwickelte sich zum wichtigsten Flughafen Europas und wurde auf Dauer zu klein. Planungen für den Zentralflughafen Tempelhof mit der heutigen Bebauung begannen. 1942 wurde der Weiterbau eingestellt. Die Gebäude wurden Teil der von den Nazis geplanten Nord-Süd-Achse für die “Welthauptstadt Germania”. Ingesamt war Tempelhof zu dieser Zeit der größte zusammenhängende Gebäudekomplex der Welt.

1945 übernahm die US-Air-Force den Flughafen Tempelhof von den sowjetischen Besatzern. Vom Juni 1948 bis zum Mai 1949 wurden alle Zufahrtswege nach Berlin (West) durch die Sowjets blockiert. Der Flughafen bekam während dieser Zeit eine völlig neue Bedeutung – die Berliner Luftbrücke entstand. Teilweise im 90-Sekunden-Takt starteten und landeten die Flugzeuge (“Rosinenbomber”), um die Versorgung von Berlin sicherzustellen. Ab 1950 wurde der Flughafen auch für die zivile Nutzung freigegeben. Die drei westalliierten Fluggesellschaften Pan Am, BEA und Air France flogen nun regelmäßig Tempelhof an. Mit dem Ende der Teilung Deutschlands und dem Baubeginn des neuen Flughafens Schönefeld endete am 30. Oktober 2008 der Flugbetrieb in Tempelhof.

Seit Mai 2010 ist das ehemalige Flughafen-Gebiet öffentlich zugänglich. Der Volksmund sagt “Wer am höchsten fliegt, sieht am weitesten”, das stimmt sicherlich. Für uns Städter allerdings ist auch der Besuch des Tempelhofer Feldes schon ein Ereignis an sich. Endlich können wir einmal den Horizont wahrnehmen und an die 2.500 Meter weit sehen. Kein Baum, Strauch und oder Gebäude, nichts stört die Sicht. 386 Hektar freies Feld bieten mitten in der Stadt eine grandiose Fernsicht.

In einer Vorab-Auswahl, bestehend aus zehn großformatigen Farb-Fotos, sind Bilder aus dem Nach-Wende-Berlin im Foyer des “Katharinenhof am Preußenpark” ab dem 1. Juni 2013 zu sehen. Sie zeigen den Wandel des Stadtbildes in den letzten zehn Jahren: Abriss des Palastes und neue Hotels im Osten, Bautätigkeiten im alten Westen, Touristenströme am Checkpoint Charly, am Hauptbahnhof und im Lustgarten in Mitte (ausführlich siehe hier)

Wrapped Nationalgalerie

Einladung zur Vernissage “Friedhelm Denkeler: Photographien” am
Freitag, 31. Mai 2013, 19:30 Uhr, im “Katharinenhof am Preußenpark”

"Die verpackte Nationalgalerie", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

"Die verpackte Nationalgalerie", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Nein, Christo war hier nicht am Werk, sondern nur der Autor, der für seine neue Ausstellung die Bilder verpackt zur Abholung bereit gestellt hat. Im “Katharinenhof am Preußenpark” sind ab 1. Juni 2013 die folgenden drei Werkgruppen zu sehen:

