Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Februar 2013

Collagiertes, schwarzweißes und buntes Berlin

Ein rauchender Bergmann, ein Weddinger Hufschmied und eine Kutschenbank.
Künstlerführung am 1. März 2013, 15 Uhr, in der Ausstellung im Bayer-Haus

Am 1. März 2013 um 15 Uhr werden die drei Fotografen durch ihre Ausstellung “3 × Berlin – Fotografische Arbeiten – Drei Ausstellungen auf vier Etagen” mit Arbeiten von Horst Hinder, “Berlin – zerlegt und collagiert”, Friedhelm Denkeler “Im Wedding”, 1977, und Ralf Hasford “Sitzenlassen in Berlin” führen, einen Einblick in ihre Arbeitsweise geben und mit den Anwesenden diskutieren. Die Ausstellung ist von Mo-Fr 8-19 Uhr im Bayer-Haus am Olivaer Platz, Kurfürstendamm 179, 10707 Berlin zu sehen.

Die Kunsthistorikerin Dr. Simone Kindler beschreibt die Ausstellung im Katalog zur Ausstellung so:

In den folgenden Wochen zeigen die drei Berliner Fotografen Horst Hinder, Friedhelm Denkeler und Ralf Hasford im Bayer-Haus drei unterschiedliche Blicke auf Berlin. Berlin ist vital, bunt und laut, aber auch nüchtern, grau und still. Obwohl die einzelnen künstlerischen Auseinandersetzungen mit Berlin große stilistische Unterschiede aufzeigen, vereint die Arbeiten unter anderem, dass die gezeigten Motive nicht die bekannten Postkartenhighlights Berlins sind, sondern zumeist unvertraute Orte, mit denen sich die Fotografen intensiv beschäftigt haben. Während Horst Hinder in seinen Collagen viele Aspekte des aktuellen Berlins vergegenwärtigt, zeigt Friedhelm Denkeler seine historischen Schwarz-Weiß-Fotografien aus dem Wedding der 70er-Jahre und präsentiert Ralf Hasford aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgehobene Berliner Sitzbänke aller Couleur. Farbige Fotografie-Collagen, Schwarz-Weiß-Fotografien und Pappmaschee-Fotografie-Collagen, sie alle interpretieren die Stadt Berlin auf ihre jeweils ganz individuelle Art.

In der zweiten Etage des Bayer-Hauses zeigen die drei Fotografen zu Beginn der Ausstellung gemeinsam ihre Bilder. Horst Hinder präsentiert an der linken Wand vier einzelne Arbeiten aus seinen Collageserien. Die quadratisch konzipierten Bilder “Berliner Pflaster Nr. 4″ und “Rauchender Bergmann” sind jeweils zusammengefügt aus Einzelaufnahmen des Bodenpflasters in der hinteren Bergmannstraße in Kreuzberg. Beide Arbeiten thematisieren das Berliner Alltagsleben, die Menschen, die über das Pflaster gehen, fahren, ihre Zigarettenkippe fallen lassen und den Berliner Marathon, wie der dreilinige blaue Marathonstreifen belegt. Die beiden anderen Arbeiten “5×5″ (2009) und “10×10″ (2010) bilden vielfarbige Mosaike, in denen Linien und Flächen dominieren und die einzelnen Quadrate zu einer bewegt-dynamischen Farbfläche verschmelzen.

"Mietshaus mit Remise", aus der Serie “Im Wedding”, Foto © Friedhelm Denkeler 1978

"Mietshaus mit Remise", aus der Serie “Im Wedding”, Foto © Friedhelm Denkeler 1978

An der rechten Wand zeigt Friedhelm Denkeler vier Schwarz-Weiß-Fotografien aus seiner Serie “Im Wedding”, aufgenommen in den Jahren zwischen 1977 und 1978. Es sind Häuser und Orte wie der “Weddinger Hufschmied” oder das “Humboldt-Eck”, die so nicht mehr existieren. Mittels der Schwarz-Weiß-Fotografie erhalten Denkelers Aufnahmen einen bewahrenden Charakter. Sie sind Dokumente einer vergangenen Zeit, die den Gang von Geschichte vor Augen führen und derart Vergänglichkeit thematisieren. Der Fotograf unterstützt dies durch eine möglichst reduzierte Aufnahmeart, er hält meist Distanz zum fotografierten Motiv und lässt damit Raum zwischen sich und dem aufgenommenen Objekt. Die Bilder verzichten auf dramatische oder anekdotische Inszenierung, was durch die Abwesenheit von Menschen unterstützt wird.

