Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Berlinale (IV): Boris Khlebnikov: „A Long and Happy Life“

"Berlinale-Fahne in den Potsdamer Platz-Arkaden",  Foto © Friedhelm Denkeler
„Berlinale-Fahne in den Potsdamer Platz-Arkaden“
Foto © Friedhelm Denkeler

Der Fluss auf der nordrussischen Kola-Halbinsel spielt insbesondere im Prolog und Epilog des Films „A Long and Happy Life“ („Dolgaya schastlivaya zhizn“) eine große Rolle: Träge, aber zugleich bedrohlich, plätschert er, sich an vielen Steinen brechend vor sich hin; schwimmen kann man in ihm nicht, dafür ist er nicht tief genug und sicher auch zu kalt. Vor allem kann man in ihm sinnbildlich nicht gegen den Strom schwimmen, denn die postsozialistischen Verhältnisse stemmen sich vehement dagegen.

Der ewige, menschliche Hauptkonflikt zwischen den Anforderungen der Gesellschaft und den Bedürfnissen des Individuums spiegelt sich im Film wieder: zwischen Sozialismus und Kapitalismus, zwischen dem werdenden Großgrundbesitzer und den Arbeitern der ehemaligen Kolchose, zwischen der Sekretärin der Bezirksregierung und dem Helden Sascha aus der Stadt, der die Kolchose übernommen hat.

Und es ist, berlinale-typisch, ein politischer Film: Wie in „Promised Land“ geht es darum, dass die Reichen den Armen ihr Land abkaufen, um ihren eigenen Reichtum zu vergrößern. Das ist im heutigen Russland nicht anders als in den USA und diejenigen, die nicht mitmachen wollen oder können, sehnen sich nach einem besseren Leben in der Stadt. Sascha lässt sich von „seinen“ Arbeitern überreden, gegen die „Enteignung“ vorzugehen. Ob die Entscheidung richtig war? Erst sah es so aus, doch dann siegte das „Ich“ über das „Wir“ und die Geschichte endet in einer Katastrophe, also das genaue Gegenteil von „A Long and Happy Life“: Ein Ende mit Schrecken.

"Boris Khlebnikov mit Anna Kotova", Foto © Friedhelm Denkeler 2013
„Boris Khlebnikov mit Anna Kotova“, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

„Sascha (Alexander Yatsenko) lebt in einem Dorf auf der nordrussischen Kola-Halbinsel und bewirtschaftet engagiert die Hinterlassenschaft einer ehemaligen Kolchose. Seinen Arbeitern ist er ein guter Kumpel; sie achten ihn und tolerieren auch die mehr oder weniger geheime Liebesbeziehung zu Anya (Anna Kotova), die im Sekretariat der Bezirksregierung sitzt.

Doch plötzlich gerät Sascha in existenzielle Konflikte: Die keineswegs zimperlichen, vor allem ihrem Eigenwohl verpflichteten Provinzbeamten wollen ihn mit einer lukrativen Abfindung überreden, seine Farm aufzugeben. Die rechtliche Situation des Neubauern ist heikel, der Pachtvertrag wurde seinerzeit nur per Handschlag bekräftigt. So nimmt der Druck stetig zu, erst recht, als sich Sascha von seinen Arbeitern überzeugen lässt, standhaft zu bleiben.

In einer Landschaft, die von den Urgewalten der Natur geprägt ist, nimmt das Schicksal des Unerschrockenen seinen Lauf. Die Tragödie eines aufrechten Mannes, der sich dem Sumpf aus Korruption und Habgier nicht ergeben will und dabei alles riskiert, was ihm wertvoll und wichtig ist. Eine Geschichte aus der russischen Provinz, die von Regisseur Boris Khlebnikov als existenzielles Menschheitsdrama inszeniert wurde.“ [Quelle: Filmbeschreibung] www.berlinale.de