Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: März 2013

Weiße Ostern 2013

“Der milde Gouda-Hase” – Naturalismus oder Realismus?

Pünktlich zum ostersonntäglichen Frühstück schneit es mal wieder und der diesjährige Osterhase verbleibt sicherheitshalber in seiner Blisterverpackung.

"Der milde Gouda-Hase", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

"Der milde Gouda-Hase", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Ein Tipp an meine Leser: Machen Sie doch einen Osterspaziergang in den Berliner Gropius-Bau. Noch bis einschließlich morgen ist dort die Ausstellung “Michael Schmidt – Lebensmittel” zu sehen. “Eine der zehn wichtigsten Ausstellungen dieses Jahres” urteilte der Deutschlandfunk anlässlich der “Lebensmittel”-Ausstellung im Museum Morsbroich 2012. Weiter heißt es: “Wenn man jetzt aber diesen Realismus, den er da pflegt, mal im Brechtschen Sinne deutet, der ja gesagt hat, Realismus ist nicht, wie die wirklichen Dinge sind – das wäre Naturalismus -, sondern wie die Dinge wirklich sind, dann trifft das auf Michael Schmidt zu.”

Ob der Gouda-Hase nun als essbarer Käse oder als reine Oster-Dekoration betrachtet wird, entscheiden wir zu gegebener Zeit. Frohe Ostern!

| Siehe auch die Ausstellungsbesprechung “Fragile – Lato Da Aprire” | www.gropiusbau.de | Schmidt führt durch die Ausstellung | Künstlerbuch “Michael Schmidt – Lebensmittel” |

Fragile – Lato Da Aprire

Von präzise gehängten Gurken, Fischköpfen, Wellpappen und Hackfleisch.

Michael Schmidt in der Lebensmitte(l) im Gropius-Bau bis zum 01. 04.2013

Mein erster Eindruck von Michael Schmidts Zyklus “Lebensmittel” während der Vernissage am 11. Januar 2013 war zwiespältig: Will Schmidt den Besucher “hinters Licht führen” oder zeigt er uns den “Höhepunkt seines fotografischen Schaffens”? Erste Zweifel kamen im ersten Raum auf (sechs große Räume werden mit den “Lebensmitteln” bespielt):

Wir sehen fünf Fotos (54×80 cm) einsam an den vier Wänden hängen, davon zweimal Gurken im Karton (fast identisch), ein totes Schwein, ein abgeerntetes Feld und ein Bild auf dem außer Grau nichts erkennbar ist. Hm? Im zweiten Raum sehen wir dann sechs Fotos, 4 davon zeigen Menschen beim Ernten (von hinten). So geht es weiter bis zum sechsten Raum, in dem in einem wahren Crescendo dann 73 Bilder hängen, davon 44 in einem Tableau.

Durch den zweiten Besuch am Wochenende wurde Schmidts monumentale Arbeit, die zwischen 2006 und 2010 auf 30 Reisen in 70 europäische Betriebe der Lebensmittelindustrie entstanden ist, klarer. Nach seinen früheren Arbeiten “Berlin-Wedding” (1978), “Waffenruhe” (1987), “Ein-heit” (1996), “Frauen” (2000) und “Irgendwo” (2005), liegt nun die Arbeit “Lebensmittel” (2012) mit 177 Aufnahmen vor (davon sind 134 im Gropius-Bau zu sehen).

"Nr. 37 (Schweinefleisch süß-sauer)", Foto © Friedhelm Denkeler 1983

"Nr. 37 (Schweinefleisch süß-sauer)", Foto © Friedhelm Denkeler 1983

Schmidt scheint mit seinem neuesten Werk auf dem Höhepunkt seines Schaffens angekommen zu sein. Dabei spielt die Hängung, die Komposition im Gropius-Bau eine wichtige Rolle: Raum für Raum werden die Bilder, in Reihen gruppiert, dichter gehängt. Dabei tauchen verschiedene Motive, oft nur in geringen Abweichungen, mehrmals auf. Und zum ersten Mal hat Schmidt auch einige, meist monochrome Farbfotos, unter die Schwarzweiß-Aufnahmen gemischt. Sehr viele Bilder sind durch Nahaufnahmen, oft unscharf, entstanden. Dieses “Abweichen” von der konventionellen Fotografie hat schon ein leicht subversives Element, das dann beim flüchtigen Betrachten zu Irritationen führen kann.