Ralf Hasford präsentiert mit der “Kutschenbank” eine großformatige Arbeit (85 x 150 cm) aus dem Jahr 2006. Im Vordergrund ist deutlich die hervorgehobene gelbe Kutschbank zu sehen. Im Hintergrund erscheint das Deutsche Historische Museum mit dem berühmten Treppenturm des Pei-Baus. Hasford hat durch seine ausgefallene Montagetechnik das Museum aber nicht als Sightseeing-Highlight betont, sondern subtil das Thema Geschichte im Bild aufgegriffen. Zum einen durch die Kutsche als Reminiszenz an vergangene Fortbewegungsmittel und zum anderen durch das Deutsche Historische Museum als bekannten Ausstellungsort deutscher Geschichte. Zudem holt Hasford die Gegenwart – mit dem Fortbewegungsmittel unserer Tage – in der rechten unteren Ecke indirekt mit ins Bild: das Auto, denn zu sehen ist ein Autospiegel, in dem sich das Abbild des modernen Pei-Baus spiegelt.

Alle drei Berlin-Fotografen zeigen eine Stadt in Auseinandersetzung mit sich selbst, sie präsentieren weder Menschen noch deren Schicksale und Erlebnisse in Berlin, sondern alle drei Fotografen zeigen ihre Sicht auf Berlin als Stadt im Rekurs auf ihre aktuelle und vergangene Geschichte.

Eine Übersicht aller Artikel zur Galerie im Bayer-Haus Berlin finden Sie hier.

Push The Sky Away – Bee’s kleines, schwarzes Buch

Nur für 24 Stunden im Internet: Das gesamte Konzert von Nick Cave

The problem was Bee had a little black book | And my name was written on every page | Well a girl’s gotta make ends meet | Even down Jubilee Street
[Nick Cave: "Jubilee Street"]

Sein neues und 15. Studio-Album “Push The Sky Away” hat Nick Cave mit den Bad Seeds am 21. Februar 2013 im Fonda Theatre in Los Angeles vorgestellt. Vom kompletten Konzert gibt es einen 105 (!) minütigen Film auf “My Video”, der seit heute Mittag 12 Uhr für 24 Stunden zu sehen ist (ohne Werbeunterbrechung!). Empfehlung: Unbedingt ansehen.

Nick Cave: “Konzertmitschnitt aus dem Fonda Theatre”

Neben Nick Cave, seiner Band und einigen Streichern tritt ein großer Kinderchor auf. In der 52. Minute erfolgt dann eine Überraschung: Der Film wechselt von dem bisherigen Schwarzweiß in Farbe und Cave rockt mit “Jack the Ripper” richtig los. Einen eher ruhigen Song, den vierten aus dem Album “Push The Sky Away”, habe ich als Video herausgesucht:

Nick Cave & The Bad Seeds: “Jubilee Street”.

Das offizielle Video ist nicht ganz jugendfrei, bei You Tube ist es nur per Anmeldung zu sehen. Mal sehen, wie lange mein Link “funktioniert”.

"Das Fenster zum Hof", aus "Schatten und Spiegel", Foto © Friedhelm Denkeler 1999

“Das Fenster zum Hof”, aus “Schatten und Spiegel”, Foto © Friedhelm Denkeler 1999

Die FAZ schreibt zum neuen Album: “Es ist eine beinahe erhabene Ereignislosigkeit, die das Album durchzieht, das damit eines der schönsten ist, die Nick Cave & The Bad Seeds je geschaffen haben. Meist besteht die Musik aus wenig mehr als nebligen Atmosphären, die direkt aus dem Jenseits herüberzuwehen scheinen. Die ohnehin seltenen Gitarren glimmen wie funzelige Glühbirnen am Ende ihres Lebenszyklus; statt Puls oder Metrum vorzugeben, streicht und spritzt Schlagzeuger Thomas Wydler Farbakzente auf die Songleinwände.” Na ja! Am besten selber hören.

