Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Oktober 2012

Ein Leben unter dem Glaskubus

Neben Martina Gedeck spielen in “Die Wand” die Natur
und Luchs von Kyffhäusersbach die weiteren Hauptrollen

Von Männern ausgeheckte Apokalypsen kennen wir zur Genüge. Mit denen können wir umgehen, die können wir längst schon als Genre abtun. Diese weibliche Apokalypse ist anders. Sie verstört ganz ungewohnt. Und wirkt noch lange nach. [Berliner Morgenpost]

Eine Frau (Martina Gedeck) sitzt in einer einsamen Jagdhütte auf den Bergen fest: Ihre unmittelbare Umgebung ist durch eine unsichtbare Wand von der Außenwelt abgeschnitten. Die Wand ist durchsichtig, aber es ist nichts zu sehen, sie spiegelt auch nichts wieder, lediglich bei Annäherung erfolgt ein dumpfes Dröhnen. Ein Hund namens Luchs, der ihren Freunden gehört, die sich zu einem Ausflug verabschiedet haben, rennt gegen die Wand; dann versucht es die Frau selbst; auch der Versuch mit dem Auto durchzukommen scheitert – es bleibt schwer beschädigt liegen.

Hinter der Wand scheint alles Leben eingefroren zu sein. Der Städterin bleibt nichts anders übrig, als sich mit der Situation zu arrangieren. Eine Kuh und eine Katze werden neben Luchs, dem Hund, zu ihren Leidensgenossen. Die Frau pflanzt Kartoffeln, sammelt Früchte des Waldes, lernt mit dem Gewehr auf Jagd zu gehen um zu überleben. Im dritten Jahr schreibt sie ihre Geschichte auf, bis das Papier zu Ende ist.

"Selbst im Kleingarten", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Selbst im Kleingarten", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Aus dem Off erzählt die Frau ihre Gedanken, aber eigentlich ist das nicht notwendig, denn Martina Gedecks “Gesicht schreibt seinen eigenen Text” (FAZ). Es bildet die innere Verfassung der Protagonistin, den seelischen Ausnahmezustand, gut ab. Obwohl die Welt nicht mehr existiert, arbeitet sie weiter um zu leben: Sie mäht Heu, versorgt ihre Tiere, zieht im Sommer mit ihnen auf die Alm, hackt Holz für den Winter und geht auf die Jagd. Das Leben unter dem Glaskubus geht, auch nach einer weiteren Katastrophe, weiter.

Der Film, der auf dem gleichnamigen Roman der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer aus dem Jahr 1963 beruht, lief bereits unter großem Beifall im diesjährigen Berlinale-Programm “Panorama”. Der österreichische Regisseur Julian Pölsler schaffte sich den Hund, einen sogenannten Bayerischen Gebirgsschweißhund, für die Verfilmung an und trainierte ihn persönlich. Eindrucksvolle Landschaftsaufnahmen, ein Alpenpanorama wie es im Buche steht, ein betörender Sternenhimmel und alle vier Jahreszeiten in eindrucksvollem Cinemascope. Ein Film, der vordergründig eine Hommage an die unberührte Natur zu sein scheint, wird durch Martina Gedeck zu einem Drama, das einem fast den Atem raubt. Sehenswert!

Ich habe die Wand immer als Rettung gesehen. Die Wand ist kein schönes Ereignis, aber es hilft der Frau, zum Leben zurück zu kommen und das ist notwendig, weil sie vorher nicht glücklich war. Die Wand steht für mich für eine tiefe Krise, ein Depression, eine Krankheit oder ähnliches – also auch für eine Chance, sich auf das Wesentliche zu besinnen, neue Prioritäten zu setzen und eine neue Lebendigkeit zu finden. [Martina Gedeck]

Links: Trailer, Film-Website, NDR-Kulturjournal

Von der Punkpoetin zur Chefin einer Rock ‘n’ Roll-Band: Patti Smith mit “Gloria”

Die Geschichte einer Freundschaft mit Robert Mapplethorpe

Jesus died for somebody’s sins but not mine/ Meltin’ in a pot of thieves/ Wild card up my sleeve/ Thick heart of stone/ My sins my own/ They belong to me, me  [aus: Patti Smith "Gloria"]

"Anruf von Patti", Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1988

“Anruf von Patti”, Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1988

Es war einmal im “Summer of Love” 1967, in dem eine zehn Jahre währende, tragische Liebes-geschichte zwischen Rock und Kunst beginnen sollte: Die damals 21jährige Patti traf den gleichaltrigen Robert in New York und beide wollten Künstler werden.

Bald zogen sie zusammen; lebten mehr schlecht als recht von ihren Gelegenheitsjobs. Ins Kunst-Museum ging jeweils nur einer von beiden; zwei Eintrittskarten konnten sie sich nicht leisten, nach dem Besuch beschrieben sie sich gegenseitig die gesehenen Ausstellungsstücke.