Hackfleisch, Tomatenstiegen, abgeerntete Lauchzwiebelfelder, “Vorhänge” aus Spagetti, Kühe, Fischpumpen, endlose Anbaugebiete, eingeschweißte Hüftsteaks, Wellpappe, Verpackung (auf einer steht die Überschrift dieses Artikels), Schweine, Gewächshäuser, Maschinen, Förderbänder, abgetrennte Fischköpfe, Waschstraßen, Monokulturen, Etiketten und normierte Äpfel sehen wir vordergründig auf den Aufnahmen. Das Ganze ist aber als Gesamtkunstwerk zu sehen; es geht nicht um Einzelbilder, die oft eher belanglos sind, sondern um die Wechselwirkung zwischen den einzelnen Bildern, die eine neue, verdichtete Ebene erzeugt.

Schmidt zeigt keine drastischen Bilder und provoziert nicht mit Ekel bei der Herstellung der Lebensmittel. Die Herkunft der Bilder lässt auch keine Rückschlüsse auf Länder oder Fabriken zu und der Mensch kommt nur als Rückenfigur vor. Das kann man als Verlust von Verantwortung in der Lebensmittelproduktion sehen. Aber dieser politische Aspekt ist nicht das Anliegen von Michael Schmidt. Wenn, dann entsteht er im Kopf des Betrachters. Unabhängig vom Sujet wirkt bei mir in dieser Ausstellung die äußerst präzise Hängung als Gesamtkunstwerk, als ein Bild mit dem Titel “Lebensmittel” nach. Meine Begleitung, sonst nicht unbedingt ein Schmidt-Fan, zeigte sich jedenfalls beeindruckt.

In dem zur Ausstellung gehörendem Künstlerbuch, das von Schmidt selbst gestaltet wurde, ist diese Verdichtung naturgemäß nicht so einfach zu realisieren. Hier kommt es darauf an, die Doppel- und die Folgeseiten entsprechend zu gestalten. Dieses Konzept hat Schmidt bereits 1987 mit “Waffenruhe”, umgesetzt: Auch hier gab es das Künstlerbuch und die Präsentation auf der Wand. In der Ausstellung nimmt man die Bilder stärker gleichzeitig war, im Buch entsteht die Dramaturgie durch das Ansehen der Bilder hintereinander. Die Ausstellung geht deutlich über das Buch hinaus und man sollte sie sich deshalb unbedingt noch in dieser Woche ansehen: Am 1. April 2013 endet sie.

www.gropiusbau.de

3 × Berlin – Fotografische Arbeiten im Bayer-Haus

“Finissage” am 21. März 2013, 18 Uhr, im Bayer-Haus am Kurfürstendamm.

Verlängerung der Ausstellung bis Ende Mai 2013.

So hatten sich die drei ausstellenden Fotografen bei der Planung den Finissage-Termin nicht vorgestellt. Statt zum Frühlingsanfang wird er nun mitten im tiefsten Winter und bei eisigem Ostwind stattfinden. Zum Trost wird die Ausstellung bis Ende Mai 2013 verlängert und am 21. März um 18 Uhr werden wir noch einmal durch die Ausstellung “3 × Berlin – Fotografische Arbeiten – Drei Ausstellungen auf vier Etagen” mit Arbeiten von Horst Hinder, “Berlin – zerlegt und collagiert”, Friedhelm Denkeler “Im Wedding”, 1977, und Ralf Hasford “Sitzenlassen in Berlin” führen. Es wird einen Einblick in die verschiedenen Arbeitsweisen geben und bis 19 Uhr bleibt Zeit zum diskutieren. Danach sehen wir weiter!