All Palaces Are Temporary Palaces

Lichtskulptur von Robert Montgomery während
der letzten Tage von C|O Berlin im Postfuhramt

"All Palaces Are Temporary Palaces", Lichtskulptur von Robert Montgomery, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

"All Palaces Are Temporary Palaces", Lichtskulptur von Robert Montgomery, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

In 13 Tagen schließen sich die Pforten von C|O Berlin im Postfuhramt, so zeigt es heute die Count-Down-Uhr direkt über dem Eingang an (und auch auf der Website von C|O). Erst im Herbst öffnet die Galerie im Amerika-Haus wieder ihre Türen (siehe: Von der Mitte in den Westen).

Damit der Abschied leichter fällt hat der Künstler Robert Montgomery, direkt neben der imposanten Kuppel des Postfuhramtes an der Oranienburger Straße 35, eine Lichtskulptur mit dem Schriftzug “All Palaces Are Temporary Palaces” installiert.

Das trifft natürlich auf alle Paläste (und nicht nur diese) der Welt zu. Die Gebäude bleiben oft bestehen, aber mit dem Austausch des Inhalts, ändert sich die ursprüngliche Bedeutung. Wie wird es weitergehen?

Diese einfache Frage stellt sich Montgomery immer wieder und hier insbesondere im Angesicht des verfallenen Glanzes vom Postfuhramt. Sein leuchtender Text weist gleichzeitig auf vergleichbare Veränderungen im Stadtbild Berlins hin.

“Robert Montgomery bezieht Stellung und setzt einem kühlen, entfremdenden Zeitgeist deutlich umrissene Visionen entgegen.” (C|O). “Es ist eben nicht zu ändern: Unser Körper, unsere Wohnungen, unsere Flughäfen, unsere Museen – alles nur vorübergehende Orte … Ein Trost, eine Mahnung vielleicht, doch sicher auch Motivation, nach vorne zu schauen.” [Tagesspiegel]

My Bonnie Lies Over The Ocean

Tony Sheridan & The Beatles –
Wie aus einem schottischen Volkslied ein Beatstück wurde

My Bonnie lies over the ocean,/ My Bonnie lies over the sea./ My Bonnie lies over the ocean./ Oh bring back my Bonnie to me.

"Dortmunder Union-Bier", Foto © Friedhelm Denkeler 1964

“Dortmunder Union-Bier”, Foto © Friedhelm Denkeler 1964

Kennen und lieben gelernt habe ich den Song “My Bonnie” von Tony Sheridan 1964 im Jugendclub in Vlotho. Mit den ersten Songs der Beatles wurde auch “My Bonnie”, den Sheridan 1961 mit den Beatles in Hamburg aufnahm, bekannter. Die Single nennt als Interpreten noch Tony Sheridan & The Beat Brothers.

Mit den Beat Brothers waren die Beatles gemeint, die damals noch zu fünft mit Stuart Sutcliffe am Bass und Pete Best am Schlagzeug auftraten. Für die gleichnamige LP erhielt Sheridan die Goldene Schallplatte. Mit der Eröffnung des legendären Hamburger Star Clubs spielten Tony Sheridan und die Beatles öfter zusammen.

Tony Sheridan & The Beat Brothers: “My Bonnie”

Das ist schon ein toller Song, der zunächst wie das alte schottische Volkslied beginnt und dann in eine wilde Beat-Nummer übergeht. Kein Wunder, dass der Discjockey im Jugendclub den Song gleich mehrmals spielen musste. Wie bei den Hamburger Seeleuten: Sheridan nahm den Song damals auf, weil die Seeleute in den Clubs ihn immer wieder hören wollten. Hier habe ich noch ein Konzertmitschnitt aus dem Jahr 2011 mit Tony Sheridan und “My Bonnie” gefunden.

1960 war Tony Sheridan einer der ersten britischen Musiker, die in Deutschland auftraten: In Hamburg spielte er mit seinen “Jets”. Paul McCartney bezeichnete ihn später als “Lehrer”. Durch den Erfolg von “My Bonnie” wurde auch Brian Epstein (der spätere Manager der Beatles) auf die Beatles aufmerksam. So hat Sheridan, der sich eher im Hintergrund hielt, einen Anteil an dem Weg der Beatles.

Anlässlich des 50. Geburtstags des Star-Clubs stand im April 2012 Tony Sheridan das letzte Mal auf Bühne. Jetzt ist er mit 72 Jahren in Hamburg gestorben. “My Bonnie” hat ihn unsterblich gemacht.