Abends und nachts dichtete Patti, beeinflusst von der Beat-Genration, ihre wilde Punk-Prosa und Robert bastelte an seinen Collagen. Im März 1968 sahen sie gemeinsam das Doors-Konzert im Fillmore East, in dem Robert als Kartenabreißer jobbte. Patti beobachtete Jim Morrisson ganz genau und in ihr setzte sich der Gedanke fest “Das kann ich auch”.

Zehn Jahre später war Patti Smith ein berühmter Rock ‘n’ Roll-Star und Robert Mapplethorpe ein berühmter Fotograf. Im September 1975 nahm Patti Smith mit ihrer Band ihr erstes Album “Horses” im Electric-Lady-Studio von Jimi Hendrix auf. Es wurde zum Vorbild der englischen und amerikanischen Punk- und New Wave-Bewegung. Herausgesucht habe ich den folgenden, von Van Morrisson geschriebenen Song:

Patti Smith: “Gloria”.

Es ist eine Aufzeichnung der Rockpalast-Nacht vom 22. April 1979. Wie jedes Mal, wenn der Rockpalast vom WDR aus Essen übertragen wurde, sahen wir im Freundeskreis, ich glaube es war bereits spät nach Mitternacht, den Auftritt von Patti Smith und ihrer Band. Es war eine reichlich chaotische Darbietung. Deshalb habe ich noch zwei weitere Videos herausgesucht:

Patti Smith mit Gloria 1976Patti Smith in der Jools Holland Show 2007.

  • Cover: Das Cover zu “Horses” wurde mit einem S/W-Foto von Patti Smith, fotografiert von Robert Mapplethorpe, gestaltet.
  • Bedeutung: Die Rockzeitschrift “Rolling Stone” führt das Album “Horses” in ihren “500 Greatest Albums of All Time” auf Platz 44. 2007 wurde Patti Smith in die “Rock and Roll Hall of Fame” aufgenommen. Für ihre schriftstellerischen Arbeiten erhielt sie 2010 den National book Award, den wichtigsten amerikanischen Buchpreis.
  • Literatur: Patti Smith “Just Kids – Die Geschichte einer Freundschaft”, 2010
  • Album: “Horses”, 1975; Erste Seite: 1. Gloria: In Excelsis (Smith), Gloria (Van Morrisson), 2. Redondo Beach (Smith, Sohl, Kaye), 3. Birdland (Smith, Sohl, Kaye, Kral), 4. Free Money (Smith, Kaye); Zweite Seite: 1. Kimberly (smith, Lanier, Kral), 2. Break It Up (Smith, Tom Verlaine), 3. Land: Horses (Smith), Land of Thousend Dances (Chris Kenner), La Mer(de) (Smith), 4. Elegie (Smith, Lanier).
  • Besetzung: Patti Smith (Gesang, Gitarre), Lenny Kaye (Gesang, Gitarre), Jay Dee Daugherty (Schlagzeug), Ivan Kral (Bass, Gitarre, Gesang), Richard Sohl (Keyboard).
  • Daten: Patti Smith: geb. 30.12.1946 in Chicago, Robert Mapplethorpe: geb. 04.11.1946, gest. 09.03.1986

Aber insgeheim wusste ich, dass ich völlig umgekrempelt war, bewegt von der Erkenntnis, dass Menschen Kunst hervorbringen, dass Künstler etwas sehen, was andere nicht sehen [aus: Patti Smith "Just Kids", nach dem Besuch als Zwölfjährige im Museum of Art Philadelphia]

Wir schnitten unsere langen Röcke minikurz wie die von Vanessa Redgrave in Blow Up, und suchten in Second Hand-Läden nach Paletots, wie Oscar Wild und Baudelaire sie getragen haben [aus: Patti Smith "Just Kids"]

Der Blick der Anderen

Frühe Porträtfotografie und aktuelle Straßenfotografie aus Indien.
Monat der Fotografie 2012 in Berlin (5)

Seit den ersten Tagen der Kalotypie setzte der eigenartige Dreifuß mit seiner geheimnisvollen Kammer und seinem Messingmund die Einwohner dieses Landes davon in Kenntnis, dass ihre Eroberer auch andere Instrumente als die prächtigen Kanonen ihrer Artillerie erfunden haben, Instrumente, deren Erscheinungsbild vielleicht nicht minder verdächtig anmutete, die ihr Ziel jedoch mit weniger Lärm und Rauch erreichten [Samuel Bourne]

"Selbst im kolonialen Auge", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Selbst im kolonialen Auge", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Das Thema des 5. Europäischen Monats der Fotografie Berlin “Der Blick des Anderen” passt auf die beiden Ausstellungen, die ich am vergangenen Wochenende gesehen habe, sehr genau zu: Im Museum für Fotografie in der Jebensstraße sind noch bis zum 21.10.2012 an die 300 frühe Porträtfotografien aus Indien unter dem Titel “Das Koloniale Auge” (siehe hier) zu sehen und in der Bürogemeinschaft KOMET/ Galerie in der Prinzen-straße, zeigt Dr. Carola Muysers “indianROAD”, aktuelle Fotografien aus Indien von Beate Spitzmüller (siehe hier).

