Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Berlinale (XIV): Emir Baigazin: „Harmony Lessons“ („Uroki Garmonii“), Kasachstan

"Regisseur Emir Baigazin",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013
„Regisseur Emir Baigazin“
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

In Unterricht wird Darwin gelehrt („survival of the fittest“) und nach der Schule praktiziert. Emir Baigazin aus Kasachstan zeigt sehr realistisch, wie brutal es in ländlichen Gegenden seiner Heimat zugehen kann. Der Film beginnt damit, dass der junge Aslan brutal ein Schaf umbringt, anschließend häutet und die Eingeweide herausnimmt (geht es nicht auch ohne solche Szenen?). Später foltert er Kakerlaken auf einem selbstgebastelten elektrischen Stuhl.

Nach und nach lernen wir die Gründe seiner zunehmenden Brutalisierung kennen. In der Schule herrscht unter den Schülern ein mafiaähnliches System der körperlichen Zurichtung und Unterwerfung; es wird von oben nach unten „durchregiert“. Ältere nehmen jüngere Mitschüler brutal aus und wer nicht mitmacht, an dem wird ein Exempel statuiert. Lehrer und untersuchende Ärzte sind auch nicht besser.

Aslan steht ganz am Ende dieser Kette. Von Anfang an ist zu spüren, dass dies nicht gut gehen kann. Aslans ausgeübte Rache ist kein Befreiungsschlag, sondern lässt ihn in den nächsthöheren Unterdrückungsapparat geraten. Im Gefängnis foltert ihn die Polizei.

Zu Beginn des Films fragt Aslan seine Großmutter, ob Menschen ohne Fleisch leben können, sie antwortet: „Vielleicht im Himmel“. In der Schlussszene sieht Aslan ein Schaf „über das Wasser gehen“. Den Himmel auf Erden wird es für ihn nicht geben.

Wahrscheinlich wird der Film auf der diesjährigen Berlinale einen Preis erhalten. Wird sich im Namen der Kunst etwas auf der Welt ändern?

„Während einer ärztlichen Untersuchung wird der 13-jährige Aslan vor den Augen vieler Mitschüler gedemütigt, was seine latente Persönlichkeits-störung zum Ausbruch kommen lässt. Ständig befallen ihn Zweifel an sich selbst, zugleich strebt er verbissen nach Sauberkeit und Perfektion. Alles, was ihn umgibt, muss er unter seine Kontrolle bringen.

Wegen dieses Zwangs gerät Aslan, der bei seiner Großmutter in einem kasachischen Dorf lebt, in immer ernstere Konflikte. Mit tiefer Abscheu beobachtet er, dass die meisten Mitschüler in einem System krimineller Machenschaften gefangen sind, darunter auch Bolat, von dem sich Aslan besonders erniedrigt fühlt. Bolat erpresst Schutzgeld von kleineren Kindern. Für den Außenseiter Aslan hat er nur Verachtung übrig.

In seinem ersten abendfüllenden Spielfilm zeigt Emir Baigazin die Konfrontation des Individuums mit Mechanismen der Ausgrenzung und Gewalt. Die wachsende Brutalisierung des öffentlichen Lebens bildet dabei den Hintergrund. In streng kalkulierten optischen Tableaus, die der Film durch symbolistische Szenen aus der Tierwelt ergänzt, entfaltet sich das Schicksal eines Jungen, der sich wehrt und dabei selbst zu zerstören droht.“ [Quelle: Filmbeschreibung] www.berlinale.de