Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Fragile – Lato Da Aprire

Von präzise gehängten Gurken, Fischköpfen, Wellpappen und Hackfleisch.

Michael Schmidt in der Lebensmitte(l) im Gropius-Bau bis zum 01. 04.2013

Mein erster Eindruck von Michael Schmidts Zyklus „Lebensmittel“ während der Vernissage am 11. Januar 2013 war zwiespältig: Will Schmidt den Besucher „hinters Licht führen“ oder zeigt er uns den „Höhepunkt seines fotografischen Schaffens“? Erste Zweifel kamen im ersten Raum auf (sechs große Räume werden mit den „Lebensmitteln“ bespielt):

Wir sehen fünf Fotos (54×80 cm) einsam an den vier Wänden hängen, davon zweimal Gurken im Karton (fast identisch), ein totes Schwein, ein abgeerntetes Feld und ein Bild auf dem außer Grau nichts erkennbar ist. Hm? Im zweiten Raum sehen wir dann sechs Fotos, 4 davon zeigen Menschen beim Ernten (von hinten). So geht es weiter bis zum sechsten Raum, in dem in einem wahren Crescendo dann 73 Bilder hängen, davon 44 in einem Tableau.

Durch den zweiten Besuch am Wochenende wurde Schmidts monumentale Arbeit, die zwischen 2006 und 2010 auf 30 Reisen in 70 europäische Betriebe der Lebensmittelindustrie entstanden ist, klarer. Nach seinen früheren Arbeiten „Berlin-Wedding“ (1978), „Waffenruhe“ (1987), „Ein-heit“ (1996), „Frauen“ (2000) und „Irgendwo“ (2005), liegt nun die Arbeit „Lebensmittel“ (2012) mit 177 Aufnahmen vor (davon sind 134 im Gropius-Bau zu sehen).

"Nr. 37 (Schweinefleisch süß-sauer)", Foto © Friedhelm Denkeler 1983

"Nr. 37 (Schweinefleisch süß-sauer)", Foto © Friedhelm Denkeler 1983

Schmidt scheint mit seinem neuesten Werk auf dem Höhepunkt seines Schaffens angekommen zu sein. Dabei spielt die Hängung, die Komposition im Gropius-Bau eine wichtige Rolle: Raum für Raum werden die Bilder, in Reihen gruppiert, dichter gehängt. Dabei tauchen verschiedene Motive, oft nur in geringen Abweichungen, mehrmals auf. Und zum ersten Mal hat Schmidt auch einige, meist monochrome Farbfotos, unter die Schwarzweiß-Aufnahmen gemischt. Sehr viele Bilder sind durch Nahaufnahmen, oft unscharf, entstanden. Dieses „Abweichen“ von der konventionellen Fotografie hat schon ein leicht subversives Element, das dann beim flüchtigen Betrachten zu Irritationen führen kann.

Hackfleisch, Tomatenstiegen, abgeerntete Lauchzwiebelfelder, „Vorhänge“ aus Spagetti, Kühe, Fischpumpen, endlose Anbaugebiete, eingeschweißte Hüftsteaks, Wellpappe, Verpackung (auf einer steht die Überschrift dieses Artikels), Schweine, Gewächshäuser, Maschinen, Förderbänder, abgetrennte Fischköpfe, Waschstraßen, Monokulturen, Etiketten und normierte Äpfel sehen wir vordergründig auf den Aufnahmen. Das Ganze ist aber als Gesamtkunstwerk zu sehen; es geht nicht um Einzelbilder, die oft eher belanglos sind, sondern um die Wechselwirkung zwischen den einzelnen Bildern, die eine neue, verdichtete Ebene erzeugt.

Schmidt zeigt keine drastischen Bilder und provoziert nicht mit Ekel bei der Herstellung der Lebensmittel. Die Herkunft der Bilder lässt auch keine Rückschlüsse auf Länder oder Fabriken zu und der Mensch kommt nur als Rückenfigur vor. Das kann man als Verlust von Verantwortung in der Lebensmittelproduktion sehen. Aber dieser politische Aspekt ist nicht das Anliegen von Michael Schmidt. Wenn, dann entsteht er im Kopf des Betrachters. Unabhängig vom Sujet wirkt bei mir in dieser Ausstellung die äußerst präzise Hängung als Gesamtkunstwerk, als ein Bild mit dem Titel „Lebensmittel“ nach. Meine Begleitung, sonst nicht unbedingt ein Schmidt-Fan, zeigte sich jedenfalls beeindruckt.

In dem zur Ausstellung gehörendem Künstlerbuch, das von Schmidt selbst gestaltet wurde, ist diese Verdichtung naturgemäß nicht so einfach zu realisieren. Hier kommt es darauf an, die Doppel- und die Folgeseiten entsprechend zu gestalten. Dieses Konzept hat Schmidt bereits 1987 mit „Waffenruhe“, umgesetzt: Auch hier gab es das Künstlerbuch und die Präsentation auf der Wand. In der Ausstellung nimmt man die Bilder stärker gleichzeitig war, im Buch entsteht die Dramaturgie durch das Ansehen der Bilder hintereinander. Die Ausstellung geht deutlich über das Buch hinaus und man sollte sie sich deshalb unbedingt noch in dieser Woche ansehen: Am 1. April 2013 endet sie.

www.gropiusbau.de

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