  • “Ich Binz”: Die Serie im Kabinett des “Katharinenhof am Preußenpark” besteht aus fünf Triptychen, die in Binz auf Rügen entstanden sind. Ein in Jahrhunderten durch Wind und Wetter geformter und geschliffener Stein; das in jeder Sekunde sein Aussehen verändernde Wasser und ein Schatten, der langsam mit dem Stand der Sonne weiter wandert. Das Ewige, das sich Bewegende und die Vergänglichkeit des Augenblicks. Die Triptychen sind auf meiner Website denkeler-foto zu sehen.
  • “In den Straßen von Berlin” (work in progress): In einer Vorab-Auswahl, bestehend aus zehn großformatigen Farb-Fotos sind Bilder aus dem Nach-Wende-Berlin im Foyer des “Katharinenhof am Preußenpark” zu sehen. Sie zeigen den Wandel des Stadtbildes in den letzten zehn Jahren: Abriss des Palastes und neue Hotels im Osten, Bautätigkeiten im alten Westen, Touristenströme am Checkpoint Charly, am Hauptbahnhof und im Lustgarten in Mitte. Eine Auswahl von Fotos finden Sie hier im Journal.
  • “Im Wedding”: Zwischen Oktober 1977 und März 1978 habe ich mehrere Fotospaziergänge im Berliner Bezirk Wedding unternommen. 32 Jahre später habe ich die dabei entstandenen Fotos ausgewertet und zu einem Portfolio und Autorenbuch mit 159 Fotos zusammengestellt. Die klassischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind in einer Auswahl von 32 Bildern aus dem Wedding im Rundgang des “Katharinenhof am Preußenpark” zu sehen (siehe auch “Fotospaziergänge ‘Im Wedding‘ aus dem Jahr 1978″). Auf meiner Website denkeler-foto sind dreißig Bilder aus der Werkgruppe dargestellt.

“Friedhelm Denkeler: Photographien”, Katharinenhof am Preußenpark, Sächsische Straße 46, 10707 Berlin, 1. Juni 2013 bis 27. September 2013. Die Einladungskarte zur Vernissage am 31. Mai 2013 finden Sie hier.

Kippenberger kippelt, das aber “very good”

Im Hamburger Bahnhof in Berlin kippelts noch bis zum 18.08.2013

Jeder Künstler ist ein Mensch. [Kippenberger]

In den Rieck-Hallen des Hamburger Bahnhofs lässt die Kippenberger-Retrospektive die sogenannten Neuen Wilden der 1980er Jahre exemplarisch noch einmal auferstehen. Man feiert sich selbst und es kippelt gewaltig. Gekreuzigte Frösche in vielerlei Farben, Malerei, Fotografie, Zeichnung und Installation; eine bunte Mischung wie aus dem Spielzeugladen erinnert an scheinbar paradiesische Zustände des Künstlerlebens in Berlin, Hamburg und Köln zu dieser Zeit. Die Distanz zur etablierten Kunstszene ist beabsichtigt. Die etablierten Werkzeuge hingegen werden benutzt.

Martin Kipperbergers gekreuzigte Frösche, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Martin Kipperbergers gekreuzigte Frösche, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Gleich im ersten Raum wagt es Kippenberger, an dem Mythos von Joseph Beuys zu kratzen und spricht dessen 1968 durchgeführte Kunstaktion “Ja ja ja, Nee nee nee nee” nach. Provokation, eine gute Portion Humor und eine Menge Narzissmus prägen Kippenbergers Arbeiten in den langen Hallen und im Untergeschoss. Kurzweilig ist die Ausstellung und schnell erfassbar. Eine kleine Zeitreise auf den Spuren eines Künstlers, der zu den Neuen Wilden zählte und das Adjektiv wild zu wörtlich für sein eigenes Leben nahm. 1997 starb Kippenberger 44-jährig.

Ein “gefälschtes” Plakat zur großen Kunstausstellung der Documenta, zu der er nie eingeladen wurde, zeugt entweder von der Sehnsucht nach Anerkennung in internationalen Kunstkreisen oder alternativ von der “Veräppelung” eben dieser. 1988 nahm er an der Biennale Venedig teil.

Wohltuend reduziert und erst auf den zweiten Blick zu entziffern sind Kippenbergers sogenannte Weiße Bilder von 1991, die im Westflügel des Hamburger Bahnhofs ausgestellt werden. Einen neunjährigen Jungen bat er, Kommentare zu einigen seiner Arbeiten zu verfassen. Diese in Schönschrift verfassten Sätze übertrug Kippenberger in transparenter Lackfarbe auf weiße Leinwände und kommentierte sie lehrerhaft mit “sehr gut/ very good!”. Fugenlos eingespachtelt füllen die 11 Bilder den Raum. Weiß auf weiß dient die eigene Bewertung des Künstlers auch gleichzeitig als Titel der Ausstellung im Hamburger Bahnhof. Genial oder überschätzt? Die 20 Jahre sind vorbei. Der Mensch Kippenberger wurde sichtbar.

