Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: April 2013

Wie ein Laufsteg im Museum landete…

… und als Vorlage für eine neue Fotografie verwendet wurde

Die in der Presse hoch gelobte Ausstellung “Martin Kippenberger: sehr gut | very good” im Hamburger Bahnhof stand auf dem “Programm”. Heute zeige ich vorab ein Foto, das mit Hilfe einer Bodeninstallation von Kippenberger entstanden ist. Diese unbetitelte Arbeit von Martin Kippenberger entstand 1976 in Berlin. Er schuf sie für die befreundete Mode-Designerin Claudia Skoda. Aus 1.300 Schwarzweiß-Kopien von Fotografien entstand eine Collage für den Boden in Skodas Kreuzberger Loft. Der Boden wurde anschließend versiegelt und diente als Laufsteg bei Modeschauen.

"Kippenberger mit Besucherin" (Martin Kippenberger, Installation für Claudia Skoda, 1976), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

"Kippenberger mit Besucherin" (Martin Kippenberger, Installation für Claudia Skoda, 1976), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Die Collage besteht aus Alltagsszenen der Kreuzberger Modewelt, aus Stadtansichten, Detailaufnahmen von Skodas Strickkleidern, Model-Porträts, Fußboden-Kacheln und durch das Autofenster aufgenommenen Straßenszenen. Skoda verließ 1982 das Loft; die neuen Mieter deckten die Collage mit Bodenplatten ab und sie geriet in Vergessenheit. Während der Sanierung des Hauses konnte die Arbeit 2003 “gerettet” werden. 1.087 Fotografien wurden restauriert und auf Aluminiumplatten aufgezogen. Entsprechend der ursprünglichen Absicht kann man auch im Hamburger Bahnhof das Werk betreten – allerdings mit Filzpantoffeln.

Kunst wird ja sowieso immer erst im Nachhinein betrachtet… Ich würde sagen, 20 Jahre ist der Zeitraum. […] Was dann die Leute noch von mir erzählen oder nicht erzählen werden, entscheidet. Ob ich gute Laune verbreitet habe oder nicht. Und ich arbeite daran, dass die Leute sagen können: Kippenberger war gute Laune! [Martin Kippenberger]

Die Ausstellung ist noch bis zum 18. August 2013 im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin zu sehen. www.hamburgerbahnhof.de

Ein Gebäude mit Ausleger und Musik im Osthafen

"Gebäude mit Ausleger im Berliner Osthafen", aus "In den Straßen von Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

"Gebäude mit Ausleger im Berliner Osthafen", aus "In den Straßen von Berlin", Foto © F. Denkeler 2010

In den Straßen von Berlin (11)

Während einer Schiffsfahrt über die Spree ist es unübersehbar und irritiert das Auge: Das spektakuläre Gebäude des deutsch-russischen Architekten Sergei Tchoban, der in Berlin unter anderem das Domaquaree und das Kino “Cubix” (beide in Mitte) entworfen hat. Der 36 Meter über die Spree hinausragende, dreigeschossige Ausleger scheint zu schweben. Der Blick von der Spree lässt zunächst nicht erkennen, was sich im Inneren des Hauses abspielt – aber mit dem Wort “spielen” ist man auf dem richtigen Weg. Am Berliner Osthafen “spielt” zwischen Universal, MTV, Modelabels und angesagten Clubs, die Musik.

Das Haus beherbergt seit 2010 das “nhow” – das sich als Musik- und Design-Hotel versteht und entsprechend ausgestattet ist. NH steht für die spanische Kette “Navarra Hoteles”. Im Inneren befinden sich zwei Tonstudios; Freizeitmusiker können eine Fender-Gitarre mit Verstärker (und Kopfhörer!) beim Roomservice bestellen und auch in den Badezimmern sollen Anschlüsse für eine Verbindung mit dem Tonstudio vorhanden sein. David Hasselhoff, der vor kurzem Berlin heimsuchte, hätte demnach unter der Dusche seinen neuesten Song aufnehmen können. Das Leitmotiv “Musik” zeigt sich auch in der hauseigenen Gallery: Anlässlich des 70. Geburtstags von Jimi Hendrix wurden Fotos von Frauke Bergemann über Hendrix´ letztes Konzert auf Fehmarn ausgestellt.