"Nummer 46 im Schnee", aus der Serie “Im Wedding”, Foto © Friedhelm Denkeler 1978

"Nummer 46 im Schnee", aus der Serie “Im Wedding”, Foto © Friedhelm Denkeler 1978

Die Kunsthistorikerin Dr. Simone Kindler stellt im Katalog die drei Arbeiten ausführlich vor:

“Berlin – zerlegt und collagiert”

Horst Hinder, dessen Bilder in der dritten Etage ausgestellt sind, ist ein Fotograf, der mit großer Präzision seine Berlin-Aufnahmen am Computer in Kleinarbeit aus unzähligen quadratischen Bildausschnitten zu Collagen zusammenmontiert. An der linken Wand sind vier Arbeiten Horst Hinders ausgestellt, die wieder streng dem quadratischen Bildformat folgen. Zwei Bilder stammen aus der Serie „5×5“ und sind 2009 entstanden. Sie zeigen anonyme Häuserfassaden, neu zusammengesetzt, neu arrangiert und damit abstrahiert. In Bild „Nr. 04“ führt Horst Hinder die Abstraktion derart weit, dass das Bild malerische Qualitäten erhält. Die einzelnen Quadrate scheinen miteinander zu verschmelzen. So ist eine Form von Landschaftsmalerei aus Stein und Beton entstanden. Aber es gibt auch Brüche: durch eine Fensterfront oder ein Stück Brückenpfeiler. Dem gegenüber steht sozusagen im Bild „Nr. 05“ die Motivwahl der einzelnen Quadrate. Denn hier hat er nun Quadrate unterschiedlichster Fensterfronten zusammengesetzt und damit den Charakter einer technoiden Großstadtarchitektur evoziert. Ein Brückenübergang, eine Wendeltreppe oder eine Gaslaterne brechen jedoch auch an dieser Stelle den homogenen Eindruck auf.

Gegenüberliegend an der rechten Wand hängt ein großes Berlin-Porträt, das in seinem Bildmaß, 300 x 60 Zentimeter, und seiner Kleinteiligkeit, 2880 Quadrate wurden aneinandergefügt, außergewöhnlich ist. Hinder hat hier kleinste Bildausschnitte aus Stadtansichten zu einer großformatigen Collage zusammengefügt. Bis auf wenige Ausnahmen lässt sich der Entstehungsort aus Betrachtersicht nicht ausmachen. Dennoch ist jedes einzelne Motiv dieser Tausende kleinen Quadrate aus Berlin. Er montiert derart eine neue Stadtansicht: Aus etwas Entfernung zum Bild ist eine Landschaftsdarstellung mit Perspektive, Horizont und blauem Himmel zu erkennen und darin verwoben der Schriftzug: BERLIN. Dieser hält das Bild programmatisch zusammen, scheint das Gewimmel, die Vielfältigkeit und die überbordende Vitalität der Stadt zu vereinen und damit diesen unzähligen Stadtausschnitten in ihrer Farbintensität einen Rahmen zu geben.

“Im Wedding”, 1977

Friedhelm Denkeler präsentiert in der vierten Etage des Bayer-Hauses seine fotografischen Stadtansichten aus dem Berliner Bezirk Wedding, nüchtern und objektiv, aber doch stets konkret verortet, sei es über ein Straßenschild oder schlicht den Bildtitel, der Bezug auf den fotografierten Ort nimmt. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind bereits in den späten 70er-Jahren entstanden. Zu dieser Zeit arbeitete Denkeler in der legendären Werkstatt für Photographie in Kreuzberg mit seinem Lehrer, dem Berliner Fotografen, Michael Schmidt. Die nun ausgestellten Fotografien produzierte Denkeler erstmals in den vergangenen zwei Jahren im Zuge der Digitalisierung seines umfangreichen Archivs und nun werden sie auch erstmals in dieser Ausstellung öffentlich gezeigt. Seine Motivwahl im Wedding war spontan und eine Auswahl erfolgte erst bei der jetzigen Produktion.