Eine persönliche Bilanz der Berlinale-Wettbewerbsfilme

Berlinale (IXX und Schluss): Acht Filme werden in Erinnerung bleiben

Die Gewinner der 63. Filmfestspiele Berlin 2013 habe ich bereits hier vorgestellt. Meine Lieblingsfilme, die ich im diesjährigen Wettbewerb gesehen habe, stimmen nicht unbedingt mit der Meinung der Jury und der Kritiker überein. Deshalb zum Schluss dieser Artikelreihe zur Berlinale 2013 eine persönliche Bilanz. Dabei beziehe ich auch die außer Konkurrenz laufenden Filme mit ein. Von den 16 gesehenen Filmen des Wettbewerbs werden in Erinnerung bleiben:

"Der Graue Bär", Foto © Friedhelm Denkeler

"Der Graue Bär", Foto © Friedhelm Denkeler

Gloria”, Chile, von Sebastián Lelio mit Paulina García (siehe: “Gloria tanzt den Umberto Tozzi). Mit einer “charmanten Kombination aus Unsicherheit, Mut und Lebenslust” (FR) tanzt die 58-jährige Gloria nach Umberto  Tozzis “Gloria”. Sie hat den Silbernen Bären als beste Darstellerin verdient. Mein Lieblingsfilm der Berlinale.

Harmony Lessons”, Kasachstan, (siehe “Die Geschichte einer zunehmenden Brutalisierung). Zu Beginn des Films fragt Aslan seine Großmutter, ob Menschen ohne Fleisch leben können, sie antwortet: “Vielleicht im Himmel”. In der Schlussszene sieht Aslan ein Schaf “über das Wasser gehen”. Den Himmel auf Erden wird es für ihn nicht geben. Mir ist der Film zu brutal, aber er ist wegen der guten Bilder des Kameramanns sehenswert.

Parde” von Jafar Panahi, Iran (siehe: “Der geschlossene Vorhang – Psychodrama mit Jafar Panahi und seinem Alter Ego über das Eingesperrtsein”). Die Vielschichtigkeit der verschiedenen Ebenen hier wiederzugeben, würde den Rahmen sprengen. Der eigentliche Film findet im Kopf statt und was dies minimalistisch gedrehte Kammerspiel dort entfacht, ist enorm. Der anspruchsvollste Film des Wettbewerbs.

In the Name of”, Polen von Malgoska Szumowska (siehe “Ein Priester zwischen Anpassung und Leidenschaft”). Zum Schluss bleibt alles in der Schwebe, aber die kraftvollen Bilder der inneren Zerrissenheit bleiben dem Zuschauer im Gedächtnis.

Die Nonne” von Guillaume Nicloux, Frankreich (siehe: “Die Gute, die Böse und die Andere … Mutter Oberin). Die Kamera fängt eine wahre Ästhetik wie in der Malerei ein: Halbdunkle Landschaftsbilder, karge klösterlichen Zellen, das Kerzenlicht, zeitlose Stillleben. Fazit: Ein zu langer und zwiespältiger Film, dessen Ästhetik angesichts der dunklen Machenschaften dennoch überirdisch schön ist.

Aber auch weniger “anspruchsvolle” Film gefielen mir: “Promised Land” von Gus Van Sant, USA (siehe “Matt Damon “I’m not a bad guy” zwischen Energieautonomie und Umweltrisiko”) und “Gold”, Deutschland vonThomas Arslan (siehe: “Sieben auf der Suche nach Gold – Nur eine kam durch”) sowie “Before Midnight” von Richard Linklater, USA (siehe: “Im Neun-Jahres-Rhythmus vom Sonnenaufgang zum Sonnenuntergang bis Mitternacht“).

Da die meisten dieser Filme im Laufe des Jahres auch in den Lichtspieltheatern gezeigt werden, kann ich alle acht Filme empfehlen.

www.berlinale.de

Die Gewinner der 63. Filmfestspiele Berlin 2013

Berlinale (XVIII): Filme aus Osteuropa prägten das Festival

Die Jury, bestehend aus Wong Kar-Wai (Regisseur, China), Susanne Bier (Filmregisseurin, Dänemark), Andreas Dresen (Filmregisseur, Deutschland), Ellen Kuras (Dokumentarfilmerin, USA), Shirin Neshat (Videokünstlerin, Iran), Tim Robbins, Schauspieler, USA), Athina Rachel Tsangari (Filmregisseurin, Griechenland) hat heute Abend die Preise der diesjährigen Berlinale vergeben. Am kommenden Dienstag werde ich meine persönlichen Favoriten vorstellen.