nhow-Hotel

3 x 3 und 5 x 5 und 10 x 10

Horst Hinder – ein Künstler wider Willen

Ausstellung in der Wandelgalerie des “Berlin Marriott Hotel”

Das “Berlin Marriott Hotel” am Potsdamer Platz zeigt in seiner Wandelgalerie für die nächsten zwei Monate fotografische Arbeiten von Horst Hinder. Hinder, der seit über 25 Jahren in Berlin lebt und arbeitet, hat die Stadt fotografisch auseinander genommen und Quadrat für Quadrat wieder neu zusammengesetzt (siehe “Die Quadratur der Stadt” und “3 × Berlin – Fotografische Arbeiten im Bayer-Haus“). Direkt neben der “Wandelgalerie” schließt sich die “Wandelbar” an; sie machte ihrem Namen bei der Vernissage alle Ehre und wandelte sich nach den Eröffnungsreden in ein kulinarisches Eldorado.

Die Wandelgalerie im Berlin Marriott mit Arbeiten von Horst Hinder, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Die Wandelgalerie im Berlin Marriott mit Arbeiten von Horst Hinder, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Der Philosoph und Schriftsteller Reinhard Knodt stellte vor über 70 geladenen Gästen seine Betrachtungen zu den Arbeiten von Horst Hinder vor, die ich im Folgenden wiedergeben möchte.

Philosophen und Galerieredner

Philosophen unterscheiden sich grundlegend von Kunstwissenschaftlern, die sich ansonsten gern als Galerieredner betätigen. Der Kunstwissenschaftler, sei er Kunsttheoretiker oder Historiker weist vom aktuellen Ausstellungsgegenstand weg auf andere Werke. Er könnte im vorliegenden Fall etwa darauf hinweisen, dass Gerhard Richter in den 90er Jahren auch schon Arbeiten wie die von Horst Hinder gezeigt hat. Vielleicht erläutert er dann auch Unterschiede oder stellt Beziehungen zu anderen weiteren Stationen der Fotografie- oder Malereitradition her. Er denkt also vom Kunstwerk weg hin auf eine Tradition, die das Publikum zu kennen hat und an der er sein Urteil bildet.

Der Philosoph macht einen entgegengesetzten Versuch. Er lenkt den Blick vom Alltäglichen, bzw. von traditionellen Sicht- und Urteilsweisen oder auch historischen Erfahrungen hin auf das Phänomen der vor seinen Augen stehenden Arbeiten. Er vergleicht nicht. Er wird eher zu bestimmen suchen, was diese Arbeiten “als Kunst” sind oder sein wollen. Insofern ist er auch eher der Freund des Künstlers und weniger sein Kunstrichter. Er ist im Idealfall der kongenial agierende Begriffsfinder, der davon ausgeht, dass ein Kunstwerk unvergleichlich ist und in diesem Sinne auch eher auf ein Prinzip oder auf eine Wahrheit hinweist als etwa Anlass zu einer Platzbestimmung in der Tradition oder einer Qualitätshierarchie zu sein. In diesem Sinne nähere ich mich der Sache gewissermaßen von außen – nehmen wir zunächst die Titel.

Die Titel der Bilder

Die Arbeiten Horst Hinders haben bemerkenswerte Titel. Sie heißen “3 mal 3″, “5 mal 5″, “10 x 10″, usw. Man kann sich anhand der Titel sozusagen ausrechnen, wie viele Bildfelder eine Arbeit hat, und das sind dann manchmal auch beachtlich viele, in einem Fall immerhin über 2800. Die Bilder unterscheiden sich auch nicht durch ihre Titel. “3 x 3″ gibt es zehnmal. “4 x 4″ zweimal, usw. Daneben existieren noch drei eher spielerische Varianten. Eine heißt “Der junge Herr Bergmann“, also Bilder der Bergmannstrasse, die tatsächlich zusammen schemenhaft den Eindruck eines jungen Mannes erkennen lassen, die aber auch “7 mal 7″ heißen könnten.