Kunst wird ja sowieso immer erst im Nachhinein betrachtet… Ich würde sagen, 20 Jahre ist der Zeitraum. […] Was dann die Leute noch von mir erzählen oder nicht erzählen werden, entscheidet. Ob ich gute Laune verbreitet habe oder nicht. Und ich arbeite daran, dass die Leute sagen können: Kippenberger war gute Laune! [Kippenberger]

Die Ausstellung ist noch bis zum 18. August 2013 im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin zu sehen.

Siehe auch Wie ein Laufsteg im Museum landete… und  www.hamburgerbahnhof.de

Rosa Idylle

"Rosa Idylle auf dem Krongut Bornstedt", aus "Sonntagsbilder", Foto © Friedhelm Denkeler 2003

"Rosa Idylle auf dem Krongut Bornstedt", aus "Sonntagsbilder", Foto © Friedhelm Denkeler 2003

The Unknown Artists und die Frau im Dunkeln

Enno Kaufhold und Joachim Rissmann bei der Ausstellungseröffnung, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Enno Kaufhold und Joachim Rissmann bei der Ausstellungseröffnung, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Das Hotel Bogota in der Schlüterstraße birgt viele Geheimnisse. Zu dem allseits bekannten, dass Helmut Newton in dem Atelier der Fotografin YVA 1936 seine Fotolehre begann, kommt nun ein weiteres hinzu. Die aktuelle Ausstellung, die der Propriétaire Joachim Rissman im Erdgeschoss des Hauses präsentiert, zeigt Fotografien von zwei nicht in die Öffentlichkeit treten wollenden Fotografinnen.

Die unter den Pseudonymen Charlotte K und Bernadette Ypso entstandenen Arbeiten, lassen, zumindest in einem Fall, die Nähe zum schauspielerischen Milieu, annehmen. Die zweite Arbeit zeugt von einem fotografisch geschulten Blick. Mutmaßungen über vermeintliche Urheber der Fotografien behalte ich für mich. Das ist der Sinn eines Geheimnisses. Das Rätseln geht weiter.

Aber ein weiteres Geheimnis wird gelüftet. Die Autorin des im März erschienenen Buches “Die Frau im Dunkeln – Autorinnen und Komponistinnen des Kabaretts und der Unterhaltung von 1901 bis 1935″, Evelin Förster, tritt am 30. Mai 2013 mit ihrem aktuellen Programm “Land des Lächelns oder Es wird schon wieder besser – Unbeliebte Künstler im Rampenlicht” im Hotel Bogota auf. Diese Veranstaltung ist Bestandteil des Berliner Themenjahres “Zerstörte Vielfalt”. Die Ausstellung ist noch bis zum 16. Juni 2013 zu sehen.

Blut und Gold

Imran Qureshi – Der Künstler des Jahres in der neuen Kunsthalle der Deutschen Bank

Nach dem spektakulären Coup der “Deutsche Bank KunstHalle”, der Laienkünstlern die bekannten Warhol´schen 15 Minuten Aufmerksamkeit schenkte und zu einem Berliner Event werden ließ, besinnt sich die Kunsthalle in ihrer ersten Ausstellung nach Auflösung der Guggenheim-Kooperation auf ihre ursprüngliche Bedeutung und präsentiert den Künstler des Jahres.

"Auf dem Blutberg" (Imran Qureshi: "And They Still Seek the Traces of Blood", 2013, in der Kunsthalle der Deutschen Bank), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

“Auf dem Blutberg” (Imran Qureshi: “And They Still Seek the Traces of Blood”, 2013, in der Kunsthalle der Deutschen Bank),
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Der diesjährige Preisträger Imran Qureshi aus Pakistan, präsentiert Unter den Linden kleine Miniaturbilder, großformatige Abstraktionen und eine vor Ort geschaffene Installation.