"Berlinale-Plakat", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

"Berlinale-Plakat", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Die Preisträger

  • Goldener Bär für den besten Film:Child’s Pose”, Rumänien,
    von Calin Peter Netzer
  • Großer Preis der Jury – Silberner Bär:An Episode in the Life of an Iron Picker”, Bosnien,
    von Danis Tanovic
  • Silberner Bär – Beste Regie: David Gordon Green für “Prince Avalanche”, USA
  • Silberner Bär – Beste Darstellerin: Paulina García in “Gloria” (Chile)
  • Silberner Bär – Beste Darsteller: Nazif Mujic in “An Episode in the Life of an Iron Picker”, Bosnien
  • Silberner Bär – Bestes Drehbuch: Jafar Panahi für “Parde”, Iran
  • Silberner Bär – Herausragende künstlerische Leistung:
    Aziz Zhambakijev für die Kamera in “Harmony Lessons“, Kasachstan

Die Pressestimmen

  • DIE WELT: “Berlinale ohne große Überraschungen. Osteuropäische Produktionen prägten eher durchschnittlichen Wettbewerb.”
  • DIE ZEIT: “Die Realität wird prämiert. Korruption in Rumänien, lebensgefährliche Armut einer Roma-Familie: Die stärksten Filme dieser Berlinale zeichneten sich durch ihre Wirklichkeitsnähe aus.”
  • Frankfurter Rundschau: “Ada Solomon, die Produzentin dieses Films (Child’s Pose), nutzte die … Dankesrede auch gleich zu einem Appell an die Politiker ihres Heimatlandes, jenes nationale Kino mehr zu schätzen und zu fördern, das weltweit gefeiert wird. Und das wird es in der Tat! Die Berlinale pries es als Hort des Arthouse-Kinos. Das war nett von ihr.”
  • DIE ZEIT: “Keine noch so gute Geschichte kommt beim Publikum an, wenn die Darsteller sie ihm nicht nahe bringen – oder sie uns, wie Paulina García, direkt ins Herz pflanzen. Dafür erhielt die Chilenin zu Recht den Darstellerpreis. Ihre Titelfigur der Gloria hatte alle – Zuschauer wie Kritiker – begeistert.”
  • DER SPIEGEL: “Die wenigen US-Beiträge, Soderberghs “Side Effects”, Fredrik Bonds Debüt “The Necessary Death Of Charly Countryman” und David Gordon Greens schönes, aber letztlich belangloses Buddy-Movie “Prince Avalanche”, gehörten zu den Enttäuschungen des Festivals.”
  • Berliner Morgenpost: “Das Muttermonster kriegt Gold, die Stars gehen leer aus. Die Berlinale hat ein Problem: Die Gewinner kennt kein Mensch … Am Ende sind die drei Regisseurinnen zwar leer ausgegangen, aber die mehrheitlich weibliche Jury hat bei ihrer Bären-Vergabe zumindest die Frauenquote der Filme voll erfüllt.”
  • Deutsche Welle: “Die Berlinale knüpft an ihre Ursprünge an Berlin … die Stadt zwischen Ost und West, die Metropole zwischen den einstigen politischen Blöcken, hatte lange die Funktion eines kulturellen Brückenbauers – indem sie Filme zeigte, die hinter dem Eisernen Vorhang produzierten wurden.”
  • Handelsblatt: “Osteuropäer räumen Berlinale-Preise ab. Elend, Verbrechen, Gewalt und Hoffnungslosigkeit – osteuropäische Filme voller tragischer, düsterer Geschichten holen die Berlinale-Bären. Für die Deutschen gibt es keinen Preis. Ein politisches Signal geht in den Iran.”
  • Frankfurter Rundschau: “Allgemein wird der im Vergleich zum Vorjahr deutlich schwächere Wettbewerb beklagt … Hier laufen weitgehend Filme, die in Ordnung und mitunter sogar sehr interessant sind, aber kaum solche, die eine Dekade prägen, geschweige denn Meilensteine der Kinematografie sind.
  • Der Tagespiegel: “Ende gut, nicht alles gut. Die Berlinale steckt in einer schweren Krise im Wettbewerb der großen Festivals … Dieses Festival hat sich … offenkundig bestürzend entspannt aus der Riege der relevanten Weltfestivals verabschiedet. Cannes ist und bleibt die Nummer eins, man weiß es.”