Diese abstrakten Bezeichnungen stellen eine Art semantische Verweigerung dar. Sagen wir, es ist die Verweigerung des Themas. “Ich habe keine Botschaft” sagte mir Horst Hinder auch, als ich vor einigen Tagen versuchsweise in diese Richtung fragte. Es ist klar, ein Titel wie “3 mal 3″ leitet nicht gerade zu einer vorschnell befriedigenden Interpretation.

Korrespondenz – Zwischen Willkür und Notwendigkeit

Die Arbeiten bestehen aus quadratisch montierten Details alltäglicher Fotografien der Stadt Berlin. Sie ordnen sich nicht willkürlich, sondern nach bestimmten Präferenzen, Valeurs, Strukturen und Themen, wobei ein zwischen Muster und Bildausschnitt changierendes Ineinander konkreter, also bild-inhaltlicher und abstrakter, bzw. formaler Eindrücke entsteht. Interessant ist, dass es kein greifbares Gesetz oder Prinzip gibt, nach dem sich eines dieser Quadrate an ein anderes fügt, obwohl sie sich jedes Mal, wie jeder zugeben wird, gut “fügen”.

Vielleicht ist es richtig, hier von “ästhetischen Korrespondenzen” zu sprechen. Korrespondenzen sind genau jene Verbindungen, die einerseits nicht zwingend andererseits auch nicht wahllos sind. Man könnte von atmosphärischem “Arrangement” sprechen – eine schöpferische, geschmackliche Zusammenstellung auf bestimmte Eindrücke und Wirkung hin. Ein gutes Beispiel für das Wort “Korrespondenz” gibt übrigens die Pariser Metro. Dort sind die Fahrtrichtungen nicht wie hier in Berlin durch die Endstation bezeichnet, sondern durch die Correspondances, als die Stationen, zu denen man mit dieser oder jener Linie kommt und die aufgelistet unter den Linien stehen. Wer häufig die U-Bahn nutzt, weiß, dass man dabei von einem Ort im Netz zum anderen nicht nur auf eine Weise gelangen kann. Man kann vielmehr verschiedene Routen kombinieren um zum Ziel zu kommen. Man muss sich dabei nicht sklavisch an ein Schema halten. Andererseits darf man aber auch nicht zu willkürlich verfahren, sonst kommt man nie an.

Dies lässt sich übertragen. Horst Hinders Auswahl der einzelnen Bildquadrate erscheint “zwingend” nur in einem ästhetischen Sinn, der von der Gesamtwirkung aus bestimmt werden könnte. Ansonsten – also nur aufgrund der Linien oder Farben der Einzelquadrate ließe sich kaum darauf schließen, warum dieser oder jener Bildrand genau an jenen stoßen sollte und nicht an einen anderen.

Die Ergebnisse dieser arrangierenden Arbeitsweise unterscheiden sich. Manche der kreierten Tafeln erinnern an den analytischen Kubismus. Nr. (9) könnte geradezu Feininger zum Vorbild haben, wenn es ein Gemälde wäre. In einigen anderen soll augenscheinlich die grafische Dimension der Architektur dieser Stadt besonders verstärkt und ins Licht gehoben werden; in einem weiteren Fall sehen wir vier Quadrate, die eher nostalgische Straßenszenen darstellen, durch regnerische Scheiben, die aber durch einen Rahmen zwölf weiterer Quadrate “gerahmt” sind, welche nur Mauerdetails darstellen. Das Ganze ist ein Zusammenhang, d.h. die vier inneren Quadrate fallen gegen den Rahmen nicht besonders auf. Nur im zweiten Hinsehen bemerkt man, was hier konzipiert wurde.