Das Koloniale Auge: Der verbindende Aspekt dieser Porträts aus den Anfängen der Fotografie ist der spezifisch europäische Blick. Die Bewohner sollten im Auftrag von Kolonialherren, Missionaren, Ethnologen und Händlern “inventarisiert und vermessen” werden. Die Fotos sind in die Rubriken Adel, Jenseits des Adels, Sadhus (=Entsager), Kasten, Berufe und Adivasi (= Ureinwohner) unterteilt. Wir als Besucher sehen nur, was Fotografen wie Samuel Bourne, Sheperd & Robertson und John Burke sehen wollten: die Pracht der Oberschicht, die Inventarisierung der einzelnen Kasten, die schmerzhaften Rituale der Asketen und die Ärmlichkeit der Ureinwohner. Die Ästhetik dieser fast 300 Fotos ist beeindruckend, den geschichtlichen Hintergrund aber sollte man dabei als Besucher nicht vergessen (Video zur Ausstellung).

indianROAD: Beate Spitzmüller hat ihre großen Farbfotografien vom bunten Treiben in den indischen Städten geschickt mit kleineren Schwarz/Weiß-Aufnahmen schlafender Menschen auf öffentlichen Straßen und Plätzen kombiniert. Sie ist durch Indien gereist, nicht als Ethnographin, sondern eher als teilnehmende Beobachterin, die sich ungezwungen und mit vorurteilsfreiem Blick im Land bewegt. Ihre farbigen Arbeiten zeigen oftmals im Hintergrund überdimensionierte, bunte Reklametafeln vor denen die Menschen eher klein wirken und erinnern ästhetisch an sogenannte “Bollywood-Filme”. Die Ablichtungen schlafender Menschen bilden schon rein farblich einen starken Kontrast hierzu und obwohl eine für europäische Verhältnisse sehr intime Szene wiedergegeben wird, sind ihre Arbeiten niemals voyeuristisch.

Eine Übersicht von ausgewählten Ausstellungen des “European Month of Photography – EMoP” finden Sie auf meiner Übersicht.

Das unerbittliche Verfließen der Zeit

Sofortbilder von Ursula Kelm im Hotel Bogota, Schlüterstraße.
Monat der Fotografie 2012 in Berlin (4)

"Schwarze Maske", Polaroid SX-70", Foto © Friedhelm Denkeler 1988

"Schwarze Maske", Polaroid SX-70", Foto © Friedhelm Denkeler 1988

Bis zum 07.11.2012 sind im Rahmen des Monats der Fotografie auf dem PHOTOPLATZ im Kabinett des Hotels Bogota Ursula Kelms Sofortbilder zu sehen. Joachim Rissmann, der Propriétaire des Hotels Bogota, ließ es sich nicht nehmen, zur Vernissage alle Besucher persönlich zu begrüßen. Freundlicher kann eine Ausstellungseröffnung nicht beginnen.

Neben Kelms SX-Polaroid-Fotos sind insbesondere die sogenannten Transferbilder zu erwähnen, auf denen Kelm die Polaroids vom Trägerbild gelöst und auf Seidenpapier aufgebracht hat. Diese Technik unterstreicht das Piktorialistische in ihren Fotografien und alltägliche Stadtansichten werden so zu traumhaften Inszenierungen.

Elisabeth Moortgat schreibt zu Ursula Kelms Bildern: “Kelms Photographie thematisiert in immer anderen Tonlagen das Spiel von Dauer und Vergänglichkeit. Auf besondere Weise also ein memento mori, Teilnahme an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit, Wandelbarkeit von beidem, dem Menschen und der Natur, der Photographin selbst… Weil Photographien eben diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, ihn fixieren im doppelten Sinne des Wortes, bezeugt die Photographin einmal mehr das Verfließen der Zeit.”

In dem hochherrschaftlichen Altbau in der Schlüterstraße 45 befand sich über zwei Etagen das Atelier der Fotografin YVA (Elisabeth Neuländer), bei der Helmut Newton 1936 seine Fotolehre begann. “Sie schlafen in heiligen Räumen”, sagte er, als er im Jahr 2002 Berlin das letzte Mal besuchte und im Bogota übernachtete. Dieses Zitat ist inzwischen zum Leitspruch des Hauses geworden. Joachim Rissmann setzt in seinem Hotel die fotografische Tradition des Hauses fort: Seit 1994 veranstaltet er mit seinem Photoplatz in mehreren Räumen wechselnde Fotoausstellungen, um die Erinnerungen an die Geschichte des Hauses lebendig zu halten.

Eine Übersicht von ausgewählten Ausstellungen des “European Month of Photography – EMoP” finden Sie auf meiner Übersicht.

www.ursula-kelm.de, www.bogota.de

Archiv