Ein steinzeitliches Familienporträt

Berlinale (XVII): Kirk DeMicco/Chris Sanders: “The Croods”, USA

"Nikolas Cage, Emma Stone, Uwe Ochsenknecht" (v.r.n.l.), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

"Nikolas Cage, Emma Stone, Uwe Ochsenknecht" (v.r.n.l.), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Mit einer 3D-Brille auf der Nase hören wir mit der Stimme von Nicolas Cage Vater Grup, dem Oberhaupt der Steinzeit-Familie (in der deutschen Fassung von Uwe Ochsenknecht gesprochen) zu und erleben die Heldin Eep (mit der Stimme von Emma Stone). Beide Hauptstimmendarsteller und drei deutsche Synchronsprecher kamen zur Uraufführung und somit kam noch einmal Glanz auf den Roten Teppich.

Gut gemachte 3D-Filme sind sehr selten, eine große Ausnahme ist James Camerons Avatar aus dem Jahr 2010. Der heute Abend außer Konkurrenz laufende Film ist davon weit entfernt. Er gehörte auch nicht in den Wettbewerb, sondern in das Kinderprogramm der Berlinale. Fazit: “Friede, Freude, Feuermachen” und nicht empfehlenswert.

Die Überschrift “Ein steinzeitliches Familienporträt” ist übrigens wörtlich zu nehmen: Im Film entstand das erste “fotografische” Abbild der Menschheits-geschichte, allerdings weniger durch Licht, sondern durch einen gewaltsamen Abdruck auf einem “Steinbild”, sozusagen eine Kontaktkopie der Croods.

“Als ihre Höhle zerstört wird muss Steinzeitfamilie Croods in einer fremden unberechenbaren Welt ein neues Zuhause finden. Mutter Natur ist noch in der Experimentierphase, bringt die ungewöhnlichsten Schöpfungen hervor und hat auch die Planung der Kontinente noch nicht abgeschlossen.

Wem sollen die letzten Überlebenden der prähistorischen Ära auf ihrer Reise ins Ungewisse folgen: Grug, dem Vater und Stammesoberhaupt, der in allem Unbekannten eine Gefahr sieht? Oder doch lieber dem jungen Guy, der voller neuer Ideen steckt und sich, sehr zu Grugs Missfallen, auch noch in dessen aufgeweckte Tochter Eep verliebt?

In einer Welt voller Herausforderungen scheint die einfallsreiche Jugend der bessere Garant fürs Überleben zu sein. Eine schmerzliche Lektion für Papa Grug. Doch schließlich profitieren alle davon, dass sie lernen, ihre Ängste zu überwinden. Und nicht zuletzt zeigt sich, dass jedes Familienmitglied bereits alles hat, was es zum Überleben braucht: die anderen.

In 3D und mit viel Sprachwitz kreieren Christopher Sanders und Kirk DeMicco eine opulente Fabelwelt, in der Familienstrukturen bestehen, die von der Steinzeit bis heute unverändert scheinen:” [Quelle: Filmbeschreibung]

www.berlinale.de, Trailer

Haewon im Regen

Berlinale (XVI): Hong Sangsoo: “Nobody’s Daughter Haewon” (“Nugu-ui Ttal-do Anin Haewon”), Korea

"Jung Eunchae", Foto © Friedhelm Denkeler  2013

"Jung Eunchae", Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Am letzten Tag der Berlinale fällt erfahrungsgemäß der Abschied schwer. Die beiden zuletzt gesehenen Filme “Nobody’s Daughter Haewon” und “The Croods” machten es uns dieses Mal leicht.

Zunächst zur koreanischen “Nobody’s Daughter Haewon”. Die Eingangsszene versprach etwas, was der anschließende Film nicht mehr erfüllte: Eine Touristin Jane Birkin (spielt sich selbst) fragt die Hauptdarstellerin Haewon nach dem richtigen Weg. Haewon, die irgendetwas mit Schauspiel studiert, bewundert Jane Birkins Tochter (Charlotte Gainsbourg) sehr. Am Ende des Gesprächs lagen sie sich in den Armen.