Horst Hinder vor seiner Arbeit "Yak und Yeti I" in der Wandelgalerie, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Horst Hinder vor seiner Arbeit "Yak und Yeti I" in der Wandelgalerie, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Korrespondenz

Verbindungen, die nicht beliebig, aber auch nicht notwendig sind und dennoch einen bedeutsamen Zusammenhang herstellen, bezeichne ich schon seit einiger Zeit versuchsweise als “ästhetische Korrespondenzen” (Vgl. Reinhard Knodt, Ästhetische Korrespondenzen, Reclam Stuttgart 1993). Wenn man will, ist jede Verbindung eine “Korrespondenz”, die nicht durch Kausalität, durch Parallelität, Kontrast oder Ähnlichkeit allein veranlasst ist, die aber auch nicht willkürlich ist.

Korrespondenzbeziehungen sind gewissermaßen etwas zwischen diesen Polen der semantischen Nichtigkeit und Triftigkeit. Nicht ganz willkürlich, aber auch nicht wirklich notwendig – im Ganzen aber zwingend, so dass oft eine Kleinigkeit, die anders ist, stören würde. Korrespondenzen sind Beziehungen, die uns nie ganz zufriedenstellen, die aber auch nie aufhören uns zu neuem Einsatz zu reizen. In einem erweiterten Sinne könnte man von so etwas wie von einem Gespräch oder von der Liebe zwischen den Dingen reden, so wie ja auch eine Liebesbeziehung nichts Zwingendes aber eben auch nichts völlig Beliebiges hat.

Es ist nicht leicht, von “einer” Korrespondenz zu reden, da bei jedem versuchsweise klar isolierbarem Phänomen ganz offenbar nach wie vor immer vieles zugleich “mitspielt”. Wohl aber kann man doch davon ausgehen, dass es die Korrespondenz gibt, also eine letztlich schöpferische “lebendige” Beziehung zwischen den Dingen, den Menschen und natürlich auch zwischen Dingen und Menschen, die durch Wissenschaft, nicht eingeholt werden kann. Diese Beziehung ist von Horst Hinder zu Recht dadurch bezeichnet, dass er keine Themen nennt, die er abbildet, sondern dass er “drei mal drei” sagt oder “vier mal vier”, wenn er also auf die Mathematik des Miteinander anspielt, weswegen er aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich ein Künstler ist, auch wenn er es immer wieder gern bestreitet.

Fazit

Die Arbeiten Hinders leben im Wesentlichen durch die ästhetischen Korrespondenzen, die die Fotoquadrate aufbauen. Seine Arbeiten haben keine banale Botschaft und er schützt sich auch vor einsinniger Interpretation. Sie sind vielmehr das Spiel zwischen Notwendigkeit und Möglichkeit selbst und bleiben daher auch im Auge des Betrachters vielfältig interpretierbar; eine Schwebe, die uns in den Bann zieht und die – nebenbei gesagt – auch besser in dieses Hotel passen würde als die Reproduktionen von Kennedy oder Marilyn Monroe, die hier ansonsten noch auf den Gängen hängen.

Horst Hinders Bilder wären aufgrund ihrer Struktur eine Art Fortsetzung der ambitionierten Architektur dieses Hotels und zugleich hätten sie aufgrund ihrer Motive direkt etwas mit der Stadt zu tun – ein Grund für die Angehörigen jeder Stadt auch mal ins jeweilige Marriott zu gehen, und ein Verfahren, dass sich natürlich in jedem Marriott Hotel der Welt mit den jeweiligen Fotografien durchführen ließe. Aber so weit will ich den Horizont für die möglichen Aufgaben Horst Hinders nicht fortspinnen. Ich breche lieber ab und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. [Text © Reinhard Knodt, 2013]

www.horst-hinder.dewww.reinhard-knodt.dewww.berlinmarriott.de

Theorie und Praxis

"Eine Theorie gilt solange als richtig, bis sie sich als falsch erwiesen hat", Karl Popper, Foto und Grafik © Friedhelm Denkeler 2009

"Eine Theorie gilt solange als richtig, bis sie sich als falsch erwiesen hat", Karl Popper, Foto und Grafik © Friedhelm Denkeler 2009