Im ersten Raum befinden sich die großen ovalen Wandbilder in den Farben Rot und Gold. Das Gold bildet jeweils den Untergrund für eine sich rot ausbreitende Fläche teilweise ornamentalen Blattwerks. Eine vermeintliche Vergrößerung der zu erwartenden Miniatur-malerei.

Den zweiten Raum füllt eine aus zusammengeknülltem rotem Papier fast raumhohe Installation aus. Ein schmaler Gang erlaubt dem Besucher die Umrundung und lässt unterschiedliche Ornamente auf den einzelnen Papieren erkennen.

Im dritten Raum, der eigens für diese Ausstellung zu einer zweistöckig begehbaren Architektur umgebaut wurde, erinnern nur auf den ersten Blick die in traditioneller Malweise entstandenen Miniatur-bilder an die bekannten Vorbilder aus der Mogul-Zeit. Bei genauer Betrachtung verstören sie durch die dargestellten Szenen von Gewalt und Zerstörung.

Und genau das passiert auch in den beiden vorangehenden Räumen. Die vorherrschenden Farben Rot und Gold der ovalen Bilder lassen auf den ersten Blick einen majestätischen Hintergrund erahnen. Erst auf den zweiten Blick wandelt sich das Rot in Blutflecken und steht nun ambivalent zum goldenen Hintergrund. Das angehäufte rote Papier mit den ornamentalen Mustern des zweiten Raumes hingegen wird zu einem Berg aus blutbefleckten Tüchern. Die durch das Blattwerk symbolisierte Natur wird durch das menschliche Blut zu einem erschreckenden Bildnis roher Gewalt.

Diese bestens konzipierte Ausstellung mit den vorgestellten drei Werkgruppen ist noch bis zum 4. August 2013 zu sehen.

Video mit Imran Qureshi,  Kunsthalle Deutsche Bank

Vor dem Fest

"Vor dem Hamburger Bahnhof", aus "Sonntagsbilder", Foto © Friedhelm Denkeler 2004

"Vor dem Hamburger Bahnhof", aus "Sonntagsbilder", Foto © Friedhelm Denkeler 2004

Der Rest vom Palast

"Der Rest vom Palast", aus "In den Straßen von Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2008

"Der Rest vom Palast", aus "In den Straßen von Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2008

In den Straßen von Berlin (12)

Nein, das Photo ist nicht im September 1945 in Berlin entstanden, sondern 63 Jahre später im September 2008 auf der Spreeinsel auf dem heutigen Schlossplatz. Nach dem Krieg sah es mehr oder weniger überall in Berlin so aus. Hier ist allerdings der Rest vom Palast der Republik, der zwischen 1973 und 1976 von der DDR gebaut wurde, zu sehen. Neben einem Kongresssaal für 5000 Personen, diente er auch als Sitz der DDR-Volkskammer und war gleichzeitig Kulturhaus mit zahlreichen Gaststätten und einem Theater. Zwischen 2006 und 2008 wurde er abgerissen.

Vor dem Bau des Palastes der Republik stand hier der Ostflügel des im Zweiten Weltkrieg ausgebrannten Berliner Stadtschlosses. Trotz internationaler Proteste wurde die Ruine 1950 auf Weisung der DDR-Führung zugunsten eines Aufmarschplatzes mit Tribüne gesprengt. Durch den Abriss des Palastes und dem gleichzeitigen Plan, ein Humboldt-Forum mit teilweise barocken Fassaden in Anlehnung an das Schloss zu errichten, besteht nun die Chance, die historische Mitte Berlins architektonisch wiederherzustellen. Ein einzigartiges Ensemble, das mit dem Stadtschloss (zukünftig Humboldt-Forum) , dem Zeughaus (heute Historisches Museum), dem Berliner Dom und dem Lustgarten mit dem Alten Museum ein Karree bildet, könnte sichtbar werden.

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