In der Wedding-Serie hat der Fotograf stimmungsvolle Stadtporträts eines nahezu fast verschwundenen Berlins eingefangen, die in ihrer Historizität aufgeladen sind mit nostalgischer Melancholie. Denkeler fokussiert dabei sowohl bekannte geschichtsträchtige Ort, wie die in der Arbeit „Bornholmer Brücke“, ehemals der bekannte Grenzübergang zwischen Ost- und Westberlin, oder den Zeitschriftenladen mit dem Schriftzug „Spandauer Volksblatt“, einer ehemals populären linksliberalen Berliner Tageszeitung, die heute in kleiner Form als Lokalausgabe der Berliner Woche einmal wöchentlich erscheint. Aber auch anonyme, nicht mehr existierende Häuserfronten sind, wie namenlose Porträts der Stadt, ausgestellt. Reduktion ist das bestimmende Stilmittel des Fotografen Denkeler, die Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind frei von Inszenierungen, sie zeigen einsame, nahezu menschenleere Plätze, Landschafts-, Straßen- und Häuseransichten. Es sind stimmungsvolle Dokumentationsaufnahmen eines Berlins, dessen morbider Charme durch die Nachkriegsarchitektur, die Kohlehandlungen („Der Mann mit dem Koks ist da“) und Lichtspielpaläste („Kristallpalast“) einen wichtigen Aspekt der Berliner Atmosphäre, des Wedding, ins Bewusstsein ruft. Denkeler ist weder ein sozialkritischer Dokumentarist noch ein neutraler Chronist. Und dennoch thematisieren seine Bilder die Berliner Historie auf eine Art, die den unwiederbringlichen Aspekt von Vergänglichkeit eindringlich vor Augen führt.

“Sitzenlassen in Berlin”

Plakat 3 x Berlin – Fotografische Arbeiten, Grafik © Horst Hinder 2013

Plakat 3 x Berlin – Fotografische Arbeiten, Grafik © Horst Hinder 2013

Ralf Hasford beschäftigen in seinen künstlerischen Arbeiten immer sozial-politische wie religiös-mythische Themen. Ein bestimmendes Motiv der gezeigten Arbeiten ist die Sitzbank, die seit 2005/06, künstlerisch gesehen, sein „ständiger Begleiter“ ist: in Paris, Venedig oder eben immer wieder in Berlin.

In dieser Ausstellung präsentiert Hasford einige dieser Berliner Bänke. Interessant ist der Ort, an dem sie steht, ihre Beschaffenheit, das verwendete Material, und ihre Qualität, ihr Sitzkomfort. Damit verbunden sind sozial-politische Fragen wie „Wo lasse ich jemanden sitzen“ respektive „nicht sitzen“ und ganz persönliche des „Sitzengelassen-Werdens“ wie die allgemeinen Frage „Bin ich hier überhaupt willkommen?“. Die fotografierten Sitzbänke stehen in Parks wie dem Lustgarten, in betriebsamen Straßenzügen wie der Kantstraße oder auf Friedhöfen wie in Schöneberg.

Die Bänke scheinen herausgehoben aus ihrer ursprünglichen Umgebung. Dennoch weist Hasford im Titel entweder durch Straßen- oder Bezirksnamen wie „Kantstraße exklusiv“ auf den jeweiligen Standort in Berlin hin. Der Künstler setzt sich intensiv mit dem einzelnen Motiv und damit dem einzelnen Werk auseinander, plant alles im Detail. Zuerst fotografiert Hasford das ausgewählte Motiv vor Ort, am Computer retuschiert er später alle für ihn uninteressanten Elemente aus den Bildern weg. Danach wird das bearbeitete Bild mittels digitaler Drucktechnik auf den Bildträger – vorkoloriertes Pappmaschee – aufgebracht. Hasford konzipiert bereits vorab, nachdem die Fotografie am Computer bearbeitet wurde, in welchen Farben die einzelnen Partien des Pappmaschees pigmentiert werden. Interessant ist zudem sein Umgang mit dem inneren Bildrahmen. Hasford umgibt einerseits das Motiv mit einem weißen Rahmen, um diesen andererseits gleichzeitig wiederholt zu überschreiten und zu durchbrechen, ein bewusstes Überschreiten selbstgesetzter Grenzen, das Dynamik im Bild erzeugt.

Durch Verfremdung und Akzentuierung fordert Hasford den Betrachter auf, individuell seinen eigenen Kontext zu den unterschiedlichen fotografierten Orten zu schaffen. Mitunter akzentuiert durch politische wie religiöse ikonografische Hinweise, wie bei den Bildern „Deutsche Teilung“ oder „Flucht bei Nacht“. Er spricht damit unter anderem ihm wichtige politische und historische Themen an, die mit der deutschen Geschichte verbunden sind.

Die Ausstellung wird bis Ende Mai 2013 verlängert und ist von Mo-Fr 8-19 Uhr im Bayer-Haus am Olivaer Platz, Kurfürstendamm 179, 10707 Berlin zu sehen. Eine Übersicht aller Artikel zur Galerie im Bayer-Haus Berlin finden Sie hier.