Dann entwickelte sich ein eher langweiliger “Eric Rohmer-Film”: Lange Dialoge über Beziehungen. Im Gegensatz zu Rohmer, der seine Filme in schönen Landschaftsbildern der Bretagne spielen lässt, sahen wir in Nobody’s Daughter tristes Stadtleben, langweilige Kulissen und betonierte Plätze, und das alles auch noch im Regen.

Dass der Film trotzdem sehenswert war, hat er hauptsächlich seiner wunder-schönen Hauptdarstellerin Jung Eunchae zu verdanken, die wieder eine der “starken Frauen” der diesjährigen Berlinale spielte.

“Ist sie ihres Lebens, ihrer Liebe müde, oder warum schläft Haewon in einem Restaurant ein? Die Studentin fühlt sich allein gelassen. Ihre Mutter wird nach Kanada ziehen, die Affäre mit einem ihrer Professoren will Haewon beenden, weil sie ihr keinen Rückhalt bietet. Doch nicht nur, dass die Liasion von ihren Mitstudenten entdeckt wird – der verheiratete Mann akzeptiert die Trennung nicht.

Haewon ist irritiert und zieht sich zurück. Andere Männer kreuzen ihren Weg. Und dieser Weg führt sie zur einer alten Festung in den Bergen oberhalb von Seoul. Dort warten nicht nur Reiswein und eine vertraute Melodie, sondern auch ein gewagter Fluchtplan auf sie.

Untersuchte Hong Sangsoo in früheren Filmen die unergründlichen Pfade der Liebe und die Unmöglichkeit von Beziehungen zumeist aus der Sicht seiner männlicher Helden, hat er nun die Perspektive gewechselt. Die Gefühle der Protagonisten aber bleiben rätselhaft und unbeständig. Wie Haewon selbst, eine junge Frau, die gerne träumt.

Vielleicht ist dieser Film auch einer dieser Träume, aus denen sie ständig an den unmöglichsten Orten erwacht. Denn wer vermag zu sagen, wie irreal unsere Wirklichkeit ist und wie real unsere Träume sind?” [Quelle: Filmbeschreibung]

www.berlinale.de

Der unvollendete Film mit River Phoenix

Berlinale (XV): George Sluizer: “Dark Blood”, Niederlande

"Regisseur George Sluizer (li.) und Jonathan Pryce, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

“Regisseur George Sluizer (li.) und Jonathan Pryce
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Zwanzig Jahre, nachdem der Film nicht fertiggestellt werden konnte, lief er heute Abend als Weltpremiere (außer Konkurrenz). Jonathan Pryce, einer der damaligen Hauptdarsteller begleitete den mittlerweile 80-jährigen Regisseur George Sluizer in den Berlinale-Palast. River Phoenix, der während der Dreharbeiten verstarb, erwies sich auch posthum als ideale Besetzung für den, wie er sich selbst bezeichnete, Viertelindianer “Boy”.

Der Film wirkt, als wäre er in der Jetzt-Zeit gedreht. Nur gab es noch keine rettenden Handys. Die Berliner Zeitung schreibt dazu: “Aber das postapokalyptische Szenario des Films, der Zusammenstoß der weißen und indigenen Kultur, die Hilflosigkeit westlicher Arroganz wirken heute bedeutungsvoller, brisanter und aktueller als damals, als die Welt noch 20 Jahre jünger war.”

Für Sluizer muss es die Erfüllung eines Lebenstraums gewesen sein, diesen Film zu beenden. Von Krankheit geschwächt konnte er die Bühne nicht mehr betreten, sondern bedankte sich unten im Saal mit ergreifenden Worten für die Chance dieser Aufführung. Es gab stehenden Applaus.

“Boy (River Phoenix), ein verwitweter junger Mann mit indianischen Wurzeln, lebt in einer durch Nukleartests verseuchten Wüste in den USA. Hier wartet er auf das Ende der Welt, umgeben von Voodoo-Puppen der Ureinwohner, die magische Kraft besitzen sollen.

In dieses Refugium brechen unerwartet Harry (Jonathan Pryce) und Buffy (Judy Davis) ein, die eine späte zweite Hochzeitsreise angetreten haben, um zu prüfen, ob ihre Ehe noch eine Zukunft hat. Als ihr Bentley streikt, bietet Boy seine Hilfe an. Doch dann beginnt er, die beiden wie Gefangene zu halten, weil er hofft, gemeinsam mit Buffy in eine bessere Welt hinüberwechseln zu können.

