Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Alles Bio oder was? Ein urbanes Kammerspiel vom Praktikanten des Regisseurs von ‚Good Bye, Lenin!‘

Bist ’n einsamer Wolf wa! Ich weiß gar nicht, wovon die überhaupt reden! [Michael Gwisdek in „Oh Boy“]

Der Debütfilm „Oh Boy“ von Jan Ole Gerster lässt uns einen „Day In The Life“ von Niko, einem Endzwanziger in Berlin miterleben. Eine Paraderolle für Tom Schilling. Die Melancholie des Films, nicht nur wegen der schwarz-weißen-Bilder, deutet sich bereits im Titel an: Ein Zitat aus dem Beatles-Song „A Day In The Life“.

Niko ist wenig aktiv, sein Jurastudium hat er abgebrochen, aber ihm geschieht so einiges in der Metropole innerhalb von 24 Stunden: Der Geldautomat behält die Karte ein, der Vater streicht ihm die Unterstützung, der Nachbar wird mit den Hackfleischbällchen seiner Frau aufdringlich, Niko fällt beim Idiotentest durch, er muss vor den Controletties der BVG flüchten und es scheint in der ganzen Stadt keinen normalen Filterkaffee mehr zu geben – insbesondere nicht bei der schwäbelnden Bio-Latte-Macchiato-Verkäuferin.

"Oh Boy", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Oh Boy“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Das alles führt zu einem Stimmungsbild von Berlin, das ich bisher so fantastisch noch nicht im Film gesehen habe. Eigentlich ein Anti-Portrait, das sich wohltuend entfernt von dem aktuellen Hype um die Start-Up-Unternehmen und dem permanten „gut-drauf-sein“. Der Trailer gibt das nur unzureichend wieder; er zeigt mehr die komische Seite des Films. Die eigenwillige Filmsprache des Kameramanns zeigt in einer klassischen Ästhetik, erstaunlich für einen Debütfilm, die Straßen- und Menschenbilder der Metropole Berlin, in der man für wenig Geld in den Tag hineinleben und von „Projekten“ und „Terminen“ träumen kann.

Neben Tom Schilling spielt Berlin ebenso eine Hauptrolle. Die Frankfurter Rundschau schreibt in ihrem Fazit „Und noch einen Klassiker müssen wir nennen: Walter Ruttmanns „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ hat nun einen Nachfolger! Was wurde dieser Klassiker bei seiner Premiere 1927 nicht kritisiert, weil ihm angeblich die Menschen fehlten. Nun, hier sind sie. Etwas spät vielleicht. Aber es ist ja nie zu spät für ein Generationenporträt, das für ein Gefühl von heute in der Zeitlosigkeit die rechten Bilder findet.“

Jan-Ole Gerster hat als Produktionsassistent bei ‚Good Bye, Lenin!‘ von Wolfgang Becker angefangen, deshalb wollte er auch zuerst auf die Filmplakaten drucken lassen „Vom Praktikanten des Regisseurs von ‚Good Bye, Lenin!'“ Übrigens: Zum Schluss des Films findet Niko in einem Krankenhaus einen Kaffeeautomaten, der die Taste „Schwarzer Kaffee“ besitzt – irgendwie ein versöhnliches Ende und nicht nur deshalb ein sehenswerter Film.

Kennst du das, wenn man das Gefühl hat, dass die Menschen um einen herum irgendwie merkwürdig sind, aber wenn du länger darüber nachdenkst, wird dir klar, dass nicht die anderen, sondern dass du selbst das Problem bist. [Niko in „Oh Boy“]