Nach dem plötzlichen Tod des Hauptdarstellers River Phoenix zehn Tage vor Abschluss der Dreharbeiten 1993 fiel das Filmmaterial zu Dark Blood an die Versicherung, die für den Drehabbruch aufkam. Jahre später konnte Regisseur George Sluizer das Material vor der endgültigen Vernichtung bewahren.

Im Januar 2012 begann er mit der Endfertigung seines Films, wobei er sich entschloss, die fehlenden Szenen im Off aus dem Drehbuch vorzulesen. Sein Film ist ein existenzialistischer Spätwestern von suggestiver Kraft, die nicht zuletzt von der Präsenz seiner am Rande des Todes balancierenden Hauptfigur ausgeht.” [Quelle: Filmbeschreibung]

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Die Geschichte einer zunehmenden Brutalisierung

Berlinale (XIV): Emir Baigazin: “Harmony Lessons”
(“Uroki Garmonii”), Kasachstan

"Regisseur Emir Baigazin",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013

“Regisseur Emir Baigazin”
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

In Unterricht wird Darwin gelehrt (“survival of the fittest”) und nach der Schule praktiziert. Emir Baigazin aus Kasachstan zeigt sehr realistisch, wie brutal es in ländlichen Gegenden seiner Heimat zugehen kann. Der Film beginnt damit, dass der junge Aslan brutal ein Schaf umbringt, anschließend häutet und die Eingeweide herausnimmt (geht es nicht auch ohne solche Szenen?). Später foltert er Kakerlaken auf einem selbstgebastelten elektrischen Stuhl.

Nach und nach lernen wir die Gründe seiner zunehmenden Brutalisierung kennen. In der Schule herrscht unter den Schülern ein mafiaähnliches System der körperlichen Zurichtung und Unterwerfung; es wird von oben nach unten “durchregiert”. Ältere nehmen jüngere Mitschüler brutal aus und wer nicht mitmacht, an dem wird ein Exempel statuiert. Lehrer und untersuchende Ärzte sind auch nicht besser.

Aslan steht ganz am Ende dieser Kette. Von Anfang an ist zu spüren, dass dies nicht gut gehen kann. Aslans ausgeübte Rache ist kein Befreiungsschlag, sondern lässt ihn in den nächsthöheren Unterdrückungsapparat geraten. Im Gefängnis foltert ihn die Polizei.

Zu Beginn des Films fragt Aslan seine Großmutter, ob Menschen ohne Fleisch leben können, sie antwortet: “Vielleicht im Himmel”. In der Schlussszene sieht Aslan ein Schaf “über das Wasser gehen”. Den Himmel auf Erden wird es für ihn nicht geben.

Wahrscheinlich wird der Film auf der diesjährigen Berlinale einen Preis erhalten. Wird sich im Namen der Kunst etwas auf der Welt ändern?

“Während einer ärztlichen Untersuchung wird der 13-jährige Aslan vor den Augen vieler Mitschüler gedemütigt, was seine latente Persönlichkeits-störung zum Ausbruch kommen lässt. Ständig befallen ihn Zweifel an sich selbst, zugleich strebt er verbissen nach Sauberkeit und Perfektion. Alles, was ihn umgibt, muss er unter seine Kontrolle bringen.

Wegen dieses Zwangs gerät Aslan, der bei seiner Großmutter in einem kasachischen Dorf lebt, in immer ernstere Konflikte. Mit tiefer Abscheu beobachtet er, dass die meisten Mitschüler in einem System krimineller Machenschaften gefangen sind, darunter auch Bolat, von dem sich Aslan besonders erniedrigt fühlt. Bolat erpresst Schutzgeld von kleineren Kindern. Für den Außenseiter Aslan hat er nur Verachtung übrig.

In seinem ersten abendfüllenden Spielfilm zeigt Emir Baigazin die Konfrontation des Individuums mit Mechanismen der Ausgrenzung und Gewalt. Die wachsende Brutalisierung des öffentlichen Lebens bildet dabei den Hintergrund. In streng kalkulierten optischen Tableaus, die der Film durch symbolistische Szenen aus der Tierwelt ergänzt, entfaltet sich das Schicksal eines Jungen, der sich wehrt und dabei selbst zu zerstören droht.” [Quelle: Filmbeschreibung]

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